Der Tod

von Alina Gierke, M.A.

Der Tod ruft Todesangst und Faszination zugleich hervor. Die Unausweichlichkeit und Endgültigkeit des Todes sowie die Ungewissheit des Todeszeitpunkts und der Todesart verursachen Angst. Die vielen kulturellen, sozialen, religiösen und mythischen Konzepte, Theorien und Bräuche, die den menschlichen Umgang mit dem Tod prägen, bewirken Faszination. Zentral in der Beschäftigung mit dem Tod sind die Fragen nach dem Sinn von Leben und Sterben sowie die nach einer möglichen Existenz nach dem Tod. Diese existentiellen Themen motivieren die vielfache Auseinandersetzung der Literatur mit dem Tod.

Explikat

Der Tod ist das Phänomen, das jedes Leben beschließt. Medizinisch betrachtet definiert sich der Tod durch die Dysfunktion aller Organe, d.h. "irreversibler Funktionsverlust des Atmungs-, Kreislauf- und Zentralnervensystems" (Psychrembel 2002, S. 1665). Ein umfassendes Todeskonzept beinhaltet nicht nur das Bewusstsein vom Funktionsverlust aller Organe, sondern auch wie es dazu kommt. Ebenso umfasst es die Erkenntnis, dass der Prozess des Sterbens allgemein gültig ist, d. h. jeden Menschen betrifft und unumkehrbar ist. Margarete Hopp fasst dieses Todesverständnis in der Vierdimensionalität von Nonfunktionalität, Kausalität, Universalität und Irreversibilität zusammen (Hopp 2010, S. 4).

Kinder entwickeln und begreifen dieses universelle Todeskonzept sukzessive im Laufe ihrer Entwicklung. Während im Kindergartenalter der Tod für einen reise- oder schlafähnlichen Zustand gehalten wird, der durchaus nicht endgültig erscheint, begreifen Grundschulkinder etwa um das 6.-9. Lebensjahr den Tod als das finale, unwiderrufliche Ende des Lebens (Hopp 2010, S. 5). Angst bereitet dabei vor allem die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit und der "vollständigen Vernichtung der eigenen Existenz und Identität" (Spiecker-Verscharen 1982, S. 15). Die Ängste werden zusätzlich genährt durch den im Alter von 8-9 Jahren beginnenden Zweifel an den Vorstellungen von einem glücklichen jenseitigen Leben (Spiecker-Verscharen 1982, S. 16).

Erscheint es jüngeren Kindern noch, als stürben nur alte Menschen, erwacht im Alter zwischen 6 und 9 Jahren mit dem Bewusstsein der Universalität des Todes Faszination und Grusel (Hopp 2010, S. 5). Im Alter zwischen 9 und 12 Jahren ist das Todeskonzept dann vollständig entwickelt (Hopp 2010, S. 6). Ein Kind, das in diesem Alter und Erkenntnisprozess den Verlust eines Menschen zu beklagen hat, "empfindet Verlust und Trauer in voller Tragweite" (Spiecker-Verscharen 1982, S. 16). In der Phase der frühen Adoleszenz der 12-13 Jährigen eröffnet sich dann eine weitere Dimension, die den Tod nicht allein in seiner schreckenverbreitenden weil existenzvernichtenden Eigenschaften sieht, sondern auch als Erlösung. Als Befreiung nicht nur von einem schweren, von Krankheit geplagten Leben, sondern auch von den "Mängeln des irdischen Dasein", die sie genauso wie  "Weltschmerz-Stimmung" in diesem Alter beginnen zu empfinden (Spiecker-Verscharen 1982, S. 19).1

Die Kinder- und Jugendliteratur, die sich mit dem Tod auseinandersetzt, hilft dem Kind zum einen bei der Entwicklung eines Todeskonzeptes – und damit auch den Eltern beim Sprechen über den Tod – und zum anderen Todes- und Verlustängste sowie Trauer  zu bewältigen. Sie begleitet das Kind aber auch in dem so wichtigen Erkenntnisschritt vom Begreifen der eigen Vergänglichkeit, mit dem die Entwicklung der eigenen Individualität und Identität eklatant vorangetrieben wird. Durch das Überwinden oder Auseinandersetzen mit der Todesangst wachsen neue Perspektiven auf und für das Leben – und das Leben danach. Der Tod und andere Grenzerfahrungen, wie Leid und Schmerz, sind Situationen, an denen die Persönlichkeit wächst, reift und sich entwickelt. Aus dem Todesbewusstsein, dem Bewusstsein der eigenen Begrenzung, entsteht Selbstbewusstsein.

Bedeutung in der Literatur

So alt die Erkenntnis von der Vergänglichkeit des Lebens ist, so alt ist auch die literarische Auseinandersetzung mit dem Tod. Weil Leben und Tod aber vor allem in der Religion thematisiert werden, verweist die Literatur immer auf das religiöse Konzept ihrer Zeit und Kultur. So findet sich in Ovids Metamorphosen mit Orpheus die Jenseitsvorstellung der griechischen Mythologie: In der berühmten Erzählung steigt Orpheus in die Unterwelt, den Hades, um seine Geliebte zu retten.

Im Christentum sind der Sündenfall und mit ihm die Vertreibung aus dem Paradies die Erklärung für die Sterblichkeit der Menschen (Genesis 3,1). Als Söhne und Töchter Adams und Evas wird die Erbschuld aller Lebenden mit dem Tod bestraft. Das Todesmotiv in der Literatur des Mittelalters ist von der dialektischen Jenseitsvorstellung von Himmel und Hölle des Neuen Testaments geprägt. Der Tod erfolgt hier als Bestrafung, wie viele mittelalterliche Totentänze in Bild und Text nicht müde werden zu betonen. Beispielhaft beschreibt Dante Alighieris Göttliche Komödie eine Reise durch die jenseitige Welt.

Während im Mittelalter die christliche Literatur und mit ihr die Totentänze zur Hinwendung zum jenseitigen Leben und damit zu einem gottesfürchtigen Diesseits aufrufen, setzt die barocke Literatur dem Memento-mori-Motiv das Carpe-diem-Motiv entgegen und ruft dazu auf, das Leben sinnvoll zu nutzen. Zur religiösen Todesfurcht des Mittelalters tritt die irdische Lebenslust (Knöll 2012, S. 7).

Indes in der Aufklärung durch die Ästhetisierung des Todes die Schrecken der mittelalterlichen Todesdarstellungen nicht mehr von Bedeutung sind, verkehrt sich im Naturalismus das Bild wieder: Hier werden die drastischen und hässlichen Seiten des Todes unerbittlich geschildert (Pfeiffer 2002, S. 6f.).

In der Romantik vermischt sich das Todesmotiv mit dem Sehnsuchtsmotiv. In Novalis Hymnen an die Nacht wird nicht nur die Sehnsucht nach einem geliebten Menschen, sondern auch Sehnsucht nach einem präexistenten Urzustand zum Ziel der Suche. In seinem Heinrich von Ofterdingen wird der Tod zum transzendenten Prinzip, in dem sich alles eint.

Die Literatur der Moderne ist beeinflusst von dem von Friedrich Nietzsche geprägten Nihilismus, der einen Gott und damit ein Leben nach dem Tod verneint. Gerade weil der Tod an der Wende zum 20. Jahrhundert als Ende der Existenz begriffen wird, wandelt er sich zum "Sinngeber", der dem Leben "erst seine Einmaligkeit und Bedeutung" verleiht (Pfeiffer 2002, S. 7). In Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge treten schon im ersten Satz Leben und Sterben in eine existentielle Verbindung. Ebenso wird ein paar Seiten später ein "fabrikmäßiger" Tod mit einem nicht-individualisierten Leben verglichen und gleichzeitig ein "eigener" persönlicher Tod davon abgegrenzt (Rainer Maria Rilke 1996, S. 113f.).

Heute erfüllt der Tod die Lust am Morbiden und Schrecklichen in zahlreichen Thrillern, Kriminal-, Horror- und Vampirgeschichten – nicht nur in der Literatur, sondern auch in Film und Fernsehen. Neu ist dabei die omnipräsente Konfrontation mit dem Tod durch Nachrichten, Fernsehen, Kino und Literatur (Pfeiffer 2002, S. 2). Dieser "Omnipräsenz des Todes" (Pfeiffer 2002, S. 2) sind auch, bzw. vor allem, Kinder ausgesetzt.

Bedeutung in der Kinder- und Jugendliteratur

Während im 18. und 19. Jahrhundert die Kinder- und Jugendliteratur den Tod als "Erziehungsmittel in den Warngedichten und -geschichten" (O`Sullivan 2000, S. 71) instrumentalisiert, begann im späten 19. Jahrhundert die Tabuisierung des Todes in der Kinder- und Jugendliteratur. Die Versachlichung des Todes der realistisch-didaktischen Kinder- und Jugendliteratur ab den 1960/70er Jahren war die Reaktion auf diese Entwicklung. (O`Sullivan 2000, S. 71f.)

Den Auftakt zur Auseinandersetzung mit dem Tod außerhalb der realistischen Kinder- und Jugendliteratur markiert besonders die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren mit ihrem Roman Die Brüder Löwenherz im Jahre 1973 (Ensberg 2006, S. 1f.; Nix 2009, S. 20). Die Diskussion, die sich insbesondere um Karl Löwenherz’ Sprung ins Jenseits wob und Astrid Lindgrens Werk den Vorwurf des Eskapismus einbrachte, bezeugt, wie sehr der Tod tabuisiert wurde. Seit diesem Pionierwerk Lindgrens folgten viele weitere Kinder- und Jugendbücher, die sich mit dem Tod  befassen. Dieses schwierige, aber wichtige Thema wird für Kinder aller Altersgruppen aufbereitet: Von Bilderbüchern für die ganz Kleinen, über erzählende Kinder- und Jugendbücher bis hin zu Adoleszenzromanen für junge Erwachsene.

Über den Tod, als eine der existentiellen Erfahrungen des Lebens, zu schreiben, heißt immer auch über andere, angrenzende tiefgreifende Themen und Gefühle zu berichten. Mit dem Tod verbindet sich für die Hinterbliebenen immer Verlust, Trauer und Bewältigungsarbeit, Abschied, Schmerz und Sehnsucht, häufig aber auch Trost und Hoffnung. 

Die Bücher, die sich an jüngere Kinder richten, machen diese Aspekte des Todes zu ihrem Gegenstand. Entweder anhand eines toten Tieres (Ulf Nilsson: Die besten Beerdigungen der Welt, 2006), des Todes eines geliebten Haustieres (Ulf Nilsson: Adieu, Herr Muffin, 2003) oder eines sanften Alterstods eines geliebten Großelternteils (Irina Korschunow: Mein Opa und ich, 1984, Amelie Fried: Hat Opa einen Anzug an? 1997, Hermine Stellmacher und Jan Lieffering: Nie mehr Oma-Lina-Tag? 2005, Birte Müller: Auf Wiedersehen, Oma, 2005, Maggi Schneider: Opa Meume und ich, 2008) werden die Gefühle eines Trauenden persönlich dargestellt. Dabei werden in vielen Fällen auch philosophische Fragen zum Leben nach dem Tod gestellt. Vor allem Bilderbücher für sehr kleine Kinder bedienen sich anthropomorphisierter Tiere als Charaktere (May Velthuijs: "Was ist das?“, fragt der Frosch, 1994, Wolf Erlbruch: Ein Himmel für den kleinen Bären, 2003, Sebastian Loth: Jolante sucht Crisula. Die Geschichte einer unendlichen Freundschaft, 2010) oder lassen den abstrakten Tod als Personifikation greifbar werden (Glenn Ringtved: Warum, lieber Tod...? 2002, Hermann Schulz: Die schlaue Mama Sambona, 2007, Michael Stavaric und Dorothee Schwab: Die kleine Frau Sensenfrau, 2010, Eduardo Galeano und Antonio Santos: Geschichte von der Auferstehung des Papageis, 2010, Jürg Schubiger und Susanne Berner: Der Besuch vom kleinen Tod, 2011). 

Dem Wissensdurst nach konkreten Antworten bezüglich des Sterbens kommen die Sachbücher Wo bleibt die Maus? von Mark Benecke (2008) und Pernilla Stahlfelts Und was kommt dann? (2003) nach. Den Tod eines engen Freundes beschreiben z. B. die Bilderbücher Abschied von Rune von Marit Kaldhol (1987), Pele und das neue Leben von Regine Schindler (1997) und Ich und Du, Du und ich von Angelika Kaufmann (2004). Den Tod eines Elternteils, der mit Verlust, Angst, Schmerz und häufig auch mit Einsamkeit einhergeht, behandeln die Bilderbücher Du wirst immer bei mir sein von Inger Hermann (2000), Vater und Tochter von Michael Dudok de Wit (2003) und Sarahs Mama von Uwe Saegener (2009).

Während sich Bilderbücher eher mit dem Begreifen des Todes auseinandersetzen (d. h. dem endgültigen Fehlen eines Menschen oder Tieres, dem damit einhergehenden Verhalten der Erwachsenen, z. B. den kulturellen Ritualen, den Antworten der Erwachsenen, aber auch dem Verfallsprozess), geht die erzählende Kinder- und Jugendliteratur häufiger auch auf die Probleme ein, die mit dem Verlust eines Familienmitgliedes entstehen und mitunter die Familie auseinanderreißen, zumindest aber auf die Probe stellen. Darin werden Schmerz, Trauer, Einsamkeit, Angst und Verlust eindringlicher, persönlicher und direkter, häufig anhand eines Ich-Erzählers, geschildert. Der Tod eines Familienmitgliedes oder Freundes geht dann entweder mit dem Verlauf einer tödlichen und schrecklichen Krankheit einher, die im Zeichen von Ungewissheit, Angst und Hoffnung steht, und oft mit einem Trauma der Zurückgebliebenen einhergeht (z. B. Elfie Donnelly: Servus Opa, sagte ich leise, 1978, Gudrun Mebs: Brigit. Eine Geschichte vom Sterben, 1985, Alma Posts: Auf Wiedersehen, Papa, 1991, Kevin Henkes: ... und dann kam Joselle, 1996, Karen-Susan Fessel: Ein Stern namens Mama, 1999, Monika Feth: Fee, 2000, Christoph Hein: Mama ist gegangen, 2004) oder mit einem Unfalltod, für den sich oftmals die Hauptcharaktere verantwortlich fühlen (z. B. Marie Thérèse Schins: Es geschah an einem Sonntag, 1988, Mats Wahl: Emma und Daniel, 1997, Sue Mayfield: Crash, 2007, Jutta Treiber: Die Blumen der Engel, 2008, Bettina Wegenast: Hannah und ich, 2008, Joyce Carol Oates: Nach dem Unglück schwang ich mich auf, breitete die Flügel aus und flog davon, 2008, Suzanne LaFleur: Mich gibt´s auch noch!, 2009, Jenny Valentine: Kaputte Suppe, 2010, Brenda A. Ferber: Ein kleines Stück Himmel, 2011) oder gar einem unerklärlichen Verschwinden (Paulus Hochgatterer: Wildwasser, 2003, Marjoijn Hof: Tote Maus für Papas Leben, 2008). 

In einigen Büchern sind die Protagonisten indirekt betroffen, durch die Trauer des besten Freunds oder der besten Freundin, die es gilt zu begleiten (z. B. Annika Holm: Hilf mir, Mathilda!, 1999 oder Jutta Richter: Hechtsommer, 2004). Das Infragestellen der eigenen Existenz und Identität wird besonders eindringlich in Büchern, in denen der Protagonist ein Geschwisterkind verliert (z. B. Ted van Lieshout: Bruder, 2005), dies gilt vor allem, wenn es sich um ein Zwillingsgeschwisterkind handelt (z. B. Sigrid Zeevaerts: Max, mein Bruder, 1986, Peter Pohl und Kinna Gieth: Du fehlst mir, du fehlst mir!, 1994 und Tom Kelly: Die Sache mit Finn, 2007).

Der Tod als Konsequenz aus Gewalt und Krieg und die Traumata der Überlebenden sind ebenfalls Thema der Kinder- und Jugendliteratur. Mit dem Holocaust setzen sich u. a. die Erzählungen Die Winterreise von Peter van Gestel (2009) und Uir Orlevs Lauf, Junge, lauf, (2004) auseinander. 

Den Adoleszenzromanen bleibt das Thema Selbstmord vorbehalten, wobei der Tod häufig durch die Ursachen für den Selbstmord nachvollziehbar und dadurch begreifbar gemacht wird (z. B. Mirjam Pressler: Stolperschritte, 1981, Gebrand Bakker: Birnbäume blühen weiß, 2001, Uwe Britten: Pille, 2004, Jay Asher: Tote Mädchen lügen nicht, 2009). Ihnen ist ebenfalls die Verbindung von partnerschaftlicher Liebe und Tod eigen (z. B. Pernilla Glaser: Auf ganz dünnem Eis, 1999 oder Margaret Wild: Jinx, 2003). 

Einzelne Kinder- und Jugendbücher beschreiben Tod und Krankheit aus der Perspektive des Betroffenen, sodass vor allem die Frage nach dem Sinn des Lebens, der eigenen Existenz, dem Abschiednehmen von Familie und Freunden und dem Abschiednehmen vom Leben im Vordergrund stehen (z. B. Hans Stolp: Bleib, mein goldener Vogel. Ein sterbendes Kind erzählt, 1989, Jostein Gaarder: Durch einen dunklen Spiegel, 1996, Anthony McCarten: Superhero, 2008 oder Sally Nicholls: Wie man unsterblich wird, 2008).

Die Antworten, welche die Kinder- und Jugendliteratur auf die Fragen nach einer postmortalen Existenz zu geben versucht, sind nicht fest an die biblischen Vorstellungen vom Jüngsten Gericht und Himmel und Hölle gebunden. Vielmehr stützen sie sich auf individuelle Jenseits- und Paradiesvorstellungen. Häufig wird die Pluralität der Vorstellungen aufgezeigt, um zu einer eigenen individuellen Vorstellung von einem Dasein nach dem Tod anzuregen. Wiederholt wird die Idee des Weiterlebens des Verstorbenen in den Erinnerungen der Lebenden vermittelt. Beinah ausnahmslos ist die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod jedoch von dem Gedanken geprägt, das dieses besser ist als das jenseitige, voller Frieden und Ruhe (Hopp 2010, S. 9).

Beispiele

Mit Eric-Emmanuel Schmitts Bestseller Oskar und die Dame in Rosa ist ein Kinderbuch genannt, das sich mit der Krankheit und dem Sterben sowie dessen Sinn aus der Sicht des Protagonisten und Ich-Erzählers Oskar auseinandersetzt. Das 2002 erschiene Buch des französischen Autors handelt von einem zehnjährigen Jungen, der unheilbar an Leukämie erkrankt ist. Sein Arzt und seine Eltern sind nicht in der Lage, ihm zu sagen, dass er sterben wird. Die einzige erwachsene Person, die dem Sterben des Jungen nicht hilflos gegenübersteht und mit Oskar über seinen Tod spricht, ist eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des Krankenhauses, die sogenannte Dame in Rosa. Anhand von frei erfundenen Parabeln aus dem Catchersport vertraut sie Oskar die Lebensweisheiten ihres Alters an. Sie gibt ihm Halt und macht ihn mit Gott bekannt. Anfangs widerwillig sucht er auf Anraten der Dame in Rosa das Gespräch mit Gott. Der kurze Roman gibt die Briefe Oskars an Gott wieder, in denen er seine Erlebnisse durch die heilende Wirkung des Schreibens verarbeitet. Begleitet von der Dame in Rosa durchlebt Oskar die Entwicklung eines ganzen Menschenlebens im Zeitraffer von zwei Wochen. Er kommt in die Pubertät, er verliebt sich, verkracht sich mit seinen Eltern, er versöhnt sich mit ihnen, er befreit den machtlosen Arzt von dessen Schuldgefühlen, er begegnet Gott, er wird alt, gebrechlich und stirbt. Am Ende wechselt die Figurenperspektive von Oskar zu Oma Rosa, wie er sie später nennt, die den letzten Brief nach dem Ableben Oskars an Gott schreibt. Darin wird deutlich, dass die zwischenmenschlichen Begegnungen das Leben lebenswert machen.

Trotz der zentralen Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben bleibt die Diskussion über eine jenseitige Welt völlig ausgespart. Oskar macht es sich zum Ziel die ihm verbleibende Zeit für seine persönliche Entwicklung zu nutzen, sich zu einem Glauben und zu einem Gott zu bekennen, nicht aber sich mit dem Jenseits auseinanderzusetzen; er bleibt völlig in der Gegenwart. Erst der im Brief von der Dame in Rosa erwähnte Zettel legt dem Leser Oskars Jenseitsgewissheit nahe: "Nur der liebe Gott darf mich wecken." (Schmitt 2005, S. 105).

Schmitt verwandelt den Tod eines Kindes als Folge einer schrecklichen Krankheit in einen Alterstod nach einem erfüllten Leben. Diesem wird damit die Grausamkeit genommen. Nicht nur für den Protagonisten, der Geborgenheit und Zuversicht im christlichen Glauben mit seinen Jenseitshoffnungen findet, sondern auch für die Zurückbleibenden, die sich mit dem Tod und der Krankheit ihres Kindes und Freundes aussöhnen können.

Ganz anders behandelt Astrid Lindgren Krankheit und Sterben ihres Protagonisten Karl aus Die Brüder Löwenherz. Ebenfalls aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben, thematisiert das 1973 erschienene Buch der berühmten schwedischen Autorin das Bewusstwerden der Endlichkeit, das Vergehen der eigenen Existenz und die Frage nach einem Dasein nach dem Tod, indem sie die jenseitige Welt als eine fantastische Welt darstellt.

Zu Beginn des Romans befindet sich der todkranke Karl Löwe, Krümel genannt, in der diesseitigen Welt und bereitet sich in Gesprächen mit seinem älteren, gesunden Bruder auf sein Sterben vor. Jonathan Löwe verspricht ihm die Welt Nangijalas, dem Land voller Abenteuer und Lagerfeuer. Durch einen tragischen Unfall stirbt sein Bruder Jonathan bei dem Versuch, Karl vor einem Feuer zu retten, zuerst, indem er mit ihm aus dem Fenster springt. Doch Karl folgt ihm bald nach Nangijala. Dort sind seine körperlichen Gebrechen geheilt und er entwickelt sich an der Seite seines Bruders zu einem Freiheitskämpfer gegen den Tyrannen Tengil. Aus Krümel wird Karl Löwenherz. Seinen Löwenmut stellt er am Ende der Erzählung unter Beweis, indem er nun den seinerseits tödlich verwundeten Jonathan auf den Rücken nimmt und mit ihm gemeinsam in das jenseitige Land Nangilima springt, um Jonathan von seinen Schmerzen zu erlösen und mit ihm zusammenzubleiben. Lindgren überlässt es dem Leser, die Erzählung Krümels als realen Bericht einer fantastischen Erzählung oder als Fiebertraum des sterbenden Jungen zu lesen.

Sie beschreibt eine jenseitige Welt, die von Mut, Gemeinsamkeit, Zusammenhalt, Freundschaft und persönlicher Entwicklung handelt, d. h. einen Tod der keineswegs mit Identitätsverlust einhergeht, sondern ganz im Gegenteil mit Identitätsfindung.

Während die vorangegangen Beispielen den Tod des Protagonisten als Ereignis beschreiben, lässt Wolf Erlbruch in Ente, Tod und Tulpe den Tod als eine der zwei handelnden Personen auftreten. Das 2007 erschienene Bilderbuch des deutschen Kinderbuchautors und Illustrators ist eine Tierfabel, in der das Sterben der Ente das zentrale und bevorstehende Ereignis ist. Erlbruch knüpft in seiner Darstellung der Todesfigur an die gängigen Todesdarstellungen an. Doch keinesfalls tritt die Gestalt hier als der schreckliche Rächer und Richter des Mittelalters auf, sondern viel mehr als trauerndes und gefühlvolles Wesen. Sein "Tödlein" ist ein kleines Skelett mit großen, runden, traurigen Augen und mit einem Gesicht, das keinesfalls den erstarrten Totengesichtern gleicht, sondern durchaus zu Mimik fähig ist – auch heiter. Der proportional große Schädel mit seinen großen Augen macht ihn zu einer kindlichen Gestalt, der leise Ton der Erzählung und Illustration macht ihn zu einem weisen Greis. Der Moment des Sterbens wird durch die Berührung der Todesfigur verbildlicht. Die Ente bittet den Tod, sie zu wärmen. Die Illustration zeigt, wie sich beide gegenüberstehen, an den Händen halten und auf Augenhöhe tief in die Augen sehen. In der Berührung des Todes, d. h. in den Armen eines Freundes, beendet sie ihr Leben. Zuvor sprechen beide über das, was nach dem Tod kommen wird. Die Ente muss jedoch feststellen, dass der Tod nicht sagen kann, welche ihrer Vorstellungen vom Leben nach dem Tod die richtige ist. Damit gibt das Bilderbuch weniger Antworten, als es Fragen aufwirft.

Erlbruchs Todesfigur hat nichts Bedrohliches, sie ist ein ruhiger, sanfter Begleiter der letzten Lebenszeit der Ente und ein Freund. Der Moment des Sterbens im sprachlich hervorgerufenen Bild der schutzgebenden Umarmung evoziert ein positives Todesbild vom Aufgehobensein in einer schützenden Geborgenheit.

Literatur

Deine Nähe spür ich noch... Sterben, Tod und Trauer als Themen der Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. von STUBE Studienberatungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur. Wien: Facultas, 2009; Duhr, Katharina Betina: Tod und Sterben in der modernen Kinder- und Jugendliteratur. Aachener Diss. Herzogenrath: Murken-Altrogge, 2010 (= Studien zur Medizin-, Kunst- und Literaturgeschichte; 65); Ensberg, Claus: Tod und Sterben in der erzählenden Kinder- und Jugendliteratur. In: Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon. Hrsg. von Kurt Franz u.a. Meitingen: Payrhuber, 2006. S.1-45; Hopp, Magarete: Die neuen Bilderbücher über Sterben, Tod und Trauer. In: kjl&m 4 (2010) S. 23-30; Hopp, Magarete: Kinder fragen nach dem Tod. Kindliche Todesvorstellungen, Trauerreaktionen und religiöse Trostbilder. In: kjl&m 4 (2010) S. 3-10; Knödler, Christine: In tiefer Nacht ist der Tag so fern. Schattenseiten in der Kinder- und Jugendliteratur. In: 1000 und 1 Buch (2004) H. 4. S. 4-13; Knöll, Stefanie: Lebenslust und Todesfurcht. Durckgraphik aus der Zeit des Barock. Düsseldorf: dup, 2012; Lexe, Heidi: Der Tod und das Einmal-Eins. In: 1000 und 1 Buch (2004) H. 4. S. 39-42; Lexe, Heidi: Down to the River. Das Wasser und der Tod. In: 1000 und 1 Buch (2009) H. 1. S. 7-9, Nix, Angelika: Viele tausend Jahre ist man tot. Die Todesthematik in der europäischen Kinder- und Jugendliteratur. In: JuLit (2009). H. 1. S. 28-23; O´Sullivan, Emer: Stoff- und Motivforschung. In: Emer O`Sullivan: Kinderliterarische Komparatistik. Heidelberg: Winter, 2000, S. 70-75; Pfeiffer, Joachim: Einleitung. Zur Geschichte literarischer Todesdarstellungen. In: Der Deutschunterricht (2002) H. 1. S. 2-8; Psychrembel. Klinisches Wörterbuch. 259. neu bearbeitete Auflage. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 2002; Rabus, Silke: Und was kommt dann? Die vielen Bilder vom Tod. In: 1000 und 1 Buch (2004) H. 4. S. 34-38; Rilke, Rainer Maria: Malte Laurids Brigge. In: Rainer Maria Rilke: Sämtliche Werke. 6. Bd.: Malte Laurids Brigge. Prosa 1906-1926. Hrsg. vom Rilke-Archiv. Frankfurt am Main: Insel, 1966, Schäfer, Horst: Fantastische Reisen. Sterben und Tod und Trauer im Kinder- und Jugendfilm. In: kjl&m 4 (2010) S. 26-45; Spiecker-Verscharen, Ingun: Kindheit und Tod. Die Konfrontation mit dem Tod in der modernen Kinderliteratur. Frankfurt a.M.:Haag&Herchen, 1982 (= Studien zur Kinder- und Jugendmedienforschung; 9); Wexberg, Kathrin u.a: Ich will das nicht. Bücher über das Sterben. In: 1000 und 1 Buch (2004) H. 4. S. 32-33; Wexberg, Kathrin: Knochenmann und Sensefrau: Figurationen, Rituale und Symbole zum Thema Sterben und Tod in der Kinderliteratur. In: Communicatiosocialis 44 (2011) S. 199-215; Wexberg, Kathrin: Nach-Erzählen. Erzählerische Annäherung an das Thema Tod in neueren Kinder- und Jugendbüchern. In: kjl&m 4 (2010) S. 55-59.

 

1Vgl. zu den verschiedenen Entwicklungsstadien außerdem Magarete Hopp: Kinder fragen nach dem Tod. Kindliche Todesvorstellungen, Trauerreaktionen und religiöse Trostbilder. In: kjl&m 4 (2010) S. 3-10; Katharina Betina Duhr: Tod und Sterben in der modernen Kinder- und Jugendliteratur. Aachener Diss. Herzogenrath: Murken-Altrogge, 2010 (= Studien zur Medizin-, Kunst- und Literaturgeschichte; 65.

Erstveröffentlichung: 15.07.2012

 

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