von Marvin Madeheim

Anlässlich des 80. Geburtstags von Paul Maar veröffentlicht der Oetinger Verlag Eine Woche voller Samstage (2017) in einer neuen Erscheinung. Mit Illustrationen von Nina Dulleck wird Maars erfolgreiches Kinderbuch bunt bebildert und zeigt das Sams frischer und spritziger als Maars eigene Illustrationen von 1973. Ein Blick in die sozialen Medien offenbart jedoch eine bislang eher ablehnende Haltung gegenüber dem neuen Sams: Es erinnere "zu stark an einen Comic", sei „hässlich“ und "ganz furchtbar", heißt es auf der Facebook-Seite der Osianderschen Buchhandlung (2017). Die bisherige Resonanz soll Anlass bieten, einen vergleichenden Blick auf die unterschiedlichen Versionen zu werfen. Wie charakterisieren die Illustrationen das Sams in der Neuauflage im Vergleich zu Maars Darstellungen? Welche Bebilderungen werden übernommen und neu interpretiert? Und wie haben sie sich im Hinblick auf den zeitgeschichtlichen Diskurs verändert?

Der Inhalt ist bekannt: Herr Taschenbier, ein ängstlicher junger Mann der unter dem Pantoffel seiner Haushälterin steht, wird eines Samstags vom Sams besucht, einem liebenswürdigen, anarchischen Allesfresser, der das Leben von Herrn Taschenbier gehörig auf den Kopf stellt. Während er versucht, das Sams zu einem normalen Jungen zu erziehen, es einkleidet, zur Schule schickt und sein ungewöhnliches Benehmen tadelt, hilft das Sams seinem Ziehvater, sich zu behaupten. In Maars Roman wird das Sams wie folgt beschrieben:

[Z]wei freche, flinke Äuglein, ein riesiger Mund, so groß, dass man fast Maul sagen musste, und anstelle der Nase ein beweglicher kurzer Rüssel. […] Die Arme und die Hände waren die eines Kindes, die Füße dagegen erinnerten an vergrößerte Froschfüße. Brust und Bauch waren glatt, der Rücken leicht behaart wie bei einem jungen Orang-Utan. (Maar 2017, S. 14)

Das Sams changiert zwischen Tier und Mensch, es hat sowohl tierische als auch menschliche Attribute. Betrachtet man Maars Darstellung, zeigt sich eine Gestalt, die stark auf der Seite des Tierischen zu verorten ist. Die unverblümte Nacktheit des Sams wird betont. Der Bauch ist übergroß, die Rückenborsten sind sehr präsent, einzig in einem Panel läuft es aufrecht wie ein Mensch. Das Sams ist ein Störfaktor, ein Fremdkörper und vor allem ist es mehr Tier als Mensch. Verdeutlicht wird der Fokus auf das Tierische abermals, wenn Maar darstellt, wie das Sams Papierkorb und Blumen samt Vase verzehrt. Die Blumen hängen aus dem Maul, auch hier isst ein Tier. 

   
Abb. 1: Maar 1973, S. 17 Abb. 2: Maar 1973, S. 45
   
Abb. 3: Maar 2017, S. 15 Abb. 4: Maar 2017, S. 34

Nina Dullecks Illustrationen verschieben den Fokus. Der Blick verlagert sich von der tierischen Erscheinung des Sams hin zu seiner menschlichen. Wo Maars Darstellungen primär Nacktheit und die Ähnlichkeit zum Tier hervorheben, zeigen Dullecks Illustrationen das Sams als frechen Jungen. Mit dem Fokus auf den Kopf wirken grüner Oberkörper und Beine wie der Strampler eines Kleinkindes. Wo Maars Sams frisst, streckt Dullecks Sams rotzfrech die Zunge heraus. Erzeugt wird hier das Bild eines Rebellen, das Tierische existiert praktisch nicht. Mit dieser Verschiebung hin zum Menschlichen bzw. konkreter hin zum Kindlichen erschaffen Dullecks Illustrationen eine größere Identifikationsmöglichkeit für junge Leserinnen und Leser.

Auffällig ist, dass Dullecks Illustrationen häufig Maars Darstellungen direkt aufgreifen und neu interpretieren. Es findet also nicht nur eine Bebilderung des Textes statt, sondern auch eine Neuinterpretation der alten Abbildungen. Besonders interessant wird dieses Spiel mit den Maarʼschen Vorbildern, wenn Dullecks Illustrationen den Bildraum ihrer Vorbilder aufbrechen und sich stattdessen am Gesamtraum der Buchseite orientieren und so den Textsatz Teil der Gestaltung werden lassen. Dabei lösen die neuen Illustrationen die häufige Panel-Struktur der Illustrationen Maars auf und setzen die Bildelemente in einen neuen Bezug zueinander. Deutlich wird das, wenn man Maars Darstellung von Herrn Taschenbiers Wunsch betrachtet: "Ich wünsche, dass es hier in meinem Zimmer schneit!" (Maar 2017, S. 131)

Abb. 5: Maar 1973, S. 128 Abb. 6: Maar 2017, S. 132-3

Maars Umsetzung der Folgen dieses Wunsches ist in vier Panels angelegt. Das erste zeigt die eingeschneite Zimmertür, das zweite Taschenbier und Sams, wie sie unter einer von Schnee bedeckten Decke Schutz suchen, das dritte einen Eisbären, das vierte Panel zeigt die Gardinenstange, die unter der Last des Schnees zusammengebrochen ist. Nina Dullecks Illustration dieser Szene legt den Fokus vorrangig auf die Flucht der beiden auf den Schrank, um so in höhere Gefilde zu gelangen. Sams und Taschenbier drohen eingeschneit zu werden. Betrachtet man die beiden Illustrationen jedoch im direkten Vergleich, zeigt sich, dass Dullecks Illustration die Anordnung der Bildelemente in den vier Panels von Paul Maar übernimmt. Obgleich Maars Darstellung aus vier Einzelbildern besteht, die eine Gleichzeitigkeit der Situation zeigen, übernimmt Dulleck die Anordnung der Bildelemente und summiert sie in einen einzigen Bildraum. Der Eisbär befindet sich unten links in der Ecke, Sams und Taschenbier oben rechts. Mit der räumlichen Distanz, die sich zwischen dem Eisbären und den beiden Schutzsuchenden ergibt, ist die Flucht auf den Schrank wiederum eine treffend gewählte Szene und gleichzeitig eine originelle Interpretation des Maarʼschen Vorbildes. 

Paul Maars Erzählungen sind häufig komplexe Texte, die Bezug nehmen auf unterschiedliche literarische Texte und historische Ereignisse. Er selbst schreibt hierzu: Ich denke "beim Schreiben durchaus an den erwachsenen Mit- und Vorleser, stelle ihn mir recht belesen vor und möchte ihn nicht langweilen" (Maar 2007, S. 178). Gleiches lässt sich auch über Maars Illustrationen sagen, die häufig auf Dinge verweisen, die kindliche Leser und Leserinnen nur schwer erkennen können, aber dafür umso mehr die Vorlesenden ansprechen. Deutlich wird dies, betrachtet man Maars Illustrationen zum sprachlich inszenierten Kaufhausbrand. Taschenbier und Sams wollen passende Kleider kaufen. Auf die Erwähnung des "brandneuen" Modells erwidert das Sams: "Es brennt, es brennt! […] Bei diesem Herrn hier brennt es!" (Maar 1973, S. 56). Die Menschen im Einkaufszentrum reagieren daraufhin panisch. Die Illustrationen hierzu zeigen zahlreiche brennende "Feuer!"-Rufe. Maars Erzählung wurde 1973 erstveröffentlicht, die aufgeregten Rufe der Einkaufenden erinnern zwangsläufig an die Frankfurter Kaufhausbrände, die 1968 als Auftaktaktion der späteren RAF verübt wurden (vgl. Wicke 2016, S. 168).

Betrachtet man dagegen die Illustration von Nina Dulleck, zeigt diese ein winkendes Sams, das an der Hand von Herrn Taschenbier an genervt dreinblickenden Feuerwehrmännern vorbeispaziert. Die politische Brisanz der terroristisch verübten Kaufhausbrände ist nicht vorhanden. Letztlich ist hier wohl die zeitgeschichtliche Aktualität nicht mehr gegeben.

Abb. 7: Maar 1973, S. 56 Abb. 8: Maar 2017, S. 58

Doch auch andere Szenen betrachtend, scheinen Dullecks Illustrationen auf eine Mehrschichtigkeit, wie sie bei Maars Darstellungen zu finden ist, zu verzichten. So auch am ersten Schultag: Das Sams trifft dort auf Studienrat Groll. Der Name ist bei ihm Programm und so beginnt eine Auseinandersetzung zwischen dem anarchischen Sams und dem totalitären Miesepeter, der befiehlt, still zu sein, still zu sitzen und nicht zu lachen. Nina Dulleck bebildert die amüsante Textstelle mit der Darstellung des Sams, wie es vor einem empört blickenden Lehrer steht. Im Hintergrund sitzen die anderen Schulkinder und beobachten gut gelaunt die Szenerie. Der Fokus ist hier auf das Sams gerichtet. Wie schon zu Anfang erwähnt, ermöglicht diese Darstellungsweise eine einfachere Identifikation mit dem rothaarigen Protagonisten. Wo die Abbildung von Nina Dulleck primär den Blick auf das Sams wirft, porträtieren die Illustrationen von Paul Maar die Lehrperson. Sie zeigen in drei gleichgroßen Panels Herrn Groll triptychon-artig zweimal im Halbprofil und einmal frontal. Einmal verschränkt er die Arme vor der Brust, ein anderes Mal hält er ein Lineal wie einen Rohrstock hinter dem Rücken. Die Anordnung der Panels zeigt den Lehrer allansichtig. Wie eine Überwachungskamera überblickt er die Klasse. Mit Blick auf die vorige Thematisierung der Kaufhausbrände wird an der Figur des Herrn Groll die Väter- und Lehrergeneration der 68er-Bewegung parodiert. Ein Lehrer wie ein Überwachungsstaat: totalitär und unnachgiebig. Jenny Wozilka geht hier sogar so weit, Studienrat Groll eine "unverkennbare Ähnlichkeit mit Adolf Hitler" (Wozilka 2005 S. 71) zu attestieren.

Abb. 9: Maar 2017, S. 85 Abb. 10: Maar 1973, S. 84

Doch nicht nur die gesellschaftspolitische Dimension der Person des Lehrers wird in Maars Illustrationen reflektiert. Auch auf Herrn Taschenbiers Chef Oberstein werfen Maars Illustrationen ein erhellendes Licht. Taschenbiers Arbeitsverhältnis wird im Text klar beschrieben. Er rechnet im Kopf nach, was sein Chef bereits mit einer Rechenmaschine berechnet hat. Glücklicherweise kommt ihm das Sams bei den Rechenaufgaben zur Hilfe. Die Distanz zwischen den beiden Figuren drückt sich jedoch nicht nur in den jeweiligen Aufgabenbereichen aus. Herr Oberstein sitzt auf einem Lederstuhl, sein Tisch ist aus Eichenholz. Bei Herrn Taschenbier ist alles kleiner, nur arbeiten muss er viel mehr. Paul Maars Illustrationen zeigen die beiden Arbeitsfelder klar gegliedert in zwei unterschiedlichen Bildern. Oben sitzt der Chef, unten arbeitet Herr Taschenbier. Dazwischen liegen neun Zeilen Text als sozio-ökonomisches Gefälle. Maars Illustrationen verdeutlichen durch die klare Gegenüberstellung der Arbeitsfelder und der Anordnung der Bilder auf der Buchseite die unfairen Arbeitsverhältnisse. 

Nina Dullecks Illustrationen zum Arbeitsplatz von Herrn Taschenbier erweisen sich hingegen als weniger sozialkritisch. Sie zeigen einen gut gelaunten Chef mit einem Schlüssel in der Hand sowie zahlreiche einfache Rechenaufgaben in bunten Farben, die über die gesamte Seite verteilt sind. Unfaire Arbeitsverhältnisse gibt es hier nicht. Stattdessen steht die Freude am Rechnen im Vordergrund und Leserin und Leser können sich selbst an Aufgaben wie 3 + 6 + 7 sowie 12 - 4 versuchen. Dullecks Illustrationen verfehlen hier nicht nur, das problematische Arbeitsverhältnis Taschenbiers adäquat darzustellen, auch wird die demütigende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu einer Freude an der Mathematik umgedeutet. Immerhin: Samse sind gute Rechner. 

Abb. 11: Maar 1973, S. 71 Abb. 12: Maar 2017, S. 71

Eine Gegenüberstellung der Bebilderungen zeigt, dass es nicht nur deutliche Unterschiede in der Darstellungsweise gibt, sondern auch in der Wahl der Inhalte. Wo Paul Maars Illustrationen das Sams als Störfaktor und eher tierisches Wesen charakterisieren, betont Nina Dulleck die kindlich-naiven Elemente des Sams. Ihre Illustrationen ermöglichen jungen Leserinnen und Lesern eine stärkere Identifikation mit dem Protagonisten. Obwohl es einer vergleichenden Leseweise bedarf, lassen sich Dullecks Illustrationen, die direkt auf Maars Darstellungen Bezug nehmen, als gelungen bewerten. Interessante und kluge Mechanismen der Adaption und Verfremdung werden hier sichtbar. Schaut man zuletzt auf Maars literarische und illustratorische Bezüge für die vorlesenden Erwachsenen, mangelt es Dullecks Illustrationen allerdings an der Mehrschichtigkeit. Sozialgeschichtliche und gesellschaftspolitische Bezüge, wie sie bei Maar zu finden sind, fehlen hier ganz. Die neuillustrierte Auflage von Maars Roman wird so zu einem Kinderbuch, welches wenig Platz für die Erwachsenen lässt. Obgleich es Kindern mit den verniedlichten Darstellungen leichter fallen wird, Gefallen am Sams zu finden, verliert das Buch doch im Gegenzug an illustratorischer Qualität.

Literatur

Abbildungsnachweise

Alle Abbildungen stammen aus:

  • Paul Maar: Eine Woche voller Samstage. Hamburg: Oetinger 1973. ©Oetinger, Illustrationen: Paul Maar (Maar 1973)
  • Paul Maar: Eine Woche voller Samstage. Hamburg: Oetinger 2017. ©Oetinger, Illustrationen: Nina Dulleck (Maar 2017)

 

 


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