von Denise Berndsen

Ein dreiteiliges Hörspiel nach dem Buch von Otfried Preußler.

Genre

Die Hörspieladaption Die kleine Hexe gehört zum Genre der phantastischen Erzählungen bzw. lässt sich in die „zweite große Gruppe der Kinderhörspiele […] [, dem] phantastischen Abenteuer“ (Heidtmann 1992, S. 69) einordnen.

Diese Gruppe ist folgendermaßen charakterisiert:

"[Bei einem phantastischen Abenteuer] sind humoristische Elemente meist mit einbezogen, im Vordergrund steht aber das Abenteuer: [d. h.] ein Held […] muß sich […] bewähren […]. Angereichert werden die Abenteuer durch phantastische Komponenten, die für Jüngere dem Märchen, für Ältere der Science Fiction oder Fantasy entstammen." (Heidtmann 1992, 69 f.)

Handlung

In der dreiteiligen Adaption Die kleine Hexe von Otfried Preußler geht es um eine Hexe im Alter von einhundersiebenundzwanzig Jahren, "[was] ja für eine Hexe noch gar kein Alter ist." (Barth, 1995, S. 419) Sie lebt gemeinsam mit ihrem sprechenden Raben Abraxas tief im Wald. "Und weil das Hexenhaus nur einer kleinen Hexe gehört, ist es nicht besonders groß. Der kleinen Hexe genügt es aber." (Preußler: Die kleine Hexe. Hörspiel 2008) In ihrem krummen und schiefen Haus fühlt sie sich sehr wohl. Eines Tages, ungeachtet der Hexenprinzipien und gegen den Hinweis ihres gelehrten Raben Abraxas, schleicht sich die kleine Hexe auf den Blocksberg, um in der für Hexen wichtigen Walpurgisnacht heimlich am Hexentanz teilzunehmen. Sie wird jedoch von den älteren Hexen erwischt und als Konsequenz wird ihr ihr fliegender Besen weggenommen, so dass sie den gesamten Rückweg zu Fuß antreten muss.

Unter der Bedingung, dass sich die kleine Hexe bis zum kommenden Jahr als eine gute Hexe erwiesen hat, ist ihr die Teilnahme an der nächsten Walpurgisnacht gestattet, allerdings nur, sofern sie ihre abschließende Prüfung vor dem Hexenrat besteht. Fortan lernt die kleine Hexe fleißig und eifrig an ihren Hexenkünsten, erlebt vielerlei Abenteuer und kämpft mit dem ihr wiederstrebenden inneren Konflikt, dass eine gute Hexe ausschließlich Gutes hexen und machen darf. Denn wie jeder junge Mensch treibt auch sie gerne mal Unsinn.

Die Geschichte endet schließlich am Tag ihrer lang ersehnten Prüfung, an dem die kleine Hexe erfährt, dass sie die Aufforderung, eine "gute Hexe" zu sein, falsch interpretiert hat, da eine gute Hexe nach Ansicht der großen Hexen vor allem Böses tun sollte. Aus ihrer Enttäuschung gegenüber den anderen Hexen heraus hext die kleine Hexe ihnen die Zauberkräfte weg.

Populärrezeption

In den 50er und 60er Jahren haben "vermehrt Originalhörspiele und adaptierte Literatur junger Autoren" (Bökelmann 2002, S. 29) an Zuspruch in der Gesellschaft gewonnen. Bökelmann bringt dies mit der Zunahme der Berufstätigkeit bei Müttern in Verbindung: "Die Zahl der berufstätigen Mütter stieg bis zur Mitte der 60er Jahre stark an, daher übernahm die Hörspielplatte […] die Rolle des 'Babysitters'." (Bökelmann 2002, S. 29) Somit stiegen neben dem Zuspruch auch die Nutzungszahlen der Hörspiele vermehrt an. Es etablierte sich der Begriff des "neuere[n] Hörspiel[s]". (Lermen 1975, S. 11) Die Geschichte Die kleine Hexe gilt als ein absoluter Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur und wurde bereits in mehrere Sprachen übersetzt (Lermen 1975, S. 11).

Der Erfolg der Geschichte hat bis heute ins 21. Jahrhundert Bestand  und das Buch genießt nach wie vor einen konstanten weltweiten Erfolg. Dieser Erfolg äußert sich in diversen Folgeprodukten und findet sogar Zuspruch für die Unterrichtsgestaltung. (Gieseke 2005) Anders als in bisherigen Hexengeschichten "entlehnt [Preußler] seine Hexengestalt nicht der [sonst üblichen] Märchenwelt, statt dessen orientiert er sich – seinen […] Präferenzen entsprechend – an den Hexen der Sagen." (Bökelmann 2002, S. 253)

Darüber hinaus wird erstmalig eine Hexe konzipiert, die sich ausschließlich der guten Hexerei widmet und somit keine böse Hexe verkörpert. (Bökelmann 2002, S. 253 Auf diese Weise können sich die Kinder besser mit der kleinen Hexe identifizieren und sie stellt ein Vorbild für viele Mädchen und Jungen dar. Die Geschichte basiert, wie auch andere Geschichten Preußlers, auf einer zeitlosen Thematik: "[…] Preußlers Geschichten [lassen sich] auf Ur-Kind-Situationen zurückführen, die sich in den verschiedenen Kulturen relativ wenig […] unterscheiden." (Bökelmann 2002, S. 130)

Demnach werden thematische Aspekte oder Probleme behandelt, wie z. B. der ewig bestehende Kinderwunsch, erwachsen zu sein, die sowohl in den 60er Jahren (in der Entstehungszeit der Hörspieladaption) Bestand hatten als auch in unserer heutigen Gesellschaft nach wie vor existieren.

Wissenschaftliche Rezeption

Die Hörspieladaption Die kleine Hexe bildet im Hinblick auf die Passagen, in denen die kleine Hexe ihre Zauberkünste unter Beweis stellt, einen Kontrast zum Buch, denn die Passagen sind "nicht immer in demselben poetisch verhaltenen Stil des Autors gestaltet." (Bökelmann 2002, S. 254) Vielmehr werden sie ausgeschmückter und wortreicher formuliert. Abgesehen von diesem, besonders laut Preußler, "verfälschtem und negativen Beigeschmack" (Bökelmann 2002, S. 22) bietet das Kinderhörspiel positive Vermittlungswerte. Einerseits können verschiedene Emotionen der kleinen Hexe durch entsprechende und situative Interjektionen hervorgehoben und auf eine akustische Weise besser verdeutlicht und zum Ausdruck gebracht werden (Bökelmann 2002, S. 256).

Andererseits können "[m]ittels der auditiven Wahrnehmung […] die Rezipienten [z. B.] die Sorge der kleinen Hexe deutlicher [erfassen] als über den gedruckten Text des Buches." (Bökelmman 2002, S. 257) Auf diese Weise können sich die Kinder besser in die verschiedenen Situationen der kleinen Hexe hineinversetzen und sie ggf. auf persönliche Lebenslagen beziehen, denn die kleine Hexe erfährt die alltäglichen Emotionen eines jeden Kindes. Diese reichen von Furcht über Freude, Spaß, Unsinn, Rückschläge, Erfolge, Stolz, Betroffenheit, bis hin zu Selbstbewusstsein, Unterlegenheit oder gar Enttäuschung, so dass sich gerade Kinder sehr gut mit der Hauptfigur identifizieren können.

Demzufolge können sich Kinder beachtlich in der Welt der kleinen Hexe wieder finden:

"In der Welt der kleinen Hexe geht man nicht gern zu Fuß, […] man [nascht] gerne und trinkt den Tee mit möglichst viel Zucker. Solche Regeln, Lebensgewohnheiten, Abneigungen, Vorlieben, Wünsche, wie es sie in der Zauberwelt der kleinen Hexe gibt, sind einem Durchschnittskind sehr vertraut. Die Zauberwelt präsentiert sich so als Spiegelwelt." (Barth 1995,S. 431)

Auch die unveränderbare Charaktereigenschaft der kleinen Hexe, die das Prädikat "klein" trägt und ihr damit verbundener Wunsch endlich erwachsen zu sein, löst bei den Zuhörern eine Vertrautheit und eine große Sympathie für die Hauptfigur aus (Barth 1995, S. 433). Das bewusste Einsetzen verschiedener Stimmlagen der kleinen Hexe dient als akustisches Mittel und als Verstärkung. Einerseits spricht sie mit einer helleren kindlichen Stimme, die den Hörern signalisiert, dass die kleine Hexe eine Gleichgesinnte ist, und auf der anderen Seite spricht sie mit einer abgeklärteren und selbstbewussten Stimmlage mit breiterem Wortschatz. Mit dieser selbstsicheren Stimme spricht sie die Kinder im Hörspiel gezielt als solche an und schenkt ihnen behütete, aufbauende und helfende Worte. Auf diese Weise signalisiert sie ihre altersbedingte Überlegenheit, die sich in ihrem Gemüt jedoch nicht so deutlich äußert (Bökelmann 2002, S. 258 f.).

Obendrein spiegelt die Rahmenhandlung das alltägliche Miteinander wider, wie es auch in einem sozialen oder gesellschaftlichen Gefüge der Fall ist. Die kleine Hexe ist stets hilfsbereit zu guten Kindern und verhält sich ihnen gegenüber sozial. Anders ist es bei den schlechten Menschen oder hier den bösen und unartigen Kindern, ihnen spielt die kleine Hexe gerne einen Streich oder treibt Unsinn mit ihnen. (Bökelmann 2002, S. 258 f.) Über diesen Aspekt wird den Zuhörern vermittelt, dass man sich seinem Gegenüber genauso sozial, hilfsbereit und freundlich verhalten soll, wie man selbst gerne behandelt werden möchte.

Im Fokus der gesamten Adaption stehen die Anregung und die Förderung der kindlichen Phantasie, die man besonders bei auditiven Medien fördern und ausbauen kann:

"Der Autor sieht seine literarische Aufgabe darin, die Kinder zum Träumen zu ermutigen, um ihnen den Start ins Leben zu erleichtern. Er zeigt auf, daß die Welt schön und erforschenswert ist; dabei läßt er Lebenserfahrung einfließen, die er thematisch auf die Ebene der Kinder transferiert. Die Rezipienten spüren, daß sie vom Autor ernstgenommen werden." (Bökelmann 2002, S. 130)

Aus diesem Standpunkt Preußlers resultiert in den 70er  Jahren Kritik an seiner Person: ihm wurde vorgeworfen, dass er sich nicht der allgemeinen "Kindsein-ist-mies-Welle" anschließe. Der Kinderbuchautor unterstützte diese negative Intention jedoch keineswegs, er legte seinen Fokus präferiert auf die Ermutigung der Kinder und auf die schönen Seiten des Kindseins. Diese Grundeinstellung von Preußler veranlasste weitere Pädagogen und Kritiker dazu ihm vorzuwerfen, dass "Otfried Preußler […] mit seinen Kinderbüchern [versucht] Fluchtliteratur zu schaffen, das heißt, eine 'heile Welt' darzustellen und wirklichkeitsferne Handlungsträger zu kreieren." (Bökelmann 2002, S. 130). Davon lässt sich Preußler jedoch nicht beirren und hält weiterhin an seinen kindgerechten Intentionen und an seiner Grundvorstellung, stets eine positive Vermittlung zu bewahren und an das Wohl der Kinder zu denken, fest.


Literatur

  • Barth, Susanne: Aufmüpfig und doch brav. Otfried Preußlers 'Die kleine Hexe' In: Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. von Bettina Hurrelmann. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1995.
  • Bökelmann, Angelika: Hörspiele für Kinder. Kinderliteratur als Vorlage für Hörspiele – Otfried Preußler als Autor – Bewertungskriterien 1. Auflage. Oberhausen: Athena, 2002.
  • Heidtmann, Horst: Kindermedien. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 1992; Lermen, Birgit H.: Das traditionelle und neue Hörspiel im Deutschunterricht. Strukturen, Beispiele und didaktisch-methodische Aspekte. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 1975.
  • Preußler, Otfried: Die kleine Hexe. 8. Auflage. Stuttgart: Thienemann, 1962.

Internet

Erstveröffentlichung: 01.05.2012


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