von Marvin Madeheim

Blexbolex bringt Bilder zum Sprechen. In seiner neusten Publikation Unsere Ferien (2018) erzählt der französische Illustrator die Geschichte einer fantastischen Begegnung zwischen Mensch und Tier, Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart.

Blexbolex: Unsere Ferien.
Jacoby & Stuart, Berlin, 2018.
132 Seiten, 22 €
ISBN 978-3-946593522.
Empfohlen ab 5 Jahren.

Inhalt

"Die großen Ferien waren schon bald vorbei. Ich hatte den Garten, die Wiesen, den See und die Sonne für mich ganz alleine. Aber dann hat Opa diesen dicken Tollpatsch angeschleppt …". (UF, Klappentext)
Blexbolex erzählt in Unsere Ferien die Geschichte eines jungen Mädchens, welches bei ihrem Großvater die Ferien auf dem Land verbringt. Sie fühlt sich wohl in ihrer kindlichen Einsamkeit. Als der Großvater sodann einen tollpatschigen Elefanten mit nach Hause bringt, ist sie nicht besonders glücklich mit ihrem neuen Spielgefährten. Sie zeigt sich genervt, wirkt eifersüchtig und ärgert ihn. Nach einem Streit flieht der Elefant. Obwohl der Großvater es schafft, den Dickhäuter wiederzufinden, bleibt der Konflikt zwischen Kind und Tier bestehen.

 

Kritik

Blexbolex setzt sich mit seiner neusten Erscheinung an die Schnittstelle zwischen klassischem Bilderbuch, Illustration und Comic. Seine bildliche Erzählweise funktioniert gänzlich ohne Text. Dabei werden ganzseitige Bildsequenzen, wie sie aus dem Bilderbuch bekannt sind, mit comic-artigen Bildpanels kombiniert. Gleichzeitigkeit und zeitliches Nacheinander werden so bildlich geordnet. Stilistisch erinnert Unsere Ferien an den frühen amerikanischen Comic- und Trickfilmzeichner Winsor McCay, aber auch an die belgische Comic-Schule der 1930er Jahre um Zeichner wie Hergé mit seiner bekannten Tim und Struppi-Reihe. Das neonfarbige Punkte-Raster des Drucks verweist wiederum auf die Ästhetik alter Werbeanzeigen und komplettiert so den Retro-Look.


Abb. 1: Der Weg vom Bahnhof nach Hause. © Blexbolex/Jacoby & Stuart Verlag 2018.


Unsere Ferien ist eine visuelle Reise in die Vergangenheit. Sie zeigt eine Gegenwart, die aus der Zeit gefallen scheint. Der Großvater trägt Schnauzbart, Hosenträger, Stock und Hut. Im Haus finden sich Lampen und Möbel im Stil des Art déco der 1930er Jahre. Die Fenster haben Sprossen und auch die Bummelbahn ist aus dem letzten Jahrhundert. Dass sich die Geschichte im Hier und Jetzt situiert, wird erstmals deutlich, wenn die junge Protagonistin Fernseher und Spielkonsole ausschaltet, um draußen Tennis zu spielen. Die zeitliche Gegenüberstellung von Gegenwart und Vergangenheit korreliert wiederum mit der Konfrontation von Traum und Wirklichkeit sowie Mensch und Tier. Die drei Themenfelder ziehen sich als roter Faden durch den Bilderroman und ermöglichen unterschiedliche Perspektiven auf die Geschichte.
Nach den Ereignissen des ersten Tages ist es Zeit, sich schlafen zu legen. Die Schuhe werden aus- und das Nachthemd wird angezogen. Zähneputzen, ins Bett legen, Licht aus. Anschließend entsteigt der Traum dem schlafenden Kinderkopf und hüllt die Bildseite in ein sattes Violett. Stefanie Kreuzer benennt diese Art der Darstellung als eine "Mischform des ‚Träumer-Traumbildes‘, bei dem der Träumende im Bild zu sehen ist" (S. 215) und die Traumsequenz so eindeutig markiert wird. Dabei umfasst die Erzählung zwei großangelegte Traumsequenzen, welche die Ereignisse des Tages reflektieren und die Wünsche und Ängste der jungen Protagonistin beleuchten. Besonders in den Traumdarstellungen brilliert Blexbolex mit einem darstellerischen Kunstgriff. Während sich die Lebenswelt von Mädchen, Großvater und Elefant gewissermaßen in der Vergangenheit abspielt, zeichnet der Traum ein modernes Bild. Durch den Sternenhimmel fahrende Züge wirken nahezu futuristisch und auch die Darstellungsweise ändert sich signifikant. So sieht sich das Mädchen in seinem ersten Traum abermals mit einem Elefanten konfrontiert. Jedoch ist dieser nicht klein und niedlich, sondern groß und massiv wie ein Berg. Der Elefant wird im Traum naturalistischer dargestellt als sein realweltliches Pendant. Während der Dickhäuter in der rahmenfiktionalen Wirklichkeit in Zeichentrick-Manier als kindlicher Tollpatsch präsentiert wird, zeigt die binnenfiktionale Traumwelt einen ausgewachsenen Riesen. Der zeichnerische Naturalismus erzeugt hier eine gesteigerte Artifizialität. Das Verhältnis von Traum und Realität steht Kopf.


Abb. 2: Tiermaskenfest. © Blexbolex/Jacoby & Stuart Verlag 2018.


Die Verschränkung gegenläufiger Dualismen findet sich an anderer Stelle erneut. Neben die Gegenüberstellung von Traum und Wirklichkeit setzt sich das konträre Paar Mensch und Tier.
Obgleich der Elefant vermenschlicht wird, haben seine Handlungen stets etwas Tierliches. Tischmanieren hat er keine. Suppe isst sich schlecht ohne Hände. Umso überlegener ist er bei einer Wasserschlacht, dem Rüssel sei Dank. Sein Elefant-Sein ist damit eher eine Form des Anders-Seins. Er ist ein Alien. Während dann bei einem abendlichen Volksfest die Menschen Tiermasken tragen, zeigt sich der Elefant – ganz Mensch – mit weißem Partyhut. Das Zusammentreffen von Mädchen und Elefantenkind lässt sich hier auch als Inklusions- und Integrations-Parabel lesen. Das Tiermaskenfest wird zu einer Art interkulturellen Begegnung zwischen Mensch und Elefant. Besonders die Wahl eines (aus europäischer Perspektive) exotischen Tieres irritiert jedoch. Sune Borkfelt schreibt zum Topos des Tieres als Fremdling: "Ihre Andersartigkeit wird irgendwie als etwas sehr Grundlegendes angesehen, weil wir sie weiterhin als ein natürliches und nicht als ein kulturelles Phänomen betrachten."1  – Die ‚Vertierlichung‘ von Menschen deklariere demnach kulturelle Unterschiede als natürliche. Jene durchaus problematische Konstruktion von Andersartigkeit wird von der Erzählung nunmehr im zweiten und letzten Traum aufgelöst, der das Ende vorwegnimmt und neu perspektiviert.


Abb. 3: Zugabfahrt in Wirklichkeit. © Blexbolex/Jacoby & Stuart Verlag 2018.


Das Tiermaskenfest endet mit einer vergeblichen Suche nach dem Großvater. Einsam bleibt das Mädchen vor einem großen Lagerfeuer stehen. Ihr Blick folgt dem Funkenflug in den Sternenhimmel, der Bildraum färbt sich in ein dunkles Violett und der Traum beginnt. Dort bereist sie mit einem Zug eine Sternenwelt, wo sie mit einem fremden Kind spielt. Sie werfen sich leuchtende Bälle zu (es könnten Sterne sein). Beim übereilten Rückweg zum Bahnsteig verliert sie ihren Hut. Das Sternenkind hebt ihn auf und winkt ihr freudig hinterher. Die binnenfiktionale Traumsequenz wiederholt sich als rahmenfiktionale Wirklichkeit, diesmal jedoch mit vertauschten Rollen. Der Elefant reist ab. Auch er vergisst seine Kopfbedeckung. Als dann das Mädchen an der Zugstrecke verweilt, braust der Elefant im Zug vorbei und erscheint gleichermaßen als Sternenkind. Er ist nun Mensch und Freund geworden.

Fazit

Blexbolex’ Unsere Ferien ist ein Fest bildlichen Erzählens. Es zeigt die fantastisch-rührende Geschichte zweier Kinder, die auseinandergehen, bevor sie zusammenfinden. Der Bilderroman verbindet Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit, Mensch und Tier. Dabei behandelt er Themen wie Freundschaft, Eifersucht, Einsamkeit und Fremd-Sein. Die farbgewaltigen und häufig mehrdeutigen Bildwelten ermöglichen vielfältige Zugänge und Leseweisen, die Jung und Alt gleichermaßen begeistern können. Das Buch eignet sich hervorragend für eine gemeinsame Betrachtung und wird so auch jüngeren Kindern Freude bereiten. Geeignet ist es daher ab fünf Jahren.

 

1 Im englischen Originaltext heißt es: „Their otherness is somehow seen as something very basic, because we continue to think of it as a natural, rather than a cultural, phenomenon.“ (S. 137)

 

Literatur

  • Blexbolex: Unsere Ferien. Berlin: Jacoby & Stuart 2018.
  • Borkfelt, Sune: Non-Human Otherness: Animals as Others and Devices for Othering. In: Otherness. A Multilateral Perspective. Hg. v. Susan Yi Sencindiver, Maria Beville & Marie Lauritzen. Frankfurt am Main: Peter Lang 2011. S. 137-151.
  • Kreuzer, Stefanie: Traum und Erzählen in Literatur, Film und Kunst. Paderborn: Wilhelm Fink 2014.

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