von Anna Stemmann

In Rolf Lapperts Roman Pampa Blues wird die Verlorenheit im Heranwachsen dargestellt, verstärkt durch das Setting in einem öden Dorf. Dort muss sich der Protagonist Ben nicht nur um sich selbst kümmern, sondern auch um seinen dementen Großvater Karl. Es entsteht daraus ein ruhiges und vielschichtiges Erzählen des Miteinanders, das den Roman sehr lesenswert macht.

Lappert, Rolf: Pampa Blues.
Hanser Verlag, München 2012.
251 Seiten. 14,90 €.
ISBN 978-3-446-23895-4.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Das Dorf Wingroden, nicht zufällig ein Anagram von Nirgendwo, bildet den Lebensmittelpunkt des 16-jährigen Ben. Er lebt dort allein mit seinem Großvater, versorgt ihn täglich mit Essen, wäscht ihn und verbringt Zeit mit ihm. Obwohl er eigentlich bei ihm zum Gärtner ausgebildet werden sollte, fungiert er stattdessen als Altenpfleger. Da die Mutter als Jazzsängerin durch Europa tourt und Bens Vater bereits früh verstorben ist, sitzt Ben unfreiwillig in der Pampa fest. Dass ihn damit verbunden ein regelrechter Blues erfasst hat, markiert der erste Satz des Romans und damit den titelgebenden Konflikt, mit dem Ben ungeschönt in seine krisenhafte Selbstwahrnehmung einführt: "Ich hasse mein Leben.“ (S. 9) Diese Einschätzung ist für ihn an mehrere Faktoren gekoppelt: Zum einen resultiert seine Verzweiflung aus der Isolation und Einöde in einem Dorf, das abseits aller aufregender Erfahrungswelten liegt: "Man muss sich schon gewaltig verfahren, um in Wingroden zu landen.“ (S. 29). Zum anderen lebt Ben nicht nur topographisch im Abseits, sondern auch im sozialen und familiären Vakuum, das mit dieser Randstellung einhergeht. Er ist der einzige Jugendliche, das ganze Dorf zählt überhaupt nur noch eine Handvoll Bewohnerinnen und Bewohner, die so gealtert sind, dass ihnen mittlerweile "jeder Mensch unter fünfzig [wie] ein Kind“ (S. 19) erscheint. Bezeichnenderweise trifft sich die Dorfgemeinschaft dann auch im Lokal Schimmel. 

Zu seiner Mutter hat Ben nur selten telefonisch Kontakt, sein Vater ist tot und der Großvater kann im Zuge der Demenzerkrankung nur noch bedingt seine Umwelt wahrnehmen. Bens Adoleszenz ist geprägt durch die damit verbundene Vereinzelung und der Roman erzählt von den daraus resultierenden verbundenen Spannungen. Einziger Rückhalt ist das Miteinander in der Dorfgemeinschaft, das, trotz aller Ödnis, sehr positiv gezeichnet wird. Unruhe in die Ereignislosigkeit bringt dann eine (fingierte) UFO-Sichtung sowie die Ankunft einer jungen Frau, die – wenig überraschend – Bens Interesse weckt. Gemeinsam mit ihr und den verbliebenen Dörflern gelingt es Ben schließlich, Wingroden wieder einen Platz auf der Landkarte zu geben. 

Kritik

Rolf Lappert erzählt in Pampa Blues in ruhigen und leisen Tönen von Bens Adoleszenz. Ganz im Zentrum steht die subjektive Wahrnehmung des Jungen, die in seiner autodiegetischen Stimme nachgezeichnet wird. In dieser Perspektive werden Bens Gefühle der Verzweiflung und Überforderung mit der Situation – in all ihren Ambivalenzen und Brüchen – aufgefächert. Ben hadert mit der Verantwortung für seinen Großvater und dem damit verbundenen Rollentausch, über den er immer wieder auch selbst reflektiert. Während seine Mutter durch Europa reist und Erfahrungen sammelt, steckt Ben fest und muss den Erwachsenen spielen. Dass ihm damit zentrale Erfahrungen im Heranwachsen verweigert werden, stellt er selbst heraus: "Was ich hier nicht gelernt habe, ist, wie die Welt da draußen funktioniert und sich ein nacktes Mädchen anfühlt.“ (S. 10) Damit schafft Lappert hier eine ungewöhnliche Konstellation für Adoleszenzkonflikte, denn Ben hat kaum jemanden, an dem er sich abarbeiten kann und keine Regeln und Werte, gegen die er sich auflehnen könnte. Vielmehr ist er verfrüht in eine Verantwortungsposition gerutscht und auf der Suche nach einem festen Halt. Die dysfunktionale Familienstruktur markiert den zentralen Reibungspunkt, mit dem Ben sich auseinandersetzen muss. Lappert schafft es, differenziert die damit verbundenen Komplikationen zu zeigen und bietet eine Geschichte, die zwar wenig Action, aber umso subtilere Zwischentöne liefert. Interessant ist dabei auch, wie die Darstellung des Außenraumes und die Beschreibung der Innenwelt korrelieren: Ebenso wie sich Bens Selbstwahrnehmung sukzessive zu einer positiveren verschiebt, fängt auch das Dorf wieder an aufzuleben und wird am Ende nicht zufällig zu einem prosperierenden Tourismusort für Hochzeitsfeiern. 

Fazit

Pampa Blues ist ein vielschichtiger Roman, der sich auf die Innensicht des Protagonisten fokussiert und differenziert die Probleme des Heranwachsens verhandelt. Der Langsamkeit des Erzählens muss man sich stellen und sich einlassen auf ein Werk, das gerade in seiner bewussten Entschleunigung Raum zum Nachdenken lässt. Im Hinblick auf die dargestellten Konflikte ist der Text ab 14 Jahren empfehlenswert. Mittlerweile wurde der Roman von SWR/Bavaria auch für das Fernsehen adaptiert und mit Joachim Król als Dorfoberhaupt prominent besetzt.

Erstveröffentlichung: 20.08.2019


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