von Kirsten Kumschlies

Drei Kinderkrimis im Selbstverlag, so originell und mitreißend, dass die Lektüre zur reinen Wonne wird, und das gilt für Kinder und Erwachsene: Ulla Hesseling überrascht mit einer kunstvollen Erzählweise, Spannung und Wortwitz, die vielen Kinderbüchern, die in populären Verlagen erscheinen, abgehen. Erzählebenen verschränken sich, eine stimmige Handlung fügt sich ein in ein anschauliches Setting. Für mich eine der besten Kinderkrimiserien seit langem.

Hesseling, Ulla: Der Mondsichel-Ohrring (Band 1),
Das zweite Auge (Band 2), Ein unheimlicher Auftrag (Band 3)
Tredition, Hamburg 2016-2019
255-367 Seiten. Je 12,99 €
ISBN   978-3-7345-6159-7 (Band 1)
          978-3-7439-0670-9 (Band 2)
          978-3-7482-6011-0 (Band 3)
Empfohlen ab 9 Jahren.

 

Inhalt

Der Mondsichel-Ohrring

Fanny zieht mit ihren Eltern in ein kleines Dorf in Süddeutschland, in der Nähe von Stuttgart. Beim Einzug erhält das Mädchen von der Vorbesitzerin des Hauses eine Kiste mit Büchern, die angeblich für Fanny bestimmt sind. Neugierig beginnt die Protagonistin zu lesen, vertieft sich in das Buch Der Mondsichel-Ohrring und wird von der ersten Seite an massiv in den Bann eines Abenteuers gezogen, das genau in der Siedlung spielt, in die sie selbst gerade gezogen ist, allerdings ungefähr 30 Jahre zuvor. Hier stehen die Brüder Felix und Tobi im Zentrum der Handlung. Es ist Hochsommer, und die Jungen, die noch einen kleinen Bruder namens Mathis haben (liebevoll Schnatti genannt, weil er die ganze Zeit "schnattert"), machen merkwürdige Beobachtungen. Im Radio hören sie von der Entführung eines Kindergartenkindes. An der Waldlichtung, wo sich die Brüder eine Höhle gebaut haben, taucht plötzlich eine Frau mit einem auffälligen Ohrring in Form einer Mondsichel auf. Während die Jungen beginnen, den Kriminalfall zu lösen, ist Fanny auf der ersten Erzählebene immer irritierter, denn nicht nur, dass sie alle Schauplätze der Handlung wiedererkennt, sie scheint darüber hinaus selbst in dem Buch vorzukommen, und zwar als ein Mädchen mit Zopf, das im Baum sitzt und ein Buch liest. So ist die Verwirrung eben so auf Seiten des Lesers bzw. der Leserin groß. Derweil stoßen Tobi und Felix, die das lesende Mädchen nur am Rande zur Kenntnis nehmen, zunehmend an ihre Grenzen bei den Ermittlungen. Doch dann hilft ihnen Johanna, ein Mädchen aus dem Dorf, dem sie zunächst mit Vorurteilen begegnen und das sie aufgrund seiner Statur und roter Haare verächtlich "die rote Bohne" nennen. Johanna, die gegen diesen Spitznamen gar nichts einzuwenden hat, ist schlau und mit ihrer Hilfe gelingt es den Kindern, auf die Spur der Entführer zu kommen und den Kriminalfall zu lösen. Falsche Fährten inbegriffen! Fanny verfolgt alles gebannt und fällt am Ende aus allen Wolken, als ihre Mutter ihr einen ebensolchen Mondsichel-Ohrring schenkt, wie ihn die Frau im Buch trägt, verbucht das dann aber als Zufall und ist zunächst einmal gespannt auf das nächste Buch:

 

Das zweite Auge

Die Weihnachtsferien sind gekommen. Fanny hat sich inzwischen im neuen Heim eingelebt und hat auch eine beste Freundin gefunden: Hannah. Erst jetzt schaut sie wieder in die Bücherkiste der Hausvorbesitzerin Mayer und taucht nun während einer Erkältungskrankheit in den zweiten Band ab: Das zweite Auge. Wie im ersten Band kommt auch hier das Buch-im-Buch-Motiv zum Tragen, denn die beiden Erzählebenen vermischen sich weiterhin, als Fanny sich im Buch als Randfigur ständig wiederfindet. Auch diesmal lösen die Kinder Felix, Tobi und die rote Bohne Johanna einen Kriminalfall; allerdings ist die Handlung des zweiten Bandes in den Alpen angesiedelt, wo die Kinder mit ihrer Tante Flora Urlaub im Schnee machen. Parallel zum Lesen findet Fanny über Frau Mayer heraus, dass eben diese Flora Autorin der Bücher ist, die sie in den Händen hält, und inzwischen im Altersheim in München lebt. Sie hat die Kinderkrimis für ihre Neffen geschrieben und die Figuren realen Personen nachempfunden, nur die Namen verändert. So heißen die Brüder im Buch mit Nachnamen Jansen, in Wirklichkeit hieß die Familie Jordan und wohnte tatsächlich in den 1980er Jahren gegenüber von dem Haus, in das Fanny eingezogen ist. Mehr kann und will Frau Mayer ihr aber offenbar nicht sagen. Aus diesem Grunde ist Fanny besonders begeistert, als sie in einem Zeitschriftenrätsel, bei dem man Unterschiede auf einem Bild finden musste, eine Reise nach München gewinnt. Schon an diesem Punkt fließen die beiden Erzählebenen wieder ineinander, denn dasselbe Bild spielt im Kriminalfall des Zweiten Auges eine zentrale Rolle. Felix, Tobi und Johanna sind Kunstdieben auf der Spur. Noch stärker als im ersten Band bedingen sich hier beide Zeitebenen, denn Fanny deckt in München auf, dass das im Buch betroffene Gemälde von Renoir tatsächlich vor 30 Jahren aus dem Museum gestohlen wurde und nie wieder aufgetaucht ist. Außerdem lernt sie im Zug Anton kennen, der ebenfalls in Der Mondsichel-Ohrring liest und auch mit der ganzen Geschichte in den Büchern verknüpft zu sein scheint. Aber von der alten Tante Flora erfährt Fanny leider auch nicht, warum hier alles ineinanderfließt. Und rätselhafter Weise scheint auch Frau Mayer nicht zu wollen, dass Fanny mehr über die geheimnisvollen Bücher erfährt. Die Auflösung präsentiert sich erst im dritten Band:

 

Ein unheimlicher Auftrag

Für Fanny wird alles immer verstrickter und verzwickter. Wieder sind Ferien, inzwischen ist Ostern geworden, und zwar auf beiden Erzählebenen. Fanny taucht in das nächste Abenteuer der Jansen-Brüder und der roten Bohne ab: Denen wird in Ein unheimlicher Auftrag das elterliche Auto aus der Garage gestohlen. Am Werk ist eine Bande von Autodieben, die es auf Mittelklassewagen abgesehen hat und diese, so finden die kindlichen Detektive bald heraus, nach Griechenland verschiffen will. Auch Fanny träumt immerzu von Griechenland und von kenternden Booten im Mittelmeer. Mit jeder Seite, die sie liest, erkennt sie: Bei den Büchern geht es um einen speziellen Auftrag. Im Buch-im-Buch ist sie stets nur mit Felix verbunden, so viel ist inzwischen klar, nur er kann sie sehen, die anderen Figuren nicht. Durch Lektüre und Träume begreift sie, dass ihr neuer Freund Anton, der gerade Urlaub in Griechenland macht, in Gefahr ist. Und so reist sie am Ende der spannenden Geschichte nach Griechenland, um dort den echten Felix aufzuspüren, der mittlerweile freilich um 30 Jahre gealtert ist. Nur so viel sei verraten: Sie findet ihn und die Geheimnisse lösen sich auf.

 

Kritik

Wie schon im Teaser angekündigt: Auch wenn man der vorangehenden Inhaltsangabe vielleicht anmerkt, dass einige Elemente der Handlung relativ konstruiert sind, bleibt doch, dass es sich hier aufgrund der Verschränkung der beiden Erzählebenen und auch wegen der spannenden Kriminalhandlung und den liebevoll konstruierten Figuren um sehr besondere Kinderbücher handelt, die ästhetisch höchst komplex sind. Klar, man fragt sich: Wieso verschlingt Fanny nicht sofort alle Bücher, sondern wartet von Ferien zu Ferien, bis sie weiterliest? Im Text heißt es, die Verstrickung in die Buchhandlung habe sie so mitgenommen, dass sie erst einmal eine Pause gebraucht habe, aber das ist nun wirklich nicht glaubwürdig. Ebenso wenig mag man glauben, dass Hannah im dritten Band lieber den siebten Harry Potter liest als sich gemeinsam mit Fanny in ein Buchabenteuer zu stürzen, in das sie selbst als Personen verwickelt und hineingezogen werden. Aber diese Konstruktionsschwächen sind verzeihlich angesichts der Raffinesse, mit der Hesseling ihre beiden Handlungsstränge und deren Figuren sonst miteinander verbindet. Die Kriminalfälle sind komplexe Verbrechen und folgen keinem einfachen Schema, wie man es sonst häufig in Kinderkrimiserien à la TKKG findet. Nichts ist von Anfang an klar, mitunter werden die Kinderdetektive und mit ihnen die Leserinnen und Leser auf falsche Fährten gelenkt. Typisch für das Genre ist das freie Agieren der Kinder im elternfreien Raum. Leserin Fanny staunt hier besonders über die technikarme Umwelt, die sich in den 1980er Jahren findet. Für sie und auf ihrer gegenwärtigen Erzählebene ist das Smartphone stets präsent. Besonders charmant ist auch die Jahreszeiten-Symbolik, die sich wohl nur durch Fannys unglaubwürdige Lesepausen arrangieren lässt: erst die Hitze der Sommerferien, dann Schnee in den Alpen und schließlich Frühlingsboten und Ostern, und dies stets auf beiden Handlungsebenen. Die Inhaltsangabe lässt es ebenfalls schon vermuten: Hier wird vielschichtig und komplex erzählt und man kann gar nicht sagen, was spannender ist, das Rätsel um das Buch-im-Buch-Motiv oder die Kriminalfälle, die die Jansen-Brüder und die rote Bohne im Buch im Buch lösen. Hesselings Erzählton ist klar und einfach. Grundsätzlich sind die beiden Handlungsstränge deutlich voneinander getrennt, laufen nur dann kurzzeitig zusammen, wenn Fanny mit ihrer Existenz als Randfigur im Buch konfrontiert ist:

 

"Zehn Minuten später war Felix, die Schüssel voller Eiskugeln, schon wieder auf dem Heimweg. Er ging so schnell, wie er konnte, damit das Eis nicht wegschmolz.

Bei Morells, so stellte er mit einem Seitenblick fest, kletterte das Mädchen gerade vom Pflaumenbaum herunter. Bevor sie anschließend über den Rasen auf das Haus zulief, warf sie mit einer Hand ungeduldig ihren Zopf zurück, und dabei erkannte Felix auf dem Oberarm ganz deutlich –

 

Mir stockte der Atem, und um ein Haar wäre ich vom Baum gefallen: 'auf ihrem Oberarm' las ich nun laut weiter, 'ganz deutlich einen merkwürdigen, unregelmäßig geformten Fleck, wie von zerlaufener roter Tinte.'

'Das glaub’ ich jetzt aber nicht!'" (Band 1, S. 190)

Das Buch-im-Buch-Motiv ist hier weniger klar konnotiert ist als in Cornelia Funkes Tintenherz, wo deutlich beschrieben wird, dass Figuren in Bücher hinein- und hinausgelesen werden können: Fannys Randfiguren-Existenz ist erheblich rätselhafter und nur an die Fokalisierung durch Felix gebunden. Wenn die Perspektive bei anderen Figuren liegt, was die variable Fokalisierung mit sich bringt, tritt das Mädchen im Pflaumenbaum nicht auf. Gerade so erzeugt der Text Spannung von der ersten bis zur letzten Seite. Eine Perle der Kinderliteratur, die man am besten an einem Stück durchliest.

Fazit

Ein echter Geheimtipp in der Kriminalliteratur für Kinder! Den ungewöhnlichen Büchern von Ulla Hesseling sind viele Leserinnen und Leser zu wünschen. Empfohlen sei die Lektüre ab etwa 9 Jahren. Aufgrund der verschiedenen Handlungsstränge und der zwei Erzählebenen sind die Bücher anspruchsvoll und setzten eine gewisse literarische Rezeptionskompetenz voraus. Allen Liebhabern von Kinderkrimis sei einfach gesagt: Unbedingt lesen!


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