von Corinna Norrick-Rühl

"Leckerschmecker fantastisch" (o. S.) riecht der liebevoll gebackene Apfelkuchen, den Frau Finn in ihrem Haus am Mississippi kreiert hat. Da kann Rocky Waschbär, der neue Held des bewährten Bilderbuchteams Engler/Tourlonias, gar nicht anders: flink steigt er in Frau Finns Garten und schnappt sich den Apfelkuchen vom Fensterbrett. Nur blöd, dass Sam Sheriff ihm auf Schritt und Tritt folgt – nicht zuletzt die drei Kugellöcher im Cover lassen kleine Leserinnen und Leser mit Spannung und Vorfreude die erste Seite aufschlagen!

Engler, Michael/Tourlonias, Joёlle: Rocky Waschbär. Der Apfelkuchendieb
Annette Betz, Berlin, 2019.
28 Seiten, 14,95 €
ISBN 978-3-219-11818-6.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt

Rocky ist ein ganz eigener Typ: putzig, mit freundlicher Ausstrahlung – aber anscheinend hat er es faustdick hinter den Waschbärenohren. Die Geschichte von Rocky ist schnell erzählt: Mit seinem stibitzten Apfelkuchen macht er sich auf eine Reise vom Mississippi (Louisiana) bis zum Pazifischen Ozean (Kalifornien). Der kleine Sam Sheriff, ein tapferer Mäuserich mit Cowboyhut und Sheriff-Stern, lässt sich aber nicht abschütteln. Und so bleibt es offen, ob Rocky jemals den Apfelkuchen genießen kann oder weiterflüchten muss.  

Kritik

Michael Engler und Joëlle Tourlonias sind ein etabliertes und eingespieltes Team. Auf besondere Weise verschmelzen in den Büchern von Engler und Tourlonias sowohl Text und Bild als auch Realität und Fiktion. Dafür sind sie schon durch ihre elefantastischen Reisebücher bekannt (vgl. unsere Rezensionen von Auf nach Afrika!, 2014, und Expedition zum Nordpol, 2017). Und auch andere gemeinsame Buchprojekte strahlen viel Fantasie und Abenteuerfreude aus (z. B. Ein komischer Vogel, 2018, und Ich bin ein Tiger, 2016).

In Rocky Waschbär wird nun wieder kräftig mit Wahrheit und Wirklichkeit gespielt: im amerikanischen Englisch würde man bei dieser Fantasiegeschichte von einer Tall Tale sprechen. Das sind im nordamerikanischen Kontext Erlebnisgeschichten, die von der Übertreibung leben und oft von historischen Gegebenheiten und Figuren inspiriert sind. Hinzu kommen bei Rocky Waschbär intertextuelle Bezüge und zahlreiche Wildwestklischees, die auch schon kleinere Kinder als solche identifizieren können: Rocky flüchtet mitsamt des typischen US-amerikanischen gedeckten Apfelkuchens u.a. auf einen Mississippi-Dampfer, in einer Postkutsche (die dann von Wegelagerern überfallen wird) und in einem Zirkuszug des weltberühmten Ringling Bros./Barnum & Bailey-Zirkus gen Westen. Ein Wirbelsturm lässt ihn hoch über Monument Valley fliegen, ein großer Heißluftballon nimmt ihn mit zum Pazifikstrand.

Gerade diese letzten zwei Reiseetappen erinnern an den Zauberer von Oz und an In 80 Tagen um die Welt. Aber auch Frau Finns Apfelkuchen am Mississippi lässt aufmerksame Leserinnen und Leser aufhorchen: ist die Bäckerin vielleicht mit dem berühmt-berüchtigten Huckleberry Finn verwandt?

Bei der fantasievollen Ausgestaltung der Abenteuer ist historische Akkuratesse nicht das Ziel: im Nachsatzblatt kann man auf einer Landkarte die Flucht des Rocky Waschbär geografisch nachvollziehen. Hier steht statt Oklahoma "Indian Territory" – so hieß das Gebiet bis 1907. Die Fusion von Ringling Bros. mit Barnum & Bailey fand jedoch erst 1919 statt, und der Heißluftballon ist der Aufschrift nach Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien gestartet. Das alles unterstreicht Englers Worte zu Beginn, "Natürlich ist diese ganze Geschichte ungelogen so wahr, wie ich Rocky Waschbär heiße" (o.S.). Und ob nun der Bundesstaat Indiana absichtlich als India (Indien) ausgewiesen wurde, um auf die elefantastischen Abenteuer nach Indien (2016) zu verweisen, weiß indes nur das Bilderbuch-Team Engler und Tourlonias…

Die verträumten, weich gezeichneten Illustrationen von Tourlonias ergänzen wie immer den liebevoll gestalteten Text von Engler und sorgen für ein altersangemessenes Lese- und Vorleseerlebnis. Für größere Kindergartenkinder und beginnende Schülerinnen und Schüler kann dieses Buch sicherlich viele Gesprächs- und Lernanlässe bieten. Für Lerneinheiten zum Sehnsuchtsort Wilder Westen als Einstieg geeignet – oder vielleicht auch als Anregung, um Apfelkuchen zu backen? Fest steht, dass die Kinder die Waschbären beim nächsten Tierparkbesuch etwas genauer unter die Lupe nehmen werden!

Fazit

Ein gelungenes Bilderbuch: verträumt und spannend zugleich, mit einem Augenzwinkern gestaltet und für Kinder ab vier Jahren unbedingt empfehlenswert. Ältere Vorleserinnen und Vorleser werden beim Lesen um den Beatles-Ohrwurm "Rocky Raccoon" nicht herumkommen. Dem sympathischen (wenn auch nicht ganz vertrauenswürdigen) Rocky Waschbär sind noch viele Abenteuer zu wünschen!


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