von Dr. Michael Stierstorfer

Dreizehn Jahre nach Guillermo Del Toros Oscar prämiertem Meisterwerk Pans Labyrinth nimmt sich die deutsche Autorin Cornelia Funke des Drehbuchs an und transformiert es in einen Roman, der zugleich auch als Mischung aus Hörbuch und Hörspiel von der Firma German Wahnsinn produziert wird. Hier liegt folgende Frage nahe: Geht diese Adaption über den Film hinaus oder ist sie nur ein wenig origineller Abklatsch, um die popkulturelle Produktionsmaschinerie des Recyclings und Remodellings weiter voranzutreiben, sodass weitere kommerziell rentable Produkte auf den Markt gelangen? Bei der Hörversion von Das Labyrinth des Fauns (engl. Pan’s Labyrinth: The Labyrinth of the Faun) ist dies keineswegs der Fall. Denn es handelt sich um eine sehr aufwändig produzierte und ungekürzte Lesung, die das dramatische Schicksal der intelligenten und bücheraffinen Ofelia in den Mittelpunkt rückt. Diese scheint in der Realität ein hilfloses Mädchen zu sein, setzt sich jedoch in der fantastischen Parallelwelt als verschollen geglaubte Prinzessin eines mythenumwobenen Reichs, das immer mehr von der Grausamkeit der realen Kriegsvorgänge überschattet wird, erfolgreich gegen Unwesen zur Wehr.

Cover - Das Labyrinth des Fauns

(Klicken Sie für ein Hörbeispiel auf die Abbildung)

Inhalt

Das Hörbuch greift im Wesentlichen den Plot des Films Pans Labyrinth auf. Es basiert aber auf dem gleichnamigen Roman. Das kluge und stets mit Märchenbüchern ausgestattete Mädchen Ofelia, das mit ihrer Mutter Carmen 1944 aufs Land ziehen muss, weil diese nach dem Tod des leiblichen Vaters den drakonisch-tyrannischen Hauptmann Vidal geheiratet hat, flüchtet sich in den Wirren der spanischen Umsturzphase und Gewaltherrschaft unter dem Diktator Franco, der namentlich nicht genannt wird, in eine makaber-mythische Traumwelt. Diese spiegelt die Bedrohung durch das autoritäre Regime als eine mythische Welt wider. In ihr ist Ofelia, deren Name  an die trist-verträumte Geliebte aus Shakespeares Hamlet erinnert, nicht das hilflose Wesen, das der strengen Etikette und der Brutalität von Vidal unterworfen ist, sondern erringt in einer phantastischen Parallelwelt Siege über monströse Machthaber. Dort gilt sie als einst aus einer Art Feenreich verschollene Prinzessin Moanna, die Tochter des Mondes. Passend dazu eröffnet sich die Parallelwelt von Ofelia immer nachts.

Kritik                                                       

Neben den im Film bekannten Szenen liegt es Funke am Herzen, die makabre mythische Welt, für die Del Torros Narrative im Allgemeinen weltbekannt sind, weiter auszugestalten. Deshalb fügt sie zehn atmosphärisch düstere und wirklich geniale Prequels zur fantastischen Welt des Feenreichs hinzu, die in ihrer Konzeption stark an Rowlings Märchen von Beedle dem Barden im letzten Band (Heiligtümer des Todes) der Harry Potter-Serie erinnern. Beispielsweise weist die Legende Der Schneider, der mit der Gevatterin Tod feilschte motivische Parallelen zum Märchen von den drei Brüdern auf: Wie im letzten die drei Brüder versucht bei Funke auch der Vater Ofelias, den Tod zu überlisten, indem er mit ihm vereinbart, dass er erst geholt wird, wenn er ihr wunderschönes Kleid fertiggenäht hat. Jedoch trennt er es nach dem Vorbild von Penelope, der Frau des Odysseus aus der Odyssee, immer wieder auf, bis die hier weibliche Todesfigur dahinterkommt und ihn letztlich doch zu sich holt.

Weitere Kapitel wie Der Buchbinder, Als der Faun sich verliebte oder Das Echo eines Mordes liefern tiefgehende Einblicke in die mythologisch motivierte Fabelwelt. Zudem erweist es sich als besonders innovativ, dass Funke durch die Nullfokalisierung der Erzählinstanz die Leserschaft auch an den Innenperspektiven mit Blick auf Gefühle und Gedanken teilhaben lässt. So lernen die Rezipientinnen und Rezipienten auch die Gedankengänge der despotischen Riesenkröte aus dem alten Baum kennen:

Nun zeigte der Eindringling wenigstens etwas Respekt. Das gefiel dem Kröterich, auch wenn das Dargebotene spärlich war. Er liebte es, seine Diener zu verschlingen. Er fand das Knuspergeräusch, das sie machten, wenn er sie zwischen seinen zahnlosen Kiefern zermalmte, zutiefst befriedigend. Ja, er würde das Gastgeschenk annehmen. (XVIII/03:54-04:17)

Der titelgebende Faun bzw. Pan entstammt der griechisch-römischen Mythologie und jagt Ofelia im Rahmen der drei oben erwähnten Tests jedes Mal von Neuem wortwörtlich panischen Schrecken ein. Wie sein mythologisches Vorbild trägt er Hörner auf seinem Kopf, ist betagt und weise und hat Hufe als Beine. Auch das humanoide Ungeheuer Pallido erweist sich als von den Sagen der Alten Griechen inspiriert: So ist dieser eine Mischform aus den Graien, die ein bewegliches Auge besitzen, das sie je nach Belieben in die Augenhöhlen einsetzen können, und einer Hexe aus dem Märchen der Brüder Grimm (Hänsel und Gretel) anzusehen, welche Kinder verspeist, nachdem diese von ihrem Lebkuchenhaus genascht haben. Pallido hat im Gegensatz zu den Phorkyaden sogar zwei Augen und setzt sich diese kurioserweise in seine Hände ein. Weitere intertextuelle Anspielungen finden sich, wie bereits weiter oben erwähnt, mit Blick auf den Roman Peter Pan von James M. Barrie.

Das Hörbuch ist eigentlich ein Opus mixtum aus Hörbuch und Hörspiel. So fungieren zwar zwei Personen als Hauptsprecher: der prominente Synchronsprecher Tom Vogt, der u.a. Hollywoodstars wie Laurence Fishburne seine Stimme leiht, und die Autorin selbst. Die Erwartungshaltung, dass die beiden Sprecher jeweils die zu ihrem Geschlecht passenden Männer- und Frauenstimmen des Romans getrennt übernehmen, wird dadurch gebrochen, dass Vogts sonore und zur schweren Thematik des Romans/Films passende Stimme den gesamten Hauptplot, welcher bereits im Drehbuch verankert ist, zum Leben erweckt. Dabei variiert er von der Stimmhöhe stark, ohne dass seine Synchronisation von Frauenstimmen lächerlich wirkte, wenn er z.B. die Mutter von Ofelia mimt.

Obwohl Cornelia Funke keine professionelle Synchronsprecherin ist, macht sie ihre Sache gut und man merkt am ernst-tristen Tonfall, wie wichtig ihr eine möglichst glaubwürdige Inszenierung der oft tragischen Vorgeschichte der mythologisch motivierten Welt ist. Dennoch ist die Bandbreite ihrer Stimme nicht ganz so vielseitig wie die ihres Sprechpartners, sodass manchmal die unterschiedlichen Figuren nicht vollkommen eindeutig voneinander unterscheidbar sind. Das Highlight des von Funkes Hörverlag namens Atmende Bücher selbst produzierten Hörbuchs ist der sogenannte 3D-Sound. Dieser zieht den Rezipienten in den Plot, indem verschiedene Szenen mit gedämpfter Musik oder passenden Geräuschen unterlegt werden, die scheinbar von oben, unten, vorne oder hinten kommen. Auch ergeben Stimme und das Soundsystem ein kohärentes Ganzes, weil diese zeitgleich zu hören sind. So stehen die Geräusche nicht zu sehr im Vordergrund, sondern lassen das Hörspiel atmosphärisch dichter wirken, wenn z.B. das zitternde Schlagen der Feenflügel zu hören ist, während Ofelia mit ihnen spricht, oder die fette Kröte durch den Schlamm stapft oder mit der Zunge über ihr Gesicht schnalzt, als das Mädchen ihr begegnet.

Fazit

Insgesamt ist die innovative Hybridform aus Hörspiel und Hörbuch von Das Labyrinth des Fauns keineswegs, wie manch einer vermuten könnte, ein schnell produziertes Medium zur Vergrößerung des Medienverbundes um den Film (Kamera, Ausstattung, Maske) von Del Torro, sondern es ist ein mit viel Liebe zum Detail kreativ konzipiertes Kunstwerk entstanden. Den beiden Sprechern hört man aufgrund der sonoren und klaren Stimmen gerne zu und die Geräusche, welche deren Stimmen untermalen, erleichtern den Rezipientinnen und Rezipienten die Immersion in die mythische Thematik. Roman und Hörbuch setzen die Bilder des Films nicht nur in Texte um, sondern durch Funkes eigenständige Sagen in Form von knappen Prequels gewinnt die mythische Ebene des Stoffs an Bedeutung und schafft einen noch gravierenderen Gegenpart zur tristen Realität zur Zeit der Machtübernahme durch einen Tyrannen.

Durch die Aufwertung der fantastischen Elemente gewinnt die Thematik für Phantastik-, Märchen- oder Mythen-Fans eindeutig an Bedeutung. Auch durch die fragil geschilderten Innenperspektiven der Unterstützer der Rebellen wie von Mercedes oder des Arztes Dr. Ferreiro wird die empathische Ebene des Films noch verstärkt, der dem Rezipienten keinen unmittelbaren Blick in die Gefühlswelt der Figuren ermöglicht. Die Thematik des Werks als eine Parabel auf die Schrecken für die zivile Bevölkerung aufgrund eines tyrannisch-autoritären Kriegstreibers ist aktueller denn je. Aufgrund der Komplexität der beiden aufeinandertreffenden Welten und der zum Teil sehr düsteren Handlungsstränge wird das Hörbuch für Rezipientinnen und Rezipienten ab 12 Jahren empfohlen.

 

Titel: Das Labyrinth des Fauns
Autor_innen: Cornelia Funke und Guillermo Del Toro
Sprecher_innen: Cornelia Funke und Tom Vogt
Dauer: 423 Minuten
Altersempfehlung: Ab 12 Jahren
Produktionsjahr: 2019
Produktion: Atmende Bücher /German Wahnsinn

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