Mehrdeutigkeit ist ohne Zweifel eins der grundlegendsten Merkmale, die literarische Texte beschreiben. Die Deutungsbedürftigkeit literarischer Texte macht Literatur zudem zu einer kulturellen Praxis – und verweist darauf, dass Mehrdeutigkeit nicht nur mit dem Gegenstand verbunden ist, sondern auch den Umgang mit Texten und die spezifische Perspektive der Rezipierenden betrifft. Damit wird die Mehrdeutigkeit zu einer zentralen Herausforderung der Praxis der Literatur – der versierte Umgang mit Mehrdeutigkeit zu einem wichtigen Kriterium für literarische Mündigkeit. Bezogen auf den Unterricht und das Literarische Lernen sind also wichtige didaktische Gegenstandsfelder benannt.
Bezogen auf das Handlungs- und Symbolsystem der Kinder- und Jugendliteratur bedarf es dabei keiner Einschränkung. Auch KJL ist ihrem Wesen nach mehrdeutig und deutungsbedürftig und z. B. die vielfältige Bilderbuchrezeptionsforschung der vergangenen 15 Jahre belegt eindrücklich, wie bereits Literaturnoviz*innen beim Lesen deuten und dabei mitunter ganz eigene Wege der Sinnkonstruktion beschreiten. Dennoch ist das Thema gerade mit Blick auf jüngere Lesende und die KJL nicht spannungsfrei: Denn die Idee einer prinzipiellen Deutungsbedürftigkeit der Literatur und das darin eingeschriebene Selbstverständnis nicht eindeutiger Textinhalte wird für die kognitive Leseforschung und den Begriff des Leseverstehens zum Problem. Weiterhin gerät die Mehrdeutigkeit in Spannung zum KJL oft zugeschrieben pädagogischen Selbstverständnis der Texte. Versteht man KJL als erzieherisches Medium, geht es auch um Vereindeutigung und Vereinnahmung von Literatur als Gegenstand der Pädagogik – und schnell wird deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Mehrdeutigkeit zu einer grundsätzlichen Diskussion über das Wesen und die Funktion von Literatur für Kinder und Jugendliche beitragen kann.
Solchen Überlegungen soll der Themenschwerpunkt dieses Heftes gewidmet sein. Lisa Mehmel unternimmt in ihrem Basisartikel den Versuch, die begriffliche Vielfalt des Themenfeldes zu erschließen und wichtige Differenzierungen vorzunehmen. Es folgen Beiträge zu Mehrdeutigkeitsphänomenen in verschiedenen Gattungen und Medienformen von Monika Hernik (Kinderroman), Anke Christensen (Kindertheater), Niku Dorostkar (Videospiel), Sophie A. Moderegger (textfreies Bilderbuch) und Simone Gottschlich-Kempf (Kurzspielfilm) und eine Analyse des mehrdeutigkeitsinduzierenden und -verhandelnden Potenzials von Medienverbünden von Elisabeth Hollerweger und Marc Kudlowski. Zwischendurch findet sich auch ein essayistischer Text von Andrea Karimé, in dem die Schriftstellerin über Mehrdeutigkeit als Strategie der literarischen Bewältigung existenzieller Krisen nachdenkt. Den Themenschwerpunkt abschließend ist ein Interview mit Theresa Verhoven zu lesen, die in der Stadtbücherei Landshut einen Leseclub leitet, mit dem sie aktuell auch an der Juryarbeit zum Deutschen Jugendliteraturpreis teilnimmt.
Im Spektrum vergleicht Alina Behrend zwei Bilderbücher, die sich mit Kriegsdarstellungen beschäftigen und Sebastian Schmideler denkt über die sich ändernde Funktion von Kinder- und Jugendbibliotheken. Rezensionen zu aktueller Fachliteratur und Einblicke in die Arbeit der AJuM und die aktuellen Auszeichnungen mit dem LesePeter schließen das Heft ab.
Michael Ritter
Inhaltsverzeichnis
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