Literarisches Lernen beginnt im frühen Kindesalter durch das Hören von Liedern, von Versen (z.B. Auszählreimen), von vorgelesenen Geschichten, durch das Anschauen von Videoclips und Fernsehsendungen. In der Schule wird literarisches Lernen dann gezielt unterstützt und weiterentwickelt. Die folgenden Aspekte stehen beim literarischen Lernen dabei im Vordergrund (vgl. Spinner 2006).

1. Beim Lesen und Hören Vorstellungen entwickeln

Literarische Texte sind darauf angelegt, dass Leser das Geschriebene in ihrer Vorstellung lebendig werden lassen. Wenn sich die Kinder bei den gedruckten Buchstaben oder beim Zuhören nichts vorstellen können, bleibt der Text für sie ohne Aussage und Wirkung. Die Fähigkeit, beim Lesen Vorstellungen zu entwickeln, ist keineswegs selbstverständlich, sondern muss unterstützt werden. Schon in Vorlesesituationen kann das geschehen, wenn in kurzen Unterbrechungen Impulse gegeben werden wie "Kennst du das auch: Angst haben" (wenn es in einer Geschichte um Angst geht) oder "Wie könnte die Geschichte weitergehen" (z.B. kurz vor dem Höhepunkt) oder durch die Anregung, ein Bild zu einer Geschichte zu malen. Bilderbücher unterstützen schon bei kleinen Kindern durch die Verbindung von Text und Bild die Vorstellungsbildung, wobei stimmungsmäßige Intensität von Bildern besonders wirksam ist. 

2. Subjektive Involviertheit und genaue Wahrnehmung miteinander ins Spiel bringen

Zum literarischen Lesen gehört das subjektive Angesprochensein. In Geschichten findet man Eigenes widergespiegelt; "Ja, genau das habe ich auch erlebt", "So möchte ich auch einmal sein", "Nein, das würde ich niemals tun" – das sind Gedanken, die den Kindern und Jugendlichen beim Lesen und Hören von Geschichten durch den Kopf gehen. Literarisches Lesen ist so immer auch ein Prozess des Selbstverstehens, eine Auseinandersetzung mit eigenen Wünschen, mit Leid, mit Wut, mit moralischen Konflikten. Auffällig ist, dass in der neueren Kinderliteratur die psychologische Ebene immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Zentrale Themen sind in diesem Zusammenhang z.B. die Überwindung von Minderwertigkeitsgefühlen, Mobbing, moralische Konflikte, Verarbeitung von Trennungserfahrungen (Scheidung, Tod). Das Lesen übt vor allem dann nachhaltige Wirkung aus, wenn Geschichten nicht nur als Spiegel und Resonanzraum wahrgenommen werden, sondern auch durch Irritation das Nachdenken anregen. Das setzt ein aufmerksames Lesen voraus.

3. Perspektiven literarischer Figuren nachvollziehen

Beim Lesen werden nicht nur eigene Emotionen angesprochen; literarische Texte laden auch dazu ein, Gefühle und Einstellungen von Figuren nachzuvollziehen, die über die eigenen Erfahrungen hinausreichen. Literatur vermittelt so Fremdverstehen und löst Empathie aus. Die literarischen Mittel, mit denen die Autorinnen und Autoren den Leserinnen und Lesern fremde Erfahrungsweisen nahebringen, sind vielfältig. Sie reichen von direkten Aussagen über Gedanken und Gefühle bis zu perspektivischem Erzählen (man spricht auch von personalem Erzählen). Letzteres sei an einem Beispiel veranschaulicht. In der Erstausgabe ist beim Märchen vom "Wolf und den sieben jungen Geißlein" die Situation, bei der die Geiß nach Hause kommt, folgendermaßen aus der Außensicht erzählt:

[…] bald darauf kam die alte Geis nach Haus. Was für ein Jammer! der Wolf war da gewesen und hatte ihre lieben Kinder gefressen. Sie glaubte sie wären alle todt, da sprang das jüngste aus der Wanduhr, und erzählte, wie das Unglück gekommen war.

In der Endfassung lautet die Stelle:

Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Walde wieder heim. Ach, was musste sie da erblicken! Die Haustüre stand sperrweit auf: Tische, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben, Decke und Kissen waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder, aber nirgend waren sie zu finden. Sie rief sie nacheinander bei Namen, aber niemand antwortete. Endlich als sie an das jüngste kam, da rief eine feine Stimme: "Liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten." Sie holte es heraus, und es erzählte ihr, dass der Wolf gekommen wäre und die andern alle gefressen hätte. Da könnt ihr denken, wie sie über ihre armen Kinder geweint hat.

Hier wird die Situation so geschildert, wie die alte Geiß sie erlebt. So vollzieht der Leser ihre Erfahrung nach.

Viele Geschichten für Kinder und Jugendliche sind auch in der Ich-Form geschrieben; sie vermitteln den Nachvollzug einer Figurenperspektive besonders unmittelbar.  

4. Sprachliche Gestaltung aufmerksam wahrnehmen

Literarische Ausdrucksweise weicht, mal stärker, mal weniger stark, vom gewohnten Sprachgebrauch ab. Das kann Unverständnis und Ablehnung auslösen, aber auch als besonderer Reiz empfunden werden. Wortspielereien, wie sie z.B. in den Geschichten von Paul Maar zu finden sind, können Kindern ausgesprochen Vergnügen bereiten. Maria Lypp hat in ihren Publikationen immer wieder darauf hingewiesen, dass Wiederholungen, Parallelismen und Oppositionen elementare literarische Strukturen sind, mit denen Kinder schon früh in der Begegnung mit Kinderliteratur vertraut werden (z.B. Lypp 1998) und die die Basis für literarisches Lernen sind. Die Aufmerksamkeit für sprachliche Gestaltung ist auch eine Voraussetzung für die Bewertung von literarischen Texten, z.B. wenn sich Kinder und Jugendliche darüber austauschen, warum ihnen eine Geschichte oder ein Gedicht gefällt.

5. Narrative Handlungslogik verstehen

Es gibt ein Grundmodell des Erzählens, das sich als Abfolge von Komplikation und Auflösung beschreiben lässt. Kinder eignen sich dieses Grundmodell an, wenn ihnen Geschichten erzählt und vorgelesen werden. Aber auch schon in der Kinderliteratur gibt es Texte, die komplexer strukturiert sind, indem z.B. die lineare Abfolge durch Rückblenden unterbrochen wird, die Perspektive wechselt oder in eine Rahmengeschichte eine Binnengeschichte eingefügt ist. Im Roman Unter Verdacht von Joyce Carol Oates sind z.B. die einzelnen Kapitel in unregelmäßiger Reihenfolge entweder in Form einer personalen Erzählung oder einer Ich-Erzählung, Letzteres aus der Perspektive der Protagonistin Ursula, geschrieben, wobei sich Ursula als Ich-Erzählerin z.T. als Ugly Girl bezeichnet und an solchen Stellen entsprechend in personaler Form von sich erzählt. Die Identitätsentwicklung, die eines der Themen in diesem Buch ist, wird so auch durch die komplexe Erzählstruktur verdeutlicht.

6. Mit Fiktionalität bewusst umgehen

Fiktionale Texte sind einerseits in vielfältiger Weise auf Wirklichkeit bezogen, andererseits aber nicht dem Anspruch auf korrekte Wirklichkeitswiedergabe verpflichtet. Oft treiben Autorinnen und Autoren ein raffiniertes Spiel mit der Vortäuschung von Wirklichkeitswiedergabe, z.B. wenn Erich Kästner seinen Kinderroman Das doppelte Lottchen mit den Sätzen beginnt: "Kennt ihr eigentlich Seebühl? Das Gebirgsdorf Seebühl? Seebühl am Bühlsee? Nein? Nicht? Merkwürdig […]" (Kästner 1982, 5). Dieser Romananfang tut so, als wenn es Seebühl am Bühlsee irgendwo gebe, was aber nicht der Fall ist.

Eine andere Art von Wirklichkeitsbezug ist die gleichnishafte Anspielung auf Probleme in der Realität. Dabei geht es nicht um äußere Übereinstimmung. Die "grauen Herren" in Michael Endes Momo sind z.B. unverkennbar phantastische Wesen, aber mit ihnen verdeutlicht der Autor eine reale Gefahr der heutigen Welt. Man spricht in diesem Zusammenhang von parabolischer Bedeutung.

7. Symbolische Ausdrucksweise verstehen

Mit dem Fiktionscharakter von Literatur hängt ihre Symbol- und Bildhaftigkeit zusammen. Dies stellt eine besondere Herausforderung für das literarische Lernen dar. Kinder verstehen literarische Texte noch sehr wörtlich und entwickeln dazu auch lebendige Vorstellungen. Implizit verstehen auch sie symbolische Sinndimensionen, z.B. die Bedeutung des Waldes als Ort der Angst und der Bewährung im Märchen. Ein kindgemäßer Zugang zu symbolischen Sinnzusammenhängen kann z.B. darin bestehen, dass man darüber nachdenkt, welche Bedeutung ein Gegenstand oder ein Ort für eine Figur hat. Bei Henning Mankells Kinderroman Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war (Mankell 2001) sind z.B. der Wald, das Meer (als Sehnsuchtsort des Protagonisten), der Fluss, die Brücke Orte mit hoher symbolischer Aussagekraft; durch ein Nachdenken darüber, welche Bedeutung, diese Orte für den Protagonisten haben, können schon jüngere Schülerinnen und Schüler der symbolischen Bedeutung auf die Spur kommen.

8. Sich auf die Unabschließbarkeit des Sinnbildungsprozesses einlassen

Literarische Texte können unterschiedliche Empfindungen und Gedanken auslösen und verweigern sich oft auch einem schnellen, festlegenden Verstehen. Für Leserinnen und Leser bedeutet das, dass sie sich von Rätselhaftigkeit und Mehrdeutigkeit nicht abschrecken lassen sollen, sondern darin vielmehr die Chance sehen, dass man einen Text immer neu erfahren kann. Kinder lassen sich meist unbeschwert und ideenreich auf Sinnsuche ein. Wichtig ist, dass in Erziehung und Unterricht solche Offenheit im Deutungsspiel akzeptiert und unterstützt wird, auch in oberen Klassenstufen, wo sie oft weniger selbstverständlich ist. Ein Beispiel, wie Autoren manchmal bewusst mit rätselhaften Formulierungen arbeiten, ist Andreas Steinhöfels Buchtitel Wenn mein Mond deine Sonne wäre (Steinhöfel 2015). Ist der Mond, der nur ein blasses Licht aussendet, auf die Demenz des Großvaters zu beziehen? Ist der Titel dem Großvater in den Mund gelegt? Und warum ist der Satz im Konjunktiv formuliert?

9. Prototypische Vorstellungen von Gattungen/Genres gewinnen

Gattungsbezeichnungen wie Märchen, Fabel, Kurzgeschichte, Roman gehören zum literarischen Wissen, das sich Heranwachsende aneignen. Allerdings sind diese Gattungen sehr variantenreich und Definitionen nur beschränkt hilfreich. Es ist deshalb sinnvoll, wenn der Schwerpunkt nicht in einer Vermittlung von Begriffsdefinitionen gelegt wird, sondern sich die Heranwachsenden die Begriffe anhand typischer Beispiele merken. Das wäre für das Märchen z.B. Hänsel und Gretel und eher nicht Hans im Glück, für die Fabel z.B. Der Fuchs und der Rabe und eher nicht Der Kranke und der Arzt (ein Text, der auch zu den äsopischen Fabeln gehört) und für die Kurzgeschichte ein Beispiel aus Ursula Wölfels Die grauen und die grünen Felder (Wölfel 1970) und nicht ein parabelartiger Kurzprosatext von Jürg Schubiger. 

10. Literaturhistorisches Bewusstsein entwickeln

Literaturhistorische Fragestellungen zur Kinder- und Jugendliteratur spielen in der literarischen Sozialisation von Heranwachsenden kaum eine Rolle. Sie sind aber in zweierlei Hinsicht durchaus interessant. Einerseits merkt man an vielen Formulierungen und auch an einigen Motiven, dass z.B. die grimmschen Märchen nicht in der heutigen Zeit geschrieben worden sind. Andererseits finden sich in der gegenwärtigen Kinder- und Jugendliteratur viele intertextuelle Anspielungen. Bei modernen Märchen, z.B. Paul Maars Schiefe Märchen und schräge Geschichten (Maar 2016), ist das besonders deutlich der Fall – da findet sich zum Beispiel "Der gestiefelte Skater" oder "Schneewittchen und die sieben Rapunzeln". Auch ältere und neuere Verfilmungen von Jugendbuchklassikern können, wenn sie miteinander verglichen werden, der Entwicklung eines historischen Bewusstseins dienen. Dabei können auch kulturhistorische Aspekte in den Blick kommen, z.B. die Entwicklung von Erziehungsvorstellungen oder der Wandel in der Darstellung fremder Völker und Volksgruppen (Indianer, Zigeuner – Sinti/Roma).

Literarisches Lernen in weiterem Sinn

Die angeführten Aspekte literarischen Lernens beziehen sich auf die Fähigkeiten, die für ein angemessenes Verstehen von literarischen Texten wichtig sind. Man kann das literarische Lernen allerdings auch in einem weiteren Sinn verstehen, nämlich so, dass auch das Lernen durch Literatur mitgemeint ist. Die Beschäftigung mit Literatur befördert in diesem Sinne psychologisches Verstehen, soziales Lernen, moralische Urteilsfähigkeit und Weltwissen.

Literatur

Primärliteratur

  • Ende, Michael: Momo. Stuttgart: Thienemann 1973.
  • Kästner, Erich: Das doppelte Lottchen. 131. Auflage. Hamburg: Dressler, 1982.
  • Kästner, Erich: Emil und die Detektive [1929]. 140. Auflage. Hamburg/Zürich: Dressler/Atrium, 1401995.
  • Maar, Paul: Schiefe Märchen und schräge Geschichten. Hamburg: Oetinger, 2016.
  • Mankell, Henning: Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war. München: dtv, 2001.Steinhöfel, Andreas: Wenn mein Mond deine Sonne wäre. Hamburg: Carlsen, 2015.
  • Oates, Joyce Carol: Unter Verdacht. Die Geschichte von Big Mouth & Ugly Girl. München: dtv, 2005.
  • Wölfel, Ursula: Die grauen und die grünen Felder. Neunkirchen: Anrich,1970.

Fachliteratur

  • Lypp, Maria: Der Struktur auf der Spur. Die Kinderliteratur im Spannungsfeld zwischen Leseförderung und literarischer Bildung. In: JuLit 24 (1998) H. 1, 17-24.
  • Mikota, Jana/Oehme, Viola: Literarisches Lernen mit Kinderliteratur (2013). http://d-nb.info/105311947X/34 (22.06.2017).
  • Spinner, Kaspar H.: Literarisches Lernen. In: Praxis Deutsch 200 (2006), S. 6-16.