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von Julia Ilgner

Felicitas Hoppe (*1960) ist eine deutsche Schriftstellerin, Essayistin und Übersetzerin. Bekanntheit erlangte sie mit den Abenteuer- und Reiseromanen Pigafetta (1999) und Paradiese, Übersee (2003), dem postmodernen Geschichtsroman Johanna (2006) über die französische Nationalheilige Johanna von Orléans sowie ihrer autofiktionalen Lebensbeschreibung Hoppe (2012), für die sie im selben Jahr mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde. Unter ihren kinderliterarischen Texten erzielte vor allem das Jugendbuch Iwein Löwenritter (2008) nach Hartmanns von Aue Artusroman große Resonanz.

Biografie

Das Leben Felicitas Hoppes, am 22. Dezember 1960 als drittes von fünf Kindern im niedersächsischen Hameln geboren, ist nach Aussage der Autorin seit frühester Jugend an aufs Engste mit dem Schreiben verbunden: "Was mich betrifft, ich wollte nie Schriftsteller werden, ich war das einfach schon immer. Ich schreibe, seit ich sieben bin" (Dankrede, 2012) bekennt Hoppe freimütig in ihrer Dankrede anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises im Jahr 2012.

Schenkt man dem Roman Hoppe (2012), ihrer 'Wunsch-' und 'Traumbiographie', Glauben, so beginnt Hoppes schriftstellerische Karriere tatsächlich bereits lange vor 1991 – jenem Jahr, in welchem sie mit dem Erzählungsband Unglückselige Begebenheiten ihr literarisches Debut noch weitgehend unter Ausschluss der öffentlichen Wahrnehmung in Eigenregie verlegte. Vielmehr scheint ein unbekanntes Frühwerk kindlicher Autorschaft aus den 1960er und 70er Jahren zu existieren: vornehmlich Gedichte, Kurzgeschichten und Nacherzählungen imitativ-experimentellen Charakters mit Titeln wie Häsi, das Hasenkind (1967), Der alte Herr Tabak (1969) oder Zirkus Petronelle (1972) (vgl. Hoppe, S. 34). Dass es sich bei diesem prätendierten Jugendœuvre nicht etwa um eine retrospektiv fingierte Kindheitsepisode im Dienste der Mythisierung der eigenen Dichterwerdung handelt, legt beispielsweise auch die geschickte Lancierung der Geschichte Roy Tiger (1967) nahe: Nachdem diese bereits im Roman Hoppe Erwähnung gefunden hatte (S. 34), gelangte sie Ende 2012, rund 45 Jahre nach ihrer Entstehung, im Rahmen einer Videolesung für die Hochschule Furtwangen zu später Anerkennung (vgl. HD Campus TV, 2012).

Diese besondere Disposition eines durch das Elternhaus literarisch sozialisierten Kindes, das schon früh zu eigenständiger Lektüre und freiem, spielerischem Umgang mit derselben angeregt worden war (vgl. Frank/Ilgner 2017), gilt es zu berücksichtigen, will man Felicitas Hoppe als Kinder- und Jugendbuchautorin gerecht werden. Denn nicht nur ihre Vorliebe für biblische Erzählungen, Märchen und Sagen der Brüder Grimm und kinderliterarische Klassiker wie Carlo Collodis Pinocchio (1883), sondern auch ihre Auffassung von Literatur als Vortragskunst und als unendliches Reservoir für das eigene Geschichtenerzählen haben ihren Ursprung in dieser spezifische, familialen Lesesozialisation.

Die erste nachweisliche Publikation erfolgte indes mit gerade einmal Mitte 20 nicht im literarisch-fiktionalen Kontext, sondern als studentische Auftragsarbeit in einer von ihrem damaligen Tübinger Rhetorikprofessor Walter Jens kuratierten Anthologie (Weit entfernt, die Welt zu verändern, 1985). Zuvor hatte Hoppe bereits ihr Studium der Kulturpädagogik in Hildesheim aufgenommen (1980–1982), um wenig später auf Neuere Deutsche Literatur, Allgemeine Rhetorik und Vergleichende Religionswissenschaft in Tübingen (1984–1986) zu wechseln. Es folgten ein zweijähriger Auslandsaufenthalt in Eugene/Oregon (1984–86) sowie abschließend ein Studium der italienischen (1986–1988) und russischen Philologie (1989-1991) in Berlin.

Während Hoppes Religiosität und ihr Leseeifer schon im Elternhaus genährt wurden, hat die Wanderleidenschaft ihren Ursprung in der Studienzeit. In ihrer engen Verbindung mit literarischer Rezeption und Produktion weist diese auf die spätere Existenzform einer stetig 'reisenden Schriftstellerin' (ohne jedoch explizit 'Reiseschriftstellerin' zu sein) voraus. Als solche hat Hoppe 1997 nicht nur eine mehrmonatige 'Reise um die Welt' auf einem Containerschiff unternommen, sondern im Jahr 2000 auch den Literaturexpress bestiegen, der sie gemeinsam mit 102 weiteren Autorinnen und -autoren auf der historischen Route des Nord- und Südexpress sechs Wochen lang von Lissabon nach Moskau quer durch Europa führte.

Hoppes eigentliches Dichtungshandwerk, ihre erzählerische Versiertheit, verdankt sich aber nicht zuletzt auch dem jahrelangen professionellen Umgang mit Sprache in den unterschiedlichsten Kontexten, sei es lehrend als DaF-Sprachdozentin in den USA, adaptierend als Dramaturgin am Theater oder schreibend als Journalistin, u. a. für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Frankfurter Rundschau und die Berliner taz. Dass hingegen bedeutende weltgeschichtliche Rahmenbedingungen von Hoppes Vita wie die westdeutsche Friedensbewegung, die Präsidentschaft Reagans oder der Fall der Mauer, die sie in Tübingen, Amerika oder Berlin hautnah miterlebte, bislang biographisch gänzlich unbeachtet blieben, liegt daran, dass diese ohne nennenswerte Resonanz auf ihr literarisches Schaffen blieben und sie sich wiederholt entschieden dagegen verwehrt hat, sich als Künstlerin den aktuellen und soziopolitischen Belangen des Zeitgeists unterzuordnen.

Felicitas Hoppe ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt als freie Schriftstellerin in Berlin.

Werk

Der literarische Durchbruch gelang Felicitas Hoppe bereits mit ihrem zweiten Erzählungsband Picknick der Friseure (1996), als sie diesen auszugsweise beim Bachmann-Literaturwettbewerb vortrug und in Folge sowohl mit dem Preis der ZDF-Kultursendung aspekte als auch mit dem Ernst-Willner-Preis, dem Sonderpreis der Klagenfurter Literaturtage, ausgezeichnet wurde. Auch war es ihr bereits zuvor gelungen, einzelne Miniaturen der Sammlung (Die Pilger, Der Balkon) in führenden Literaturzeitschriften zu publizieren. Ihr Preisgeld investierte sie sogleich wieder, um im Folgejahr eine Weltumsegelung auf einem Containerfrachtschiff 'von Hamburg nach Hamburg' zu unternehmen. Diese wurde sodann zum Schreibanlass für ihr nächstes Projekt, den Seefahrtsroman Pigafetta (1999), der bereits im Sommer 1997 unter dem plakativen Titel Reise um die Welt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung teilveröffentlicht wurde (vgl. Nyström 2012). Es folgten der Abenteuerroman Paradiese, Übersee (2003) über eine phantastische Reise durch Zeit und Raum von Kalkutta bis ins luxemburgische Wilwerwiltz sowie die historische Porträtsammlung Verbrecher und Versager (2004), die ausschließlich solche Protagonisten in Szene setzte, die sich durch ihre weltgeschichtliche Bedeutungslosigkeit als erzählwürdig erwiesen, wie beispielsweise der eigenwillige Tropenforscher Franz Wilhelm Junghuhn (1809–1864) oder der jung verstorbene Franz Maria Kapf (1759–1791), einst Zimmergenosse Friedrich Schillers aus Karlsschulzeiten.

Der Geschichte bzw. der dichterischen Anverwandlung historischer Sujets blieb Hoppe auch später treu. Mit Johanna über die französische Jungfrau von Orléans veröffentlichte sie im Jahr 2006 einen der meistbeachteten postmodernen Geschichtsromane der jüngeren Zeit (vgl. Scholz 2012, Schilling 2017). Dass sich der Text nicht nur in einer einzigen Gattungszuschreibung erschöpft, sondern auch Anleihen bei der klassischen Liebesgeschichte, der englischen Campusnovel sowie dem weiblichen Bildungsroman nimmt, erweist sich dabei als konstitutiv für Hoppes Erzählkunst: Bei fast allen Werken, den rein fiktionalen ebenso wie den per definitionem faktualen (Interviews, Dankreden, Kommentare, Poetikvorlesungen), handelt es sich um offene Texte, die eine konventionelle lineare Erzählweise sowie etablierte Ordnungsmuster hinter sich lassen und stattdessen ein breites Deutungsangebot offerieren und den kritischen Dialog mit dem Leser suchen.

Intertextualität und -medialität (vgl. Gutjahr 2009, Bers 2015, Böhn 2015) charakterisieren Hoppes Schreibweise ebenso wie eine souveräne Selbstverweistechnik im Modus der autointertextuellen Narration. Seinen vorläufigen Höhepunkt findet dieses zitative Gestaltungsprinzip in der Metaautobiographie bzw. Autofiktion Hoppe (2012, vgl. Eigler 2015, Pailer 2015, Lippert 2017, Weixler 2017), die allerdings, entgegen landläufiger Lesererwartung, nicht das faktisch verbürgte Leben der namensgleichen Verfasserin wiedergibt, sondern vielmehr deren 'Wunschbiographie' präsentiert, die in zentralen Aspekten von der real verbürgten Vita der Gegenwartsschriftstellerin Felicitas Hoppe abweicht (Entführung durch einen 'Erfindervater', Kindheit in Kanada, Dirigentenkarriere in Australien).

Der im selben Jahr verliehene Georg-Büchner-Preis der Akademie für Dichtung und Sprache sicherte ihr nachhaltig nationale Aufmerksamkeit und potenzierte die akademischen Offerten an Gastvorträgen, Fellowships und Stipendien noch zusätzlich: Nach Poetikdozenturen in Wiesbaden (2005), Hanover/New Hampshire (2006), Augsburg (2008) sowie Göttingen (2009) und den Writer in Residence-Programmen in Innsbruck, New York (beide 2007) und Washington (2008, 2010) folgten 2012 die Gastprofessur für interkulturelle Poetik in Hamburg sowie die Kurzzeitdozentur des DAAD in Oxford und London. Einladungen an die Universitäten Dortmund (2013), Köln (2016), Heidelberg (2016) und zuletzt Wien (2016/17) schlossen sich an, sodass in der näheren Zukunft die Publikation einiger poetologischer Werke ansteht.

Parallel dazu verfolgte Hoppe diverse Projekte in Kooperation mit anderen Kunstschaffenden, darunter ihr gemeinsam mit den gestaltenden Künstlern Jana Müller und Alexej Meschtschanow konzipiertes Reise- und Blogprojekt Das eingeschossige Amerika (2011) entlang der historischen Route der sowjetischen Autoren Ilja Ilf (1897–1937) und Jewgeni Petrow (1903–1943), die zur Zeit des stalinistischen Terrors im Auftrag der Prawda die USA bereisten, sowie der Dokumentarfilm Felicitas Hoppe sagt (D/CH 2017) von Oliver Held und Thomas Henke. Ihr schriftstellerisches Werk wurde in zahlreiche Sprachen, u. a. ins Englische, Französische, Niederländische und Schwedische, übersetzt.

 
Abb. 1: Felicitas Hoppe: Die Torte (2000), Einbandgestaltung

Kinder- und Jugendliteratur

Felicitas Hoppes kinder- und jugendliterarische Arbeiten umfassen bislang insgesamt neun Erzählungen sowie einen Roman und sind in regelmäßiger Folge erschienen: angefangen bei der Geschichte Das Richtfest aus dem Jahr 1997 über die Erzählungen Drei Kapitäne (1998), Vom Bäcker und seiner Frau (1999), Die Torte (2000, vgl. Abb. 1 und Abb. 2), Fakire und Flötisten (2001, vgl. Abb. 3), Der Zarewitsch und sein Matrose (2001) und, mit einigen Jahren Abstand, Ingrids Affen (2006), Die weiße Frau (2008) sowie dem Jugendbuch Iwein Löwenritter (2008), einer Adaptation nach Hartmanns von Aue Artusroman, bis zur vorerst letzten Geschichte Der begnadigte Truthahn (2010). Bei den genannten Titeln handelt es sich durchweg um intentionale Kinder- und Jugendliteratur, die in der Regel durch den publizistischen Kontext oder durch paratextuelle Markierungen (Untertitel, Widmung) als solche ausgewiesen sind.


Abb. 2: Felicitas Hoppe: Die Torte (2000), Einbandgestaltung

Auch auf dichtungstheoretischer Ebene hat sich Hoppe mit den genrespezifischen Anforderungen kinder- und jugendliterarischen Schreibens auseinandergesetzt. In den beiden Essays Im geheimen Garten (2009) und Oh, the places you'll go! (2013) reflektiert sie unter Rekurs auf kanonische Klassiker wie Collodis Pinocchio, Lindgrens Pippi Langstrumpf und Barries Peter Pan etwa archetypische Konstellationen und Situationstypen kindgerechten Erzählens. Vor allem sei es erforderlich, ein authentisches 'als ob' zu erzeugen, das dem selbstvergessenen kindlichen Spiel gleiche, und dabei die erforderlichen Mittel von Rührung und Klischee angemessen zu dosieren. Dass Hoppe hierbei ausgerechnet der Mündlichkeit eine wirkungsästhetische Leitfunktion zumisst, überrascht nicht weiter, entspricht eine solche Poetik der Oralität doch ihrer generellen Vorliebe für auktoriale, das Geschehen metanarrativ kommentierende Erzählerfiguren und dem kommunikativ-appellativen Duktus im Werk.


Abb. 3: Felicitas Hoppe: Fakire und Flötisten (2001), Einbandgestaltung

Ihre kinderliterarische Schreibpraxis kam Hoppe auch bereits als Übersetzerin zugute: 2011 übertrug sie für die arrivierte Jugendbuchreihe Die Bücher mit dem blauen Band ihres Hausverlags S. Fischer, in der zuvor schon der Iwein erschienen war, den Kinderbuchklassiker Green Eggs and Ham (1960) des US-amerikanischen Schriftstellers Theodor Seuss Geisel (1904–1991), genannt Dr. Seuss, ins Deutsche (u. d. T. Grünes Ei mit Speck, 2011).

Schließlich finden sich auch im Erwachsenenwerk zahlreiche Reminiszenzen kinderliterarischen Erzählens: Insbesondere die Geschichten aus Picknick der Friseure ähneln hinsichtlich der verhandelten Themen und in ihrer formalen Anlage als Prosaminiaturen den Kinderbüchern; auch Hoppe selbst hat erklärt, mit diesem Band "fast ausnahmslos Familiengeschichten" geschrieben zu haben (Oh, the places you'll go!, S. 5). Desgleichen inszeniert der Roman Hoppe, der wesentlich eine Jugend-(Auto)biographie ist, nicht zuletzt eine fingierte Ersatz- bzw. Stellvertreterkindheit, in die vieles von dem eingeht, was Hoppes Jugenderinnerung ausmacht wie Wünsche und Sehnsüchte, aber eben auch zahlreiche Lektüreerfahrungen (vgl. Ekelund 2017).

Während Hoppes Iwein vergleichsweise hohe Aufmerksamkeit von Seiten der Forschung erfuhr (vgl. Benz 2012, Brunschweiger/Neecke 2012, Kaminski 2014, Hamann/Plotke 2015, Spanke 2015, Hinzmann 2017; vgl. Abb. 4), steht die literaturwissenschaftliche Erschließung der übrigen kinderliterarischen Erzählungen bislang noch gänzlich aus. Einen wesentlichen Grund dürfte dieses Defizit in der erschwerten Zugänglichkeit der Texte haben: Denn die neun Erzählungen, die Hoppe in Kooperation mit der Berliner Handpresse verlegt hat, sind in nur sehr geringer Auflage von 100 bis maximal 300 Exemplaren erschienen und rangieren heute als bibliophile Raritäten. Auch gelegentliche Nachdrucke sind lediglich sporadisch und unsystematisch erfolgt, zumeist in literarischen Zeitschriften oder handverlesenen Anthologien, denen auf dem schnelllebigen Buchmarkt kein Masseninteresse beschieden war.


Abb. 4: Felicitas Hoppe: Iwein Löwenritter (2008), Einbandgestaltung

Ansätze für die wissenschaftliche Auswertung böten allerdings zwei jüngere Beiträge der Hoppe-Forschung, die zum einen die Bedeutung des familialen Erzählens und dessen kreative Variation im Werk hervorheben (Holdenried 2017), zum anderen den Roman Hoppe auf seine kinderliterarischen Intertexte hin deuten (Ekelund 2017) und dadurch zu Ergebnissen gelangen, die sich auf die Kinderbücher übertragen ließen.

Aus dem Umstand, dass Hoppes Kinder- und Jugendliteratur keine separierte Schaffensphase im Gesamtœuvre der Autorin bildet, sondern vielmehr werkbegleitend und in unmittelbarer Beziehung zu den sonstigen Romanen und Erzählungen entstanden ist, folgen einige poetologische Konsequenzen. So unterscheiden sich Hoppes kinder- und jugendliterarische Texte formal, im Hinblick auf ihre sprachliche Gestaltung, nicht wesentlich von ihren 'erwachsenen­literarischen' Werken. Die zuvor skizzierten Charakteristika einer postmodernen Poetik (wie Auto- und Intertextualität, erzählerische Ironie und nicht-lineare Präsentation) bestimmen auch die Geschichten für junge Leser, wodurch diese prima vista entschieden von den konventionellen Modi kinderliterarischen Erzählens abweichen. Einfache Deutungen und schablonenhafte Handlungsschemata sucht man vergebens. Auch auf allzu offensichtliche Moralisierungen und didaktische Implikationen verzichtet die Autorin zugunsten eines souveränen Leseaktes. Nichtsdestotrotz handelt es sich um vergleichsweise 'einfache' Texte – sowohl hinsichtlich des verwendeten lexikalischen Materials als auch hinsichtlich der syntaktischen Konstruktion, was diese gemäß dem Prinzip der Akkommodation auch für eine sehr junge Leserklientel zugänglich macht. Die vermeintlich mangelnde sprachliche Komplexität ist allerdings keine Konzession an die kinderliterarischen Erzähltraditionen vorangegangener Epochen oder die spezifischen Bedürfnisse eines juvenilen Zielpublikums, sondern entspringt den Grundsätzen der Hoppe'schen Poetik. Auch die verhandelten Themen und Motive erweisen sich als hochgradig jugendaffin, ja geradezu prädestiniert für eine junge Leserschaft: Es geht um archaische Stoffe und Elementarerlebnisse wie Auf- und Ausbruch, um Reise und Rückkehr, Entdeckung, Familie sowie um Fragen der Identitätsbildung.

Ein besonderes Charakteristikum der Hoppe'schen Kinderbücher, das eigens zu untersuchen wäre, liegt in der intermedialen Komponente vieler Geschichten. Denn ausnahmslos alle kinder- und jugendliterarischen Werke sind in der jeweiligen Erstausgabe mit textbegleitenden Illustrationen versehen, meist kolorierten Linoldrucken oder Farbtafeln wie im Fall des Iwein. Eine besondere Rolle nimmt in diesem Kontext die Berliner Handpresse ein, die, 1961 von den Westberliner Grafikern Wolfgang Jörg (1934–2009) und Erich Schöning (1935–1989) als künstlerische Arbeitsgemeinschaft gegründet, über Jahrzehnte Bücher u. a. von Ernst Jandl, Peter Hacks und Sarah Kirsch auf höchstem handwerklichen Niveau produzierte, erst mittels Holz-, später mittels Linolschnitttechnik illustriert. Insgesamt acht der neun kinderliterarischen Erzählungen Hoppes sind in den Jahren von 1997 bis 2010 hier erschienen.

Neben Wolfgang Jörg zeichneten auch Klaus Ensikat (*1937), vor allem aber dessen Frau Ingrid Jörg (*1935) für die Illustrierung ihrer Titel verantwortlich. Ihr hat Hoppe mit Ingrids Affen sogar ein Langgedicht in gebundener Sprache gewidmet. Dass die Kooperation von anhaltender Dauer und Erfolg war, lag vermutlich auch an der ästhetischen Sensibilität, mit welcher es den Illustratoren gelang, Hoppes Poesie in ein visuelles Pendant zu überführen. In ihrer reduzierten Formensprache und ihrem expressiven, ja geradezu expressionistischen Duktus entsprechen die Linolschnitte den oftmals drastischen Begebenheiten und existenziellen Nöten, in welche die Hoppe'schen Figuren nicht selten geraten.

Welche Bedeutung dabei schon rein quantitativ auf den visuellen Part entfällt, lässt sich exemplarisch am Beispiel der Erzählung Das Richtfest (1997, vgl. Abb. 5) aufzeigen, in der auf 24 Seiten Gesamtumfang ganze 9 Abbildungen kommen, was einer Text-Bild-Relation von fast 2:1 entspricht. Daraus resultiert ein eminent dialogisches, ja reziprokes Verhältnis von Sprache und Illustration. Denn der Erzähltext steht nicht mehr für sich allein, sondern wird begleitet, kommentiert und mithin interpretiert durch die beigegebene graphische Bebilderung (vgl. Abb. 6; vgl. auch Abb. 7). Ob und inwiefern eine solche Medienkom­bination den künstlerischen Wert der jeweiligen Erzählung steigert oder andererseits (als Medienkonkurrenz) den kindlichen Leseakt beeinflusst, etwa durch eine zusätzliche Rezeptionslenkung oder verringerte Imaginations­leis­­tung: All dies sind Fragen, die sich im Zuge einer fachwissenschaftlichen Beschäftigung mit der Kinder- und Jugendliteratur Felicitas Hoppes künftig stellen werden.


Abb. 5: Felicitas Hoppe: Das Richtfest (1997), Einbandgestaltung

Abb. 6: Felicitas Hoppe: Das Richtfest (1997), farbiger Linoldruck

Rezeption

Unter Felicitas Hoppes kinder- und jugendliterarischen Werken fand vor allem ihr Jugendbuch Iwein Löwenritter (2008) als poetisch originelle und gleichzeitig kindgerechte Nachdichtung des mittelhochdeutschen Artusromans Hartmanns von Aue begeisterte Aufnahme bei Publikum und Kritik. Schon zeitgenössische Rezensenten und Laudatoren würdigten den vorlagensensiblen und sprachlich eigenständigen Charakter der Adaptation und anerkannten, dass man "ohne historisches, gar gelehrtes Gepäck ganz einfach erzählen kann. Wie ein Märchen. Als Märchen" (Wapnewski 2008). Mit ihrer adäquaten, nämlich ganz und gar mittelalterlichen Interpretation des Erzählers als souveräner Kompilator und bereitwilliger Kommentator des dargebotenen Geschehens straft Hoppe sogar Max Wehrlis Diktum von der Unübersetzbarkeit mittelhochdeutscher Epik Lügen bzw. zeigt auf, dass dieses für Kinderliteratur offenbar keine Geltung besitzt.

Noch einen Schritt weiter ging die Jury des Rattenfänger-Literaturpreises, die Hoppe 2010 die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung in der Internationalen Jugendbibliothek auf Schloss Blutenburg verlieh, indem sie den Iwein in den kanonischen Status eines "Meisterwerk[s] der fantastischen Kinderliteratur" erhob. Mit ihrer Bemerkung, Hoppe scheue sich als arriviertere Romancière erwachsenenliterarischer Werke "nicht vor Ausflügen in die Kinderliteratur", verdeutlichten die Preisrichter allerdings die allgemeine Unkenntnis der übrigen kinderliterarischen Arbeiten Hoppes, die kontinuierlich und andauernd ihr Schreiben begleiten und integrativer Bestandteil ihres Gesamtwerks sind.

Dem Umstand, dass Hoppes übrige Kinderbücher, die sie über 15 Jahre lang für und mit der Berliner Handpresse geschaffen hat, kaum öffentliche Beachtung erfahren haben, wurde immerhin spät Genüge getan: Im Büchner-Jahr 2012 erwies die Leibniz Bibliothek Hannover der Autorin mit ihrer Sonderausstellung bibliophiler Jugendbücher Referenz, indem sie den Titel der Schau (Der begnadigte Truthahn und andere Geschichten, 1.6.–28.7.2012) der damals jüngsten kinderliterarischen Erzählung Hoppes entlehnte.

Die zahlreichen Publikationen aus (fach)didaktischem Kontext (Brunschweiger/Neecke 2012, Horn 2012, Goller 2013, Kersten/Diekhans 2015) verweisen schließlich auf das große Interesse, das Iwein Löwenritter vonseiten der schulischen Lehre entgegenkommt, die anhand der Lektüre die Vermittlung der mittelalterlichen Sprache erprobt. Die Schulbuchreihe Lambacher Schweitzer hat bereits darauf reagiert, indem sie einzelne kinderliterarische Kurzerzählungen Hoppes (Ausgerutscht, Maß für Maß, Kinderleicht u. a.) in ihre Bände für die gymnasiale Unter- und Mittelstufe aufgenommen hat (vgl. hierzu die Bibliographie von Rieger 2015).

Abb. 7: Felicitas Hoppe: Die Torte (2000), farbiger Linoldruck

 


Lebensdaten

Populärrezeption – Preise und AuszeichnungenStipendienGastprofessuren und Poetikprofessuren

 

Populärrezeption

Preise und Auszeichnungen

Stipendien

Gastprofessuren und Poetikdozenturen


Literaturverzeichnis
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Bibliographien

Literarische Werke (selbstständig erschienen)

Kinder- und jugendliterarische Werke (selbstständig erschienen):

Vgl. hierzu auch:

 

Literarische Werke (unselbstständig erschienen)

 

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 Erstveröffentlichung: 1. Oktober 2017