von Laura Th. Schiemann

Was braucht es, damit ein Baby entstehen kann? Die meisten Aufklärungsbilderbücher antworten hier: eine Frau und einen Mann, die sich lieben. Doch ein neues Bilderbuch des Mabuse-Verlags zeigt: Weit gefehlt! Ein Baby kann nämlich in erster Linie mithilfe von Eizelle, Samenzelle und Gebärmutter entstehen - ohne dass dabei eine bestimmte Familienkonstellation vorhanden sein müsste. Wie entsteht ein Baby? ist somit ein liebevolles Sachbilderbuch für alle, die auf der Suche nach einem Aufklärungsbuch jenseits heteronormativer Gesellschaftsbilder für die ganz Kleinen sind.

Silverberg, Cory (Text); Smyth, Fiona (Bild): Wie entsteht ein Baby. Ein Buch für jede Art von Familie und jede Art von Kind. A. d. Englischen von Franziska Brugger.
Mabuse, Frankfurt a. M., 2020.
39 Seiten. 16,90 €
ISBN 978-3-8632-11707.
Empfohlen ab 3 Jahren.

Inhalt

Wie entsteht ein Baby? erklärt mit einfachen Worten und ohne die Konzepte "Frau" und "Mann" wie ein Baby entstehen kann. Dabei begleitet das Buch den Prozess von der Befruchtung bis zur Geburt. Auf 39 Seiten zeigen farbenfrohe Illustrationen, wie Eizelle und Samenzelle miteinander tanzen und dabei "alle Geschichten über den Körper erzähl[en], aus dem sie komm[en]". Oder, dass alle Babys in der Gebärmutter unterschiedlich wachsen, manche durch einen Schnitt im Bauch der gebärenden Person zur Welt kommen, andere "durch einen Teil des Körpers, den die meisten Menschen Scheide nennen" (o.S.). Ein besonderer Fokus wird dabei auch auf die Menschen gelegt, die auf das Baby warten und sich darauf freuen. Ein längeres Vorwort von Cory Silverberg stimmt Pädagog*innen und Eltern auf die Arbeit mit dem Buch ein und verweist auf weitere Materialien mit Hilfestellungen zu Gesprächen mit Kindern über Empfängnis und Geburt. Die Texte im Primärtext selbst begleiten die im Comicstil gehaltenen Bilder mit einem bis fünf Sätzen pro Doppelseite.

Kritik

Abb. 1: Auch die Illustrationen bilden Diversität ab. Die Texte legen Wert auf eine liebevolle Ansprache der kindlichen Lesenden.

Wie entsteht ein Baby? verspricht im Untertitel Ein Buch für jede Art von Familie und jede Art von Kind zu sein. Tatsächlich zeigen auch Text und Illustrationen, dass das Buch offenbar mit einer großen Sensibilität für Diversität gestaltet worden ist: Es gibt Menschen mit großen und kleinen Nasen, langen, kurzen, fehlenden, weißen und pinken Haaren; Menschen mit unterschiedlichen Augenformen, mit und ohne Brille; Menschen mit Pickeln und ohne Pickel, Menschen mit und ohne Rollstuhl, Menschen mit und ohne Hijab (Kopftuch). Allen gemein sind ihre Fantasiehautfarben in türkis über lila und grün bis rot. Statt Diversität also naturgetreu abzubilden, verdeutlicht die sehr bunte Gestaltung der Illustrationen auf einfache Weise eine sinnhafte Darstellung von Unterschieden. Auch in der Darstellung von Familienformen zeigt sich Wie entsteht ein Baby? divers: Neben Erwachsenen, die alleine mit Kindern unterwegs sind, werden gleichgeschlechtliche und gemischtgeschlechtliche Konstellationen unterschiedlichen Alters abgebildet, die ein oder mehrere Kinder versorgen (s. Abb. 1).

Abb. 2: Wie entsteht ein Baby? kommt ohne die Konzepte "Frau" und "Mann" aus.


Zudem spricht Wie entsteht ein Baby? von "Menschen mit Samenzellen", "Menschen mit Eizellen" und "Menschen mit Gebärmuttern" statt von "Männern" und "Frauen" und verdeutlicht, dass für die Zeugung eines Babys diese drei Komponenten vorhanden sein müssen (s. Abb. 2). Wie entsteht ein Baby? kann somit genutzt werden, um Kindern jede Art von Entstehung eines Babys – von künstlicher Befruchtung, über Befruchtung durch Sex, bis zur Leihmutterschaft – innerhalb einer Geschichte zu erklären, ohne eine Form des Othering zu schaffen. Wer hier auf eine spezifische Erklärung oder gar Erwähnung der unterschiedlichen Entstehungsarten hofft, wird jedoch nicht fündig: Erklärungen und Benennungen von künstlicher Befruchtung, Befruchtung durch Sex oder Leihmutterschaft erfolgen nicht und obliegen damit der vorlesenden Person – selbstlesende Kinder werden auf diese Entstehungsarten nur dann kommen, wenn sie ihnen vorher schon geläufig sind.

Abb. 3: Komplexe Konzepte wie DNA werden kindgerecht vermittelt.


Auch wer auf der Suche nach detailreichen Zeichnungen oder Vokabular für Genitalien ist, sucht in Wie entsteht ein Baby? vergebens. Penis und Vulva werden auf keinem einzigen Bild gezeigt; Eizellen, Samenzellen und Gebärmuttern haben jeweils die gleiche Größe und könnten damit einen falschen Eindruck der Größenverhältnisse vermitteln. Zudem wirkt die Übersetzung "Scheide" (s. Zitat oben) für den sonst sehr fortschrittlichen Kontext des Buches recht veraltet. Statt auf medizinische Korrektheit legt Wie entsteht ein Baby? dafür den Fokus auf kindgerechte, liebevolle Vermittlung (s. Abb. 1): In direkter Ansprache an kindliche Lesende ("so war das auch bei dir", "Wer hat darauf gewartet, dass du geboren wurdest?" (o.S.)) stellt das Buch einen Bezug zur eigenen Entstehung des kindlichen Lesenden her. Auch Details wie die bildliche Darstellung des Erbguts, die durch kleine Bildkacheln in Samen- und Eizelle darstellen, dass sie jeweils unterschiedliche Informationen enthalten, vermitteln Konzepte kindgerecht (s. Abb. 3). Wiederholungen und Parallelismus wie "Manchmal dauert es lange, manchmal kurz, manchmal tut es ein bisschen weh, manchmal tut es GANZ DOLL weh" oder Hervorhebungen zur Betonung ("GANZ DOLL") machen die Botschaften des Buches eingängig. Reihungen sorgen ebenfalls dafür, dass Inhalte zusätzlich stilistisch ausgedrückt werden, sodass sprachliche und inhaltliche Ebene sich gegenseitig ergänzen. So wecken Sätze wie "Sie [die Geburt] ist eine ziemlich aufregende Sache für die Menschen, die auf das Baby gewartet und gewartet und GEWARTET haben" (o.S.) die Lust aufs Vorlesen. Illustrationen und Texte bieten hierbei ein gutes Zusammenspiel; etwa, wenn die sprachliche Reihung sich auch in der bildlichen Ebene widerspiegelt, die ebenfalls eine Reihung von unterschiedlich angestrengten Gesichtern zeigt (s. Abb. 4). Das Format des Buches eignet sich zudem gut zum Vorlesen: es ist kompakt und die Seiten lassen sich angenehm geschmeidig umblättern.

 

Abb. 4: Sprachliche Stilmittel spiegeln sich auch auf der bildlichen Ebene wider.


Mit seiner Bezugnahme auf und seiner direkten Ansprache von kindlichen Lesenden sowie den kindgerechten Erklärungen eignet sich Wie entsteht ein Baby? vor allem für jüngere Kinder. Für ältere Geschwisterkinder, die auf ein Baby warten und mehr Details darüber erfahren möchten, wie das Baby wächst, könnte sich zudem ein Blick in Wer wohnt denn da in Mamas Bauch? lohnen. Einen sachlicheren, medizinischeren Blick auf die Entstehung von Babys bietet hingegen Ein neues Leben entsteht.

Fazit

Wie entsteht ein Baby? bietet einen guten Rahmen für unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten der Aufklärung von Kindern. Stehen jüngere Kinder ab drei Jahren, Diversitätsbewusstsein und die liebevolle Ansprache der kindlichen Lesenden für die Auswahl eines Sachbuches zum Thema Aufklärung im Vordergrund, so ist Wie entsteht ein Baby? für Vorlesende und Zuhörende gleichermaßen eine passende Wahl!

Erstveröffentlichungsdatum: 04.03.2021

 


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