von Laura Th. Schiemann

Wer kennt das nicht: Da hat man ein Geschenk gekauft, eine schöne Karte gebastelt, sich schick gemacht und die Geburtstagsparty könnte perfekt sein – wenn da nicht das klitzekleine Problem wäre, dass man das Geschenk viel lieber selbst behalten will… So geht es auch dem Kind in dem wunderbar subversiven Bilderbuch Die rote Burg, erschienen im Kunstmann Verlag. Mit knappen Texten und reduzierten Aquarell-Illustrationen zeigt Autorin und Illustratorin Emma AdBåge darin die ganze Bandbreite von Emotionen eines Kindergartenkindes auf.

AdBåge, Emma (Text/Illustration):
Die rote Burg.

Aus dem Schwedischen von Maike Dörries.
Kunstmann, München, 2021.
24 Seiten. 15,00 €
ISBN ISBN 978-3-95614-328-7.
Empfohlen ab 3 Jahren.

Inhalt

Im Zentrum von Die rote Burg stehen die namenlose Hauptfigur und ihr Objekt der Begierde: Eine – wie der Titel schon verrät – rote Burg, die es dem besten Freund Finn zu schenken gilt. Dabei ist die rote Burg so viel schöner als die eigene grüne Burg, die plötzlich ganz hässlich erscheint. So sehr das Kind auch versucht, die Mutter zu überzeugen und den Gang zur Party hinauszuzögern: Nachdem Mutter und Kind sich gegenseitig schick gemacht und eine Karte gebastelt haben, auf der Geburtstagsparty das Geburtstagslied gesungen und Kuchen und Saft verputzt haben, lässt sich die drohende Geschenkübergabe nicht länger hinauszögern… Doch – Überraschung – Finn findet das Geschenk total blöd. Viel lieber hätte er eine grüne Burg gehabt! Da endlich kann man glücklich und zufrieden nach Hause gehen – denn so eine grüne Burg ist doch gleich viel schöner, wenn jemand anderes sie begehrt.

Kritik

Schon in Blödes Bild! von Johanna Thydell sorgten Emma AdBåges Illustrationen für großartige Unterhaltung, bei der sich erwachsene und kindliche Lesende gleichermaßen über witzige Details und raffiniert in Zeichnungen übersetzte Emotionen freuen konnten. Auch in Die rote Burg glänzen in erster Linie die Illustrationen, die zwar mit wenig Farben und Flächen auskommen, dabei aber mit so viel Witz und Authentizität Emotionen aufzeigen, dass es eine reine Freude ist. Besonders überzeugt daran die Bandbreite der Gefühle, die teilweise gesellschaftlich gar nicht so akzeptiert sind: Wut, Langeweile, Skepsis, Ungeduld, Genugtuung, Frustration und Verzweiflung finden in diesem Buch ihren Platz. So wird gleich auf der ersten Seite deutlich, wie ungeduldig und trotzig die Hauptfigur auf die drohende Geschenkübergabe wartet: Gleich drei Mal sehen wir das Kind auf einem Sessel – mal mit Decke, mal ohne, mal auf dem Kopf, mal über der Lehne, mal sitzend, gern mit gerunzelter Stirn oder gerollten Augen. Dass diese vermeintlich "negativen" Emotionen nicht sanktioniert werden, sondern vielmehr gewitzt und ganz offen dargestellt sind, hilft den Betrachtenden auf humorvolle Weise, diese auch bei sich selbst zu akzeptieren.

Auch sorgen die Illustrationen dafür, dass das Bilderbuch beinahe filmisch anmutet: Ziependes Haarekämmen lässt sich an zugekniffenen Augen und roten Gesichtern ablesen, Konzentration wiederum dadurch, dass sich das Kind beim Kämmen der Mutter auf die Zunge beißt. Dadurch, dass der Ablauf einer Szene teilweise durch mehrere kleine Bilder auf einer Seite präsentiert wird, bekommen die Szenen eine geradezu bewegte Dynamik (Abb. 1).

Abb. 1: Doppelseite aus "Die rote Burg" (o.S.)

Mit humorvoller Ehrlichkeit bleiben die Illustrationen außerdem stets realistisch: So werden die Haare im Kamm ebenso abgebildet wie der einschneidende BH der Mutter, das Kind, dem das Gummi des Partyhutes zu eng ist, oder das schmutzige Geschirr im Geschirrspüler. Die detailreichen Zeichnungen lassen Kinder wie Erwachsene immer wieder Neues entdecken. Etwa, dass die grüne Burg, die ein paar Seiten vorher noch ganz war, mysteriöserweise kurz vor der Abfahrt von Mutter und Kind zur Geburtstagsparty plötzlich eine abgebrochene Turmspitze hat – ohne, dass dieser Vorfall im Text erwähnt wird. Auch sonst sind Text- und Bildebene gut aufeinander abgestimmt. So wird Die rote Burg der von Kindern (und durchaus auch Erwachsenen) manchmal empfundenen Melodramatik ob eines einfach nicht zu ändernden Umstandes auf textueller Ebene mit Sätzen wie "Aber jetzt ist es zu spät. Weil wir jetzt gehen müssen." (o. S.) gerecht. Die Bilder zeigen das Kind dabei in voller Montur (inklusive Mütze und Schuhen), wie es das Geschenk umklammernd auf dem Bett liegt, oder mit traurig zusammengezogenen Augenbrauen einen letzten Blick auf das Geschenk wirft. So wirken Text und Bild als Gesamtkomposition. Trotz der Details und vielfältigen zu beobachtenden Emotionen erscheinen die Seiten jedoch nie überladen, denn AdBåge arbeitet mit schwarzem Buntstift und wenigen Farbakzenten in Aquarell (Abb. 2). So stechen dann ein rosa Pullover, ein geringeltes Shirt oder aber auch die vor Wut roten Wangen besonders hervor. Die rote Burg kommt dabei ganz ohne Geschlechtszuordnungen aus: Das Kind trägt Farben von rosa über gelb bis grün, hat mittellange Haare, trägt eine Fliege, spielt mit Puppenwagen, Eisenbahn, Dinos und Burgen gleichermaßen und hat neben einem Pferdebild auch einen Ball im Kinderzimmer. Dies, wie auch die Referenzen auf hippe Großstadteltern mit Vintage-Möbeln – Kaffee trinkend und plaudernd, auf Socken und Strumpfhosen durch die Wohnung laufend – dürfte auch die Erwachsenen (Vor-)Lesenden erfreuen.

Abb. 2: Doppelseite aus "Die rote Burg" (o.S.)

Kinder wiederum können am subversiven Charakter des Buches ihre Freude finden. Nicht nur dürfen die kindlichen Figuren in diesem Bilderbuch ihre Emotionen ohne pädagogische Korrektur voll ausleben – sowohl die Wut über ein "falsches" Geschenk des einen als auch die Genugtuung des anderen Kindes werden nicht kommentiert – ja, überhaupt kommen Erwachsene in diesem Bilderbuch kaum zu Wort, noch weniger eine übergeordnete Erzählinstanz (s. Abb. 2). Das Kind selbst erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive. So ist es dann auch konsequent, dass man die Genugtuung des Kindes am Ende der Geburtstagsfeier geradezu mitempfinden kann, wenn es zufrieden und ein bisschen schadenfroh im einsamen Partychaos in der Küche sitzt und genüsslich ein weiteres Stück Torte ist: "Und [ich] denke an meine grüne Burg. Und dass Finn sich etwas wünscht, was ich schon habe. Ich fühle mich gleich ein bisschen besser." Den subversiven Charakter von Die rote Burg dabei mit der politischen Dimension der Farbe "rot" und antiautoritärer Erziehung in Verbindung zu bringen, scheint hier zumindest nicht ganz abwegig.

Allein das Ende kommt ein wenig abrupt daher und hätte durchaus ausführlicher ausfallen können. Oder, um es mit den Worten eines Kindes zusagen, das die Geschichte beim Vorlesen gebannt verfolgt hat: "Manno, immer wenn es am spannendsten ist, ist es vorbei!"

Fazit

Die rote Burg ist ein überaus empfehlenswertes, authentisch und humorvoll illustriertes Bilderbuch mit erfrischend unpädagogischem Ende, das besonders Kinder in der Autonomiephase zwischen drei und sechs Jahren abholen dürfte. Auch Erwachsene, die Kinder auf ihrem Weg zu eigenständigen Individuen mit vielfältigen Emotionen liebevoll begleiten möchten, werden an Die rote Burg ihre Freude haben.

Erstveröffentlichung: 08.05.2021


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