Jugendroman

Bach, Tamara: Sankt Irgendwas

von Inger Lison  |  Erstveröffentlichung: 16.02.2021

Nach einem erfolgreichen Ausflug in den Kinderliteraturbereich (Wörter mit L (2019)) legt Tamara Bach mit ihrem achten Jugendroman wieder einmal einen Titel vor, der mit allen Raffinessen der Erzählkunst ausgestattet ist. In Sankt Irgendwas läuft die Autorin zu Hochform auf und verleiht den von langweiligen Klassenfahrten-Programmpunkten genervten Schülerinnen und Schülern eine zurecht kritische Stimme.

Bach, Tamara: Sankt Irgendwas

Inhalt

Keiner weiß eigentlich genau, was auf der Klassenfahrt der 10b (Fack ju Göthe lässt grüßen) geschehen ist. Aber dass etwas Ungeheuerliches passiert sein muss, beweist die nun einberufene Klassenkonferenz mit den Eltern und der Schulleitung. Als Rahmenhandlung werden Gespräche einiger Schülerinnen und Schüler wiedergegeben, die sich einen Reim darauf zu machen versuchen. Es wird nicht weiter konkretisiert, wo diese Unterhaltungen stattfinden. Es könnte ein Pausenhof sein, aber auch genauso gut ein Schulflur. Dabei werden Gerüchte und Vermutungen gemäß dem Prinzip der stillen Post unter der Schülerschaft weitergegeben und aufgebauscht:

'Was ist denn eigentlich passiert?'

'Ich hab gehört, die haben was in die Luft gejagt. Am Flughafen.'

'Wie jetzt? Alle haben was in die Luft gesprengt? Wie soll das denn gehen, wer hat das denn erzählt?'

'Na, müssen ja alle gewesen sein, wenn die ganze Klasse geladen wird.'

'Das ist bestimmt wegen Josch.'

'Wer ist denn Josch?'

'Ich dachte, der ist schon geflogen? Ist der nicht geflogen?' (S. 6)

Aber was ist nun wirklich geschehen? Mit Hilfe von diversen Protokollen, der während der Fahrt versendeten Beschwerdemails des unbeliebten Lehrers Dr. Utz an die Eltern und den tuschelnden Dialogen der nicht mitgefahrenen Schülerinnen und Schüler werden die Einzelheiten der Klassenfahrt nach "Sankt Irgendwas" oder "Sankt Weißnichwer" (S. 6) zu rekonstruieren versucht. Aus dieser Multiperspektive werden  peu à peu pikante Details offenbar: Der stets schlecht gelaunte Dr. Utz lässt seinen ganzen Frust an seinen Schülerinnen und Schülern aus. Dabei verscherzt er es sich aufgrund seiner unpädagogischen Handlungsweise mit seiner Kollegin, die seitens der Schülerschaft akzeptiert und von allen schlicht "die Kaiserin" genannt wird. Ein langweiliger Programmpunkt folgt dem nächsten in einem strikt durchgetakteten Tagesablauf. Dabei werden die Schülerinnen und Schüler mit dem Bus zu diversen Besichtigungsorten gebracht, die sich allesamt als eine Enttäuschung herausstellen. Die einzige Abwechslung und Aufheiterung stellt dabei die Playlist von Sarah dar, die der Busfahrer Keller gnädigerweise abzuspielen bereit ist. Wie auf Klassenfahrten üblich müssen die Schülerinnen und Schüler Referate halten, den Küchendienst absolvieren, ihre Zimmer sauber halten und und und... Die Situation eskaliert, als ihnen Dr. Utz am letzten Tag aufträgt, für den Abend Sketche, Lieder und eine Ralley vorzubereiten. Der Busfahrer, der das ganze Dilemma bislang still mitverfolgt hat, "kapert" kurzerhand die gesamte Klasse und fährt mit ihnen ans nahe gelegene Meer. Dr. Utz bleibt wutentbrannt zurück.

Kritik

Man sollte meinen, dass Klassenfahrten auf den ersten Blick nicht unbedingt die ergiebigste Handlungskonstellation darstellen, um die Gefühlswelt Heranwachsender abzubilden. Doch Tamara Bach zeigt mit ihrem neusten Roman, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Nirgends hocken die Schülerinnen und Schüler Tag und Nacht so dicht aufeinander mit der Lehrerschaft. Das dieses beengende Raum-Zeit-Konstrukt genügend Konfliktpotential bereithält, kann jeder von uns nachvollziehen, der eigene nostalgische oder weniger nostalgische Reminiszenzen an vergangene Klassenfahrten abruft. Diese bekannten Konfliktherde (elendig lange Busfahrten, bei denen nicht die Bustoilette benutzt werden darf, öde Ausflugsziele, ermüdende Referate) werden mit Hilfe von Schülerinnen und Schülern angefertigten Protokollen beschrieben. Dabei wird auf keinen der Jugendlichen ein Fokus gelegt. Vielmehr unterstreicht dieses Nicht-Hervorheben die sich allmählich herausbildende Solidarität untereinander und die sich einstellende Allianz gegen den ungerecht handelnden Lehrkörper. Unerwarteter Weise kommt der anfangs unsympathisch wirkende Busfahrer der 10b zu Hilfe, der diese sogar gleich zweimal an einen locus amoenus  bringt. Dieser idyllische Sehnsuchtsort stellt bei den Klassenkameraden übereinstimmend das Meer dar. Sowohl denHerbergsort, das Jahr ("Sommer zweitausendundnochwas" S. 120) sowie die genaue Bezeichnung des Meers lässt die Autorin als Unbestimmtheitsstelle stehen. Auch diese Leerstellen können die Rezipienten und Rezipientinnen mit ihren eigenen Erfahrungen und Vorstellungen ausfüllen. "Sankt Irgendwas" zeichnet sich genauso wie Bachs frühere Romane durch eine sehr poetische und metaphorische Diktion aus. Das Bild der durch die Luft schwebenden, aus den recycelten Referaten gefalteten Papierflieger kommt einer stummen Revolte gegen das starre Konzept der Klassenfahrt und die Inkompetenz des Lehrers gleich: "Durch die Luft fliegen Basiliken, Römer, Tierwelten und Aquädukte. Geologie und Flora. So viel Geschichte und ein paar Gedichte. Flieg, Blättchen, flieg." (S. 133)

Zudem verwendet die Autorin insbesondere in der Rahmenhandlung die wörtliche Rede, die als moderne Jugendsprache an die Lebenswelt der heutigen Heranwachsenden anknüpft. Und selbstverständlich findet sich auch in der jüngsten Publikation als wiederkehrendes Motiv der typische Bach-Sound in Form von Playlisten wieder, die gekonnt die jeweilige, vorherrschende Atmosphäre einfangen bzw. wiedergeben und somit als Stimmungsträger fungieren, aber auch Wendepunkte markieren.

Fazit

Auch in ihrem neuesten Jugendroman vermag die experimentierfreudige Tamara Bach mit dem Protokoll als Erzählstrategie zu überraschen, das sie mit bereits bewährten Komponenten (Playlisten, bildreiche Sprache, Jugendsprache, Unbestimmtheitsstellen) kombiniert. In diesem Kontext wirken die hier verwendeten erzähltechnischen Stilmittel erfrischend und sehr gut gemixt, abseits jeglichen Mainstreams. Der Spannungsbogen wird bis zum Ende kontinuierlich aufrecht gehalten und die mitunter elliptischen Formulierungen verleihen der Handlung ein kontrastreiches Tempo im Verhältnis zu der sonstigen durch Langeweile und Antihaltung geprägten Grundstimmung. Herausgekommen ist ein gelungener kurzweiliger, tiefgründiger und humorvoller Roman, der zur Selbstreflexion anregt.

Für Jugendliche ab 14 Jahren und für Lehrerinnen und Lehrer unbedingt empfehlenswert.

Titel: Sankt Irgendwas
Autor/-in:
  • Bach, Tamara
Erscheinungsort: Hamburg
Erscheinungsjahr: 2020
Verlag: Carlsen
ISBN-13: 978-3-551-318183
Seitenzahl: 123
Preis: 13,00 €
Altersempfehlung Redaktion: 14 Jahre
Bach, Tamara: Sankt Irgendwas