von Ines Klisch

Annika Scheffel erzählt in ihrem neuen Kinderbuch von der zwölfjährigen Mari und ihrer Familie, die nach langer und schwerer Krankheit des Vaters zu einem Erholungsurlaub auf die kleinen Insel Solupp aufbrechen. Federleicht verbindet die Autorin die schwierige Vorgeschichte und deren Auswirkungen auf das Miteinander der Familie mit einem ereignisreichen und geheimnisvollen Sommerabenteuer. Solupp, das leider auf keiner Landkarte zu finden ist, seine Bewohner und seine Gäste erscheinen beim Lesen so plastisch und lebensnah vor dem inneren Auge, dass es sich beim Zuklappen des Buchs fast so anfühlt, als habe man soeben einen wunderschönen Sommerurlaub zu Ende gebracht. 

Scheffel, Annika: Sommer auf Solupp.

Mit Illustrationen von Elsa Klever.
Verlag Thienemann, Stuttgart, 2021.
320 Seiten. 15,00 €
ISBN 978-3-522-18571-4
Empfohlen ab 10 Jahren.

 

Inhalt

Familie Fröhlich fährt in den Urlaub. Für sechs Wochen hat Mutter Paula das Heckenrosenhaus auf Solupp, einer kleinen Insel im Nirgendwo, gemietet, stößt jedoch, als sie der Familie den Plan eröffnet, auf wenig Gegenliebe. Vater Tom, geschwächt von einer längeren, schweren Krankheit, scheint gleichgültig. Der vierzehnjährige Kurt kommentiert die Ankündigung mit "Ohne mich!" (S. 8). Seine um ein paar Jahre jüngere Schwester Mari, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, und der fünfjährige Bruder Bela wünschen sich dringlichst ein anderes Urlaubsziel. Doch Paula bleibt dabei, sie ist davon überzeugt, dass ein langer Urlaub auf dieser Insel der Familie guttun würde nach den Strapazen der letzten Monate und fast verzweifelt reiselustig stürzt sie sich in die Vorbereitungen. Halbherzig und der Mutter zuliebe macht die Familie mit, sodass sie schließlich am ersten Ferientag auf der kleinen Fähre „Elysion“ sitzt und der Insel entgegenfährt. Solupp entpuppt sich als Paradies: Zum Erholen und Wiederaufeinandereinlassen für die Eltern und als Abenteuerspielplatz für die Kinder. Etwa in der Mitte des Buches entwickelt sich ein rasantes Abenteuer mit Geheimnissen, Schätzen und Piraten. An dessen Ende steht die unausgesprochene Frage, ob es im nächsten Jahr ein Wiedersehen auf Solupp geben wird…

Kritik

Ganz langsam tastet sich die Autorin Annika Scheffel an die Vorgeschichte heran, den Grund, warum die Fröhlichs einen so langen Urlaub verbringen und warum Mutter Paula so viele Erwartungen und Hoffnungen hegt: Das traumatische Erleben des schwerkranken Vaters hat die Familie verändert und jedes einzelne Familienmitglied an Grenzen gebracht. Es geht hier um große Gefühle: Verlustangst und Unsicherheit, Zuneigung, Geborgenheit oder deren schmerzvolle Abwesenheit. Dem Text ist keine Scheu anzumerken, Schmerz und Trauer deutlich erkennbar zu machen. Scheffel versteht es, Emotionen und Stimmungen so in Bilder und Analogien zu verpacken, dass sie für Kinder nachvollziehbar werden. Dabei gelingt ihr die Balance, großen Gefühlen nicht aus dem Weg zu gehen, sie aber auch nicht zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Besonders eindrücklich ist dabei die Darstellung des Geschwisterverhältnisses zwischen Kurt, Mari und Bela. Annika Scheffel beschreibt sehr sensibel, wie unterschiedlich die Kinder mit den Erfahrungen der zurückliegenden Zeit umgehen und um ihre Position in der Familie und zueinander ringen. Deutlich wird dies in der Art, wie sie der neuen Umgebung und den Bewohnern der Insel begegnen. Mari und ihr kleiner Bruder Bela können sich schnell auf ihr Urlaubszuhause einlassen. Bela, geleitet von seiner Offenheit und der erstaunlichen Bereitschaft Fünfjähriger zu einem Neuanfang, erobert die neue Umgebung und ist bald vertieft in die Anlage seines Museums mit Strandfundstücken. Mari schließt Freundschaft mit der gleichaltrigen Ema und deren guten Freund Joon, einem Jungen etwa in Kurts Alter. Zusammen wollen sie die Geheimnisse der Insel ergründen. Und eigentlich fehlt hier nur noch Kurt, der sich in den letzten Wochen jedoch immer mehr in sich selbst und unter die Kapuze seines Hoodies zurückgezogen hat, wie Mari wie folgt beschreibt: "… ganz sicher hat er darunter die Kopfhörer auf und hört wieder seine Brüllmusik aus dem antiken Walkman, den er und Papa vor Urzeiten einmal aus der Elektroschrottkiste eines ranzigen Flohmarktstandes gezogen hatten, und mit dem Kurt seit ein paar Wochen wie verwachsen ist, den er hütet, als wäre es sein Herz, das ihm aus Versehen aus dem Körper geplumpst ist." (S. 6) Mari empfindet ihren großen Bruder als "…verschwunden" (S.7), so sehr hat er sich von ihr distanziert, und sie vermisst ihn schmerzlich. Kommen sie jedoch zusammen, gibt es Streit und Auseinandersetzungen, denn ein großer Berg Unausgesprochenes steht zwischen ihnen.

Ohne zu viele Worte zu machen und ohne konkret zu benennen, führt die Erzählerin durch die Entwicklung der Figuren. Mari ist eindeutig die Hauptfigur des Romans. Sie wird im Buch als zwölfjährig benannt, wirkt aber noch nicht pubertierend, also durchaus noch etwas jünger. In ihrer Anlage ähnelt sie Figuren wie Martha aus Kirsten Boies Sommerby oder auch Sprotte aus Cornelia Funkes erstem Wilde-Hühner-Band. Annika Scheffel bedient sich dabei diverser erzählerischer Möglichkeiten. Konsequent wird die Handlung und die Vorgeschichte aus Maris Sicht erzählt, was auch glaubwürdig gelingt. Handlungen und Äußerungen der anderen Figuren verraten viel über deren Innenwelt, unterliegen dabei oft Maris Interpretation bzw. Sichtweise, und in zahlreichen Rückblenden, die immer wieder in den Text eingebaut sind, wird Maris Erleben der schwierigen Zeit währen der Krankheit des Vaters dargestellt. Wie glücklich, dass Annika Scheffel eine sensible Erzählerin ist und es ihr gelingt, durch Maris Bericht alle anderen Figuren in ihren Facetten deutlich werden zu lassen. Wetter und Gezeiten werden als Stimmungsspiegel verwendet, Tiere agieren als Begleiter einzelner Figuren (hier v.a. Bela und die Überwindung seiner Furcht vor Hunden durch Feinur, den Wolfshund der Vermieterin Jolka, oder Mari, der in Momenten der Unsicherheit ein wildes Pony an die Seite gestellt wird) oder Figuren nehmen durch Tätigkeiten einen neuen Platz ein (z.B. Paul, der mittels Backen und Kochen wieder für seine Familie zu sorgen beginnt). Es ist der Autorin hoch anzurechnen, die Geschichte weder ins Pädagogisch-Zeigefingerige noch ins Süßlich-Kitschige abgleiten zu lassen.

Einzelne kleine Aspekte der Erzählung erscheinen zwar unglaubwürdig wie z. B. die Wohnsituation Joons oder die Herkunft Tondas. Doch eine kindliche Leserschaft wird dies vermutlich wenig stören. Nicht ganz so glücklich ist der Gesamtspannungsbogen des Romans gelungen, was vermutlich an der zeitlichen Aufteilung des Plots liegt. Obwohl der seltsame Fremde, der zu Beginn des Buchs sehr markant eingeführt wird, der Schlüssel zur Enthüllung eines großen Geheimnisses ist, spielt sich dieses Abenteuer ausschließlich im letzten Drittel des Buchs ab. Die vielen Schritte, die zur Aufklärung führen, hätten in der Geschichte etwas stetiger verteilt werden können. So ist die Auflösung doch sehr konzentriert und erscheint damit etwas hektisch. Schade, denn die Parallele zwischen der Geschichte der Familie Fröhlich und der Vergangenheit des Fremden bekommt so zu wenig Raum um sich zu entfalten.

Innerhalb des Romans arbeitet Annika Scheffel gekonnt mit kleineren Spannungsbögen (als Beispiel sei hier die dramatische Rettung des "Meerjungen" Tonda genannt). Hin und wieder spielt sie ein kleines Vexierspiel mit ihrer Leserschaft, indem sie an geeigneten Stellen eine Wendung der Geschichte ins Fantastische antizipieren lässt. Diese Szenen entpuppen sich jedoch stets als diesseits der Linie, als in der realen Welt spielend – ein sehr schöner Kunstgriff, der die Spannung steigert und die Lesefreude sowieso. Für eine weitere Prise Zauber sorgen die vielen Begriffe, die, oft angelehnt an gebräuchliche Worte, typisch „soluppisch“ sind: Sprobben, also kleine Fische wie die bekannten Sprotten, Solbeeren, vielleicht verwandt mit dem dänischen Solbaer für Johannisbeeren, oder Dunkelstunde für Nacht. Eine reizvolle sprachliche Eigenheit des Textes liegt in den von Verben eingeleiteten Aufzählungen (z.B. bei der Zimmerverteilung im Ferienhaus, S. 31). Sie verleihen dem Schreibstil zum einen ein immer wiederkehrendes rhythmisches Element, verstärken aber darüber hinaus den Eindruck eines mündlichen Berichts. Reichlich intertextuelle und historische Bezüge regen die Lust zum Weiterforschen an und können so sehr einfach als Ansatz für Projekte im literaturpädagogischen Bereich genutzt werden.

Fazit

Der Thienemann Verlag empfiehlt Sommer auf Solupp ab 10 Jahren. Die Komplexität der Fröhlichschen Familiensituation wird manchen 10jährigen jedoch noch verborgen bleiben, was zu einer gewissen Leseermüdung in den ruhigeren Teilen des Buches führen könnte. Die Abenteuergeschichte im letzten Drittel nimmt dann wieder Fahrt auf und dürfte ungeduldigere Leserinnen und Leser erneut fesseln. In seiner Gesamtheit gesehen ist dieser schöne Roman eher ab 12 Jahren zu empfehlen. Ob diese Altersgruppe bei der nostalgisch anmutenden Covergestaltung selbst zu diesem Buch greift, bleibt dahingestellt. Ihre Eltern und Großeltern werden sich hoffentlich von der Astrid-Lindgren-Romantik der Titeldarstellung eher begeistern lassen und dieses Buch dann an den Nachwuchs verschenken. Und ein locker erzähltes Buch zu bekommen mit viel Gehalt – das ist schon etwas Wunderbares.

 Erstveröffentlichung: 23.04.2021 


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