von Monika Hernik

Wie ist es wohl, "halb Köfte, halb Kartoffel" zu sein? Was erwartet eine ziemlich verrückte und sich liebende Kleinfamilie, die von der türkischen Küste ins verregnete Hamburg zieht? Und warum macht halb und halb doppelt glücklich? All diesen Fragen geht der für den Jugendliteraturpreis nominierte Kinderroman von Ayşe Bosse nach. In der verrückten Geschichte vermischen sich Traum und Wirklichkeit, Magie und Realität und im Zentrum des Geschehens steht ein Mädchen, das den schönsten, für sie aber den schlimmsten Namen der Welt trägt, den sie deshalb nur selten verrät. Der Roman lebt von der witzigen Sprache, einer bunten Figurenwelt und der kindlichen Protagonistin, die zwischen zwei Ländern und Kulturen steht.  

Bosse, Ayse: Pembo.

Mit Illustrationen von Ceylan Beyoğlu.
Verlag Carlsen, Hamburg, 2020.
267 Seiten. 10,00 €
ISBN 978-3-551-65039-9.
Empfohlen ab 9 Jahren.

 Inhalt 

Erzählt wird in Pembo die Geschichte eines 11-jährigen Mädchens, das am Beginn der Erzählung mit einer großen Wende in seinem Leben konfrontiert wird. Von einem Tag auf den anderen soll es sein geliebtes kleines Dorf an der türkischen Küste gegen Hamburg tauschen. Dabei verbindet Pembo ausschließlich negative Assoziationen mit der neuen Heimat. 

Die Hauptfigur des Romans ist alles andere als ein typisches Mädchen. Denn: Sie hasst alles, was mädchenhaft, süß und rosa-glitzernd ist, mag dafür Ringkampf und Surfen. Dank der Eltern ist sie zweisprachig aufgewachsen, so dass ihr der Umzug und die Einschulung im neuen Land keine größeren Probleme bereiten sollten. Dennoch sieht die Realität vollkommen anders aus, denn das neue Leben stellt die gesamte Familie auf eine große Probe und nun müssen Pembo und ihre Eltern noch stärker zusammenhalten, um den Neustart zu meistern. Ayşe Bosse erzählt eine Geschichte, die nicht nur Heimweh und Ankunft im Zielland thematisiert,  berichtet wird auch darüber, wie man zu sich selbst findet, seine Identität bewahrt, auch wenn es leichter wäre, sich anzupassen und darüber, dass Veränderungen als eine Bereicherung und nicht unbedingt als Verlust betrachtet werden sollten, ganz im Sinne der Aussage der Hauptfigur: "Manchmal sind zwei Hälften mehr als ein Ganzes." (S. 249)

Kritik

Die Autorin Ayse Bosse, die bislang für ihre Bücher zur Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche bekannt war, liefert in ihrem Kinderroman Einblicke in die Kultur, Küche und Landschaft der Türkei sowie einen Blick von außen auf das, den Lesern und Leserinnen wohl eher vertraute Deutschland. Dabei wird man mit zahlreichen türkischen Wörtern bekannt gemacht, die in der Geschichte eine Rolle spielen: Am Anfang eines jeden Kapitels findet man die Illustration eines Post-It-Zettels mit Wendungen und Ausdrücken, die darin vorkommen. Sämtliche türkische Wörter und Wendungen, die im Roman eine Rolle spielen, werden am Schluss nochmal in einer Wörterliste zusammengefasst. Der Text wird durch die schönen und reduzierten Aquarellbilder von Ceylan Beyoğlu begleitet, die das Geschehen abbilden, gleichzeitig aber der kindlichen Vorstellungskraft viel Raum lassen.

Das Erzählen setzt  in medias res an mit einer geheimnisvollen Szene, die sich später als eine der kontinuierlich im Text erscheinenden Traumsequenzen herausstellt. Die Träume bilden eine Art Parallelhandlung zur erzählten Geschichte, sind aber zugleich eine Metapher für die Veränderungen, die in Pembos Leben aber auch in ihr selbst geschehen. Die Ähnlichkeit der Figur des Mädchens ohne Namen, das den Zauberer begleitet mit der Hauptfigur könnten daraufhin deuten, dass es sich dabei um Pembo und ihren Vater handelt. Am Textende fließen beide Erzählstränge ineinander, indem der Zauberer aus dem Traum endlich das Fliegen lernt und das Mädchen ohne Namen den Mut findet, ihren richtigen Namen der Welt mitzuteilen.

Der Text spielt sowohl im Heimat- als auch im Zielland, dabei sind beide Räume viel mehr als nur die Kulisse für die spannende Handlung. Anfangs befinden sie sich im starken Kontrast zueinander. Dabei steht die Türkei symbolisch für Wärme, Geborgenheit, Familien- und Freundeskreis ganz im Sinne der verlorenen Heimat, während Deutschland für die Protagonistin eindeutig negativ konnotiert ist, was sie mehrmals zur Sprache bringt: "Dilo sagt, dass es in Deutschland so düster und kalt ist, weswegen sie da absolut alle gruseligen Szenen von Harry Potter UND Herr der Ringe gedreht haben." (S. 14-15) 

Eine große Stärke der Geschichte sind die Figuren, die sie bewohnen. Des Öfteren greift die Autorin dabei stereotypisierende Darstellungen auf, nicht um diese zu verfestigen, sondern vielmehr um damit spielerisch umzugehen.  So erscheint im Text der deutsche Vater als ein verbissener Vertreter der tradierten Rollenbilder der glaubt, dass eine Frau in die Küche gehört, während der koreanische Anwalt lieber den Namen seiner Frau annimmt. Die Familie von Pembo wird ganz im Sinne zeitgenössischer Kinderliteratur als eine Verhandlungsfamilie inszeniert, in der das Kind zum gleichberechtigten Partner neben beiden Elternteilen wird. Eine wichtige Rolle spielen die zahlreichen, sehr detailreich konzipierten Nebenfiguren wie die türkischen Verwandten und Freunde sowie die neuen Bekannten in Hamburg, die viel mehr als nur den Hintergrund für die Hauptfiguren bieten. Sowohl bei den kindlichen als auch den erwachsenen Gestalten findet man positive und negative Figuren, deren Verhalten von der Erzählinstanz weder beurteilt noch korrigiert wird. Dennoch kann man sagen, dass die Kinder viel autonomer und stärker erscheinen als die Figuren der Erwachsenen. 

Die wichtigste Figur ist Pembo, die mit ihrer Abneigung allem Mädchenhaften gegenüber sowohl weibliche Rezipientinnen als auch männliche Rezipienten abholen dürfte. Mit großer Souveränität, die auf Unterstützung und Vertrauen der Familie basiert, schafft es die Protagonistin in der neuen Umgebung anzukommen, ohne sich dabei zu verstellen. Die gesamte Handlung wird aus Pembos subjektiver Sicht dargestellt, dabei liefert die personale Ich-Erzählerstimme sowohl einen Überblick über die Handlung als auch viele Einblicke in das Innere der Hauptfigur in Form von Gedanken oder Bewusstseinsstrompassagen, wie im folgenden Beispiel: "Und wer wird für mich da sein? Es gibt doch sonst niemand, der mich so gut versteht. Der weiß, wer ich bin." (S. 41) Pembo als Erzählerin der Geschichte ist humorvoll, selbstreflexiv und an manchen Stellen ironisch. Sie kommentiert und beurteilt die Ereignisse, beruft sich dabei oft auf Meinungen der Eltern, die sie gutheißt: "Baba sagt, man soll nicht alles so ernst nehmen, was in alten Büchern steht. Und er sagt, dass jeder an das glauben und das essen dürfen sollte, was er oder sie möchte." (S. 153) 

Dabei verzichtet die Autorin darauf, in ihrem Text zu moralisieren oder den pädagogischen Zeigefinger zu erheben. Zur Wertungsinstanz im Buch wird eindeutig die kindliche Protagonistin erklärt, die ihre Urteile direkt zur Sprache bringt, beispielsweise wie in der folgenden Passage:

"Hauptsache ist, es sind liebe Menschen um einen herum. Und liebe Menschen, die trifft man überall auf der Welt. […] Zu Hause ist man überall, wenn man seine liebsten Menschen im Herzen hat, das versteht sie jetzt. Denn sein Herz trägt man schließlich mit sich herum, wenn man nicht gerade ein Zombie oder so was ist." (S. 185)

Der Handlung mangelt es weder an äußerer Spannung, die aus den rasant aufeinanderfolgenden Ereignissen resultiert, noch an innerer Spannung, die sich aus der Gefühlslage der Hauptfigur ergibt. Das Textende in Form eines Epilogs ist geschlossen, denn Pembo und ihre Familie finden in der Wahlheimat ihr zweites Zuhause. Da aber am Romanschluss eine neue Figur eingeführt wird, regt das Textende offensichtlich dazu an, weiter zu erzählen. In Pembos Haus ist ein neues Mädchen eingezogen, das dem Namen nach (Dilara) ebenfalls türkischer Abstammung ist. Der Roman endet mit einer Art Cliffhanger, wenn es heißt: "Darf ich mich zu dir setzen? Na klar. Cool. Und jetzt erzähl! Also erzähle ich…" (S. 267)  

Fazit

Ayşe Bosse geht in ihrem Roman auf schwierige Themen wie Verlust der Heimat, Trennung vom nächsten Familien- oder Freundeskreis oder Ankunft an einem neuen Ort ein, tut dies aber mit Humor und einer großen Prise Hoffnung. Dabei ist die Problematik des Buches, in einem Ort oder unter Menschen neu und anders zu sein, vom universellen Charakter und dürfte durchaus auch für Leser und Leserinnen ohne Migrationserfahrung wichtig und vertraut sein. 

Der Umfang des Textes (knapp 270 Seiten) ist ein Grund, um ihn eher für lesegeübte Kinder zu empfehlen, dennoch wirkt er dank der medialen Adaption (größere Schrift, Bilder, Buntschrift bei Einschüben aus Briefen, Mails, SMS) für die vom Verlag avisierte Altersstufe (ab 9 Jahren) zugänglich. Auch die zahlreichen Bezüge zur außertextuellen Wirklichkeit in Form der Verweise auf reale Personen – Politiker, Pop-Stars (Angela Merkel, Barack Obama, Justin Bieber, Lady Gaga) – könnten  vor allem für Kinder ab dieser Altersstufe ansprechend sein. 

Die Hauptfigur ist 11 Jahre alt, befindet sich im Übergang von der Kindheit in die frühe Pubertät und dürfte somit für Leser und Leserinnen im gleichen Alter ein Identifikationsangebot darstellen, besonders da an ihrem Beispiel universelle Themen wie Freunde finden in der Peer-Group, Stress im Familienalltag oder das Recht auf Anderssein zur Sprache gebracht werden. 

 

Erstveröffentlichung: 11.06.2021


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