von Kirsten Kumschlies

Wie wird man beliebt? Das ist die zentrale Frage, die den zwölfjährigen Sigge umtreibt und die er sich im Grunde nicht wirklich beantworten kann. Denn: Er ist es nicht. Darauf, dass er trotzdem ein "geniales Leben" führt, macht ihn seine neue Nachbarin Juno aufmerksam, die erste richtige Freundin, die er je hatte und die ihm den Blick für ganz andere Dinge und Werte im Leben öffnet. Doch auch diese neue Freundschaft muss Hürden und Hindernisse überwinden. Davon und von einer komischen Familie erzählt Jenny Jägerfeld in diesem herzerwärmenden Kinderroman. 

Jägerfeld, Jenny: Mein geniales Leben.

Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer.
Verlag Urachhaus und Freies Geistesleben, Stuttgart, 2021.
358 Seiten. 16,00 €
ISBN 978-3-8251-5270-3
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Wegen der andauernden Arbeitslosigkeit seiner alleinerziehenden Mutter zieht der zwölfjährige Sigge mit seinen beiden jüngeren Halbgeschwistern Majken und Bobo von Stockholm in das abgelegene Skärblacka. Dort lebt seine eigenwillige Großmutter, die am liebsten Glitzeroverall und High Heels anzieht, in einem ausrangierten Hotel mit nur einem einzigen Gast. Bereitwillig und voller Freude nimmt sie die Familie auf. Mit von der Partie sind der Hund Einstein, die Schildkröte Carolina und die Meerschweinchen Tarzan und Frasse. In Skärblacka wird Sigge nach den Sommerferien in eine neue Schule kommen. Bis dahin setzt sich der Junge ein festes Ziel: Er will unbedingt beliebt werden und Freunde finden. Doch wie stellt man das an? Davon hat Sigge, der sich immer als Außenseiter gefühlt hat, leider keine Ahnung. Genial findet ihn offenbar nur seine Mutter, Freunde hat er in Stockholm nie gefunden. Während sich seine Mutter auf Arbeitssuche begibt, da sie im Gegensatz zu ihrer Mutter der Meinung ist, dass eine geregelte Arbeit und eine feste Stelle im Leben durchaus von Vorteil sind, entwirft Sigge einen Plan, um beliebt zu werden. Dazu gehört für ihn, sich gut anzuziehen, am besten mit Markenklamotten, eine coole Frisur zu haben, keine Brille zu tragen (was ein Problem ist, da Sigge schielt), durchtrainiert auszusehen, schlechten Mundgeruch zu vermeiden, beim Reden nicht mit Armen und Beinen herumzufuchteln, nicht zu schreien und zu verheimlichen, dass er Eiskunstlauf toll findet und vor allem: "Sozial sein! Fragen stellen und alles Mögliche über sich selbst erzählen. Mit Leuten reden, mit Lehrern und anderen Schülern. Witzig sein und die anderen zum Lachen bringen." (S. 67). Aber wie das funktionieren soll, weiß Sigge nicht so recht. Völlig konträr zu seinen Überlegungen läuft da der Rat seiner verrückten Großmutter, denn der lautet: Sei einfach du selbst! 

Der Roman erzählt davon, wie Sigge seinen eigenen Weg findet und auf diesem eine wunderbare Freundin, die Nachbarin Juno mit den türkisfarbenen Haaren, die er anfangs gar nicht mag. Die erste Begegnung zwischen den beiden geht total daneben, und Sigge stiehlt ihr aus einem schlichten Impuls heraus ihren Gartenzwerg. Für diesen eröffnet er einen fiktiven Instagram-Account unter dem Namen "Runawaygnome" und postet Nachrichten aus der Perspektive des Zwergs, den er Bilbo nennt: "Ich bin freiwillig abgereist. Ich hatte genug vom Leben in der Kleinstadt. Fühlte mich gefangen. Irgendwie unfrei. Als würde ich mich als Zwerg nicht weiterentwickeln" (S. 99). Später veranlasst er sogar den alten Dauerhotelgast Krille Marzipan dazu, Ansichtskarten aus Berlin, Paris und London im Namen des Zwerges an Juno zu schicken, womit er diese zur Weißglut reizt. Welche Bedeutung der Gartenzwerg für das Mädchen hat, erfährt Sigge erst, nachdem er sich mit ihr bei der Suche nach einer entlaufenen Schildkröte angefreundet hat. Für Juno symbolisiert der Zwerg eine Art von Rebellion gegen ihr steril-sauberes Elternhaus, das so ganz anders ist als das von Sigge und seiner Familie. An der Geschichte mit dem Gartenzwerg droht die Freundschaft zwischen Sigge und Juno zum Ende hin zu zerbrechen. Doch Offenheit und Ehrlichkeit bahnen sich ihren Weg und führen zu einer erlösenden und heilsamen Aussprache.

Kritik

Jenny Jägerfeld erzählt eine wunderbare Freundschaftsgeschichte, die durch originelle Figuren und ebenso originelle Schauplätze überzeugt, die gleichsam an Skurrilität kaum zu überbieten sind. Erst durch Junos Perspektive wird Sigge klar, dass er ein schönes Leben führt, denn das Nachbarmädchen schaut mit Begeisterung auf seine chaotischen Lebensverhältnisse, mit denen er bis dato so haderte. Seinen Vater kennt er nicht, die Mutter findet erst nach dem Umzug und der Trennung vom Vater der Halbgeschwister eine Arbeit als Krankenschwester, und die Großmutter schert sich in keiner Weise um die Meinung anderer Leute. In Stockholm wurde er in der Schule gemobbt, erst recht, als er sich als leidenschaftlicher Eiskunstläufer offenbarte. Fortan mochte er den Sport nicht mehr betreiben, weil er sich schämte. Erst durch den durch den Umzug evozierten Ortswechsel und Junos Blick auf die Familie wird ihm bewusst, wie liebevoll seine Mutter, Großmutter und Geschwister miteinander umgehen. Als Juno das erste Mal zu Besuch kommt und er ihr die Meerschweinchen Tarzan und Frasse zeigen will, sagt sie: "Meerschweinchen habt ihr auch? Das wusste ich gar nicht! Sigge, du hast echt ein geniales Leben!" (S. 282). Seine Antwort: "Well. Ja. Kommt wohl drauf an, wie man es sieht." (ebd.)

Mit bestechender Leichtigkeit und einer großen Portion Wortwitz erzählt der Kinderroman von einer wunderbaren Freundschaft und einer ebenso wunderbaren Familie, die dafür einsteht, jeden einfach so sein zu lassen, wie er ist. Die Geschichte vom Gartenzwerg bildet Sigges Entwicklung auf einer zweiten Erzählebene ab, die, wie die gesamte Handlung, intern durch den Protagonisten fokalisiert ist und nah an seinem Erleben und an seinen Wahrnehmungshorizont gebunden ist.

Je weiter die Reise des Gartenzwergs (in implizit intermedialer Referenz auf Die fabelhafte Welt der Amélie) mit viel Situationskomik durch den Protagonisten ausfabuliert wird, desto mehr kann er reifen, zu sich selbst finden und eine Freundschaft eingehen, bei der es nicht um Oberflächlichkeiten und reines Sich Darstellen geht. Der Zwerg stellt sich dabei genauso originell, liebevoll und witzig dar wie alle Figuren, die in diese warmherzige kinderliterarische Welt bevölkern. Die Mixtur aus Elementen des komischen Kinderromans, wie man sie im deutschsprachigen Erzählraum von Boies Nella-Propella, Steinhöfels Rico und Oskar und Taschinskis Familie Flickenteppich kennt, und der durch den Protagonisten fingierten Zwergen-Geschichte, die sich lediglich in den imaginierten Posts entfaltet, machen das Buch zu einer humorvollen und lustigen Lektüre, die aber auch für die Gefühle derjenigen sensibilisiert, die sich ausgegrenzt fühlen. Die Großmutter ist die Figur, die ihren Weg schon gefunden hat, und dieser führt sie ins in ihrem Erleben postitiv konnotierte Abseits der Gesellschaft. Das ehemalige Hotel, das nur noch von einem Gast, dafür aber von so vielen Tieren bewohnt wird, strahlt eine bestechende Herzlichkeit aus, von der sich sowohl Juno, die der Sterilität und Enge des eigenen Elternhauses entflieht, als auch kindliche Leserinnen und Leser spontan angezogen fühlen können. Hier vereinen sich klassische kinderliterarische Motive wie die Nähe zu Tieren, aber auch Elternferne, denn Sigges liebevolle, fürsorgliche Mutter, die in ihrer Konzeption an Ricos Mutter aus Steinhöfels Rico und Oskar- Romanen erinnert, findet Arbeit als Krankenschwester, weshalb die Geschwister nun in der Obhut der schrägen Großmutter verbleiben, die in ihrem Alltag selbst kaum Struktur hat. Aber das macht nichts! 

Fazit

Ein genialer Kinderroman, der von diesem titelgebenden genialen Leben erzählt! Er offeriert eine regelrecht beglückende Lektüre, die sich aus den schrägen und komischen Figuren speist und die den Text in die Tradition des komischen Kinderromans stellen. Er eignet sich zum Vor- und Selberlesen für Kinder ab 10 Jahren, die aber bei der Seitenstärke von 358 Seiten auch eine ausgeprägte Lesemotivation mitbringen müssen.

Erstveröffentlichung: 11.06.2021

 


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