In ihrem einführenden Vortrag zeigten drei der Organistaror:innen der Tagung, Jana Mikota, Nadine Schmidt (beide Universität Siegen) und Christoph Jantzen (Universität Hamburg) auf, welche unterschiedlichen Ansätze und Möglichkeiten es über die Jahrzehnte gab und gibt, den Gegenstand "Erstleseliteratur" zu fassen, zu beschreiben, zu definieren und ihn sowohl in den Gesamtkorpus der intendierten und faktischen Kinderliteratur und in didaktische Kontexte einzuordnen.
Sven Nickel (Universität Bozen) konstatierte im zweiten einführenden Vortrag mit dem Titel "Erstleseliteratur und Schriftspracherwerb – ein ungeklärtes Verhältnis" , dass die Erstleseliteratur in den letzten 20 Jahren zunehmend literarisch komplexer in ihren Erzählstrategien wird und auch eine multidimensionale Qualität entwickelt, aus schriftsprachdidaktischer Perspektive aber kaum eine Weiterentwicklung zu beobachten ist. Auf der Grundlage der Phasen des Schriftspracherwerbs nach Brügelmann formulierte er, dass Erstleseliteratur, die tatsächlich für die Vorbereitungs- und die Anfangszeit des Schriftspracherwerbs geeignet sein soll, der ersten (= der präliteral-symbolischen), der zweiten (= der logographemischen) und der dritten (= der phonographemischen) Phase zuzuordnen sein müsste. Ein großer Teil aber der Erstleseliteratur, so sein Fazit einer umfassenden Analyse verschiedener Titel, muss der vierten, der orthographischen Phase zugeordnet werden und ist somit für den tatsächlichen Anfang des Schriftspracherwerbs nicht geeignet. Ein weiteres Problem bei der Auswahl geeigneter Lektüren für Leseanfänger:innen ist seiner Wahrnehmung nach die unterschiedliche Stufenzuordnung, die die Verlage bei ihren Erstlesereihen vornehmen und die häufig nicht auf den Erkenntnissen zu den Phasen des Schriftspracherwerbs basiert. Nickel plädiert deshalb für die Einrichtung eines verlagsübergreifenden Index, für die Weiterentwicklung systematischer Analysemodelle und dafür, die Perspektive der Kinder auf die Literatur zu berücksichtigen.
Diese Perspektive der Kinder stand im Mittelpunkt des Vortrags "Literaturpräferenzen von Erstleseliteratur" von Fiona Kern und Benjamin Uhl (beide Universität Koblenz). Sie haben die Literaturpräferenzen von leseschwachen Schüler:innen und die Vorlieben und Auswahlkriterien von Lehrpersonen verglichen und dabei festgestellt, dass die Kinder reflektiert nach Aufmachung, erkennbarem thematisch-inhaltlichem Schwerpunkt und Lebensweltbezug ausgewählt haben, was sie lesen möchten. Die Lehrpersonen hingegen haben sich vorwiegend an der antizipierten Lesekompetenz und kaum am Lebensweltbezug orientiert. Ein Fazit von Kern und Uhl ist die Forderung, in der Didaktik der Erstleseliteratur Aspekte einer literarischen Bildung zu berücksichtigen, die das Erfahren von literarischer Geselligkeit und das genussvolle Erschließen fiktional-ästhetischer Welten anregen. Aber auch die Berücksichtigung der kindlichen Perspektive auf der Basis ihres Freizeitverhaltens und eine Kenntnis von Gestaltungsmerkmalen der Erstleseliteratur über oberflächliche Kriterien wie Umfang hinaus sind wichtig.
Jana Mikota (Universität Siegen) und Christoph Jantzen (Universität Hamburg) knüpften unter dem Titel "Perspektiven von Lehrer:innen auf Erstleseliteratur" an die die Frage nach den Auswahlkriterien von Lehrer:innen bei Erstleseliteratur an. Ihre Ergebnisse zeigen, dass für viele Lehrkräfte durchaus Lesemotivation und das Potenzial eines Textes zur Anbahnung des literarischen Lernens bei der Auswahl von Erstleseliteratur im Mittelpunkt stehen.
Auf der Grundlage der Modelle des erweiterten Lesens nach Günthner und Koch und des Kriterienkatalogs von Nefzer zur Erstleseliteratur, erweitert um eigene sprachdidaktische Kriterien, hat Ann-Charlott Bauer (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg) "Erstleseliteratur im sonderpädagogischen Kontext" mit Blick auf Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischen Förderbedarfen überprüft. Problematisch ist, das zeigt ihr Ergebnis, dass sich kaum Bücher für jugendliche Leseanfänger:innen finden lassen.
Einen weiteren Aspekt brachten Dilara Demirdögen und Anne Krichel (Universität zu Köln) ein mit Frage nach dem "Bilderbuch als Erstleseliteratur". Ansatz war, dass in vielen ausdrücklichen Erstlesebüchern die Illustrationen nicht zum Dekodieren auffordern, in Bilderbüchern mit wenig Text aber genau dieser Umgang mit dem Buch angeregt wird.
Bernd Maubachs (Universität Paderborn) Auseinandersetzung mit dem Sacherstlesebuch unter dem Titel "Weltwissen erlesen von Anfang an" kann vielleicht, auch mit Blick auf das oben konstatierte Fehlen von angemessenen Erstlesebüchern für jugendliche Leseanfänger:innen, einen Weg weisen, denn die Themen der Sachbücher bleiben unabhängig vom Alter der Leser:innen interessant. Deutlich wurde, dass wir wenig über die genuss- und erlebnisorientierten Zugänge zum Sachbuch wissen und dass hier Forschungsbedarf und die Notwendigkeit der Entwicklung von literaturdidaktischen Ansätzen bestehen.
Mit dem literar-ästhetischen Potenzial von Erstlesebüchern beschäftigte sich Sandra Siewerts (Universität Bielefeld) Vortrag "Die Vereinfachung als Chance – Potentiale der narrativen Strukturen von Erstlesebüchern für das Lesenlernen und die literarische Bildung". Besonders eindrucksvoll war ihre Feststellung, dass gerade in den Komplexitätsreduzierungen vieler Erstlesebücher Potenzial für literarisches Lernen liegt – auch dies eine Aufforderung, die Texte sorgfältig zu analysieren und aus ihnen heraus, ihren jeweiligen Merkmalen heraus, didaktische Ansätze zu entwickeln, um dieses Potenzial auszuschöpfen und für das literarische Lernen fruchtbar zu machen.
Den Abschluss der Vorträge bildete die Frage nach den "Zugangsbedingungen zu Erstleseliteratur" an nordamerikanischen Schulen, die bilingual auf Englisch und Deutsch unterrichten. Roswita Dressler (Werklund School of Education, Calgary) und Bernd Nuss (South Academy of International Languages, Charlotte) berichteten aus Ihren Schulen.
Begleitet wurden diese anregenden Vorträge durch intensive Diskussionen, in denen jeweils zu zwei Vorträgen Fragen gestellt und weiterführende Überlegungen ausgetauscht wurden. Ein Podiumsgespräch zwischen Nicole Tietze (Landesinstitut für Lehrkräftebildung Hamburg) und Michael Ritter (Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg) beschäftigte sich mit Fragen der Vermittlung und der tatsächlichen oder vermeintlichen Einfachheit der Texte.
In der Abschlussdiskussion stellten Teilnehmer:innen fest, dass die anregenden und aus sehr unterschiedlichen Perspektiven konzipierten Vorträge und die anschließenden Diskussionen zwar mehr neue Fragen aufgeworfen als alte beantwortet hätten, aber man aber doch mit vielen neuen Erkenntnissen zum Weiterverfolgen und Arbeiten nach Hause ginge.
Abbildungen: Bürgerhaus Wilhelmsburg (© Bürgerhaus Wilhelmsburg)