Inhalt

Die Autorin verweist auf die zurückliegende und immer noch stetige Rezeption der Romanserie und den Verfilmungen und deren Warenanhängsel, die weltweit zu beobachten ist. Sie vermutet, dass diese Rezeptionsbereitschaft auf Grund von Textinhalten dieser Romanserie einsetzt, die über kulturelle Grenzen hinweg die Lesemotivation anregen. Es geht der Verfasserin darum, diesen Wirkungszusammenhang zu beschreiben und zu begründen. Bei der Durchsicht der literaturwissenschaftlichen Veröffentlichungen zu dem Phänomen Harry Potter kommt die Babenhauserheide zu dem Ergebnis, dass eine ideologiekritische Behandlung bisher nicht erfolgte. Da die Romane bereits als Unterrichtsmedium eingesetzt werden, überprüft die Autorin zudem das sogenannte Begleitmaterial, das zu einzelnen Bänden der Serie vorliegt, und kommt zu dem Schluss, dass diese in der Regel schlichte textanalytische Schritte vorschlagen, also Inhaltsangaben, Figurenanalysen und die Behandlung phantastischer Tier- und Pflanzenfiguren. Insgesamt bleiben diese Vorschläge aber auf einem Niveau stehen, das den Textinhalt lediglich paraphrasiert. Weitergehende Fragen zum Beispiel welches Weltbild der Text entwirft, welche moralischen Prinzipien Geltung haben und welchen Sinn die Textaussage für das Verständnis der eigenen Lebenssituation der Lesenden haben könnte.

Um das von der Autorin gewählte Erkenntnisinteresse zu erläutern, erinnert sie an die sogenannte "linke" Literaturdidaktik der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts und folgt deren theoretischen Quellen. Dabei entscheidet sie sich, die Arbeiten Adornos und Horkheimers zur Ideologiekritik als wesentliche Grundlage für das eigene Vorgehen zu nutzen. Sie fokussiert dabei auf die Inhalte der Begriffe "Ideologie, Kulturindustrie und Halb-Bildung". An diese Erläuterungen schließen sich regelmäßig drei Aufgaben an: erstens, wie die durch die Kulturindustrie hervorgerufene Verschleierung gesellschaftlicher Widersprüche als solche erkannt und überwunden werden kann, zweitens, wie die individuelle psychische Prägung durch die Kulturindustrie reflektiert und ggf. aufgelöst werden kann, so dass von Emanzipation im individuellen und gesellschaftlichen Bereich geredet werden könnte, und drittens die Frage, wie im Medium einer literarischen Kulturware - hier der Romanserie Harry Potter - eine solche Ideologiekritik auch unter schulischen Bedingungen möglich sein kann.  

Um einen Korpus empirischer Leseerfahrungen bearbeiten zu können, führt die die Autorin an der Universität Bielefeld zwei Seminare zu der Romanserie durch. Sie fordert die Studierenden auf, die eigenen Leseerfahrungen schriftlich abzugeben. Damit entsteht eine Sammlung von Stellungnahmen, die einer umschriebenen Leserschaft zugeordnet werden können: Die LeserInnen haben während  ihrer Adoleszenz die Romanreihe gelesen und blicken und auf diese Erfahrungen zurück. Die Zumutung an die Studierenden, sich ideologiekritisch mit der Lektüre auseinanderzusetzen, führt bei vielen zu Abwehrreaktionen. Sie wollen ihre empfundene Leselust nicht der Kritik opfern.

Andere Hinweise zur Rezeption und damit zur Wirkung der Texte auf die Lesenden ergeben sich aus den im Internet nachzulesenden Fan-Einträgen. Schließlich gibt J. K. Rowling selbst auf einer beständig aktualisierten Website im Internet Anregungen zur Interpretation bestimmter Textstellen, Figuren und zu anderen Fragen. Babenhauserheide hat diese Materialien gesichtet und festgestellt, dass dabei bestimmte inhaltliche Schwerpunkte zu ermitteln sind, die Rückschlüsse auf den Zusammenhang von Textstrukturen und -inhalten einerseits und Leserwahrnehmung andererseits zulassen. Sie scheinen mit der Altersphase der Lesenden im Zusammenhang zu stehen.

Die Autorin rekapituliert einige der aktuellen psychologischen Modelle zur Adoleszenz, zum Beispiel von Vera King, und beschreibt treffend die dort erläuterten Krisen für Heranwachsende in industriellen westeuropäischen Gesellschaften. Sie fragt sodann, ob diese Lebenserfahrungen in der Serie zu finden sind. Tatsächlich ist das nicht der Fall, denn Sexualität, Drogengebrauch und neue Medien spielen in der Zauberwelt keine Rolle bzw. erhalten eine marginalisierte Bedeutung für das Handeln der Figuren. Obwohl also lebenspraktische Themen und Handlungsoptionen in der Realität der heranwachsenden LeserInnen in den Texten keine Entsprechung finden, scheint diese Tatsache kein Grund für eine Minderung der Lesemotivation zu sein. Im Folgenden richtet sich die Textanalyse nun auf solche inhaltlichen Darstellungen, die auf Grund ihrer ideologischen Konzeption womöglich der Lesermotivation zuarbeiten.

Als erstes Themenfeld wird die Darstellung der Familienkonzepte untersucht. Dabei werden die sozialen Orientierungen und Verhaltensformen der menschlichen Verwandten des Protagonisten Harry Potter ebenso kritisiert wie die traditionellen Ehen der Protagonisten. In einem zweiten Zugriff werden die sozialen Orientierungen der jungen Zauberer untersucht und im Ergebnis wird festgestellt, dass es sich um Eigenschaften handelt, die in der Realität der Lesenden ebenfalls als wünschenswerte bzw. abzulehnende  Verhaltensformen  bewertet werden. Harry Potter und Lord Voldemort sind als in Opposition stehende Protagonisten leicht erkenntlich.  Diese Figuren und ihre Freunde oder Gefolgschaft binden sich an die sozialen Regeln und Werte, die für ihre jeweiligen Gruppenzugehörigkeiten typisch sind. Das sind also auf der einen Seite egoistische, aggressive und kriminelle, in jedem Fall utilitaristische Verhaltensformen, auf der anderen Seite empathische, solidarische und selbstaufopfernde, also altruistische Verhaltensformen. Die Autorin erklärt diese sozialen Merkmale für den Kapitalismus als systemtypisch. Da in der Zauberwelt die Beschreibung körperlicher Arbeit und industrieller Wertschöpfung völlig fehlt, bleibt es unklar, warum es eine Geldwirtschaft gibt und warum Waren einen Preis haben. Die für die kapitalistische Produktion typische Form der Wertabschöpfung und die Trennung in Arbeit und Kapital fällt in der Welt der Zauberer deshalb weg.  Die Verfügung über Wissenschaft und Technik wird durch Zauberei ersetzt. Babenhauserheide erkennt nun einen Zusammenhang zwischen den lebenspraktischen Erfahrungen der Lesenden, die selbst in einer spätkapitalistischen Lebensform sich befinden, und denen literarischen Figuren: Die Herkunft der Waren und ihr Geldausdruck bleiben ohne eine  Erläuterung, weder die literarischen Figuren, noch die Lesenden erfahren etwas über die Produktionsverhältnisse, die der literarischen Kulisse zugrunde liegen müssten. Nicht selten geht es allein um die Erscheinung der Warenkörper, also um die Warenästhetik. Damit spiegelt der Text solche Orientierungsmuster, die den Lesenden vertraut sind,  worin die Autorin den Grund für den unkritischen Genuss des Textes vermutet.

Viertens werden aus dem Leben und Handeln in der Zauberwelt bestimmte soziale Regeln und soziale Orientierungen herausgefiltert, die für das Textverständnis relevant sind und die auf einen Wirkungszusammenhang zwischen lebensweltlicher Schilderung und realweltlichen Erwartungen der Lesenden hinweisen. Es handelt sich um Folgende: Tod, Blutsverwandtschaft, Familien- und Gruppenzugehörigkeit und Nation, soziale Hierarchien und latenter Antisemitismus.

Es folgen Analysen der Darstellungen von Recht und Gesetz, Repression und Selbstjustiz. In der Zauberwelt sind Rechtsprechung und Strafvollzug von den Eigenschaften der vollziehenden Personen abhängig. Da es keine Verfahrenssicherheit gibt, verschwimmen die Grenzen von Legislative, Judikative und Exekutive, und es wird eine Rechtsform vorgestellt, die feudalen Verhältnissen entspricht. Dieses Verständnis von Recht und Gesetz entspricht der Orientierungsqualität der Lesenden in der frühen Adoleszenz, weswegen die Lesenden sich nicht an diesen Textinhalten stören werden. Bei der kritischen Durchleuchtung der literarisch gestalteten Autoritätsverhältnisse stehen die Beziehungen zwischen Zauberer-Lehrkräften und -Schülerinnen und Schülern im Vordergrund. Die unterschiedlichen Verhaltensformen des Lehrkörpers erweisen sich mehr oder weniger als fair, in jedem Fall aber innerhalb der vom Schulleiter vorgegebenen Rahmung angemessen. Es gibt aber keine partizipativen oder diskursiven Möglichkeiten für die Schülerschaft, auf die Inhalte der Institution und die Macht der Lehrkräfte Einfluss zu nehmen.

Die Autorin gelangt zu der Auffassung, dass die fiktionale Lebenswelt solchen sozialen Regeln folgt bzw. diese ablehnt, welche auch in der realen Lebenswelt der Lesenden eine vergleichbare Bedeutung haben. Bestimmte soziale Zusammenhänge, hier Herrschaft, Geld, Waren-Preis und Recht, werden als gegeben vorgestellt, bleiben aber einer Begründung entzogen. Gerade in dieser Verdopplung von Lebenswelt und Fiktion, die der literarische Text den Lesenden anbietet, sieht die Autorin einen Grund für die Lesemotivation und zugleich die ideologische Verschleierung gesellschaftlich widersprüchlicher Verhältnisse.

Kritik

Die Autorin stellt sich die anspruchsvolle Aufgabe, die ideologischen Anteile in der Heptalogie zu beschreiben und ihre ideologische Wirkung zu begründen. Dazu schließt sie an Vorbilder, wie zum Beispiel Adorno, Horkheimer und Marcuse, an. Da diese ihre Kritik auf zwei Ebenen vortragen, nämlich im Anschluss an Marx auf der  ökonomischen und  im Anschluss an Freud auf der individuell psychischen Seite, muss darauf hingewiesen werden, dass Babenhauserheide die Funktion der Psychoanalyse zur Lokalisation und Erläuterung ideologischer Inhalte nicht hinreichend erläutert.  
Einerseits gelingt es der Autorin mit Hilfe der Analyse, zahlreiche Textinhalte als ideologische zu identifizieren. Andererseits können die Bedingungen für die emanzipative Überschreitung dieser Wirkungen durch die Lesenden nicht nachvollziehbar begründet werden.

Das liegt wohl an mehreren Ungereimtheiten der Arbeit. Erstens: die kritischen Begriffe ihrer Analyse übernimmt die Autorin aus einem Zusammenhang, der eine reale kapitalistische Lebensform zum Gegenstand hat. Eine solche trifft auch auf die Leserschaft zu, nicht aber auf die fiktionale Welt der Romanserie. Die gesellschaftlichen Widersprüche in der Zauberwelt sind nicht in gleicher Weise zu erklären wie die der Gattungsgeschichte bzw. einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft. Deshalb reduziert sich m. E. der so genannte Kampf zwischen den literarischen Protagonisten Harry Potter und Voldemort auf eine Auseinandersetzung, in der bestimmte soziale Regeln und Konventionen bewahrt werden sollen. So würde sich auch erklären, warum sowohl das "gute Handeln" ebenso wie das "böse Handeln" von dem Charakter, also von deren moralischen Orientierungen einzelner Figuren, abhängig ist. Der ideologische Gehalt der Textreihe wäre unter diesem Gesichtspunkt an einem anderen Gegenstand zu suchen, nämlich in der Verallgemeinerbarkeit der sozialen Regeln. Wie sich zeigen lässt, geht es in beiden Welten der Serie in allen Fällen um die Durchsetzung von Geltungsansprüchen solcher sozialen Regeln, die konkrete Gruppennormen darstellen. Das Handeln der literarischen Figuren greift, soweit ich sehen kann, an keiner Stelle auf moralische Prinzipien zurück. Es stellt sich also die Frage, ob die Autorin ihre Aufgabe mit dem richtig gewählten 'Werkzeug' angeht.

Das Verhalten ihrer Studierenden, die von ihrem Lesegenuss nicht lassen wollen, trifft Babenhauserheide offensichtlich unvorbereitet. Die Studierenden nennen zahlreiche und unterschiedliche Argumente gegen das ideologiekritische Vorgehen. Es fällt augenscheinlich schwer, einen plausiblen Zusammenhang zwischen dem eigenen Leseerfahrungen und den herausgearbeiteten Aspekten des Textinhalts herzustellen. Wenn man nun nicht gewohnt ist, aus einer materialistischen und/oder psychoanalytischen Perspektive Textinhalte zu beurteilen, so benötigt der Lehrende sowie die Schülerschaft einen zuvor erläuterten Standpunkt, von dem die Kritik vorgetragen wird.  

Stellt man abschließend die Frage, ob eine Unterrichtseinheit sich ideologiekritische Ziele setzen sollte, so muss bereits in der Planungsphase überlegt werden, welche theoretischen und praktischen Voraussetzungen in der Lerngruppe vorliegen bzw. welche erarbeitet werden müssen. Es ist denkbar, dass in einer UE zu dem Ziel gearbeitet wird, die konservativen Sozialregeln in Hogwarts als solche zu erkennen, indem ein Vergleich mit den Verhaltensregeln und Machtverhältnissen der eigenen Schulverfassung hergestellt wird. In jedem Fall ist von einer Passung zwischen Leser und Text nur dann auszugehen, wenn eine entwickelte moralisch-politische Teilkompetenz und eine ebenso entwickelte historische Urteilsfähigkeit vorliegen (vgl. Schulze-Bergmann 2015, S. 163ff.).

Fazit

Melanie Babenhauserheide erarbeitet in der Romanreihe zahlreiche Textinhalte, die für die starke Wirkung auf den Lesesenden von Bedeutung sein dürften. Ob in jedem Fall den ideologiekritischen und psychoanalytischen Interpretationen dieser Textinhalte gefolgt werden kann, bedarf es sicherlich einer weitergehenden Diskussion. Dies gilt auch für den von der Autorin stark gemachten Zusammenhang von ideologischer Verschleierung bzw. Tabuisierung gesellschaftlicher Verhältnisse und der individuellen und gesellschaftlichen Möglichkeit, sich diesem Mechanismus durch eine Analyse eines literarischen Werks zu entziehen, sich also zu emanzipieren.

Literaturhinweis

Schulze-Bergmann, Joachim. Werte im Literaturunterricht. Peter Lang: Frankfurt a.M. 2015.

Titel: Harry Potter und die Widersprüche der Kulturindustrie. Eine ideologiekritische Analyse.
Autor/-in:
  • Name: Babenhauserheide, Melanie
Erscheinungsort: Bielefeld
Erscheinungsjahr: 2018
Verlag: transcript
ISBN-13: 978-3-8376-4109-7
Seitenzahl: 532
Preis: 39,99 €
Babenhauserheide, Melanie: Harry Potter und die Widersprüche der Kulturindustrie