Emil ist umgezogen und muss sich im neuen Viertel erst orientieren. Halt gibt ihm das „Büdchen“ von Karl, dessen Trinkhalle eine Art Zentrum in der Siedlung bildet, an dem sich diverse Nachbarn treffen. Von hier aus entfaltet sich die spannende Kriminalhandlung, die durch zahlreiche intertextuelle Referenzen implizit auf die eigene Fiktionalität verweist und sich auf der Textoberfläche spiegelt und so Metafiktionalität erzeugt: Denn Emil ist selbst Kriminalautor und schreibt das Buch, das die Leserinnen und Leser in den Händen halten. Eine vielschichtige, raffinierte Hommage an Kästners Klassiker Emil und die Detektive und zugleich ein moderner Kinderroman im Zeitgeist der Gegenwart. 

Inhalt

Emil ist mit seiner Mutter neu in die Gegend gezogen und hat noch keine Freunde, dafür aber ein identitätsstiftendes Hobby und ein klares Ziel: Er schreibt nicht nur Tagebuch, sondern arbeitet an einem Kriminalroman und ist fest entschlossen, Krimiautor zu werden. Oder besser: Er ist eigentlich schon Krimiautor und sein Buch halten die Leserinnen und Leser in den Händen! Da trifft es sich eigentlich bestens, dass er nun plötzlich selbst in einen Kriminalfall verwickelt wird. Erst nimmt ihm seine fiese und durch und durch unsympathische Lehrerin Frau Bertram sein Notizbuch weg und dann verschwindet plötzlich Karl spurlos, und das ist dramatisch, denn der ist Emils engste Bezugsperson. Während nämlich seine alleinerziehende Mutter tagsüber als Kassiererin im Supermarkt arbeitet, findet Emil Kontakt am sog. "Büdchen", an dem dessen Betreiber Karl Zeitschriften und Zigaretten verkauft. Diese Trinkhalle ist der Treffpunkt des Viertels: Hier trinken zum Beispiel die Männer von der Müllabfuhr Ali, Serhad und Fred ihren Kaffee und Lotto-Werner, der früher einmal in einer Bank gearbeitet hat, nun aber arbeitslos ist, löst dort seine Lottoscheine ein und wartet auf den Millionengewinn. Und Karls Büdchen ist auch der Ort, an dem Emil Finja kennenlernt, die sich vom ersten Augenblick an freundschaftlich und solidarisch verhält und nicht lange zögert, als sie vom Einzug des Notizbuchs durch Emils Lehrerin erfährt. Denn Finja will nicht nur Detektivin werden, sie ist schon eine! Da nimmt es nicht wunder, dass ihr kleiner Hund den Namen Watson trägt. Ich-Erzähler Emil muss die Herkunft des Namens und dessen Referenz auf Sherlock Holmes erstmal recherchieren, doch dann kann es direkt losgehen mit den detektivischen Ermittlungen: Finja stiftet Emil zu einem nächtlichen Gang ins Schulgebäude an, um dort nach dem Notizbuch zu suchen. Als ihnen in der Dunkelheit dort Hausmeister Wacker folgt, wird Emil ganz schön mulmig...und als dann auch noch Büdchen-Betreiber Karl verschwindet, nimmt die Kriminalhandlung erst so richtig Fahrt auf. Verraten sei an dieser Stelle nur: Emil, Finja und Watson sind einem Diamantenschmuggel auf der Spur! 

Kritik

Wer sich nun an schematisch strukturierte Detektivromane für Kinder wie z.B. TKKG erinnert fühlt, der fehlt weit, denn Jutta Wilkes spannender Roman hat weit mehr Tiefe, insofern als sich durch die Referenz auf Emil und die Detektive ein intertextuelles Verweisspiel ergibt, das den Roman deutlich in den Kontext von Kästners populärem Klassiker stellt. Dieses beginnt mit der Namensgleichheit der Protagonisten, die beide Emil heißen, bei einer alleinerziehenden Mutter aufwachsen und die mitten in der Großstadt in einen Kriminalfall verwickelt werden und dort auf eine gewitzte und widerständige Mädchenfigur treffen: Bei Kästner ist es Pony Hütchen, bei Wilke Finja, die das intertextuelle Spiel ihrerseits fortsetzt, indem sie ihren Hund Watson getauft hat. Karl seinerseits stammt aus der goldenen Stadt Prag mit dem goldenen Gässchen, in dem einst Kafka gewohnt hat, was Emil zu entsprechenden literaturgeschichtlichen Recherchen veranlasst, die ihn auf Die Verwandlung stoßen lassen, die sich auf der Ebene der Kinderroman-Handlung weiterentwickelt, insofern, als Lotto-Werner sich sinnbildlich "in einen Käfer verwandelt" (S.95) und sich so mehrere Deutungsmöglichkeiten in den Text einschreiben.

Tiefe ergibt sich zudem aus der Figurenkonzeption, denn Emil ist ausgestattet mit widerstreitenden Gefühlen und Gedanken. So steht nicht nur die rasante Kriminalhandlung im Fokus der spannenden Story, sondern vor allem auch Emils Trauer um den verstorbenen Vater, die er anfangs nur andeutet und welche sich im Laufe der Erzählung immer weiter an die Oberfläche drängt durch einen Heul- und Schreianfall Emils, der gleichsam die stille Trauer der Mutter aufbricht, die es bis dato nicht geschafft hatte, über den Verlust des Partners zu sprechen. Stattdessen rackert sie sich von früh bis spät im Supermarkt ab, leidet an Migräne und akuten Geldsorgen. Auch Emils Klassenfahrt kann sie nicht bezahlen: Finja nimmt solidarisch Anteil und bemüht sich, das Geld z.B. durch das Sammeln von Pfandflaschen aufzutreiben. So nimmt auch das Motiv der Freundschaft einen zentralen Stellenwert in Jutta Wilkes Detektivroman ein, womit er einmal mehr in der Tradition von Emil und die Detektive, aber auch von Steinhöfels Rico, Oskar und die Tieferschatten steht. Zum letztgenannten Text ergibt sich auch auf der Ebene der Illustrationen und des Layouts eine Parallele: Sind es bei Steinhöfel die Illustrationen Peter Schössows und die Tagebucheinträge Ricos, die der Erzählung einen ganz eigenen Witz verleihen, so tun dies im Karlgeheimnis die comicartigen Bilder von Ulf K. sowie die Notizbucheinträge Emils, welche sich zu jedem Kapitelende finden und die Funktion übernehmen, die Figuren des Romans anhand eines Steckbriefs vorzustellen (hier schlägt das didaktische Herz im Hinblick auf die Schulpraxis gleich höher, denn diese Steckbriefe eigenen sich nahezu ideal für die Arbeit an Figurenanalysen, aber dies sei nur am Rande bemerkt, denn der literarästhetische Eigenwert von Wilkes genialem Kinderroman soll hier nicht nur für literaturunterrichtliche Zwecke vereinnahmt werden, obwohl er sich auch hervorragend eignet für den Einsatz im Literaturunterricht der Klassen 4-6!). 

Bei intertextuellen Referenzen bleibt der Text nicht stehen, auch zahlreiche intermediale Bezüge eröffnen sich, zum Beispiel durch die sonntägliche Rezeption der Sendung mit der Maus, aus der Emil viel lernt, die aber vor allem Nähe zwischen Mutter und Sohn erzeugt, und der am Ende enttarnte Diamantenschmuggler tritt im Gewand von Darth Wader auf.

So schreibt der Kinderroman klassische Traditionen der Detektiverzählungen für junge Leserinnen und Leser fort und präsentiert sich gleichsam als moderner Kinderroman, der Kindsein in der Gegenwart in seinen vielschichtigen Facetten verhandelt und doch traditionell dabeibleibt, seine kindlichen Figuren elternfern in freundschaftlicher Verbundenheit die Welt zu erkunden.

Fazit

Ein überaus empfehlenswerter und lesenswerter Kinderroman voll Spannung und Witz, der auf eine rasante Handlung und ein sympathisches und überschaubares Figurenarsenal setzt und gleichsam ernste Themen wie Trauerarbeit und Tod eines Elternteils verhandelt. Allen Kindern ab 10 Jahren sei er nachdrücklich ans Herz gelegt und auch den Eltern, denn durch das überbordende intertextuelle und intermediale Verweisspiel entfaltet der Kinderroman eine gelungene Doppelsinnigkeit, die ihn auch für erwachsene Leserinnen und Leser interessant macht. 

Oder ganz schlicht: Hoffentlich gibt es eine Fortsetzung! Das Ende lässt darauf hoffen.

Titel: Das Karlgeheimnis
Autor/-in:
  • Name: Wilke, Jutta
Illustrator/-in:
  • Name: K., Ulf
Erscheinungsort: Münster
Erscheinungsjahr: 2021
Verlag: Coppenrath
ISBN-13: 978-3-649-61511-8
Seitenzahl: 301
Preis: 15,00
Altersempfehlung Redaktion: 10 Jahre
Wilke, Jutta: Das Karlgeheimnis. Ein Fall für die Detektivin und mich