Sie ist klein, unscheinbar, blitzschnell und mucksmäuschenstill; sie lebt verborgen und doch stets in unserer Nähe – die Maus. Die spannungsreiche Nachbarschaft von Mensch und Maus hat zahlreiche Spuren in Kunst, Literatur und Sprache hinterlassen, denen die achte Nummer der Diamond-Open-Access-Zeitschrift Wiener Digitale Revue folgt.

Seit jeher konkurrieren in der Maus Zuschreibungen des Lasterhaften und des Liebevollen. Fraglich ist, ob das Wort „Maus“ auf die altindische Wurzel muṣṇā́ti („stiehlt, raubt“) zurückgeführt werden kann (DWDS). Im Verb „mausen“ jedenfalls ist die Idee des Stehlens enthalten und kennzeichnet das Tier als Dieb, der sich an den menschlichen Vorräten zu schaffen macht (HdA 1987, 31). Die Kulturgeschichte der Mausefalle erzählt von einer Koexistenz aus der Sicht des geplagten Überlegenen, der versucht, dem Kleineren mühevoll beizukommen und reicht bis ins altertümliche Ägypten zurück (Klein 2011). Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens weiß über die Maus allerhand Dämonisches und Unheilverkündendes zu erzählen: Sie gelte als ein Anzeichen für Unwetter (Mäuse, die vom Himmel regnen), Krankheit und Tod (HdA 1987, 31-60). In den negativen Konnotationen um die Maus wirkt ihre Fähigkeit zur rasanten Vermehrung. Conrad Gessner vermerkt diesbezüglich in seinem Thierbuch von 1606: „Die Meuß sind geyl / gebären gar vil junger mit einander“ (Gessner, 108).

Als sexuell zügelloses, flinkes und sich häuslich einrichtendes Wesen erscheint die Maus auch als ambivalentes Fabel- und Märchentier, an dem parabelhaft Fähigkeiten und Tugenden imaginiert und offengelegt werden: So zum Beispiel in der äsopschen Fabel von der Maus und dem Löwen, im Epyllion Froschmäusekrieg (Batrachomyomachie) oder auch in der Geschichte von der Stadt- und der Landmaus, die als Lehrfilm (Die Stadt- und die Feldmaus, 1939) bis in die 1960er-Jahre an deutschen und österreichischen Schulen gezeigt wurde. Die Maus weiß sich also nicht nur im Haus, sondern auch in der Literatur gut zu verstecken und sich letztgültigen Zuschreibungen zu entziehen. Als überzeitliche und transkulturelle Denkfigur lädt sie sowohl zu komparatistischen Studien als auch zu Untersuchungen mit konkretem Österreich- und Wien-Bezug ein. Beispiele aus der österreichischen Literatur und dem Film reichen von Josef Haders Wilde Maus (2017; titelgebend ist die Achterbahn im Wiener Prater) und Daniel Wissers Erzählung Lisa 7 (2022) bis zu Robert Musils rätselhaftem Text Die Maus (1922).

Wir bitten um Einreichungen rund um die Maus, anknüpfend an folgende Themenbereiche:

  • Die Maus als Denkfigur der Skalierung von Macht

Die Maus ist das Kleine neben dem Großen und scheint überall dort aufzutauchen, wo das Größere sich größer denkt, als es ist. So sind Mäuse oft an Gemälden oder Bauwerken anzutreffen, die zugleich die Insignien der Herrschenden tragen. Mit der Maus gerät somit auch eine Form der Subversion und der Infragestellung von sich überlegen gerierender Macht in den Blick – ein Gefüge, das wiederum Franz Kafka in den Tierparabeln entfaltet.

  • Die Maus als Modell des Menschen in Wissenschaft und Technik

Der modellhafte Charakter der Maus lässt sich aus einer wissenschaftsgeschichtlichen und soziologischen Perspektive beschreiben. So dient beispielsweise die Labormaus in der medizinischen Grundlagenforschung als Modellorganismus für den Menschen (Krause 2023). An der Hand des Menschen, nun ihm zu Diensten als vorübergehende (bereits wieder im Verschwinden begriffene) Hardware, als Medium zur Vermittlung seines Fingerzeigs schlechthin, begegnet uns die Computer-Maus.

  • Medienwechsel: Die Maus als intermediales Phänomen

Auffallend ist das häufige Auftreten der Maus in Trickfilmen und Comics. So scheint es fast, als beginne mit Walt Disneys Micky Mouse ihr Siegeszug in audiovisuellen Medien, die neuerdings Menschliches als Mäusliches flink und bunt in Bildern auszubuchstabieren wissen: Speedy Gonzales ist die schnellste Maus Mexikos; Die Maus auf dem Mars zeigt uns das Kleine ganz stark, koproduziert von Deutschland, Österreich und Ungarn; Die Sendung mit der Maus informiert und erklärt auf einfache Weise. Tom und Jerry tricksen einander aus und finden in den Simpsons sogar in eine Metaform: Itchy und Scratchy sind die grausamere Variante einer Jagd zwischen Katze und Maus, die durch Art Spiegelmans Graphic Novel Maus. A Survivor's Tale (1986) auch für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs perspektiviert wurde.

  • Spurenlesen: Die Maus in der Literatur

Der Maus auf die Spur zu gehen, bedeutet, die Zeichen, die sie hinterlässt, aufzusammeln und zu deuten. Auf die Praxis der Philologie gewendet, beinhaltet dieses Auflesen der Hinweise zudem eine Reflexion über das Lesen im buchstäblichen Sinn. Die Fragen danach, welche Mittel, welches Wissen, welche Techniken, wie viel Energie und Zeit, welche Art von Genauigkeit oder instrumentalisierter Klugheit zum Einsatz kommen – ob es sich beim Suchen um eine Mäusejagd handeln muss – kann auch als Metapher für das philologische Arbeiten selbst verstanden werden: Wie liest man, wenn man den Mäusen im Text folgt? Welche Fallen stellt man auf und welche legt der Text (Hamlets Mousetrap)? Welche Manuskripte haben die Mäuse längst angenagt (auch im wörtlichen Sinn)? Und wo fehlt etwas?

Abstracts (ca. 300 Wörter, Deutsch oder Englisch) und Kurzbiographien bitte bis 31. Jänner 2026 an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. und Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

 

Referenzen / References

  • Gessner, Conrad: Thierbuch. Heidelberg: Cambier Lancellot 1606.
  • Klein, Wolfhard: Mausetod! Die Kulturgeschichte der Mausefalle. Zabern 2011.
  • Krause, Monika: Von Mäusen, Menschen und Revolutionen. Modellfälle in der Sozialforschung. Hamburger Edition 2023.
  • Lemma „Maus“, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. VI. Hg. v. Hanns Bächtold-Stäubli. De Gruyter 1987, Sp. 31-60.
  • Lemma „Maus“, in: DWDS, Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Maus>, abgerufen am 25.10.2025.

[Quelle: H-germanistik.net]