Wenn Lehrkräfte Gegenwartsliteratur und -medien für den Unterricht auswählen, bewegen sie sich häufig auf einem schmalen Grat: Zwischen literarisch-künstlerischem Anspruch und curricularen Vorgaben, zwischen ästhetischem Wagnis und pädagogischer Verantwortung, zwischen der Lebenswelt der Schüler:innen und schulischen Schutzbedürfnissen.

Immer wieder werden Texte und Formate als Grenzfälle erlebt – weil sie Gewalt, Sexualität, Rassismus, psychische Krisen oder andere sensible Themen explizit darstellen, weil sie ästhetisch radikal sind oder weil sie in öffentlichen Debatten als „zu viel“ oder „zu wenig“ markiert werden. Kontroversen aus der jüngeren Vergangenheit um die Eignung von Jugendromanen wie Angie Thomas‘ The Hate U Give, die im Kontext von Rassismus, Polizeigewalt und Black Lives Matter weltweit intensiv diskutiert und teilweise von Leselisten wieder entfernt wurde, zeigen, wie sehr schulische Auswahlentscheidungen auch gesellschaftliche Aushandlungsprozesse spiegeln.

Ähnliches gilt für Stoffe rund um Suizid, psychische Erkrankung oder digitale Jugendkultur: Der Jugendroman Tote Mädchen lügen nicht von Jay Asher (Thirteen Reasons Why) und die darauf basierende Netflix-Serie 13 Reasons Why haben sowohl Unterrichtsmaterialien, Präventionsbroschüren und medienpädagogische Angebote hervorgebracht als auch eindringliche Warnungen von Fachverbänden und Studien zu möglichen Risiken ausgelöst.

Auch grafische Formen, Comics und Graphic Novels markieren Grenzbereiche: Der feministische Comic Der Ursprung der Welt von Liv Strömquist über die Kulturgeschichte der Vulva hat intensive öffentliche Kontroversen um Körperbilder, Scham und Sichtbarkeit ausgelöst und zeigt exemplarisch, wie sich gegenwärtige Debatten um Sexualität, Gender und Aufklärung an bilddominanten Formaten entzünden.

Grenzfälle entstehen darüber hinaus dort, wo Texte politische und gesellschaftliche Konfliktlagen verdichten: Der Jugendroman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß von Manja Präkels über rechtsradikale Gewalt in der ostdeutschen Provinz, ausgezeichnet u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, wurde von der Kritik als besonders relevanter Gegenwartsroman hervorgehoben – zugleich erfordert seine Behandlung im Unterricht sensible didaktische Rahmung.

Mediale Grenzfälle geraten zudem über Streaming-Serien wie Euphoria oder Squid Game in die Lebenswelt von Jugendlichen: Beide Formate sind international erfolgreich, aber wegen expliziter Darstellungen von Gewalt, Sexualität, Drogenkonsum sowie ihrer Rezeption durch Kinder und Jugendliche zum Gegenstand schulischer Warnungen, medienpädagogischer Empfehlungen und öffentlicher Debatten geworden.

Vor diesem Hintergrund fragt das Themenheft:

  • Wann sprechen wir in ästhetischer, ethischer und didaktischer Perspektive von „Grenzfällen“ im Umgang mit Literatur und Medien der Gegenwart?
  • Wie verlaufen Grenzziehungen zwischen „geeignet“ und „nicht mehr vertretbar“, zwischen produktiver Irritation und Überforderung?
  • Welche Grauzonen entstehen im schulischen, außerschulischen oder universitären Alltag – etwa wenn Texte zwar didaktisch reizvoll sind, aber an institutionelle oder elterliche Akzeptanzgrenzen stoßen?
  • Welche Werturteile (z.B. zu Geschmack, Moral, „Lesetauglichkeit“ oder Kanonfähigkeit) wirken im Hintergrund solcher Entscheidungen, und wie lassen sie sich reflektieren?

Das Heft möchte aus literaturwissenschaftlicher, fachdidaktischer, medien- und kulturwissenschaftlicher sowie gender- und diversitysensibler Perspektive Grenzfälle der Literatur und Medienkultur der Gegenwart analysieren und ihre Potenziale wie Risiken für schulische Lernprozesse ausloten. Orientierung für Zuschnitt, Ton und Adressatenkreis bietet das CFP zum Heft „Trash“ (LiU 2/2025).

Mögliche Themenfelder

Mögliche Themenfelder für das Heft können u.a. sein:

  • Begriffsklärungen und theoretische Perspektiven
    • Konzeptionen von „Grenzfall“, „Schul- bzw. Unterrichtstauglichkeit“, „Zumutung“, „Überforderung“, „Trigger“ u.Ä.
    • Fachdidaktische und literaturästhetische Modelle der Grenzziehung (Kanon–Rand–Populärkultur; Literatur vs. „schwierige Inhalte“; Affektästhetik, Postdramatisches, Posthumanes etc.).
  • Ästhetische Grenzfälle
    • Texte mit experimentellen, fragmentarischen, multimodalen und/oder extremen Darstellungsweisen, die im Unterricht zwischen „hoch anspruchsvoll“ und „zu sperrig“ verortet werden.
    • Spannungen zwischen schulischer Kompetenzorientierung und ästhetischer Radikalität.
  • Ethik, Gewalt und Verletzbarkeit
    • Darstellungen von Gewalt, Rassismus, Queerfeindlichkeit, psychischer Erkrankung, Suizid, sexualisierter Gewalt oder Diskriminierung in Gegenwartsliteratur und -medien.
    • Normative Aushandlungen und schulische Umgangsweisen mit Trigger-Potenzialen, Belastung und Schutzbedürfnissen von Lernenden.
  • Körper, Sexualität, Gender, Queerness
    • Grenzfälle im Feld geschlechtlicher und sexueller Repräsentationen (z.B. explizite Körperbilder, queere Lebensentwürfe, trans* und nicht-binäre Figuren, Pornografienähe).
    • Chancen und Risiken einer queersensiblen, diskriminierungskritischen Unterrichtspraxis im Kontext kontrovers wahrgenommener Texte und Formate.
  • Politische und gesellschaftliche Konfliktlagen
    • Texte zu Rechtsradikalismus, Populismus, Antisemitismus, Kolonialismus/Postkolonialität, Klimakatastrophe, Migration, Krieg, Postwachstum etc., die in der Schule als „zu politisch“, „zu nah“ oder „zu heikel“ wahrgenommen werden.
    • Abwägungen zwischen politischer Bildung, Kontroversitätsgebot, schulischer Neutralität und notwendiger Parteinahme.
  • Mediale Grenzbereiche und plattformgebundene Formate
    • Streaming-Serien, Social-Media-Formate, Fanfiction, (Serious) Games, Webcomics, BookTok/Bookstagram u.Ä. als Grenzfälle zwischen Freizeitkultur, Schullektüre und Medienbildung.
    • Altersfreigaben, Plattformlogiken und Algorithmen als implizite Gatekeeper schulischer Auswahlentscheidungen.
  • Institutionelle Grenzziehungen und Aushandlungsprozesse
    • Schulinterne bzw. regionale Debatten, Elternkonflikte, Medienaufregungen oder (Selbst-)Zensur im Umgang mit bestimmten Büchern, Comics, Serien.
    • Vergleichende Analysen von Curricula, Schulbuchtraditionen, Lektürepraktiken und Prüfungsformaten.
  • Praxeologische Perspektiven und Unterrichtsforschung
    • Rekonstruktion von Auswahlentscheidungen (z.B. über Interviewstudien, Unterrichtsbeobachtungen oder Dokumentenanalysen).
    • Empirische Untersuchungen zu Rezeptions- und Lernprozessen mit Grenzfall-Texten in unterschiedlichen Schulformen und Altersgruppen.


Erwünschte Beitragsformen

Erwünscht sind u.a.:

  • Theoretische und systematische Beiträge, die
    • Begriffe, Modelle und Kriterien von Grenzfällen in Literatur- und Mediendidaktik, Gender Studies, Cultural/Media Studies oder ästhetischer Theorie entfalten;
    • normative Grundlagen von Auswahlentscheidungen (ästhetische, moralische, religions- bzw. weltanschauliche, schulrechtliche etc.) kritisch reflektieren;
    • historische Perspektiven auf frühere „Skandaltexte“ und deren Kanonisierung eröffnen.
  • Exemplarische Analysen einzelner Texte und Medien
    • Close Readings und Medienanalysen von Romanen, Comics, Serien, Filmen, Games oder hybriden Textformen, die Grenzfallcharakter haben;
    • Untersuchungen von Adaptationen (Buch–Film–Serie–Game) und ihrer unterschiedlichen Wahrnehmung als „zu viel“ oder „gerade noch vertretbar“.
  • Fachdidaktische und empirische Studien
    • Unterrichtskonzepte, Reihenentwürfe, Aufgaben- und Prüfungsformate zu Grenzfall-Texten, auch mit Fokus auf bestimmte Schulformen oder Jahrgangsstufen;
    • empirische Unterrichts- und Rezeptionsforschung zu Emotionen, Irritationen, Widerständen und produktiven Lernprozessen im Umgang mit Grenzfall-Stoffen;
    • Untersuchungen zu schulischen Steuerungs- und Aushandlungsprozessen (z.B. Fachkonferenzen, Schulcurricula, Lektüreauswahlkommissionen).
  • Praxisberichte und Reflexionen aus der Schule
    • dichte Beschreibungen und reflektierte Fallvignetten aus Unterricht, Projekttagen, Arbeitsgemeinschaften oder Leseförderformaten;
    • Berichte über gelungene oder gescheiterte Versuche, „Grenzfall“-Texte im Kollegium, gegenüber Eltern oder in der Schülerschaft zu legitimieren;
    • Überlegungen zur Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften im Umgang mit schwierigen Inhalten und ästhetischen Zumutungen.

Wir freuen uns auf theoretische, empirische und praxisbezogene Beiträge, die Grenzfälle in Literatur und Medien der Gegenwart nicht nur als Problem, sondern auch als Chance für ein kritisch-reflexives, ästhetisch anspruchsvolles und diversitätssensibles literarisches Lernen in der Schule verstehen.

Formales

Umfang:
Erwünscht sind Beiträge im Umfang von bis zu ca. 32.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen). Kürzere, pointiert argumentierende Beiträge – etwa zu einzelnen Texten, Unterrichtsprojekten oder Fallstudien – sind ausdrücklich willkommen.


Abstract:
Kurze Abstracts (max. 1.500 Zeichen) mit Arbeits­titel und kurzer bio-bibliographischer Notiz werden bis zum 30.01.2026 per E-Mail an die Schriftleitung erbeten.
Abgabe der Beiträge: Die fertiggestellten Beiträge sollen bis zum 22.05.2026 vorliegen.

Adressat:innenkreis:

Die Zeitschrift Literatur im Unterricht. Texte der Gegenwartsliteratur für die Schule richtet sich an Lehrkräfte aller Schulformen, Fachdidaktiker:innen, Literatur- und Medienwissenschaftler:innen, Studierende und andere in der literarisch-medialen Bildung Tätige. Eingereichte Beiträge sollen daher wissenschaftlich fundiert sein und zugleich die Perspektive schulischer Praxis berücksichtigen.

Kontakt / Einreichung:

Bitte senden Sie Abstracts und Beiträge als Word-Datei an die Schriftleitung von Literatur im Unterricht. Schriftleitung: Dr. Inger Lison (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)

Redaktionskontakt

Prof. Dr. Jan Standke, Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Literatur, TU Braunschweig, Institut für Germanistik, Bienroder Weg 80, D-38106 Braunschweig, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein., Tel.: +49 531 391 8666

[Quelle: Pressemitteilung]