Ausgehend von den Buch- und Editionswissenschaften sind in den letzten Jahren verstärkt Fragen der Materialität und Medialität literarischer Texte in den Fokus geistes- und kulturwissenschaftlicher Studien gerückt (vgl. Chartier 1990, Johns 1998, Pressman 2020), wobei diese Studien teilweise sehr Unterschiedliches unter materialitäts- oder medialitätstheoretischer Perspektive fassen. Der Analysefokus erstreckt sich auf die Papierstärke, Tintenqualität oder Formataspekte bis zu unterschiedlichen Drucktypen, zur Mikrotypographie oder Seitengestaltung. Unabhängig von der Tatsache, dass diese Dimensionen in Wechselwirkung zueinander stehen und systematisch auf unterschiedlichen Ebenen zu situieren sind, beeinflussen oder formatieren sie doch schriftliche Texte, die in einem spezifischen Medium (Buch, Zeitschrift, Blog etc.) präsentiert werden. Carlos Spoerhase spricht in diesem Kontext von ‚textueller Materialität‘ (vgl. Spoerhase 2018). Christian Benne führt hingegen die ‚Gegenständlichkeit‘ als Beschreibungskategorie ein und hebt insbesondere die damit verbundene Affordanz buchförmiger Gestaltung hervor: „Die Gegenständlichkeit etwa eines Buches wäre, grob skizziert, die Affordanz eines konkreten Buches als Artefakt (ein Foliant besitzt eine andere Affordanz als ein Reclam-Heft), die konkrete ‚materiale‘ Ausstattung (z.B. Typographie), die […] Auswirkungen auf den Umgang mit dem jeweiligen ‚Text‘ hat, der nicht abstrakt, sondern ausschließlich gegenständlich auftritt, selbst in digitalisierter Form“ (Benne 2015, 131). Auch in Arbeiten, die sich mit Kinder- und Jugendliteratur und -medien befassen, wurden diese Perspektiven aufgenommen (vgl. z. B. Lötscher/Tomkowiak 2015, Müller-Wille 2019, Roeder 2019, Hombrecher/Wassiltschenko 2020, kjl & m 2024). Insbesondere die Bilderbuchforschung hat sich immer wieder mit Fragen der Materialität und Medialität ihrer Gegenstände auseinandergesetzt (vgl. z. B. Nodelman 1988, Veryeri Alaca 2017, Dammers 2025). So hat etwa Simon Messerli herausgearbeitet, wie die Knickkante in Jörg Langes Bilderbüchern hinsichtlich Unterscheidungen von Utopie und Dystopie semantisiert werden kann (vgl. Messerli 2015). Auch Aspekte der Schriftbildlichkeit und Multimodalität, die sich in Bilderbüchern genauso finden wie in Romanen und Erzählungen, wurden untersucht (vgl. z. B. Vach 2019). Einzelne Autor:innen, wie bspw. Hans Christian Andersen, wurden dabei unter einer materialitätsästhetischen Perspektive befragt (vgl. Müller-Wille 2017). Ferner wurden Spiel-, Bewegungs- und Beschäftigungsbücher in den Blick genommen (vgl. Montanara 1993, Bachmann/Emans/Schmitz-Emans 2016), wie auch die semiotische Dimension der Seitengestaltung in literarischen Texten betrachtet (vgl. z.B. Lexe 2016, Boyken 2023). Diese Fallanalysen führen zu medien- und literaturtheoretischen Fragen: So wäre zu diskutieren, inwiefern eine medien- und materialitätsspezifische Sensibilisierung narratologischer Ansätze notwendig sein könnte: Werden über mediale und materiale Aspekte doch oftmals Dinge erzählt, die gar nicht im engeren Sinne erzählt werden (vgl. Boyken 2020). Autor:innen, die mit derartigen Erzählverfahren operieren, sind z. B. E.T.A. Hoffmann, Lewis Carroll, Michael Ende, Walter Moers oder Cornelia Funke.
Das Jahrbuch der Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung widmet sich in seiner Ausgabe für das Jahr 2027 diesen Themen mit besonderem Fokus auf Kinder- und Jugendliteratur, wobei auch andere Medien (Film, Hörbuch, Podcast, Blog usw.) in den Blick genommen werden können. Konkrete Fallanalysen sind genauso erwünscht wie literatur- oder medientheoretische Beiträge, die sich v. a. mit den Spezifika von Kinder- und Jugendliteratur und -medien auseinandersetzen. Auch eine Ausweitung auf Sach- und Gebrauchstexte ist willkommen. Sowohl historische als auch gegenwärtige Texte und Phänomene können untersucht werden. Auch die neuesten Entwicklungen in Form von Booktoks, die in einer praxeologischen Perspektive aufschlussreich wären und die auch mit der Materialität der Bücher operieren, oder Textsorten wie bspw. New Adult Literature, die ebenfalls eine spezifische Buchästhetik realisieren, können Anlass für Beiträge bieten. Mögliche Themen, Fragen und Schwerpunkte, jeweils mit Bezug auf Kinder- und Jugendliteratur bzw. -medien, wären:

  • Differenzierungen zwischen Materialität und Medialität hinsichtlich kinder- und jugendliterarischer Texte
  • literatur- oder medientheoretische Überlegungen, ausgehend von kinder- und jugendliterarischen Texten
  • historische Entwicklungen mit Blick auf ein spezifisches Medium oder konkrete Texte bzw. ein Genre
  • Wechselwirkungen mit technischen Innovationen (Buchdruck, Offsetdruck, Digitalisierung usw.)
  • Besonderheiten im Feld der Kinder- und Jugendliteratur (stärkere Nutzung von medialen oder materialen Ausdrucksmöglichkeiten? Bedeutung der Affordanz?)
  • Einzelfallanalysen (bezogen auf Autor:innen, Textsorten, Genres, Zeiträume usw.)
  • Vergleich zwischen unterschiedlichen Medien (z.B. Zeitschrift vs. Buch, Buch vs. Hörbuch, enhanced eBooks usw.)
  • Sach- und Gebrauchstexte, insbesondere in historischer Dimension (ABC-Bücher, Lehrwerke usw.)
  • Spiel-, Bewegungs- und Beschäftigungsbücher
  • New Adult Literature, Booktok usw.

Über das Schwerpunktthema hinaus sind zudem thematisch offene Beiträge zu kinder- und jugendliterarischen bzw. -medialen Fragestellungen aus historischer wie theoretischer Perspektive erwünscht; auch dazu bitten wir um entsprechende Vorschläge.

Formalia:
Wir hoffen auf große Resonanz und bitten bei Interesse um die Zusendung von entsprechenden Angeboten für themenbezogene bzw. offene Beiträge in Form eines Exposés (von nicht mehr als 2.000 Zeichen mit Leerzeichen) bis zum 15.06.2026. Die Exposés sollten außer einer kurzen inhaltlichen Zusammenfassung Angaben über die Fragestellung enthalten, den Bezug zu theoretischen Positionen herstellen sowie Literatur nennen, auf die sich der Beitrag stützt. Benachrichtigungen über die Annahme des Vorschlags und die Einladung zur Einreichung eines Beitrags werden zusammen mit dem Style Sheet bis zum 31.07.2026 verschickt. Über die endgültige Annahme des Beitrags wird nach Sichtung durch die Herausgeber:innen und einem Double-Blind Peer Review entschieden.

Die Beiträge selbst sollten einen Umfang von 40.000 Zeichen (inkl. deutschem wie englischem Abstract, Fußnoten, Literaturverzeichnis und Kurzvita) nicht überschreiten und den Herausgeber:innen spätestens bis zum 01.02.2027 als Word-Dokument vorliegen. Bitte senden Sie Ihr Exposé an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Literatur

  • Bachmann, Christian A. / Emans, Laura / Schmitz-Emans, Monika (Hg.) (2016): Bewegungsbücher. Spielformen, Poetiken, Konstellationen. Berlin
  • Benne, Christian (2015): Die Erfindung des Manuskripts. Zur Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit. Frankfurt/M.
  • Boyken, Thomas (2020): Medialität des Erzählens. Die Wiederentdeckung des Buches im Roman. Göttingen
  • Boyken, Thomas (2023): Sprache und Schrift in der Kinder- und Jugendliteratur. In: Fuhrhop, Nanna / Reinken / Schreiber, Niklas (Hg.): Literarische Grammatik. Wie Literatur- und Sprachwissenschaft voneinander profitieren können. Heidelberg, S. 41–55
  • Chartier, Roger (1990): Lesewelten. Buch und Lektüre in der frühen Neuzeit. Frankfurt/M. / New York
  • Dammers, Ben (2025): Konvention und Transgression im multimodalen Buchraum. In: Staiger, Michael (Hg.): Schrift/Bild – Lesen. Interdisziplinäre Zugänge. Stuttgart, S. 65–79
  • Hombrecher, Hartmut / Wassiltschenko, Judith (2020): The Well‑Worn Book and the Reading Child. Cultural and Cognitive Aspects of Materiality in German Children’s Literature. In: Neohelicon 47, H. 2, S. 537–557
  • Johns, Adrian (1998): The Nature of the Book. Print and Knowledge in the Making. Chicago / London
  • kjl & m (2024): [Themenheft:] Texte sichtbar machen. Schriftgestaltung in der Kinder- und Jugendliteratur (kjl & m 76, H. 4)
  • Lexe, Heidi (2016): Bastian, partizipativ. Michael Ende und das Buch als Medium und Motiv. In: Kurwinkel, Tobias / Schmerheim, Philipp / Sevi, Annika (Hg.): Michael Ende intermedial. Von Lokomotivführern, Glücksdrachen und dem (phantastischen) Spiel mit Mediengrenzen. Würzburg, S. 125–137
  • Lötscher, Christine / Tomkowiak, Ingrid (Hg.) (2015): Stofflichkeiten. Aspekte der Materialität in populären Literaturen und Medien. Zürich
  • Messerli, Simon (2015): Die Knickkante im Bilderbuch. Die Menschen im Meer als dialektisches Material. In: Lötscher, Christine Tomkowiak, Ingrid (Hg.): Stofflichkeiten. Aspekte der Materialität in populären Literaturen und Medien. Zürich, S. 9–19.
  • Montanara, Ann R. (1993): Pop-up and Movable Books. A Bibliography. Metuhen Müller-Wille, Klaus (2017): Sezierte Bücher. Hans Christian Andersens Materialästhetik. Paderborn
  • Müller-Wille, Klaus (2019): Das Lesen neu erfinden. Zu Aspekten der Materialität in der Kinder- und Jugendliteratur. In: Dettmar, Ute / Roeder, Caroline / Tomkowiak, Ingrid (Hg.): Schnittstellen der Kinder- und Jugendmedienforschung. Aktuelle Positionen und Perspektiven. Stuttgart, S. 11–26
  • Nodelman, Perry (1988): Words about Pictures. The Narrative Art of Children’s Picture Books. Athens / London
  • Pressman, Jessica (2020): Bookishness. Loving Books in a Digital Age. New York
  • Roeder, Caroline (2019): Buch im Buch. In: Schmitz-Emans, Monika (Hg.): Literatur, Buchgestaltung und Buchkunst. Ein Kompendium. Berlin / Boston, S. 519–523
  • Spoerhase, Carlos (2018): Das Format der Literatur. Praktiken materieller Textualität zwischen 1740 und 1830. Göttingen
  • Vach, Karin (2019): Typografie – zwischen Sprache und Bild. Funktionen der Typografie in multimodalen kinderliterarischen Erzählungen. In: Uhlig, Bettina / Lieber, Gabriele / Piper, Irene (Hg.): Erzählen zwischen Bild und Text. München, S. 181–198
  • Veryeri Alaca, Ilgim (2017): Materiality in Picturebooks. In: Bettina Kümmerling-Meibauer (Hg.): The Routledge Companion to Picturebooks. New York, S. 59–68

[Quelle: Pressemitteilung]