von Prof. Dr. phil. Damaris Nübel

Preise, Auszeichnungen und Bestenlisten bilden sog. kinder- und jugendliterarische Bewertungssysteme. Innerhalb dieser Systeme agiert eine Vielzahl unterschiedlicher Personen und Institutionen mit ebenso diversen Interessen und Ansichten. Bewertungssysteme haben erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung von Texten der Kinder- und Jugendliteratur und entscheiden auf diese Weise auch über Erfolg und Misserfolg mit. 

Explikat

Kinder- und jugendliterarische Bewertungssysteme (vgl. Ewers 2012, S. 87ff.) begründen Prämierungen in der Regel mit der Zuschreibung einer bildenden Wirkung auf die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen. Mit der exemplarischen Vorstellung von Preisen, Auszeichnungen und Bestenlisten wird im Folgenden aufgezeigt, welch hohe gesellschaftliche Bedeutung der KJL beigemessen wird. Der Blick auf die Kriterien für die Preisvergabe sowie auf die ausgezeichneten Werke zeigt, trotz einer Vielfalt an Themen und literarischen Formen, dass häufig Texte ausgezeichnet werden, die sich mit Identitätsfragen befassen.

Preise, Auszeichnungen und Bestenlisten lenken die Aufmerksamkeit – nicht nur die des privaten Endkunden, sondern auch die von Buchhändlerinnen und Buchhändlern und Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, die ihr Sortiment bzw. ihren Bestand zusammenstellen, sowie die von Literaturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern und Literaturdidaktikerinnen und -didaktikern, die aktuelle Tendenzen in der KJL untersuchen oder neue Vermittlungskonzepte entwickeln wollen. Preise und Auszeichnungen sind dahingehend zu unterscheiden, dass erstere in der Regel mit einem Preisgeld verbunden sind, während bei letzteren die Würdigung auch in anderer Form, z. B. durch die Verleihung einer Medaille, ausgedrückt werden kann. Der weltweit am höchsten dotierte Preis für internationale Kinder- und Jugendliteratur ist mit umgerechnet ca. 570 000 Euro der Astrid Lindgren Memorial Award (ALMA), der seit 2002 von der schwedischen Regierung ausgelobt wird.[1] Der Preis kann nicht nur an Einzelpersonen, sondern auch an Institutionen vergeben werden, so z. B. im Jahr 2015 an PRAESA, eine in Kapstadt ansässige Organisation, die sich seit über zwanzig Jahren der Leseförderung von Kindern und Jugendlichen in Südafrika widmet.[2]

Der Hans-Christian-Andersen-Preis, der seit 1956 international vergeben wird und als wichtigste Auszeichnung für KJL-Autorinnen und Autoren sowie -Illustratorinnen und -Illustratoren gilt, ist dagegen undotiert. Es handelt sich dabei um einen reinen Ehrenpreis, bei dem die Preisträgerinnen und Preisträger mit einer Goldmedaille, auf der das Konterfei von Hans Christian Andersen abgebildet ist, ausgezeichnet werden.[3] Namhafte Autorinnen und Autoren wie Astrid Lindgren, Erich Kästner, Tove Jansson, James Krüss, Christine Nöstlinger und David Almond sind in der Vergangenheit mit dem Preis geehrt worden.[4]

Der Deutsche Jugendliteraturpreis

Der wichtigste Preis für Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland und obendrein der einzige Staatspreis in diesem Bereich ist der Deutsche Jugendliteraturpreis (djlp), der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) verliehen wird. Neben der eigentlichen Prämierung ist auch bereits die Nominierungsliste, wenn nicht bereits als Auszeichnung für die darin Aufgenommenen, so doch immerhin als Bestenliste zu betrachten.

Die Entstehung des djlp ist im Kontext allgemeiner Bestrebungen zu sehen, die sich in den 50er Jahren gegen sog. "Schund- und Schmutzliteratur" wenden. Gemeint waren damit neben Comics v. a. die weitverbreiteten Landser-, Liebes- und Westernromane, die in Heftform erhältlich waren. In dieselbe Zeit wie die Einrichtung des Preises fallen auch die Verabschiedung des "Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften" sowie die Entstehung der zugehörigen Bundesprüfstelle (Schikorsky 2012, S. 120). Zunächst 1956 vom Bundesinnenministerium unter der Bezeichnung "Deutscher Jugendbuchpreis" gestiftet, übernahm ein Jahr später das Bundesministerium für Familienfragen – heute BMFSFJ – Finanzierung und Verleihung des Preises. Seit 1981 lautet die offizielle Bezeichnung Deutscher Jugendliteraturpreis. Sämtliche organisatorischen Aufgaben rund um den Preis, v. a. die Auswahl der Preisträger sowie deren Bekanntgabe, übernimmt der Arbeitskreis für Jugendliteratur e. V. – in der Zeit von 1955-1969 Arbeitskreis für Jugendschrifttum –, der als deutsche Sektion des IBBY (International Board on Books for Young People) gegründet wurde und heute als Dachverband für 44 Mitgliedsverbände fungiert (Doderer und Riedel 1988, S. 21ff.). Ziel des Arbeitskreises ist es, durch die Organisation des djlp und die Herausgabe der Zeitschrift JuLit, mit Angeboten im Bereich der Leseförderung, didaktischen Begleitmaterialien u. v. m. "die Kinder- und Jugendliteratur und die literarästhetische Bildung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zu stärken".[5]

Der djlp wird seit 1965 in den Sparten Kinderbuch, Jugendbuch und Bilderbuch, seit 1967 außerdem in der Sparte Sachbuch vergeben. Über die Vergabe des Preises entscheidet eine insgesamt neunköpfige, jährlich wechselnde Kritikerjury. Jeweils zwei Kritiker verantworten die vier verschiedenen Sparten, während die neunte Person den Vorsitz innehat. Seit 2003 existiert außerdem der Preis der Jugendjury. Die Jugendjury setzt sich aus sechs Leseclubs aus dem ganzen Bundesgebiet zusammen. Der djlp ist mit 10 000 Euro pro Sparte dotiert und kann zwischen Autorinnen und Autoren, Illustratorinnen und Illustratoren und Übersetzerinnen und Übersetzern aufgeteilt werden. Zusätzlich erhalten die Preisträgerinnen und Preisträger eine Skulptur, die Michael Endes Figur Momo nachempfunden ist.[6]

Zu Diskussionen hat immer wieder die Öffnung des djlp für deutsche Übersetzungen fremdsprachiger Originale in den 60er Jahren geführt (Doderer und Riedel 1988, S. 23). Kritisiert wird die vermeintliche Benachteiligung deutscher Autorinnen und Autoren aufgrund der hohen Anzahl von Preisträgerinnen und Preisträgern aus anderen Ländern. Als Argument wird dabei auch angeführt, dass es sich doch um einen staatlichen Preis handelt. Tatsächlich weisen viele andere Preise nationale Beschränkungen auf, so z. B. auch der Österreichische Kinder- und Jugendbuchpreis, der ausschließlich an österreichische Autorinnen und Autoren, Illustratorinnen und Illustratoren und Übersetzerinnen und Übersetzern vergeben wird.[7] Von Glasenapp und Brunken stellen jedoch klar, dass Internationalität ein wichtiges Merkmal des djlp ist. Er spiegele die Bandbreite des deutschen Buchmarkts wider, zu der auch Übersetzungen aus anderen Sprachen gehören und sei nicht zuletzt wegen seiner Internationalität auch über die Grenzen hinaus bekannt geworden. Aufgrund der Globalisierung, die gerade die KJL in hohem Maße betrifft, empfinden von Glasenapp und Brunken die internationale Ausrichtung des djlp als zeitgemäß und berechtigt.[8] Eine Untersuchung der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg hat zudem ergeben, dass die Wahrnehmung, der Preis ginge häufiger an ausländische als an deutsche Autorinnen und Autoren, so nicht stimmt. Zwischen 1956 und 2004 wurden – unter Berücksichtigung aller Sparten – 96 deutschsprachige Veröffentlichungen und 91 Übersetzungen ausgezeichnet.[9]

Neben der Internationalität sind Aktualität und eine möglichst objektive Beurteilung der Werke grundlegende Aspekte der Preisvergabe. Die Aktualität wird eingelöst, indem der Preis nur solchen Texten zugesprochen werden darf, deren deutschsprachige Ausgabe unmittelbar im Jahr vor der Preisverleihung erschienen ist (Doderer und Riedel 1988, S. 217). Die objektive Beurteilung der Literatur wird unterstützt durch eine von Weinkauff zusammengestellte Sammlung von Gesichtspunkten, die von den Jurymitgliedern in den Entscheidungsprozess miteinbezogen werden sollten. Im Hinblick auf die Thematik wird z. B. nach der "[l]iterarische[n] Exploration aktueller Themen bzw. Erfahrungshorizonte" oder der "Vermittlung neuer Perspektiven auf Geschichte oder kulturell fremde Welten" gefragt, im Hinblick auf die Sprache u. a. nach Sprachvarietäten, Sprachkomik und Sprachreflexion, im Hinblick auf die Rezeptionslenkung nach Doppelsinnigkeit u. v. m. Relevant ist laut Weinkauff aber auch der persönliche Geschmack der Kritikerinnen und Kritiker:

Auch die erwachsenen 'Kritiker' sollten sich […] vor ihrem Urteil und eigentlich auch noch vor der Textanalyse über die eigene Lektüre Rechenschaft geben und überlegen, was sie selbst an diesem oder jenem Text berührt, irritiert oder amüsiert, gefesselt oder gelangweilt hat![10]

In Anbetracht der Tatsache, dass pro Sparte jeweils nur zwei – natürlich sehr sachkundige Personen mit häufig wissenschaftlichem Hintergrund – über die Preisvergabe entscheiden, kann angenommen werden, dass auch persönliche Vorlieben und individuelles Vergleichen mit bereits gelesenen Werken relativ viel Raum bei der Bewertung einnehmen können. Was bei einer genaueren Betrachtung der Preisträgertitel in den Kategorien Kinderbuch und Jugendbuch in der Zeit zwischen 1980 und 2014 auffällt, ist, dass es sich fast ausschließlich um erzählende und gleichzeitig zum überwiegenden Teil um sog. 'realistische' Texte handelt. Nur etwa zehn der 70 Preisträgertitel des benannten Zeitraums weisen starke fantastische Elemente auf oder sind gänzlich der Fantastik zuzuordnen. Der Großteil davon entfällt auf die Kategorie Kinderbuch. Auffällig ist außerdem, dass die Hauptfigur in fast der Hälfte der betrachteten Preisträgertitel in unterschiedlicher Ausprägung sozial benachteiligt ist. Neben Waisen, Halbwaisen oder Scheidungskindern finden sich beispielsweise auch Protagonistinnen und Protagonisten, die in Armut aufwachsen, physische oder psychische Gewalt, Krieg, Verfolgung oder Flucht erleben oder mit Krankheit, Behinderung und Tod konfrontiert sind. Deutlich ausgeprägter als in der Kategorie Kinderbuch ist die soziale Benachteiligung, die in manchen Fällen auch mit einem Migrationshintergrund einhergeht, in der Kategorie Jugendbuch. Zentrale Themen, die in den Werken verhandelt werden, sind Freundschaft, Familie und Liebe, aber auch Verlusterfahrungen, Ausgrenzung und Einsamkeit sowie Fragen nach der Herkunft, nach dem Erwachsenwerden und der eigenen Identität. Diese Beobachtungen zeigen zumindest ansatzweise einen roten Faden, der sich durch die Preisvergaben der letzten 35 Jahre zieht: Eine Fokussierung auf sog. 'realistische' Literatur mit identitätsbezogenen Themen und eine Tendenz zu Figuren in sozial schwierigen Lebenslagen und persönlichen Umbruchsituationen. Diese Annahme bestätigt z. B. auch der Preisträgertitel in der Kategorie Jugendbuch im Jahr 2015. In ihrem Roman Schneeriese erschaffe die Autorin Susan Kreller, so die Jury, mit Adrian, dessen Gefühle von Stella nicht erwidert werden, einen "'Helden', der nicht darunter leidet, zu klein zu sein. Vielmehr ist Adrian eine Identifikationsfigur für alle, die sich in der Pubertät vom Äußeren her als zu groß empfinden, innerlich aber noch 'Größe' entwickeln müssen."[11]    

Weitere Preise auf nationaler Ebene 

Ein weiterer wichtiger Preis, der seit 1971 in Deutschland vergeben wird, ist der Buxtehuder Bulle. Er wird für erzählende Jugendliteratur vergeben, die sich an Lesende ab 13 Jahren richtet. Die Preisvergabe verfolgt ein zweifaches Ziel: "Jugendliche zu aktivem und intensivem Lesen zu bewegen und gleichzeitig zu einer Förderung und Verbreitung guter Jugendbücher beizutragen."[12] Der Preis ist mit 5 000 Euro dotiert und wird gemeinsam mit einer Stahlplastik vergeben, für die der friedfertige Stier Ferdinand aus dem 1937 publizierten Kinderbuch The Story of Ferdinand von Munro Leaf Pate gestanden hat. Bemerkenswert ist die paritätische Zusammensetzung der Jury, die aus elf Jugendlichen und elf Erwachsenen besteht. Anders als beim djlp handelt es sich nicht um eine Fachjury, denn grundsätzlich kann sich jeder für die Jurymitgliedschaft bewerben. Die Juryzusammensetzung wird jährlich neu aus den eingegangenen Bewerbungen ausgelost.[13]

Erwähnenswert ist außerdem der 1983 ins Leben gerufene und mit 7 500 Euro dotierte Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher, mit dem die nordrhein-westfälische Landesregierung Autorinnen und Autoren auszeichnet, deren Werke "Kinder und Jugendliche ermutigen, sich für Zivilcourage und Toleranz, für Menschenrechte und für gewaltfreie Formen der Konfliktlösung einzusetzen."[14] Der Preis hat eine klare weltanschauliche Leitlinie und verfolgt mit der Vergabe entsprechende pädagogische Ziele. Beides spiegelt sich in den prämierten Werken wider. Im Jahr 2015 wurde beispielsweise John Boynes Roman "So fern wie nah" ausgezeichnet, der im Ersten Weltkrieg angesiedelt ist und aus kindlicher Perspektive u. a. die von den Kriegsereignissen ausgelöste Traumatisierung eines Erwachsenen aufzeigt. Neben Krieg und Nachkriegszeit findet sich unter den Preisträgertiteln der letzten Jahre auch das Thema Flucht, wie z. B. in Anna Kuschnarowas 2013 ausgezeichnetem Roman Kinshasa Dreams, in dem sich der junge Kongolese Jengo auf den gefährlichen Weg nach Europa macht, um dort seinen Traum von einer Boxkarriere zu verwirklichen.[15]

Auch der seit 1986 existierende Heinrich-Wolgast-Preis der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (AJuM), der alle zwei Jahre vergeben wird und mit 2 000 Euro dotiert ist, verfolgt ein klares Ziel: "die Darstellung der Arbeitswelt in der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) zu fördern".[16] Während sich beim Gustav-Heinemann-Friedenspreis die Jury aus sieben unabhängigen Mitgliedern unterschiedlicher Disziplinen und Institutionen zusammensetzt, besteht die des Heinrich-Wolgast-Preises aus drei Vertreterinnen bzw. Vertretern der AJuM.[17] Der Zielsetzung entsprechend werden häufig Titel mit gewerkschaftsnahen Themen bzw. solchen, die die Arbeitswelt ins Zentrum rücken, prämiert, im Jahr 2015 z. B. Ronan de Calans Sachbuch Das Gespenst des Karl Marx aus der Reihe Platon und Co – Philosophie für Kinder des diaphanes-Verlags.[18]

Selbstverständlich gibt es auch konfessionelle Preise, wie z. B. den 1977 ins Leben gerufenen Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz, der zunächst im zweijährigen Turnus und seit 1999 jährlich vergeben wird. Die neunköpfige Jury setzt sich in erster Linie aus Vertretern verschiedener kirchlicher Institutionen zusammen, darunter auch solchen aus dem Bereich der Religionspädagogik. Zusammen mit dem Preisgeld von 5 000 Euro wird eine Bronze-Statuette mit dem Titel Die Lesende überreicht. Mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis werden Autorinnen und Autoren ausgezeichnet, deren Werke "beispielhaft und altersgemäß christliche Lebenshaltungen verdeutlichen, religiöse Erfahrungen vermitteln und Glaubenswissen erschließen".[19] Gemäß diesen Zielsetzungen wurde im Jahr 2015 der norwegische Bilderbuchkünstler Stian Hole für Annas Himmel ausgezeichnet, worin sich die junge Protagonistin in Anbetracht des Todes ihrer Mutter den Himmel vorzustellen versucht.[20]  

Besten- und Empfehlungslisten 

Neben Preisen, Auszeichnungen und den zugehörigen Nominierungs- und Auswahllisten können auch Besten- oder Empfehlungslisten bei einer ersten Orientierung in der Angebotsvielfalt helfen. Die meisten der preisverleihenden Institutionen sprechen neben den Nominierungen zusätzliche, den jeweiligen Zielsetzungen entsprechende Empfehlungen aus – mal online, mal in Form von Publikationen, wie im Falle des Arbeitskreises für Jugendliteratur e. V., der auch die Vergabe des djlp organisiert. Dieser hat Empfehlungskataloge zum Bilderbuch, zum Kinderbuch und zum Jugendbuch herausgegeben, die inzwischen vielfach neu aufgelegt worden sind.[21] Der gemeinnützige Verein Baobab Books mit Sitz in der Schweiz will gezielt kulturelle Vielfalt in Kinder- und Jugendbüchern fördern und gibt zu diesem Zweck unter dem Titel "Kolibri" ein Empfehlungsverzeichnis heraus. Die Kriterien, die der Verein dafür heranzieht, sind folgende: "Wertevielfalt statt Ethnozentrismus", "Gleichwertigkeit statt Paternalismus", "Respekt statt Rassismus", "Gender statt Sexismus" und "Dialog statt Fundamentalismus".[22]

Zu den bekanntesten Bestenlisten in Deutschland gehören Die 7 besten Bücher für junge Leser des Deutschlandfunks und des Magazins Focus, die seit 1994 jeden Monat von einer 29-köpfigen Fachjury aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ermittelt und bekanntgegeben werden.[23] Eine Mischung aus Literaturpreis und Bestenliste stellt der Luchs dar, der von der Wochenzeitung Die Zeit und Radio Bremen verliehen wird. Seit 1986 wird der Luchs des Monats als besondere Buchempfehlung bekanntgegeben. Aus den Empfehlungen eines Jahres wird seit 1997 der Luchs des Jahres gekürt. Der Preis ist mit 8 000 Euro dotiert.[24]

Preise für Dramatik und Lyrik

Die genannten Preise, Auszeichnungen, Nominierungs- oder Bestenlisten beziehen sich vorwiegend auf erzählende KJL. Häufig spielt, so beim djlp, dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis und dem Heinrich-Wolgast-Preis, auch das Sachbuch eine Rolle. Für dramatische Texte, die sich an Kinder und Jugendliche richten, gibt es in Deutschland eigene und gleichzeitig wesentlich weniger Preise und Auszeichnungen. Zu nennen sind hier vor allem der Deutsche Kindertheater- und der Deutsche Jugendtheaterpreis, die beide vom Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland (KJTZ) vergeben werden und jeweils mit 10 000 Euro dotiert sind. Daneben werden auch Stipendien für die Erarbeitung neuer Stücke gewährt.[25] Zu erwähnen ist außerdem der Berliner Kindertheaterpreis, den das GRIPS Theater seit 2005 alle zwei Jahre auslobt. Am Ende einer gemeinsamen Werkstattphase der Nominierten wird das Siegerstück gekürt, für das die Autorin bzw. der Autor mit 5 000 Euro und der Uraufführung durch das GRIPS Theater belohnt wird.[26]

Neben der Dramatik bleibt auch die Lyrik weitgehend von den wichtigen Preisen und Auszeichnungen ausgeschlossen. In den Jahren 1980 bis 2014 wurde in der Kategorie Kinderbuch nur ein einziger Lyrikband mit dem djlp ausgezeichnet: Jürgen Spohns Drunter & Drüber im Jahr 1981.[27] 1993 wurden die Gedichte von Josef Guggenmos mit einem Sonderpreis Lyrik geehrt – eine Kategorie, die es zuvor nicht gab und auch in den Folgejahren nicht mehr geben sollte. Wurden in jüngerer Zeit Gedichtbände mit dem djlp ausgezeichnet, z. B. mit Texten von Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz oder Ernst Jandl, dann überwiegend mit dem Sonderpreis Illustration.[28] Preise oder Auszeichnungen, die sich speziell an Autorinnen und Autoren von Kinderlyrik richten, finden sich sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern kaum. Der mit 8 000 Euro dotierte Österreichische Staatspreis für Kinderlyrik wurde nur von 1993 bis 2007 alle zwei Jahre vergeben.[29] Natürlich lässt sich behaupten, dass im Bereich Kinderlyrik nur sehr wenige Autorinnen und Autoren aktiv sind. Andererseits kann auch gemutmaßt werden, dass dies gerade deshalb der Fall ist, weil eine entsprechende Förderung und Aufmerksamkeitslenkung durch Preise, Auszeichnungen und Bestenlisten nicht stattfindet. Künftig wäre darüber zu diskutieren, ob z. B. die Kategorien des djlp nicht um Dramatik und Lyrik erweitert werden sollten.[30] Ein Zeichen für mehr Engagement in der Kinderlyrik hat die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e. V. im Jahr 2016 mit der Einrichtung des Josef-Guggenmos-Preises gesetzt. Es ist die erste Preisvergabe für Kinderlyrik in Deutschland. Erster Preisträger ist Arne Rautenberg, der für seinen im Jahr 2016 erschienen Gedichtband Unterm Bett liegt ein Skelett mit einem Preisgeld von 3 000 Euro ausgezeichnet wurde. Mit einer Empfehlungsliste weist die Jury auf weitere Lyrikbände für Kinder hin.[31]

Fazit

Abschließend sei angemerkt, dass die Bewertungssysteme 'Preise und Auszeichnungen' sowie 'Empfehlungs- und Bestenlisten' hier nur exemplarisch vorgestellt werden konnten. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. So kann auf zahlreiche regionale (z. B. der Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg), aber auch nationale und internationale Preise (z. B. die US-amerikanische Newbery Medal oder die britische Carnegie Medal) nicht eingegangen werden. Die aufgeführten Beispiele für Preise, Auszeichnungen, Empfehlungs- und Bestenlisten im Bereich der KJL gehören aber zu den wichtigsten und bekanntesten im deutschen Kinder- und Jugendliteraturbetrieb und wirken auf die Produktions- und Distributionssysteme zurück.

Bewertungssysteme schaffen Anreize für eine KJL, der kurzfristig eine positive Wirkung auf die Bildung ihrer Zielgruppe und damit langfristig auf die Gesellschaft zugeschrieben werden kann. Dies motiviert Nationalstaaten, Länder und Kommunen sowie Kirchen, Vereine und Verbände Geld, Zeit und Arbeit in die Prämierung von KJL zu investieren. Die Feinziele, die die genannten Institutionen verfolgen, hängen von deren Werthaltungen und Bildungsverständnis ab und können sich, wie gezeigt, voneinander unterscheiden. Die Zusammensetzung der Jury und die Kriterien zur Bewertung der Texte stellen das Mittel dar, mit dem die Zielsetzung verfolgt wird, eine bestimmte Art von Literatur zu fördern. Obwohl sich sowohl die Feinziele als auch der Bewertungsablauf institutionell unterscheiden, lässt sich in den prämierten Werken ein wiederkehrendes Muster erkennen. Erzählungen von problematischen Identitäten oder von Protagonisten in biografischen Umbruchsituationen bilden eine Art Konsens der preisverleihenden Institutionen – zumindest dort, wo es um die Prämierung epischer Texte und nicht etwa um das Sachbuch geht. So individuell verschieden die Charaktere und ihre Geschichten auch sind, wird diesen Texten doch zugeschrieben, exemplarische und damit überindividuelle Geltung für sich beanspruchen zu können. Es wird also davon ausgegangen, dass sich junge Leserinnen und Leser in den Geschichten wiederfinden können. Auf eine kurze Formel gebracht, könnte dies heißen: In den Bewertungssystemen wird implizit angenommen, dass KJL im Speziellen allgemeine Erfahrungen (v. a. der Identitätsentwicklung) speichert.

Text aus "Literarische Selbstinitiation. Grundlagen einer biografieorientierten Literaturdidaktik." München: kopaed, 2018. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.


Literatur

  • Doderer, Klaus und Cornelia Riedel: Der Deutsche Jugendliteraturpreis. Eine Wirkungsanalyse. Weinheim: Juventa, 1988.
  • Ewers, Hans-Heino: Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung in Grundbegriffe der Kinder- und Jugendliteraturforschung. Paderborn: Fink, 2012.
  • Schikorsky, Isa: Kurze Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur. Norderstedt: BoD, 2012.

Endnoten

[1] The Astrid Lindgren Memorial Award: Facts on the award. http://www.alma.se/en/About-the-award/Award-facts/ (17.09.20).
[2] The Astrid Lindgren Memorial Award: PRAESA receives the 2015 Astrid Lindgren Memorial Award. http://www.alma.se/en/Laureates/2015/ (17.09.20).
[3] International Board on Books for Young People: Hans Christian Andersen Awards.  https://www.ibby.org/awards-activities/awards/hans-christian-andersen-awards (16.09.20).
[4] ebd.
[5] Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.: Dachverband AKJ. http://www.jugendliteratur.org/dachverband_akj-3.html (18.09.20).
[6] Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.: Informationen zum Preis. https://web.archive.org/web/20160316053917/http://www.djlp.jugendliteratur.org/preis-2.html (18.09.20).
[7] Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis: Kinder- und Jugendbuch-Preisbücher seit 1955. https://www.lesefest.at/preisbucher-seit-1955 (16.09.20).
[8] http://www.uni-koeln.de/phil-fak/deutsch/aleki/aktuelles/stellungnahme.shtml (21.08.15).
[9] Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.: Weltoffen und international. Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist Kindern und Jugendlichen verpflichtet. https://web.archive.org/web/20180904121049/https://www.jugendliteratur.org/pressemitteilung-70-weltoffen_und_internation.html (17.09.20).
[10] Weinkauff, Gina: Kein Kriterienkatalog. https://web.archive.org/web/20140327115448/http://www.jugendliteratur.org/downloads/DJLP%202013_Kein%20Kriterienkatalog_GinaWeinkauff.pdf (17.09.20).
[11] http://www.djlp.jugendliteratur.org/preistraeger_jugendbuch-16.html (13.11.15).
[12] Buxtehuder Bulle: Der Buxtehuder Bulle. https://www.buxtehuder-bulle.de/index.php/de/der-buxtehuder-bulle/der-bulle (16.09.20).
[13] Buxtehuder Bulle: Das Verfahren zur Ermittlung des Preisträgers/der Preisträgerin für den Jugendliteraturpreis Buxtehuder Bulle. https://www.buxtehuder-bulle.de/index.php/de/der-buxtehuder-bulle/jury (16.09.20).
[14] Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen: Ausschreibung des Gustav-Heinemann-Friedenspreises für Kinder- und Jugendbücher 2015. https://web.archive.org/web/20141230132211/http://www.politische-bildung.nrw.de/print/heinemannpreis/aktuelles/index.html (17.09.20).
[15] Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen: Prämierte Bücher des Gustav-Heinemann-Friedenspreises für Kinder- und Jugendbücher. https://www.politische-bildung.nrw.de/publikationen/heinemann-preis/preistraegerinnen-und-preistraeger/ (16.09.20).
[16] Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: Heinrich-Wolgast-Preis der GEW. http://www.gew.de/ausschuesse-arbeitsgruppen/weitere-gruppen/die-ajum/wolgast-preis/ (17.09.20).
[17] Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen: Die aktuelle Jury des Gustav-Heinemann-Friedenspreises. https://www.politische-bildung.nrw.de/print/heinemannpreis/jury/index.html und Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM): Heinrich Wolgast Preis – Jury. http://www.ajum.de/html/hwp/jury.html (17.09.20).
[18] Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: Heinrich-Wolgast-Preis für "Das Gespenst des Karl Marx". http://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/heinrich-wolgast-preis-fuer-das-gespenst-des-karl-marx/ (17.09.20).
[19] Deutsche Bischofskonferenz: Geschichte des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises. http://www.dbk.de/kkujbp0/geschichte-kkujb/ (17.09.20).
[20] Deutsche Bischofskonferenz: Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis 2015 verliehen. https://www.dbk.de/nc/presse/aktuelles/meldung/katholischer-kinder-und-jugendbuchpreis-2015-verliehen/detail/ (16.09.20).
[21] vgl. exemplarisch http://www.jugendliteratur.org/publikation-7-das_kinderbuch.html (10.10.15). 
[22] Baobab Books: Kriterien. http://www.baobabbooks.ch/de/kolibri/kriterien/ (17.09.20). 
[23] Deutschlandfunk: Die besten 7 Bücher für junge Leser im August. http://www.deutschlandfunk.de/kritik-die-besten-7-buecher-fuer-junge-leser-im-august.1202.de.html?dram:article_id=324960 (17.09.20).
[24] Wikipedia, die freie Enzyklopädie: Luchs des Monats. https://de.wikipedia.org/wiki/Luchs_%28Literaturpreis%29 (17.09.20).
[25] Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland: Deutscher Kindertheaterpreis 2020 – Deutscher Jugendtheaterpreis 2020. http://www.kjtz.de/preise/ausschreibung/ (17.09.20).
[26] GRIPS Theater: Schauspiel Ensemble. http://www.grips-theater.de/unser-haus/berliner-kindertheaterpreis-2013/new-contentpage/ (17.09.20).
[27] Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V.: Buch: Drunter & Drüber. http://www.djlp.jugendliteratur.org/datenbanksuche/kinderbuch-2/artikel-drunter__drueber-1735.html (17.09.20).
[28] http://www.djlp.jugendliteratur.org/archiv_datenbanksuche-26.html?suche=116994 (08.10.15).
[29] Bundesministerium Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport: Österreichischer Staatspreis für Kinderlyrik. https://www.bmkoes.gv.at/Kunst-und-Kultur/preise/oester-staatspreis-fuer-kinderlyrik.html (16.09.20).
[30] Eine alphabetische Übersicht zahlreicher Preise, Auszeichnungen und Bestenlisten (Schwerpunkt Deutschland) findet sich unter Kinder- und Jugendbuchverlage A-Z: Preise & Ausschreibungen. http://www.kinder-jugendbuch-verlage.de/de/informationen/ausschreibungen-preise (17.09.20).
[31] Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur: Josef Guggenmoos-Preis für Kinderlyrik. 2016: Arne Rautenberg. https://www.akademie-kjl.de/preise-auszeichnungen/josef-guggenmos-preis/#2016_arne_rautenberg (16.09.20)

Erstveröffentlichung am 18.09.2020


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Oktober 2020
Mo Di Mi Do Fr Sa So
28 29 30 1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30 31 1