von Anna Stemmann M.A.

 

Das Bilderbuch Dunkel erzählt die Geschichte von Leo, der sich vor der Dunkelheit fürchtet. Als diese nachts anfängt, mit ihm zu sprechen, muss er sich seiner Angst stellen und lernt diese als unvermeidbaren Teil des Lebens kennen.

Lemony Snicket/Jon Klassen: Dunkel.
NordSüd Verlag, Zürich 2014.
48 S. 14,95€.
ISBN 978-3-314-10211-0.

Inhalt
In Dunkel wird die Geschichte des kleinen Jungen Leo erzählt. Dieser lebt in einem großen Haus mit knarrendem Dach, steilen Treppen und kalten Fensterscheiben. Sorgenvoll blickt er jeden Abend zur untergehenden Sonne vor seinem Fenster, denn wenn sie fort ist, kommt das Dunkel aus seinem Versteck heraus. In Leos Wahrnehmung wird das Haus dann zu einem unheimlichen Hort des Dunkels, das in alle Ecken dringt. Tagsüber zieht sich das Dunkel in den Keller zurück, verbleibt aber bedrohlich im Schrank und lauert hinter dem Duschvorhang.

Leo imaginiert es als ein lebendiges Wesen, das ihn zwar fürchten lässt, gleichzeitig aber auch anzieht: Jeden Morgen begrüßt er es an der Kellertreppe, ohne sich jedoch in den Raum hineinzuwagen. Als das Dunkel Leo nicht nur in seinem Zimmer besucht, sondern plötzlich mit knarrender Stimme zu ihm spricht, folgt ihm der Junge bis in den Keller und überwindet so zögerlich seine Angst. Dabei gehen Leo und das Dunkel am Schrank und dem Duschvorhang vorbei, über die Treppe nach unten, bis weit in den Keller hinein. Dort weist das Dunkel auf eine Kommode, in deren unterster Schublade Leo eine Glühbirne findet. Diese kann ihm nun nachts Licht in seinem Zimmer spenden. Fortan wohnt das Dunkel zwar weiter in Leos Haus, es macht ihm aber keine Angst mehr.

Kritik
Die Innenseiten des Buchdeckels und das erste Vorsatzblatt führen eindrucksvoll in die Geschichte hinein: Sie sind komplett in schwarz gehalten und ziehen den Leser beim ersten Aufschlagen unmittelbar in den Bann des Dunkels. Unterbrochen wird diese Dunkelheit nur von der kleinen Figur Leos am äußersten rechten Bildrand, die eine Taschenlampe in der Hand hält. Der Schein der Lampe fällt aus der Seite heraus und lässt die folgende Doppelseite im hellen Lichtkegel erstrahlen. In diesem Spotlight ist der Titel des Buches platziert und die eigentliche Geschichte wird eröffnet.

Die klare trichterförmige Form des Lichtkegels wird im weiteren Verlauf des Bilderbuches immer wieder aufgegriffen und leitet auf der nächsten Seite direkt in die Geschichte über: Leo sitzt in ebendiesem letzten Lichtschein der untergehenden Sonne vor seinem Fenster. Dieses Setting wird zur losen Rahmenhandlung, denn auch die letzte Seite schließt mit der gleichen Darstellung. Jedoch wendet sich Leo hier nicht sorgenvoll blickend zum Fenster, sondern spielt unbekümmert weiter, was die Botschaft des Buches unterstreicht: Man kann sich seinen Ängsten stellen und diese überwinden.

Der kurze und reduzierte, dabei aber sehr prägnante Text wurde von Lemony Snicket geschrieben und entwirft ein lebendiges Bild des Dunkels und der Ängste des Jungen. Im Bilderbuchsegment ist Dunkel das erste Werk von Snicket; bekannt ist dieser bisher vor allem durch seine Kinderbuchserie Eine Reihe betrüblicher Ereignisse. Unterstützt werden diese Beschreibungen von Jon Klassens Illustrationen, die jede Seite mit kraftvollen Bildern ausfüllen. Klassen gewann jüngst im letzten Jahr den deutschen Jugendliteraturpreis für sein Bilderbuch Wo ist mein Hut?

Die Seitenarchitektur des gesamten Buches bindet konsequent die Textteile in die Bildebene ein, sorgt für eine enge Verschränkung und erzeugt eine dichte erzählte Welt, die zum intensiven Betrachten einlädt. Klassens Zeichnungen sind grafisch reduziert auf einfache und klare Striche, die mit großen, meist schwarzen Flächen kontrastiert werden. Das weitere Farbspektrum changiert vor allem in dunklen Tönen, die nur von dem kräftigen weißen Schein der Taschenlampe des Jungen durchbrochen werden. Als eigenständiges Narrativ wird dieser Lichtkegel auf jeder Seite variiert und in seiner Form an die jeweiligen Räume und die Perspektive des Betrachters angepasst. So entsteht eine reizvolle Dynamik der Formen, die durch das Wechselspiel von Hell und Dunkel unterstützt werden, wenn sich auf Leos Weg das helle Weiß mutig in die Dunkelheit schneidet. Symbiotisch damit verschmolzen sind immer wieder auch die Textpassagen, die keinen separaten Rahmen aufweisen, sondern direkt im Bild stehen. Wenn das Dunkel mit Leo spricht und ihm den Weg weist, wird dieser über die Platzierung des Textes auf der Seite auch metatextuell markiert. Bildliche und textliche Ebene erzählen zusammen eine dichte und berührende Geschichte. Beschlossen wird diese mit einem positiven Ausblick auf eine aufgehende Sonne. Dies zeigt die gelungene Auseinandersetzung Leos mit der eigenen Angst.

Fazit
Dunkel ist ein beeindruckendes Bilderbuch, das nicht nur von der expliziten Angst vor der Dunkelheit erzählt, sondern exemplarisch alle Ängste als zentralen Bestandteil des Lebens thematisiert. Der Mut des Jungen, sich mit dem Dunkel auseinanderzusetzen, wird belohnt und zeigt auf, dass man sich seiner Angst stellen kann, egal in welchem Alter man ist. Das Buch lässt den Leser erfahren, dass Ängste untrennbar mit dem Leben verbunden sind, ebenso wie Dunkelheit und Helligkeit nur gemeinsam existieren.

Jon Klassen und Lemony Snicket haben mit Dunkel ein herausragendes Bilderbuch vorgelegt, das in einfachem und reduziertem Text und Zeichenstrich erzählt. Text und Bild sind auf kunstvolle Art und Weise miteinander verbunden, erzeugen ein komplexes Arrangement und eröffnen vielschichtige Leseebenen um das Thema Angst, die zur gemeinsamen Lektüre und zum Vorlesen mit Kindern ab ungefähr vier Jahren einladen.

 

 

 


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