von Annika Sevi

"Wunder, muss man sagen, kommen auf dem Mond ziemlich häufig vor", und so nimmt Das Kind im Mond den Leser mit in ein Leben auf dem Mond, das voll ist von Wundern, Sehnsüchten und Sternenmilch. Ein poetisches Bilderbuch, das sich an die großen Themen des Lebens herantraut und sie einfühlsam umsetzt.

Schubiger, Jürg/Blau, Aljoscha: Das Kind im Mond.
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2013.
24 S., 15,90 €
ISBN 978-3-7795-0434-4

Inhalt

Auf dem Mond (oder besser: in einer Wohnhöhle auf dem Mond), lebt nicht nur der Mann im Mond, sondern auch dessen Frau und sein Kind. "Wunder, muss man sagen, kommen auf dem Mond ziemlich häufig vor", und so ist das stille Leben dort oben fantastisch und wundersam, in helles, blasses Licht getaucht und so ganz anders als auf der Erde: Die Familie trinkt Sternenmilch, isst helle Zwiebeln und abends sitzen sie gemeinsam mit ihren Tieren auf einer Bank und schauen fern – im wortwörtlichen Sinne, denn sie betrachten die Erde, die so herrlich blau am schwarzen Himmel leuchtet. Die Frau im Mond erzählt dazu Geschichten vom Leben auf dieser fernen Erde, von Schwarzwälder Kirschtorten, frischem Brot und Würsten, von Regen und Schnee, und nährt damit die Sehnsucht des Kindes nach der Ferne des blauen Planeten. Diese nimmt eines Tages Überhand: Das Kind im Mond 'fliegt oder stürzt' sich zur Erde. Die Mutter versucht, es zurückzuhalten, erhascht jedoch nur noch ein Bein ihres Kindes. Nun muss das Paar im Mond allein mit den Tieren fern sehen und die blaue Erde am schwarzen Himmel betrachten. Dort lebe nun auch das Kind im Mond, weiß die Mutter zu erzählen, das schon rechnen und lesen könne, zwei Zähne habe und damit in ein Stück Torte beiße. Dort auf der Erde gehe es ihm gut, sagt sie dem Vater, in dessen Bart in diesem Moment eine Träne verschwindet.

Kritik

Zurecht wurde dieses Bilderbuch jüngst mit dem Rattenfänger Literaturpreis ausgezeichnet (hier die Begründung der Jury): Mit dem Weiterspinnen der bekannten Geschichte vom Mann im Mond nehmen Jürg Schubiger und Aljoscha Blau den Leser mit in die stille, wundersame Welt auf dem Mond und offenbaren ihm deren Schönheit und Poesie: So wird der lautlos gleitende Flug eines schwarz glänzenden Raben am dunklen Himmel für den Leser zu einer Erfahrung von Schönheit und Wunderbarem und beweist ihm ebenso das Phantastische dieser Welt wie die Katze, die vor dem Mauseloch sitzt und auf ein Wunder hofft, denn "sie hatte genug von der ewigen Sternenmilch aus dem ewigen Katzenteller." Dem Leser enthüllt sich damit Seite für Seite das Wundersame im Vertrauten des Tagtäglichen (vgl. Zöhrer 2016, 128), das seinen Höhepunkt im Motiv des allabendlichen "fern sehens" der Familie, im sehnsüchtigen Schauen in den Kosmos findet. Das romantische Motiv des Mondes wird darin verkehrt und die leuchtend blaue Erde zum Ziel der Sehnsucht schlechthin, deren Anziehungskraft das Kind schließlich veranlasst, seine Eltern allein auf dem Mond zurückzulassen.

Auch schon die kleinsten Leser werden dem Kind im Mond die Sehnsucht nach einem Ort nachfühlen können, an dem es Schwarzwälder Kirschtorte, Würste und Schneemänner gibt. Und so setzt sich dieses Bilderbuch auf sensible und vor allem kindgerechte Art und Weise mit der allzu menschlichen Sehnsucht nach dem Fremden, dem Los- und Zurücklassen und dem Aufbruch ins Unbekannte auseinander.

Dass letzterer auch schmerzhaft sein kann und mit dem Los- und Zurücklassen des Vertrauten und Geliebten verbunden ist, zeigt die Trauer der Eltern, die Aljoscha Blaus Illustrationen in berührender Art und Weise umsetzen.

Trotz – oder gerade wegen – der so nachdenklich stimmenden Thematik bewahrt die Geschichte eine Leichtigkeit des Erzählens, die ihresgleichen sucht und dabei nie Gefahr läuft, ihre Tiefe zu verlieren. Zum einen liegt dies an den wohldosierten komischen Elementen der Handlung, die dem Leser immer wieder ein Lächeln entlocken, zum anderen am leichtfüßig-spielerischen Umgang mit der Sprache: Neben vielen Neologismen und den Reimen im Gesang des Mannes und der Frau verleihen vor allem die Wortspiele der Handlung Lebendigkeit und Witz (bspw. das "Mondgras", "das eigentlich kein Gras ist, sondern ein Graus" oder die Bezeichnung "Mondkalb", die nicht als Schimpfwort genutzt wird, sondern tatsächlich ein Kalb auf dem Mond meint).

Diese in Sprache und Geschichte gehaltene Balance von Poesie, Nachdenklichkeit (vgl. die Begründung der Jury des Rattenfänger Literaturpreises) und Witz prägt auch die feinfühligen Gouachen von Aljoscha Blau: Die Handlung der Geschichte übersetzt er in stimmungsvolle, einzel- oder doppelseitige Illustrationen, die durch Motivik und Farbgebung, verzerrte Proportionen und Perspektiven jene unwirkliche Atmosphäre evozieren, die schon auf der Textebene angelegt wird. 

Diese Farbillustrationen werden von skizzenhaften Zeichnungen ergänzt, die den Textfeldern beigeordnet sind und einzelne Handlungsmomente der Geschichte illustrieren oder vertiefen; so beispielsweise während des Mondspaziergangs des Vaters: Die Zeichnungen neben dem Text zeigen in sechs witzigen Porträtansichten Hut, Gesicht und Hände des Vaters, der – so erklärt es die Geschichte – in Reimen den Mond besingt: "Mond, Mond, / rund wie O, / rund wie ein Mund, / der O singt". Die Zeichnungen legen einen Schwerpunkt auf den lachenden und singenden Mund des Vaters, der beim Singen der Reime dann tatsächlich "rund wie ein O" wird. Auf der gegenüberliegenden Buchseite formuliert eine farbige Illustration dann diesen Handlungsmoment weiter aus: Sie zeigt den Mann im Mond, der im Vordergrund des Bildes ruhig, unaufgeregt, mit geschlossenen Augen den Mond besingt und sich dabei an eine überdimensionierte Pusteblume lehnt.

Mit den Pusteblumen findet Aljoscha Blau ein poetisches Bild für das zentrale Thema der Geschichte, für das Los- und Zurücklassen: So, wie das Kind im Mond schließlich in die Schwärze des Kosmos und zur blauen Erde aufbricht, so entschweben in den einzelnen Illustrationen nach und nach die Schirmchen der Pusteblume in den dunklen Himmel; so lange, bis das Kind tatsächlich aufgebrochen ist und nur noch wenige Schirmchen an der Blume übrig sind.

Die hellen Farben, die Grau- und Gelbtöne, in denen der Vater und die Vegetation des Mondes auf diesem Bild gehalten sind, heben sich scharf, beinahe scherenschnittartig ab vor der Schwärze des Himmels. Diese Farbgebung zieht sich leitmotivisch durch Text und Bilder: Immer wieder setzt der Illustrator die blassen Grün-, Gelb- und Grautöne der Welt der Mondfamilie in Kontrast zur Schwärze des Kosmos. In dieser Farbgebung leuchtet die Erde umso heller und sticht in eindrücklichen, tiefen Blautönen hervor. Diese werden auch in denjenigen Zeichnungen aufgegriffen, die die Erde und das Leben dort thematisieren, sodass die drei Sphären Erde, Kosmos und Mond durch die Farben voneinander abgegrenzt werden. Schaut der Leser aber ganz genau hin, so sieht er im Sinne einer Vorausdeutung in den Augen des Kindes schon zu Beginn der Geschichte jenes Blau seines Sehnsuchtsziels leuchten, zu dem es am Ende der Geschichte aufbricht.

Fazit

Das Kind im Mond ist ein großartiges Bilderbuch, das sich an die großen Themen des Lebens herantraut und diese atmosphärisch dicht, einfühlsam und kindgerecht umsetzt. Bei aller Leichtigkeit des Erzählens erhält es sich dabei inhaltliche Tiefe und wird den schwierigen Themen gerecht. Dazu tragen nicht zuletzt die feinfühligen Illustrationen Aljoscha Blaus bei, die wie die Sprache und die Handlung meisterhaft die Balance zwischen Poesie, Nachdenklichkeit und Witz zu halten verstehen.



 


Literatur

  • Marlene Zöhrer: Bilderbücher als intergenerationelles Medium. In: Wie im Bilderbuch. Zur Aktualität eines Medienphänomens. Hrsg. von Arno Rußegger und Tonia Waldner. Innsbruck: Studienverlag, 2016 (= Angewandte Literaturwissenschaft; 19). S. 122-129.

Erstveröffentlichung: 20.07.2014


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