von Sabine Planka

Das kleine Krokodil mag partout kein Wasser. Dabei möchte es nichts anderes, als mit seinen Geschwistern zusammen sein. Das hat ungeahnte Folgen... Eine Geschichte über Andersartigkeit, Familie und das Gefühl, plötzlich zu wissen, wer man eigentlich ist.

Merino, Gemma: Das wasserscheue Krokodil.
NordSüd Verlag, Zürich 2014.
32 S., 13,95 €
ISBN 978-3-314-10217-2

Inhalt

Das kleine Krokodil findet Wasser blöd – im Gegensatz zu seinen Geschwistern, die von Wasser nicht genug kriegen können. Und so kommt es, dass das Krokodil allein am Ufer steht oder auf einem Baum sitzt, denn es klettert lieber, als im Wasser zu plantschen. Das Alleinsein satt habend, erscheint das Krokodil mit einem Schwimmring, um die Scheu vor dem Wasser zu überwinden. Aber auch mit Schwimmring wird nichts aus dem geplanten Schwimmvergnügen: Mit Schwimmring kann man eben nicht tauchen oder im Wasser spielen, ohne kann sich das Krokodil aber nicht über Wasser halten und muss gerettet werden. Das Thema "Wasser" ist und bleibt ihm "peinlich" (o. P.) und verhilft dem Krokodil auch noch zu einer Erkältung. Es muss niesen und offenbart seine wahre Identität: Feuer spuckend entpuppt sich das vermeintliche Krokodil als kleiner Drache, dem schließlich auch Flügel wachsen und der sich in seiner Andersartigkeit nicht mehr als Außenseiter, sondern als etwas ganz Besonderes fühlt und daher in seiner Konzeption durchaus das das Motiv des hässlichen Entleins erinnert, das sich später in einen schönen Schwan verwandelt.

Kritik

Gemma Merinos Bilderbuch Das wasserscheue Krokodil erzählt eine Geschichte über die Erkenntnis, dass in jeder Andersartigkeit auch eine Chance auf etwas Neues verborgen liegt und Andersartigkeit somit gar nicht negativ konnotiert sein muss. Diese Erfahrung ist sicherlich nicht neu, sondern greift auf das literarische Motiv des Außenseiters zurück, der sich selbst erst finden und Hürden überwinden muss, um auch von anderen anerkannt zu werden.

Diese Geschichte ist mit Krokodilen als Protagonisten wunderbar visuell umgesetzt und besticht durch ihre Illustrationen, die bei aufmerksamer Betrachtung so manches Detail offenbaren und die Scheu und Abneigung des vermeintlichen Krokodils gegenüber Wasser herrlich deutlich zu Tage treten lassen.

Als Hauptfigur etabliert Merino ein kleines Krokodil, das jedoch vor dem Element, in dem es normalerweise zu Hause ist, Angst hat und macht es so zu einem liebenswerten Protagonisten, mit dem der Leser mitfühlen und -leiden kann. Statt sich im Wasser heimisch zu fühlen, liebt das Krokodil die Höhe und klettert gerne auf Bäume, um sich alles von oben anzuschauen. Ein Schelm, wer sofort an ein großes grünes, mit Flügeln ausgestattetes Fabelwesen denkt, das im Märchen gerne Prinzessinnen raubt… Dabei wird die Andersartigkeit des kleinen Krokodils bereits im Vorfeld auf den Schmutztiteln angedeutet, die als Paratexte zu verstehen sind: In dem Korb mit lauter blau-grünen Eiern sticht ein weißes Ei deutlich optisch hervor und zeigt so bereits an, dass hier ein kleines Wesen entsteht, das sich deutlich von seinen Artgenossen unterscheiden wird.

Die linear-chronologische Narration, in deren Rahmen Text- und Bildebene ineinandergreifen und den Erzählprozess samt Spannungsaufbau konsequent vorantreiben (vgl. dazu Thiele 2002, S. 231f.), wird unterstützt durch Sequenzen, die geradezu comicartig anmuten und durch Serialität Bewegung erzeugen. Dadurch werden gleichzeitig Erinnerungen sowohl an ein Daumenkino geweckt, das sich die menschliche Seherfahrung zunutze macht, als auch an das Kino selbst, an dessen Prinzip sich das Daumenkino orientiert. Neben diesen seriellen Bilderfolgen erstrecken sich einzelne Bilder auch über ganze Doppelseiten, der Text ist dann auf weißem Grund platziert.

Gemma Merino greift in den Illustrationen auf die Drucktechnik der Monotypie zurück, einer Form des Flachdrucks, wobei sie hier eine Glasplatte mit schwarzer Farbe gleichmäßig bestreicht, diese antrocknen lässt, ein Blatt Papier auf die trockene Farbe legt und das Motiv von oben auf das Papier zeichnet, sodass die Farbe an der Unterseite des Blattes haften bleibt (siehe dazu den Blog von Gemma Merino). Anschließend koloriert sie die so entstandenen Motive. Ausgehend von der Betrachtung des Buches in der Schule bietet es sich an, diese und andere Drucktechniken mit Kindern kennenzulernen und selbst im Kunstunterricht zu erproben.

Die kreative Herstellung ihres ersten Bilderbuches entspringt dem Masterstudium Children's Book Illustration an der Cambridge School of Art. Verdienterweise hat sie damit den begehrten Macmillan Prize for children's book illustration im Jahr 2011 gewonnen (vgl. Blog von Merino).

Fazit

Mit ihrem Erstlingswerk, das Kinder ab ca. vier Jahren anspricht, zeigt Gemma Marino, dass es gar nicht schlimm ist, wenn man anders ist, sondern dass Andersartigkeit auch die Chance auf Neuerungen bietet. Sie hat damit ein unterhaltsames und zu Recht mehrfach ausgezeichnetes Bilderbuch geschaffen.

Bei dieser wunderbaren Geschichte kann man nur hoffen, dass ein Fortsetzungsband folgen wird (wie Merino es auf der allerletzten Seite des Buches andeutet). Denn wenn das Krokodil kein Krokodil ist, sondern offensichtlich vertauscht wurde, muss ja irgendwo noch das echte Krokodil leben…

 

Literatur

Koschatzky, Walter: Die Kunst der Graphik: Technik, Geschichte, Meisterwerke. 13. Auflage. München: dtv 1999.

Thiele, Jens: Das Bilderbuch. In: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur in zwei Bänden. Bd. 1: Grundlagen, Gattungen. Hrsg. v. Günther Lange. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2002. S. 228-242.

Blog von Gemma Merino unter https://www.blogger.com/profile/17614877112344842816 (16.01.2014).

 

 

 

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