von Alina Wanzek

"Ein richtiger Talisman sucht seinen Chef selbst." (o.S.) In diesem Zitat wird die Botschaft des vorliegenden Bilderbuches deutlich: Glück kann man nicht erzwingen. Die Geschichte um den kleinen Glücksbringer Schornsteiner erzählt in märchenhaften Zügen von dessen Reise zu dem einzigen Menschen, dem er wirklich dienen kann. Dabei werden die Grenzen des Wahrscheinlichen überschritten, ohne dass der Bezug zur Realität verlorengeht.   

Heidelbach, Nikolaus: Schornsteiner.
Beltz & Gelberg, Weinheim, 2017.
44 Seiten, 14,95 €
ISBN 978-3-407-82308-3.
Empfohlen ab 5 Jahren.

Inhalt

"Schornsteiner fiel aus den Wolken." (o.S.) Mit diesem Satz beginnt die Geschichte des außergewöhnlichen Wesens, das auszieht, um einem ganz bestimmten Menschen als Glücksbringer zu dienen. Der fantastisch-märchenhafte Charakter der Erzählung wird in diesem unvermittelten Einstieg deutlich, denn es wird nicht verraten, woher der kleine Talisman kommt und wie er dorthin gelangt ist. Zu Beginn ahnt er auch nicht, wohin ihn die Reise führen wird, denn es gilt: "Erfahrene Talismane wie Schornsteiner bewegen sich so wenig wie möglich - sie lassen sich bewegen." (o.S.) So geschieht es auch auf seiner langen Reise von der belgischen Nordseeküste nach Köln. Bis er letztlich an seinem Ziel ankommt, erwarten ihn viele Abenteuer, aber auch Unwägbarkeiten und Hindernisse. Er gelangt auf Umwegen in den Besitz ganz unterschiedlicher Mädchen - insgesamt zwölf an der Zahl -, die ihn jedoch alle jeweils auf ihre eigene Art nicht zu schätzen wissen oder gar achtlos mit ihm umgehen. Instinktiv bahnt sich Schornsteiner seinen Weg. Unterstützt wird er von lebendigen Spielzeugen oder sprechenden Tieren, die ihm zusätzliche Hinweise liefern. Eine heilige Kuh aus Holz verrät ihm schließlich, dass er seinem Ziel schon sehr nahe ist: "'Sie müssen sich nur noch einmal gehen lassen, dann wird alles gut…'" (o.S.). Was die Kuh prophezeit, geschieht auch: Von einem Blumenladen in Köln führt ihn der Weg geradewegs zu seinem "Chef", einem neugeborenen Kind namens Leonard. Der Auftrag ist erfüllt!

Kritik

Die gewählte Erzählinstanz ermöglicht den Lesern einen Einblick in die Gedanken und Gefühle des Protagonisten während der Reise. Dies ist wichtig, da Schornsteiner sich sonst nur wenig äußern kann, weil er mit den Menschen nicht sprechen darf. Der für ein Bilderbuch recht umfangreiche Erzähltext dominiert und nimmt für das Verständnis der Geschichte eine herausragende Bedeutung ein. Die Illustrationen jedoch unterstützen den Text und zeichnen sich durch ihre Liebe zum Detail aus. Auf Bildebene fällt die Diskrepanz zwischen der Darstellung des Protagonisten und der Menschen, insbesondere der Mädchenfiguren, auf. Der kleine Talisman entspricht optisch mit seinen freundlichen Augen, dem überproportionalen Kopf und den kleinen Gliedmaßen dem Kindchenschema, während die Mädchen eher abstoßend und hässlich gezeichnet sind. Dies mag auf den ersten Einblick irritieren, jedoch zeigt sich darin der unverwechselbare Stil Heidelbachs mit seiner Vorliebe für freche, ungezogene, vorlaute und zänkische Kinder. Dabei ergänzen sich Bild- und Textebene gegenseitig, indem sich die wenig ansprechende, zum Teil gar fratzenartige Optik der Mädchen in ihrem Verhalten spiegelt. Die Figuren sind zwar nicht sympathisch, aber sie handeln intuitiv, sind schonungslos ehrlich und mitten aus dem Leben gegriffen. Freilich werden sie den kindlichen Lesern wenig Identifikationspotenzial bieten und eher zum Schmunzeln anregen, allerdings können auch eigene Verhaltensweisen in den Mädchen entdeckt werden und zum Nachdenken animieren.

Kritisch zu diskutieren sind an dieser Stelle die eindeutigen Geschlechterzuweisungen, denn es sind ausschließlich Mädchen, vor denen Schornsteiner flüchtet. Die einzige Jungenfigur indes ist ein unschuldiges Baby, das als Schornsteiners "Chef" auserkoren wird. Es ist zu erwarten, dass diese Zuweisungen bei den kindlichen Lesern zu Recht Fragen aufwerfen und/oder ein falsches Bild vermitteln könnten. Dass aber die Auswahl des Jungen nicht zufällig geschieht, zeichnet sich mit etwas Hintergrundwissen im visuellen Prolog zwischen Buchcover und erster Seite ab: Zu sehen ist dort eine große Landkarte, auf der Schornsteiners Route nachgezeichnet ist. An den entsprechenden Orten sind die Anfangsbuchstaben der Mädchennamen, bei denen er kurzzeitig landet, notiert. Sie ergeben einen weiteren Namen, der in großen Lettern unter der Landkarte geschrieben steht: Leonard Faust. Leonard ist nicht nur der "Chef" des Talismans, das neugeborene Baby, sondern zugleich auch der erstgeborene Enkel Heidelbachs (vgl. auch Die besten Sieben im Monat September).

Inhaltlich bietet die Erzählung verschiedene Anknüpfungspunkte. Ein zentrales Motiv ist der Zusammenhang zwischen Zufall und Schicksal. Zufall als wichtiges Leitprinzip in der Erzählung wird als Voraussetzung für das Glück generell betrachtet, wie im Gespräch des Protagonisten mit einem Sparschwein expliziert wird: "'So einfach geht das nicht', sagte Schornsteiner. 'Warum?' 'Weil es wie ein Zufall aussehen muss.' […] 'Verstehe', sagte das Schwein. 'Es muss verwickelt aussehen. Sie müssen Hindernisse überwinden, Sie müssen Umwege machen.'" (o.S.) Trotz der vielen Zufälle, die auf der Reise geschehen, ist der Weg des kleinen Talismans vorbestimmt, da er den Auftrag zu erfüllen hat, den einen ganz bestimmten Menschen zu finden. Das Glück, so wird suggeriert, ist kein Zufallsprodukt, sondern schicksalhaft festgelegt. Es wird jedoch ebenfalls deutlich, dass man sich weder auf den Zufall noch auf Schicksal verlassen kann, sondern selbst aktiv werden muss: Schornsteiner ist keineswegs nur Spielball der äußeren Umstände. Er lässt sich nicht nur bewegen, wie es zu Beginn der Geschichte heißt, er bewegt sich auch selbst. Auf der Flucht vor den Mädchen lässt er nichts unversucht; er schleicht sich aus Taschen, fliegt mit einem Modellflieger davon, befreit sich aus dem Gully oder knotet sich an der Antenne eines Autos fest, um über die deutsch-belgische Grenze nach Köln zu gelangen. In den Illustrationen wird das Zusammenwirken von zufälligen Ereignissen und bewusst gesteuerten Handlungen durch den Wechsel der Perspektiven ersichtlich. Je nachdem, ob die ganze Umgebung gezeigt oder auf Schornsteiner gezoomt wird, erscheint er hilflos, klein und passiv oder aber groß, aktiv und selbstbestimmt.

Das Verhältnis von Schicksal und Zufall führt auch zu der Frage nach der Verteilung von Glück. Eine zentrale Aussage ist, dass der Schlüssel zum Glück in einer inneren Haltung zu finden ist, denn "[w]as ein Glücksbringer macht, soll man nicht sehen, man soll es glauben." (o.S.) Die zwölf Mädchen, die Schornsteiner auf seiner Reise trifft, haben gemeinsam, dass sie nicht glauben und folglich an seinem Glück nicht teilhaben können. Zu nennen ist beispielsweise Regina, die ihn beleidigt und quält: "'Du hast mir gerade noch gefehlt.', fing das Mädchen wieder an und bohrte ihm den Fingernagel in den Bauch. 'Ich brauche kein Glück, ich brauche einen Aufsatz, du Pechknolle!'" (o.S.) Dass dies aber auch nicht erzwungen werden kann, zeigt sich an der Begegnung mit dem Mädchen Adele, die gar befehlerisch über den Talisman zu herrschen versucht: "'Du kommst mit!', sagte es und berührte ihn mit der Nase, 'du musst mir Glück bringen, verstanden!'" (o.S.) Die Mädchen begehen allesamt den Fehler, dass sie auf verschiedene Weise versuchen Schornsteiner zu besitzen. Am Ende der Erzählung zeigt sich, dass dies nicht gelingen kann. Es ist der Talisman selbst, der das Baby als Empfänger wählt und nicht andersherum. Die Botschaft ist klar: Das Glück liegt nicht immer in den eigenen Händen! Diese Deutung lässt aber auch eine kritische Lesart zu, die verschiedene Fragen evoziert: Hat jeder irgendwann im Leben einen Glücksbringer "verdient", auch die Mädchen im Buch? Ist schon bei der Geburt festgelegt, wer Glück erfahren wird und wer nicht?

Unabhängig von dieser kritischen Perspektive ist vom kleinen Schornsteiner viel zu lernen, zum Beispiel, dass Glück relativ ist und die Kunst darin besteht, es auch zu erkennen. Der Talisman schätzt viele eigene Begegnungen und Erfahrungen als positiv ein, auch wenn sich diese Situationen eher als "Glück im Unglück" erweisen. Dieser unerschütterliche Optimismus des kleinen Glückbringers auch in ausweglosen Lagen vermag den Lesern sicherlich Mut zu machen.

Fazit

Mit dem vorliegenden Bilderbuch präsentiert Nikolaus Heidelbach eine Geschichte, die den Lesebedürfnissen der kindlichen Leser ab circa fünf Jahren in mehrfacher Hinsicht entsprechen dürfte. Die abenteuerliche Reise verspricht Spannung und lädt dazu ein mitzufiebern, ob der kleine Talisman trotz der zahlreichen Hürden sein Ziel erreichen wird. Zudem vermögen die zahlreichen fantastischen Elemente - lebendige Spielzeuge und sprechende Tiere - das kindliche Vorstellungsvermögen anzuregen, ohne zu sehr ins Fantastische abzudriften. Sowohl die komischen Situationen als auch die verrückten Mädchen geben der Geschichte einen humorvollen Charakter. Doch über diese Aspekte hinaus birgt die Erzählung sehr tiefgründige und vielschichtige Themen und Motive, die zum Philosophieren anregen. Auf diese Weise wird das vorliegende Buch ein gemeinsames Lesevergnügen für Jung und Alt, das zur Diskussion einlädt.

Quelle
Deutschlandfunk: Die besten 7 im Monat September. Buchbesprechung zu Schornsteiner (zuletzt abgerufen am 8.11.17)

Dieses Bilderbuch können Sie im Rahmen unserer Adventskalender-Aktion bei einer Verlosung gewinnen. Schreiben Sie uns hierzu eine eMail mit Ihrem Namen, Ihrer Adresse und dem Titel dieses Buchs am 18.12. an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.   


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Dezember 2018
Mo Di Mi Do Fr Sa So
26 27 28 29 30 1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30
31 1 2 3 4 5 6