von Sophie Swensson

In feinen, detailreichen Illustrationen entführt Carson Ellis kleine und große LeserInnen in ein fantastisches Insektenreich und den Kreislauf von Wachsen, Blühen, Vergehen und erneutem Keimen. Besonders spannend ist das Buch durch die Fantasiesprache, die die Insekten sprechen. Wazn Teez? bildet eine reizvolle, herausfordernde Mischung aus Comic, Bilderbuch und Sprachspielwiese.

Ellis, Carson: Wazn Teez.
NordSüd, Zürich, 2017.
48 Seiten, 16,00 €
ISBN 9-783-3-314-10386-5.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt 

Das Buch beobachtet im Jahreslauf das Wachsen und Erblühen einer seltsamen, schönen Blume. Auf den ersten Seiten entdecken anthropomorphe Insekten einen interessanten Keimling. Sie beobachten, wie er ihnen schnell über den Kopf wächst und aus ihrer Perspektive baumhoch ist. Drei Insektenkinder errichten ein Baumhaus auf den großen Blättern und spielen darauf, bis sie von der Spinne gestört werden. Im Herbst ziehen sich die Insekten zurück – aber auf der letzten Seite schauen wieder kleine Keimblätter aus der Erde.

Kritik 

Wazn Teez? ist 2018 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert – zu Recht, denn es ragt aus der Fülle der Kinderbücher heraus durch seinen ungewöhnlichen Umgang mit der Sprache: Alle Dialoge sind in einem fremdartigen, und doch verständlichen Fantasie-Deutsch gehalten.

Dem Übersetzerduo Jess Jochimsen und Anja Schöne ist es gelungen, das Fantasie-Amerikanische des Originals in enger Anlehnung an das Deutsche so zu gestalten, dass sie Wort für Wort verständlich sind. Das beginnt mit dem Titel Wazn Teez?, der für Kinder übersetzt werden kann mit "Was’n das?" Die Frage wird wiederholt auf der ersten Seite, in der zwei Hautflügler den Keim entdecken. "Wazn Teez?", fragt der Herr (mit Hut und Gehstock) und deutet auf das Pflänzchen. So erschließt sich der Sinn der Frage ganz von selbst. Die Dame überlegt, gut erkennbar durch die Gestik, und antwortet ratlos: "Mi nanüt." Muss der Dialog an dieser Stelle noch übersetzt werden, so begreifen auch jüngere Kinder das Vorgehen beim Übersetzen. So fordern die Insektenkinder: "Miwi betta an Sprossel" und erhalten zwei Seiten später eine Leiter, bei deren Anblick sie begeistert ausrufen: "An Sprossel!"

Durch solch klaren Aufbau und die schrittweise Einführung des Prinzips begreifen die Kinder schnell, dass hier auf Deutsch – und doch nicht auf Deutsch – erzählt wird. Das Buch eröffnet damit ganz von selbst ein Gespräch über Sprache, Übersetzungen und den Aufbau des Deutschen. Weil sich die Dialoge tatsächlich Wort für Wort übersetzen lassen, eröffnen sie die Möglichkeit, über die Regeln der deutschen Sprache zu sprechen. Beispielsweise bietet sich eine Gesprächsmöglichkeit über die Begleitung von Substantiven durch Artikel, wodurch "an Sprossel" leicht erkennbar zu "eine Leiter" wird.

Dabei verlassen sich Jochimsen und Schön nicht nur auf die Flexion der Wörter und die Satzstellung, sondern arbeiten bei der Erfindung der Neologismen mit klanglichen Ähnlichkeiten. In "Forzung", hier für das Baum- oder Blumenhaus, klingt das französische Fort genauso an wie die deutsche Festung. Und der erblühende "Freuenschuh" erinnert an die Orchidee Frauenschuh und das Freuen über die schöne Blüte.

Die Klangwelt ist dann auch das, was das Buch vor allem auszeichnet. Die Sprache ist nicht nur theoretisch passend und verständlich, sondern klingt auch gut. Von Freude über Alltagsbanalitäten bis hin zu Schimpfwörtern haben alle Wörter einen Klang, der ihrem deutschen Pendant entspricht.

Allerdings wären die Klänge sinnlos ohne die Illustrationen. Sie sind die Zeichen, auf die die Sprache verweist und erst durch die Betrachtung der Bilder wird es möglich, "Freuenschuh" als Blüte zu begreifen. Dieser wichtigen Aufgabe werden die Bilder voll gerecht. Die kleinen Insekten, sämtlich angelehnt an natürliche Vorbilder, wedeln mit ihren Ärmchen oder stehen gebeugt wie professionelle Pantomimen. So ergänzen sie die Emotionen und den Sinn, der den Dialogen sonst fehlen würde.

Vor dem weißen Hintergrund sind alle Details gut zu erkennen – und zu entdecken gibt es viel. Auf jeder Seite geschieht etwas und entfaltet sich die Handlung in den Bildern. So bieten die Bilder über die Übersetzung der Dialoge hinaus beim gemeinsamen Betrachten Sprechanlässe über Insektenarten, den Lauf der Jahreszeit oder Freundschaft und Hilfsbereitschaft.

Auf der Bildebene gewährt Wazn Teez? somit die Informationen, die auf der Sprachebene bewusst versagt werden. Es ist ein widersprüchliches Buch, das Kindern nicht kommentarlos vorgelesen oder überreicht werden kann, sondern einen Dialog und mehrfaches, gemeinsames Betrachten erfordert. Die Mühe lohnt sich aber, denn abgesehen vom Spaß beim Lesen werden die Kinder zum Spielen mit ihrer Sprache angeregt und zum Nachdenken über Sprache an sich und Fremdsprachlichkeit im Allgemeinen.

Fazit

Wazn Teez? eignet sich – mit Einschränkungen – für Kinder ab vier Jahren. Da die Handlung im Bild entsteht, können auch jüngere Kinder sie nachvollziehen, müssen jedoch durch Gespräche begleitet werden. Für Kinder im Grundschulalter ist das Buch aufgrund der anspruchsvollen Sprache interessant, eignet sich aber eher zum gemeinsamen Lesen und Besprechen. Zu empfehlen ist das Buch allen, die über die Handlungsebene hinaus sprachlich gestaltete Literatur (und Insekten) schätzen.  

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert wurden, finden Sie hier.

Erstveröffentlichung: 17.09.2018


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