von Mirijam Steinhauser

Ein Junge kommt nass und durchgefroren in sein japanisches Zuhause und rechnet mit einer schimpfenden Mutter. Doch Mama benimmt sich heute ganz seltsam: Sie faltet in aller Ruhe Kraniche und scheint ihn kaum zu bemerken… Später erzählt sie ihm von einem Fest, von dem er noch nie gehört hat: Sie feiern ihr erstes Weihnachten.

Say, Allen: Der Kranichbaum.
A. d. amerikanischen Englisch von Gabriela Bracklo.
Edition Bracklo, Gräfelfing, 2019.
34 Seiten, 19,80 €
ISBN 978-3-946986-06-5.
Empfohlen ab 5 Jahren.

Inhalt

Entgegen des Verbots seiner Mutter spielt der Protagonist, ein kleiner japanischer Junge, an einem kalten Wintertag am Teich der Nachbarn. Als er nach Hause kommt, reagiert seine Mutter nicht wie gewohnt. Sie faltet Kraniche aus Silberpapier und bemerkt erst spät, dass ihr Kind nass und kalt von draußen kommt. Um einer Erkältung vorzubeugen, wird der Junge mit einem heißen Bad und Reisbrei behandelt und ins Bett gesteckt. Dort hört er ein Geräusch aus dem Garten und sieht, wie seine Mutter die Kiefer ausgräbt, die bei seiner Geburt gepflanzt wurde. Später kommt sie mit diesem Baum im Blumentopf zu ihm und hängt die gefalteten Kraniche daran. Sie erzählt von ihrer Kindheit, die sie als Tochter japanischer Eltern in Kalifornien verbrachte, und dass dort am heutigen Tag Weihnachten gefeiert wird. Sie entzünden Kerzen an der kleinen Kiefer und genießen den Anblick. Der Junge verspricht der Mutter, nie mehr an den Teich zu gehen.

Am nächsten Morgen findet er an dem ungewöhnlichen Weihnachtsbaum einen Samuraidrachen, genau so einen, wie er ihn sich schon länger gewünscht hatte. Weil der erste Weihnachtstag ein windloser Schneetag ist, kann er ihn nicht sofort steigen lassen. Dafür baut er mit seinem Vater einen Schneemann: "Genau wie der Schneemann […] sind inzwischen viele Jahre dahingeschmolzen. Aber ich erinnere mich immer an diesen Tag der Ruhe und des Friedens. Das war mein erstes Weihnachtsfest." (o.P.)

Kritik

Der in den USA lebende japanische Fotograf, Autor und Illustrator Allen Say erzählt in Der Kranichbaum in Form einer Ich-Erzählung diese autobiografische Weihnachtsgeschichte. 1937 in Yokohama geboren, wuchs er zunächst in Japan auf und kam als Jugendlicher in die USA. In seinen Werken, deren Herausgabe in Deutschland sich die Edition Bracklo in jüngster Zeit dankenswerterweise verschrieben hat, setzt Say sich vielfach mit seiner multikulturellen Familiengeschichte auseinander, so auch in dem mit der prestigeträchtigen Caldecott Medal ausgezeichneten Bilderbuch Großvaters Reise (OA 1993, deutsche Ausgabe 2018, ebenfalls Edition Bracklo). Die Weihnachtsgeschichte Der Kranichbaum erschien in den USA bereits 1991. 28 Jahre später wurde es nun ins Deutsche übertragen.

Die Geschichte von der japanisch-amerikanischen Mutter, die ihrem Kind einen kleinen Einblick in ihre eigene Herkunft gewährt, ist berührend, aber zugleich auch beklemmend. Der Kranichbaum ist ein überzeugendes Symbol für das Leben zwischen zwei Kulturen. Das Kind begreift, dass dieser besondere Weihnachtsbaum für seine Mutter eine Bedeutung hat, er spürt ihr Heimweh, erhält aber nur einen winzigen Blick auf ihre Kindheit.

Die realistischen Illustrationen versetzen den Betrachter ins Japan der 1940er-Jahre. Die Einsamkeit des kindlichen Protagonisten, die in den Bildern häufig auf an Edward Hopper erinnernde Weise inszeniert wird, wirkt fast verstörend. So zeigt ein Bild den nackten Jungen in einem riesigen hölzernen Badezuber. Die Mutter verschwindet gerade hinter einer Milchglasscheibe. Auf dem Boden steht ein unbenutztes Spielzeugboot. Selbst wenn die Mutter ihr Kind auf dem Schoß hält und beide in der Betrachtung des Baumes versinken, bleibt sie in ihrer eigenen Welt, den Erinnerungen an ihre Kindheit verhaftet. Sie versucht, etwas davon mit ihrem Sohn zu teilen. Letztlich bleiben die Figuren aber isoliert. Die Familie scheint aus drei Menschen zu bestehen, die sich nur am Rande begegnen können.

Was der Hintergrund des Weihnachtsfestes ist, das die Mutter als "Tag der Liebe und des Friedens" beschreibt, wird in dieser Geschichte nicht erzählt. Es werden nur die Gebräuche, sich etwas zu schenken und eben der geschmückte Baum, erwähnt. Der Autor selbst freut sich in seinem Nachwort darüber, dass das Buch nun auch in Deutschland, das er als Herkunftsland des Weihnachtsbaumes bezeichnet, erscheint.

Die Aufmachung des Buches ist schlicht und schön. Der Einband zeigt auf blauem Grund vorne und hinten jeweils zwei Bilder aus dem Buchinneren. Etwas verwunderlich ist, dass das Cover selbst keine Darstellung des Kranichbaums enthält. Der Innentitel präsentiert als Vignette einen gekonnt aquarellierten schimmernden Origami-Kranich. Die Typographie – der Text befindet sich jeweils auf der linken Seite des beinahe quadratischen Buches – ist durchgehend unaufgeregt und lenkt nicht von den Bildern auf der gegenüberliegenden Seite ab. Schade ist, dass beim Lektorat einzelne Rechtschreibfehler übersehen wurden.

Fazit

Mit Der Kranichbaum ist – mit deutlicher Verzögerung – ein faszinierendes Werk des Künstlers Allen Say nun endlich auch auf Deutsch erschienen. Es ist ein leises Buch, das universelle Themen wie Zugehörigkeit, Fortgehen und Sehnsucht anspricht. Hier wird eine Weihnachtsgeschichte aus einer anderen Zeit und von einem ungewohnten Ort erzählt. Kern der Handlung ist die ungebrochen aktuelle Situation eines Kindes, dessen Familienalltag von verschiedenen Kulturen geprägt ist. Das Bilderbuch mit seinen beeindruckenden Bildern kann Kinder ab fünf Jahren im Gespräch mit Erwachsenen, aber auch die Erwachsenen selbst berühren und zum Nachdenken und Austausch anregen.

Wir verlosen dieses Buch: Schreiben Sie uns zur Teilnahme an der Verlosung einfach eine eMail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! mit dem Titel des Buchs, Ihrem Namen und Ihrer Adresse an dem Tag, an dem wir das Buch vorstellen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Anna Stemmann und die Redaktion wünschen Ihnen viel Glück und drücken alle Daumen!

Die Adventskalenderaktion 2019 im Überblick


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