von Christina Knott

Während ,normale' Einhörner bei den silbernen Seen mit den sieben güldenen Feen tanzen, rosa glasierte Äpfel lutschen und über funkelnde Regenbögen rutschen, lehnt das kleine Einhorn all das ab und bricht aus seiner rosa Zauberwelt aus. Der Bestsellerautor der Känguru-Chroniken Marc-Uwe Kling und die Illustratorin Astrid Henn greifen den anhaltenden Einhornhype auf und entmystifizieren die romantische Kitschdarstellung des Fabeltiers in einem humorvollen Bilderbuch.

Kling, Marc-Uwe (Text); Henn, Astrid: Das NEINhorn.
Carlsen, Hamburg, 2019.
48 Seiten, 13 €
ISBN 978-3-551-51841-5.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt

Im Herzwald wohnt eine Einhornfamilie. Das Leben dort könnte nicht schöner sein, alle Steine sind rosa und aus Plüsch, zum Essen gibt es Kekse und die Wolken sind aus Zuckerwatte, natürlich scheint immer die Sonne. Eines Tages wird der Einhornfamilie ein Einhornbaby geboren. Es sieht "schnickeldischnuckelig süß" (S. 4) aus, die Welt scheint weiterhin perfekt. Und obwohl alle es nur gut mit ihm meinen und es verwöhnen, empfindet das kleine Einhorn sein Leben im Herzwald als falsch und sagt zu allem nur: "Nein". Es gebraucht das Wort so oft und verhält sich so gar nicht einhornmäßig, dass es fortan nur noch NEINhorn genannt wird.

Das kleine NEINhorn wird zunehmend von der Einhorngemeinschaft ausgeschlossen, da es meist bockig ist und sich nicht in der heilen Welt zurechtfindet. Es beschließt auszubrechen und macht alles, was sich für ein Einhorn nicht ziemt: Es suhlt sich im Schlamm und frisst angeschlagene Äpfel. Dabei lernt das NEINhorn an einem Fluss einen schwerhörigen Waschbären kennen und schließt mit ihm Freundschaft. Da der Waschbär im Gespräch immer mit "Was? " nachfragt, wird er WASbär genannt. Die beiden ziehen weiter, um Abenteuer zu erleben und treffen auf einen Hund, dem immer alles egal ist. Daher nennt das NEINhorn ihn NAhUND. Die Dreiergruppe zieht weiter durchs Land und begegnet einer in einem Turm eingesperrten Königstochter. Diese muss in jedem Gespräch mit dem Wort "Doch" widersprechen und wird fortan als KönigsDOCHter bezeichnet. Nach der Befreiung der KönigsDOCHter leben die vier Unangepassten mal bockig und mal zufrieden im Herzwald. Sie beschließen zusammenzubleiben, da das Leben miteinander doch schöner ist. Das Buch endet mit einem Hinweis, dass nicht jedes Kinderbuch eine Moral braucht oder pädagogisch wertvoll sein muss und wem das nicht gefalle, der solle sich doch eine eigene Geschichte mit oder ohne Moral überlegen. Hierfür findet sich eine Zusammenstellung verschiedener Tiere wie zum Beispiel einer Schlaumeise, einem Iiihgel oder einem Plappergei.

Kritik

Das Bilderbuch wirkt bereits auf den ersten Blick ansprechend, aber gleichzeitig irritierend. Der Einband ist in einem dunkelblauen Grundton gehalten, einen Großteil nimmt ein Emblem ein, dass das Porträt des Einhorns ziert. Das Emblem ist sehr bunt und wirkt fröhlich, unterstützt wird dies durch die floralen Muster, die das komplette Cover zieren. Das porträtierte Einhorn ist sehr niedlich dargestellt, mit einer prototypischen regenbogenfarbigen Haarmähne und doch scheint es schlecht gelaunt und griesgrämig zu sein – das irritiert Rezipierende.

Und das Cover behält recht: Zwar baut der Text eine paradiesische und rosarote Erzählwelt auf, die von kitschigen, romantischen Elementen durchtränkt ist und deren Bewohner ebenso perfekt scheinen. Mit diesem Idyll wird jedoch durch das Einhorn gebrochen. Dieses passt äußerlich in die heile Welt: "Jedenfalls hatte das kleine Einhorn eine hübsche Gestalt und alle fanden, es passte sehr gut in den Wald. Seine Mähne war bauschig, sein Fell superflauschig. Sein Kopf, sein Schwanz, sein Horn, seine Füß… Alles an ihm war schnickeldischnuckelig süß!" (S. 4) Der Schein trügt jedoch, denn das kleine Einhorn stört sich genau daran, bricht die Regeln und verlässt das Paradies, was die Handlung in Gang bringt. Es folgen drei aufeinander aufbauende Episoden, in denen das Einhorn andere Figuren kennenlernt. Dieser Aufbau erinnert stark an Märchen wie z. B. die Bremer Stadtmusikanten, ohne dass aber am Ende eine konkrete Aufgabe oder ein konkretes Ziel steht.

Am Textende wird mit der explizit thematisierten fehlenden Moral sowie der Forderung, dass jedes Kinderbuch pädagogisch wertvoll sein müsse, gespielt. Denn das Buch enthält sehr wohl eine moralische Aussage: Es richtet sich gegen die anfängliche einseitige Perfektion und fordert die Lesenden dazu auf, über Vielfalt nachzudenken. Am Ende ist es in Ordnung, nicht nur positive, sondern auch negative Gefühle zum Ausdruck zu bringen und eben anders zu sein.

Die sprachliche Gestaltung des Textes zeigt eine Leichtigkeit und Gewitztheit. Alle handelnden Figuren haben ein spezielles Merkmal, das sich innerhalb einer Wortneuschöpfung in ihrem neuen Namen wiederfindet: So wird aus dem immer nein-sagenden Einhorn ein NEINhorn, aus dem Hund, der immer "Na und" sagt, der NAhUND. Der Text beginnt mit einem kindlichen Paarreim, der die Semantisierung der Erzählwelt unterstreicht. Mit dem Handlungsbruch und dem Ausbruch des Einhorns aus seiner Welt endet die Reimstruktur: "Ach, euer Lächeln, das ist euch doch ins Gesicht geleimt! Und mich nervt auch, dass sich jeder Satz hier immer reimen muss" (S. 12). Gleichzeitig werden die Illustrationen miteingebunden, Teile des Textes finden sich in diesen; vor allem Figurenrede und Gedanken werden durch die Illustrationen dargestellt. Der Sprachwitz zeigt sich daneben auch an Details wie Fremdwörtern, die phonetisch vertextet wurden, z. B. *Jäga, *kuhle, oder *bätakogisch. Sie werden mit Rot durchgestrichen und im Rahmen der Illustration händisch verbessert – auch hier unterstützen sich Text und Illustration gegenseitig. Insgesamt sind viele der sprachlichen Witze aber noch nicht für jüngere Kinder zu verstehen, für ältere Kinder und Erwachsene sind diese umso witziger. Marc-Uwe Kling ist für seinen Sprachwitz und Humor durch seine Känguru-Bestseller bereits einem breiten Publikum bekannt. Diese Merkmale weisen auch seine Kinderbücher auf. Ähnlich wie die Vorgänger Prinzessin Popelkopf, Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat oder Der Ostermann ist Das NEINhorn in erster Linie an Kinder adressiert, spricht gleichzeitig aber auch die erwachsenen Vor-/Mitlesenden an.

Wie in allen seinen bisher erschienen Kinderbüchern arbeitet Kling wieder mit der Illustratorin Astrid Henn zusammen. Ihr gelingt es, wie in den vorherigen Büchern, erneut ein passendes Text-Bild-Verhältnis herzustellen. Es entsteht ein harmonisches Zusammenspiel von seitenübergreifenden Illustrationen passend zum Textinhalt. Diese sind detailliert ausgearbeitet und laden sowohl Kinder als auch Erwachsene ein, mehr über die dargestellte Erzählwelt zu entdecken, als der bloße Text hergibt. Das Bilderbuch ist mit 48 Seiten relativ umfangreich, der Schrifttext ist klein gesetzt, daher eignet sich das Buch besser zum Vorlesen als zum ersten Selbstlesen.  Die  Charakterisierung der Figuren wird teilweise durch den Text gegeben, vor allem aber durch die bildliche Darstellung, besonders durch deren Gesichtsausdrücke und Körperhaltung. Auch das kindische Verhalten der einzelnen Figuren ist an Illustrationen ablesbar, wie z. B. an der ablehnenden, bockigen Haltung, wenn das Einhorn gewaschen werden soll, wenn es lernen soll oder aber an der Freude, wenn es etwas Verbotenes tut, wie im Schlamm baden.

Das Buch liefert noch zwei weitere Extras: Eine Landkarte zu Beginn verdeutlicht den Weg des Einhorns während der Geschichte und bietet die Möglichkeit über diese nach dem Lesen zu reflektieren. Die Karte am Buchende visualisiert den Textausgang. Einen weiteren Nebentext bilden am Ende zwei Doppelseiten, die weitere interessante Lebewesen umfassen, mit der Aufforderung sich selbst auch solcherlei Tiere und deren Geschichten auszudenken. Auch hier beweisen Autor und Illustratorin Innovativität, Sprachwitz und Liebe zum Detail.

Fazit

Das NEINhorn eignet sich bestens zum Vorlesen für Kinder ab vier Jahren. Die detailreichen Bilder liefern viele Anregungen für ein interaktives Vorleseerlebnis. Die Landkarten und die Tiersammlung bieten darüber hinaus die Möglichkeit, eigene Geschichten zu erfinden. Gleichzeitig adressiert das Buch ältere Kinder (ab neun Jahren) und Erwachsene mit skurrilem Humor und genialer Gewitztheit in der gewohnten Kling‘schen Erzähltradition. Selten vereinen sich skurriler Humor, Irritation und Elemente eines klassischen Bilderbuchs so passend und bieten großen Spaß für kleine Zuhörende und große Vorlesende.  Ein äußerst gelungenes, fantasiereiches und humorvolles (Vorlese-)Bilderbuch über die Vielfalt, fehlende Anpassung und das Bockigsein.

Erstveröffentlichungsdatum: 14.12.2019


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