von Alina Gierke

Mira Lobes und Susi Weigels Das kleine Ich bin ich ist eine Hommage an die Entdeckungslust des Kindes, aber vor allem ist es ein Loblied auf die Individualität jedes Einzelnen. Dieses Bilderbuch mit den Illustrationen von Susi Weigel zeigt, dass Kinderbücher genauso wie Erwachsenenliteratur die großen philosophischen Fragen des Lebens stellen können. In diesem Fall sind es die Fragen: Wer bin ich? Und existiere ich wirklich?

Lobe, Mira/Weigel, Susi: Das kleine Ich bin ich.
Wien/München, Jungbrunnen, 1972.
32 S., 13,90 €.
ISBN 978-3-7026-4850-3

Inhalt

Als Identifikationsfigur dient dem kindlichen Leser ein buntes Tier, das als fantastisches Wesen (es kann fliegen und auf einer Wolke schlafen) zum Sonderling und Außenseiter in der Welt der realen Tiere wird. Es eignet sich somit besonders, die Fragen nach Andersartigkeit und Zugehörigkeit zu stellen.

Zuerst als Einheit mit der Natur ist es ein glückliches Tier, bis von außen die Frage an es herangetragen wird, wer es denn sei. Der Fragensteller und Zerstörer dieser Idylle ist ein Frosch, der gleich noch festlegt, dass wer nicht weiß, wer er ist, dumm sei. Aufgeschreckt von dem Hinweis auf diesen eklatanten Makel macht sich das Tier auf die Suche nach sich selbst.

In einzelnen Stationen grenzt es ex negativo die Möglichkeiten seiner Existenz ein: Es ist kein Pferd, kein Fisch, kein Nilpferd, kein Papagei und auch kein Hund. Im Moment der größten Verzweiflung und Einsamkeit, den Tränen nahe, stellt es sich die ontologische Frage, ob es denn niemand sei, ob es denn überhaupt existiere. Auf die Existenzkrise folgt die Selbsterkenntnis und Lösung: Das Tier erkennt, dass es es selbst ist, mit all seinen außergewöhnlichen Eigenschaften und ruft freudig aus: "Sicherlich gibt es mich. ICH BIN ICH!"

Dies stößt auch bei den anderen Tieren auf Akzeptanz, sodass es auch durch den Frosch rehabilitiert wird. Nicht länger namenlos und voller Selbstbewusstsein wird es akzeptiert und integriert, nicht länger ausgeschlossen, bekommt es zur Antwort: "Du bist du!" Mit sich selbst zufrieden, wird auch die Harmonie mit der Natur wieder hergestellt: Es "freut sich an der schönen Welt, die ihm wieder gut gefällt."

Kritik

Die österreichischen Autorinnen zeigen mit diesem Bilderbuch, dass Andersartigkeit ihre Berechtigung hat und jeder so akzeptiert wird, wie er ist. Sprachlich und bildlich ist das schwierige Thema freundlich und farbenfroh aufbereitet. Besonders wertvoll macht das Buch seine klanglich-lyrische Sprache. In einem balladenähnlichen Langgedicht lässt Lobe die einzelnen Figuren der Handlung sprechen. Der Text reimt sich durchgehend; die vielen Paar- und Binnenreime lassen die Sprache besonders klingen, viele Assonanzen und Alliterationen den Text melodisch werden. Die lautmalerischen Worte ("Plitscher-Plätscher-Wasser") beleben die Sprache und das fröhliche Metrum des vierhebigen Jambus gibt zu verstehen, dass die Selbstsuche ganz selbstverständlich ist. Darüberhinaus wird die stark rhythmische Sprache als Spiegel des Gemütszustands genutzt: Der Bruch mit dem Metrum verbildlicht sprachlich den Ein-Bruch der Erkenntnisfrage in die zuvor sorglose Idylle des bunten Tieres.

Neben der rhythmisierten Sprache sprechen die farbigen Illustrationen von Susi Weigel den kindlichen Rezipienten durch ihre Imitation von kindlich-naiven Bildern an. Der Pinselduktus, die schiefen Perspektiven und Überlagerung der einzelnen Motive erinnern an Kindermalereien mit Wassermalfarben. Ästhetisiert wird das Ganze durch Schwarz-weiß-Abbildungen auf jeder zweiten Seite. Die Fremdheit des Ich-bin-ich wird bildlich durch seine Andersgestaltung ausgedrückt: Es wirkt nicht gemalt wie die anderen Tiere, sondern grafisch eingefügt. Die kindliche Neugierde wird durch die riesigen, aufgeweckten Augen der Tiere und ihr Interesse für das kleine, bunte Tier mit ins Bild genommen.

Fazit

Die farbenfrohen Illustrationen und vor allem die melodiöse, sich reimende Sprache machen das Ansehen der Bilder und Zuhören beim Vorlesen zu einem besonderen Vergnügen. Die ausgeprägte Rhythmik des Gedichts entzückt die kleinen Rezipienten und regt zum Mitsprechen an. Aber auch das Vorlesen wird durch die lyrische Sprache reizvoll und die philosophischen Fragen machen die Lektüre auch im hohen Alter noch interessant.

1972 erschienen und mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchspreis ausgezeichnet ist Das kleine Ich bin ich zu einem Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur geworden. Noch immer ist die Frage nach sich selbst aktuell – das Buch hat also nicht an Aktualität eingebüßt, sodass es in jedem Kinderzimmer immer noch eine Bereicherung ist. Wegen seiner philosophischen Fragen ist dieses Buch nicht nur eine geeignete Lektüre für Kinder ab etwa 4 Jahren, sondern für jeden, der sich einmal gefragt hat, warum er anders ist.


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