von Dr. Joachim Schulze-Bergmann

Stephanie Reinbold legt einen Text vor, der nach seinem Titel eine Auseinandersetzung mit fantastischen Erzählstrukturen erwarten lässt, welche an der schwedischen KJL exemplifiziert werden. In diesem Kontext wird konzise die Konzeption von Phantastik an weltbekannten Werken wie Mio, mein Mio oder Die Brüder Löwenherz aufgeschlüsselt und der zentralen Frage nachgegangen, inwiefern es sich bei diesen oder anderen schwedischen Texten der Phantastik um unsicheres Erzählen handelt.

Reinbold, Stephanie: Unzuverlässiges Erzählen in der
modernen schwedischen kinderliterarischen Phantastik,
Winter: Heidelberg, 237 Seiten. 45,00 €
ISBN 978-382-5369972


Inhalt
Dem Leser wird im Kapitel  1 zunächst eine literar-historische Abhandlung geboten, die das Verhältnis schwedischer und deutscher KJL im Zeitraum von etwa 1850 bis 2000 nachzeichnet und dabei den Schwerpunkt auf die wechselseitige Wahrnehmung nationaler Stereotypen entlang dieser Zeitachse legt. In diese deutschen Vorstellungen von typischen Merkmalen der schwedischen Lebensart fügen sich insbesondere die idyllischen Kulissen im literarischen Werk von Astrid Lindgren ein.
In einem zweiten Abschnitt gibt die Autorin einen Überblick über den Fachdiskurs zur literarischen Phantastik und spitzt ihre Darstellung auf diejenigen Erzählelemente zu, die sie für ihren dritten und textanalytischen Teil benötigt: die narrativen Möglichkeiten, mit der die reale und die fantastische Welt der jeweils vorliegenden Erzählung aufeinander bezogen werden. Reinbold geht es darum, an den drei von ihr ausgewählten schwedischen Autorinnen (Lindgren, Gripe und Sandman Lilius) aufzuzeigen, dass diese das sogenannte "unzuverlässige Erzählen" verwenden. Mit diesem Terminus bezeichnet sie eine Erzählstrategie, die dem Leser nicht eindeutig erklärt, ob und ab wann eine fantastische Erzählung, ein Traum oder zwei Welten vorliegen. Um diese Erzählweisen zu belegen, stützt Reinbold sich auf Texte von Lindgren, Gripe und Sandman Lilius, von denen die beiden letztgenannten Autorinnen in Deutschland kaum bekannt sind. Für Leserinnen und Leser aus dem deutschen Rezeptionsraum sind die Explikationen an den beiden Texten von Lindgren sicherlich am leichtesten nachvollziehbar.

Es handelt sich um die Texte Mio, mein Mio (schwedisch 1954), und Die Brüder Löwenherz (schwedisch 1963), in denen die Erzählstruktur, die sich auf die Verknüpfung von zwei Welten stützt, verwendet wird. Wird der Junge Mio aus einem Park in Stockholm in das Land der Fern mit Hilfe eines Flaschengeistes getragen so ist der Übergang der todkranken Karl von seinem Bett in der Küche in die Idylle des Landes Nangijala unklar. Die Übergänge von der einen in die andere Welt können je nach alters- und entwicklungsbedingtem Wahrnehmungsvermögen und literarischer Erfahrung der Leserinnen und Leser von diesen unterschiedlich gedeutet werden. Die untersuchten Texte von Maria Gripe (geb.1923, gest.2007) Käfer fliegen in der Dämmerung (deutsch1980), Sonntagskinder hören das Gras wachsen (deutsch 1984) und die Tetralogie Schatten über der Steinbank (schwedisch 1982-1988) gehören zu dem umfangreichen literarischen Werk der Autorin, das zwischen 1954 und 1997 entstanden ist. Obwohl diese Texte im deutschen Sprachraum kaum bzw. kaum noch bekannt sein dürften, kann Reinbold an ihnen weitere phantastische Erzählformen nachweisen, die das Verhältnis von fiktionaler Realität und phantastischer Welt in bezeichnender Weise "unzuverlässig" bleiben lässt. Irmelin Sandmann Lilius (geb. 1936) greift, wie Reinbold ausführt, in ihren phantastischen Erzählungen auf die Erzähltechnik Tolkiens zurück. Sie entwirft eine städtische Kulisse, in dem sich realistisch erzählte Passagen aus dem Leben des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit phantastischen Elementen verbinden. Die Wahrnehmung und Deutung dieser Textanteile fällt, wie Reinbold ausführt, bei einem Novizen bezeichnend anders aus als bei einem professionellen Expertenleser. Diese Erzähltechnik kann Reinbold in den Texten Bonadea (schwedisch 1967) und in der Sonnen-Trilogie (schwedisch 1984) nachweisen.

Aus der antizipierten Perspektive möglicher Leser, also einmal eines kindlichen, eines jugendlichen und eines professionellen Lesers, schließt Reinbold auf mögliche deutlich unterscheidbare Rezeptionen der im Text angelegten erzähltechnischen Mittel, mit denen die Unklarheit über Realität oder Fiktion evoziert wird. Reinbold schlägt vor, bei einem kindlichen Leser von einem Novizen zu sprechen, der über die hier in Rede stehenden Mittel hinwegliest und ggf. den Text deshalb nur bedingt wahrnimmt. Die jugendlichen Leserinnen und Leser dürfte eher dazu neigen, eine deutliche Trennung von Realität und Fantastik anzustreben, muss aber, um dieses Textverständnis konsistent zu halten, auf ggf. psychologische Interpretationen zurückgreifen, die nicht im Text angelegt sind. Der Experte allerdings würde die durch die Erzählweise angelegte Ambivalenz bemerken und gerade darin einen literar-ästhetischen Genuss empfinden.



Kritik
Der Text zerfällt in zwei Teile, die nur wenig miteinander verbunden sind. Es ist m. E. nicht einsichtig geworden, in welchem Zusammenhang das "unzuverlässige Erzählen" mit dem literar-historischen Kapitel steht. Zudem dürften die drei schwedischen Autorinnen nicht mehr zu den modernen Schriftstellerinnen gezählt werden, wie sich aus den Daten der jeweiligen Erstveröffentlichungen leicht ableiten lässt. Für den Leserkreis, der sich beruflich mit der Wirkung phantastischer Texte der KLJ befasst und diese ggf. in den Unterricht einbringen will, ist die hier vorgeschlagene Unterscheidung zwischen einem Novizen versus Experten kaum erhellend. Denn der Lernprozess, den der kindliche Leser zum ggf. sogar professionellen Leser durchlaufen muss, wird in dieser Arbeit nicht zum Gegenstand.  
 
Fazit
Obwohl die Ausführungen zu den hier in Rede stehenden Erzählformen durchaus treffend und kenntnisreich dargestellt werden, verweist die Arbeit auf interessante Desiderate, die leider nicht näher untersucht werden. Zum einen ist nach wie vor unklar, ob der kindliche Leser im Rahmen nicht näher exemplifizierten Teilkompetenzen in der Lage ist, ein Zwei-Weltenkonzept als solches gedanklich zu entschlüsseln und zu einer konsistenten Textaussage zusammenzuführen. Zum anderen verweist die Autorin häufig auf die von ihr als ‚erwachsen‘ bezeichneten Interpreten phantastischer Literatur, ohne zu erläutern, welche Teil-Kompetenzen damit angesprochen sind. Untersuchungen, die hier mehr Klarheit bringen könnten, stehen noch aus. Nicht zuletzt thematisiert die Autorin aus der von ihr eingenommenen Perspektive gegenüber den Texten nicht die Tatsache, dass ein wesentlicher Zusammenhang zwischen den erzählten Welten darin besteht, dass die Normativität in beiden Welten dieselbe ist. Die Protagonisten können gerade deshalb von der einen in die andere Welt übertreten, weil ihnen die Normen vertraut sind. Ob diese mit dem Text vermachten Normen  dem jeweiligen Leser allerdings vertraut und zugänglich sind, ist ein weiterer Aspekt zur Beantwortung der Frage nach der Passung von Leser und Text.

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Publikationsdatum: 10.12.19


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