von Prof. Dr. Heike Elisabeth Jüngst

Berlin so präzise, dass man beim Lesen die Wege der Helden auf dem Stadtplan verfolgen kann. Berlin durch touristische must sees strukturiert. Der eigene kleine Kiez. Das historische Berlin. Einzelne Punkte, wie mit der Landkartennadel markiert. Für Studierende, die sich noch nie mit der Funktion von Orten in der Literatur beschäftigt haben, ist dieses Buch ein hervorragender Einstieg. Eine Fülle an Aufsätzen, vielfältig und kompetent. Weiter unten kann nur eine knappe Zusammenfassung geleistet werden, die einen Überblick über die 17 Aufsätze und die Einleitung gibt. Aber ich finde, dass Sie das Buch ohnehin lesen sollten.

 

Sabine Planka (Hg.): Berlin. Bilder einer Metropole in erzählenden Medien für Kinder und Jugendliche
Königshausen & Neumann, Würzburg, 2018.
486 Seiten. 48,80 €.
ISBN 978-3-8260-6305-3.
  
 

 

Inhalt

Nicht nur, dass dieses Buch eine Fundgrube ist, in der praktisch alle gängigen Theorien versammelt sind. Der spatial turn ist überall spürbar. Berlin hat den Vorteil, dass man vielleicht das eine oder andere schon kennt, dass es in der eigenen Biographie verankert ist, bzw., dass man einfach mal hinfahren und sich umschauen kann.

Denn es gibt unzählige Berlins in den Köpfen der Autoren und Leser, auch sehr viele Berlins, die man in früheren Zeiten gekannt hat, und die nicht mehr existieren, außer in der Literatur. Bonn hat es nie so weit gebracht: ein paar Regionalkrimis für Erwachsene, das war’s. Dass Berlin ursprünglich "Sumpf" bedeutet, wie bei Löwe (S. 311) zu lesen, mag die Bonner erfreut haben. Genutzt hat es nichts. Schon damals war das "kaputte" Berlin – anders. Und nun fast 500 Seiten eng bedrucktes Papier, die sich übrigens sehr gut lesen.

Kritik

Um welche Bücher geht es denn überhaupt? Nur eine stellvertretende Auswahl: Steinhöfel mit Rico und Oskar finden wir bei Weinkauff (S. 37-47) und Strübe (S. 235-249); bei letzterem noch den Mechanischen Prinzen und den Beschützer der Diebe. Kai aus der Kiste, Emil und die Detektive und Ede und Unku bei Frenzel (S. 109-138). Germausia, Mauerspechte, Mauerblümchen und Fritzi bei Kumschlies (S. 173-190), Kinderland dort ebenso wie bei Stemmann (S. 355-372). Nacht ohne Namen und Damian bei Lindauer (S. 251-268), Das Ende der Welt bei Löwe (S. 297-316), Esterhazy und Grenzgebiete bei Venzo und Mellert (S. 337-354).

Die Orte? Bei Schmideler geht es um den Zoo und seine historische Entwicklung (S. 49-86). Van der Merwe schildert Berlin als den Ort, in den man aus der Provinz zieht (S. 317-336). Aber es ist auch der Ort, der eine Zwischenwelt bietet wie in der Urban Fantasy (Lindauer; S. 251-268) oder der komplett zerstört ist wie in den Dystopien (Planka; S. 269-295).

Nicht nur die Orte, auch die Zeiten sind divers. Daffner behandelt Beyerleins Berlin-Trilogie, die in den 2000ern entstand, aber im 19. bzw. 20. Jahrhundert im Berlin des Kaiserreiches spielt. Frenzel dagegen untersucht KJL, die in der Zeit der Weimarer Republik erschien, die dort vermittelten Raumstrukturen und die Freiräume (S. 87-107). Kalékos traurige Geschichte und ihre Verbindung zur Berliner zionistischen Jugend-Alijah  spielt im Jahr 1936 (Meyer; S. 139-171). Kumschlies (S. 173-268) wendet sich Büchern zum Thema Mauerfall zu. Hier finden sich Texte, die die Orientierung der jungen Helden klar an bekannten touristischen Zielen festmachen. Und es geht um die Frage, ob Ost-Berlin wirklich so oft grau dargestellt werden muss. Julia von Dall’Armi untersucht die fotografisch geprägte Darstellung der Stadt in Kaschs Bye-bye Berlin (S. 191-211).

Auch die Genres variieren: Die oben erwähnte Urban Fantasy bei Lindauer, Dystopien eines italienischen Autorenteams bei Planka, Bilderbücher bei Venzo und Mellert. Auch Stemmann spricht mit den Comic-Analysen Berlin in Zeichnungen an. An Comics ist nicht nur das bereits erwähnte Kinderland dabei, sondern auch Captain Berlin im Beitrag von Gaspers (S. 373-398). Das Buch bietet also nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch die Anregung, die Unmenge an Primärliteratur zumindest ansatzweise zu lesen.

Wie ist Berlin denn so? Schon bei Gina Weinkauff wird auf das Verwirrungs- und Verirrungspotenzial der Großstadt hingewiesen und das zieht sich durch das gesamte Buch.

Und die Menschen in Berlin? Natürlich, sie spielen in allen der hier untersuchten Primärtexte eine Rolle. Ein völlig neuer Aspekt kommt bei Budde (S. 213-233) zum Tragen: türkische Einwanderer, Interkulturalität, hybride Lebensentwürfe. In Berlin bleiben? Berlin verlassen? Berlin wirkt in Zaptçıoğlus Roman Der Mond isst die Sterne auf identitätslos, kalt und fremd, ganz anders als in den meisten der anderen analysierten Bücher, in denen es eine große Faszination auf die Figuren wie auf die Leser ausübt.

Emil und die Detektive steht am Anfang und am Ende der gesammelten wissenschaftlichen Beiträge: ein Zitat als allererste Zeilen in der Einleitung und abschließend bei Ebert (S. 399-413), die die drei Verfilmungen und die jeweilige Berlin-Darstellung vergleicht.

Als Bonbon zum Schluss kommen Autorinnen und Autoren zu Wort, und zwar Beate Dölling (S. 417-420), Kirsten Fuchs (S. 421-425), Johannes Groschopf (S.427-438), Eva Lezzi (S. 439-446), Holly-Jane Rahlens (S. 447-453), Anja Stürzer (S. 455-462) und Anne C. Voorhoeve (S. 463-473). Was an Berlin so fasziniert? Das Unfertige. Die Brache. Manchmal sogar das Morbide. Ohne das Unfertige ist Berlin ungefähr so interessant wie … (Bitte setzen Sie den Namen einer Stadt ein, in der Sie sich einmal blau gelangweilt haben). Warum hat man dann den Potsdamer Platz nicht so gelassen, wie er war, und so elendig langweilig bebaut? Dort könnten jetzt die entzückendsten Unkräuter blühen! Ein lost place für Hummeln und Schmetterlinge. Und natürlich für Spatzen, die berlinerischsten aller Vögel. Erinnere ich mich etwa falsch? "Die Brache überlassen wir / den Engeln und den Spatzen!" Und Berlin den Lesern.

 

Fazit

Ob man vom spatial turn noch nie etwas gehört hat oder ob man sich schon länger dafür interessiert und noch mehr darüber lesen möchte: Dieses Buch ist für beide Zielgruppen geeignet. Vorwissen wird nicht vorausgesetzt, gleichzeitig sorgen unterschiedliche Sichtweisen dafür, dass sich auch die Eingeweihten nicht langweilen. Die Leserinnen und Leser bekommen einen ausgezeichneten Überblick über die Stadt, die Fragestellungen des spatial turn und nicht zuletzt über die große Menge der KJL, die in Berlin spielt. Ein Desideratum wäre eine separate Liste der Primärliteratur mit Verweisen auf die einzelnen Beiträge, in denen die Texte behandelt werden.

Erstveröffentlichung: 06.09.2020

 


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