von Dr. Philipp Schmerheim

Das verstörende Drama Fruitvale Station erzählt die letzten Stunden im Leben von Oscar Grant III, der am Neujahrstag 2009 an der U-Bahn-Station Fruitvale Station in der East Bay Area bei San Francisco übermäßiger Polizeigewalt zum Opfer fiel. Der von Ryan Coogler in seinem Regiedebüt verarbeitete Vorfall sorgte für eine Reihe von Protesten und Ausschreitungen in der Bay Area.


Inhalt

Fruitvale Station beginnt mit authentischen Amateuraufnahmen der Ereignisse der Neujahrsnacht 2009, in der weiße Polizeibeamte eine Gruppe Schwarzer, die in eine gewalttätige Auseinandersetzung geraten, festnehmen und brutal traktieren. Auf einmal fällt ein Schuss, obwohl die Festgenommenen mit Handschellen auf dem Rücken auf dem Boden liegen.

Cooglers Film springt nun einen Tag zurück und folgt den letzten Stunden Oscars (Michael B. Jordan) vor seinem Tod – das Alltagsleben eines 22-Jährigen, der gerade einen Gefängnisaufenthalt in San Quentin wegen Drogenhandels hinter sich hat und nun eher schlecht als recht versucht, sein Leben als Vater eines vierjährigen Mädchens auf die Reihe zu kriegen. Oscars Dauerfreundin Sophina (Malia Diaz), die Mutter seiner Tochter, hat Schwierigkeiten, ihm wegen eines Seitensprungs zu vergeben, seinen Job in einem Supermarkt hat Oscar wegen notorischer Unpünktlichkeit verloren, und er kämpft mit der Versuchung, sich die nächste Mietzahlung mit einem weiteren Drogendeal zu verdienen.

Nachdem er seine Tochter in den Kindergarten und Sophina zu ihrer Arbeitsstelle gebracht hat, fährt Oscar ziellos durch die East Bay Area, telefoniert mit Freunden und seiner Großmutter und fährt schließlich in den Supermarkt – einerseits, um das Abendessen für die am Abend stattfindende Geburtstagsfeier seiner Mutter Wanda (Octavia Spencer, The Help) zu kaufen, andererseits, um seinen Chef doch noch zu überreden, ihn wieder einzustellen. An der Fischtheke hilft er der jungen Katie (Ahna O’Reilly, The Help, The Vampire Diaries) bei der Auswahl der Zutaten für einen Fischbraten – eine Zufallsbekanntschaft, die später in der U-Bahn zu der tödlichen Verkettung von Umständen führen wird.

Verleih: DCM

Als Oscar am Pazifikufer auf einen Kunden wartet, dem er nun doch Gras verkaufen will, erinnert er sich an seine Gefängniszeit. In einem impulsiven Entschluss, sein Leben doch in geordnete Bahnen zu bringen, streut er die Drogen ins Meer, fährt nach Hause und beichtet seiner Freundin, dass er bereits vor zwei Wochen seinen Job verloren hat. Nach einem kurzen Streit versöhnen sich die beiden. Sophia glaubt ihm, dass er nun ein vernünftiges Leben führen will. Die Kleinfamilie fährt zur Geburtstagsfeier der Mutter, bevor die jungen Eltern mit ihrer Clique zum Neujahrsfeuerwerk nach San Francisco fahren wollen. Oscars besorgte Mutter überredet ihn, statt mit dem Auto doch mit der U-Bahn in die Stadt zu fahren.

Die Neujahrsfeier in San Francisco wird zu einem fröhlichen Ereignis. Auf dem Rückweg zur East Bay trifft Oscar zufällig Katie wieder, die begeistert seinen Namen ruft. Dadurch wird eine Gruppe White Supremacists (eine rassistische Organisation in den USA) auf ihn aufmerksam, mit denen Oscar bereits in San Quentin Probleme hatte. Als die auf ihn einschlagen, greift die Polizei an der nächsten Haltestelle, "Fruitvale Station", ein. Doch die offensichtlich vorurteilsbelasteten Beamten behandeln Oscar und seine Clique als die Schuldigen, und das Unheil nimmt seinen Lauf.

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Kritik

Es kommt selten vor, dass das Kinopublikum in einem ausverkauften Kinosaal noch Minuten nach der letzten Szene still sitzen bleibt, während die end credits über den schwarzen Leinwandhintergrund rollen. Fruitvale Station arbeitet von der ersten Szene an auf das unheilvolle Ende zu – ein Ende, das einem US-Publikum nur allzu vertraut ist, während manch europäischer Zuschauer nichtsahnend dem verkorksten Alltag von Oscar Grant folgen dürfte.

Jedoch dürften auch Rezipienten, die von den Rassenunruhen von San Francisco im Jahre 2009 nichts mitbekommen haben, früher oder später ahnen, dass auf Oscar kein schönes Schicksal wartet. Zu deutlich baut Coogler Hinweise und Vorahnungen in die Filmhandlung ein, etwa Oscars kriminelle Vergangenheit, das Insistieren der Mutter, aus Sicherheitsgründen doch die U-Bahn zu nehmen, und vor allem den Unwillen der kleinen Tochter, ihren Vater gehen zu lassen, weil sie doch vor dem Haus Schüsse gehört habe (die Oscar als Feuerwerksknallerei abtut). Spätestens, wenn die Protagonisten gegen Ende des Films wieder in der vollbesetzten U-Bahn stehen, ist klar, was nun folgen wird.

Dies tut der emotionalen, in die Magengrube treffenden Wucht des Films jedoch keinen Abbruch. Das emotionale Zentrum von Fruitvale Station ist Michael B. Jordan (The Wire, Parenthood, Chronicle), der zurzeit als schauspielerisches Naturtalent in der Nachfolge Denzel Washingtons gefeiert wird. Jordan schafft den Spagat, Oscar als jungen Mann darzustellen, der einerseits mit dem vermeintlich einträglicheren Leben eines Kleinkriminellen flirtet, andererseits ein verantwortungsvoller Familienvater sein will, ohne jedoch genau zu wissen, wie er dies bewerkstelligen soll.

Aber auch die anderen Schauspieler tragen diesen im dokumentarisch-realistischen Stil gedrehten Film, allen voran die großartige Octavia Spencer als Oscars Mutter. Spencer fungierte, wie übrigens auch Forest Whitaker (Ghost Dog, The Last King of Scotland), als Co-Produzentin des Films, die maßgeblich dazu beitrug, dass dieser Film mithilfe von Investoren überhaupt gedreht werden konnte.

Verleih: DCM

Dem während des Filmdrehs erst 26-jährigen Ryan Coogler ist ein souveränes Regiedebüt gelungen. Gerade weil viele der frühen und mittleren Szenen des Films ein bisweilen ereignisloses, teils trotz aller existenziellen Probleme geradezu banales Alltagsleben zur Schau stellen, haben die dramatischen Ereignisse in der Fruitvale Station und Oscars  darauf folgender Todeskampf im Highland Hospital umso mehr Wucht. Der Film führt seinen Protagonisten wie ein Schaf zur Schlachtbank: Auf die trügerische Ruhe, die trügerische Hoffnung, dass das Leben doch noch besser werden könnte, folgt der finale Knall.

Fruitvale Station ist kein Film über Rassismus: Obwohl Schwarze die Hauptrollen spielen, ist es ein Sozialdrama, das einen Einblick in das Leben sozial benachteiligter junger Menschen gibt, in deren Kampf um ein besseres Leben die Hautfarbe nur einer der benachteiligenden Faktoren ist.

Die faktischen Ereignisse in der Fruitvale Station, bei denen Rassismus und Vorurteile definitiv eine Rolle spielten, wurden von zahlreichen U-Bahn-Passagieren auf Video festgehalten. Dieses belastende Beweismaterial führte letztendlich dazu, dass der für den Schuss verantwortliche Polizeibeamte wegen Totschlags verurteilt wurde. Da er jedoch die Richter überzeugen konnte, dass er im Eifer des Gefechts seinen Taser mit der Dienstpistole verwechselt habe, kam er mit einer zweijährigen Gefängnisstrafe davon. Die Mutter und die Tochter von Oscar Grant erstritten vor Gericht ein Schmerzensgeld von zweieinhalb Millionen Dollar. Auch das ist Amerika. Der Film weist auf diese post-mortem-Ereignisse im Abspann hin, unterlegt von Dokumentaraufnahmem einer Trauerfeier zu Ehren Oscar Grants.

Verleih: DCM

Fazit

Fruitvale Station hallt im Zuschauer nach. Als Feierabendberieselung ist das Drama ungeeignet. Als beunruhigender Einblick in die bisweilen erschreckende Sinnlosigkeit tödlicher Ereignisse regt er jedoch umso mehr zur Reflexion über den gedankenlosen Umgang von Menschen untereinander an. Für Kinder dürfte Fruitvale Station ein verstörendes, ungeeignetes Filmerlebnis sein. Für Jugendliche ab 14 Jahren hingegen, die sich mit den Rahmenbedingungen sozialer Gewalt oder Einblicken in die Probleme der gegenwärtigen US-Gesellschaft beschäftigen, bietet dieses Drama unverzichtbares Anschauungsmaterial.

Verleih: DCM

 

Titel: Letzter Halt Fruitvale Station
Originaltitel: Fruitvale Station
Genre: Drama
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2013
Dauer: 85 Minuten
Altersfreigabe: Ab 12 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 01.05.2014
Verleih: DCM
Einspielergebnis weltweit: 16,9 Mio. US-$ (Stand: Mai 2014)
Regisseur: Ryan Coogler
Drehbuch: Ryan Coogler
Darsteller: Michael B. Jordan (Oscar Grant III), Octavia Spencer (Wanda), Melonie Diaz (Sophina), Kevin Durand (Officer Caruso), Ahna O’Reilly (Katie)
Kamera: Rachel Morrison
Musik: Ludwig Goransson
Schnitt: Claudia Castello, Michael P. Shawyer
Produzent: Nina Yang, Forest Whitaker


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