von Christian Exner

Der australische Regisseur Scott Hicks startete seine internationale Karriere mit dem Kinderfilm Sebastian and the Sparrow. Ein besonderes Interesse an der Inszenierung pädagogischer Situationen zieht sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen und gipfelt in The Boys are Back, der Verfilmung einer autobiografischen Vorlage von Simon Carr, die von Trauerbewältigung und einer sehr persönlichen Form der Laissez-faire-Erziehung handelt. Scotts Werk ist zwar kein Kinder- und Jugendfilm im engeren Sinn, aber gewiss ein Drama, das mit seinem Plädoyer für Individualität, Achtsamkeit und ehrlicher Empathie bereichernd für Zuschauer aller Generationen sein kann.


Inhalt

Joe Carr (Clive Owen) ist als erfolgreicher Sportreporter in der ganzen Welt unterwegs und nur selten bei seiner Familie. Seine Frau Katy (Laura Fraser) kümmert sich zu Hause an der australischen Südküste um den fünfjährigen Sohn Artie (Nicholas McAnulty) und regelt den Familienalltag, bis sie plötzlich an Krebs erkrankt und stirbt. Joe bleibt mit Artie zurück. Nicht nur, dass er seine eigene Trauer bewältigen muss. Artie braucht nun seine ganze Zuwendung. Die Zeitungsredaktion gewährt Joe eine kurze Auszeit. Als alleinerziehender Vater ist er stärker denn je gefordert. Der Haushalt, die Tagesroutinen, die Gefühlsausbrüche seines Sohnes und seine eigene Labilität setzen ihm schwer zu. Schwiegermutter Barbara sieht mit Sorge, wie Joe regelmäßig zur Flasche greift und seine Wohnung verwahrlost. Sie bietet ihm an, Artie zu sich zu nehmen. Aber das kommt für Joe nicht in Frage. Er will als Vater voll und ganz für seinen Jüngsten da sein. Umso mehr, da er schon keinen Kontakt zu seinem 14jährigen Sohn Harry (George MacKay) aus erster Ehe hat, der in England bei seiner Mutter aufgewachsen ist.

Plötzlich kündigt Harry seinen Ferienbesuch an. Für Joe wird es nun noch komplizierter. Zwar kümmert sich Harry so gut es geht auch um Artie. Aber er steckt in einer schwierigen Phase seiner Pubertät und kapselt sich gegenüber dem Vater, den er kaum kennt, ab. Joe sucht seine Rettung in einer sehr lockeren Erziehung. Er lässt Artie und Harry viel Spielraum für ihre Neugier, ihr Wildsein, für wüste Kissenschlachten und spontane Ausflüge an den Strand. Nur auf wenige Regeln pocht er. Joe verlangt Ehrlichkeit, Fluchen dürfen nur Erwachsene und der Müll muss rausgebracht werden. Als Vater will er ganz für seine Söhne da sein, ihre Wünsche erfüllen und an ihrem Leben teilhaben. Der Geist von Peter Pan weht durch seinen chaotischen Haushalt und sein Grundstück erklärt er zum "Nimmerland". Die Skepsis anderer Eltern, wie etwa Laura, die Joe in der Schule kennengelernt hat, und die Kritik seiner Schwiegereltern sind ihm dabei gleichgültig.

Verleih: Disney

Es kommt der Tag, an dem sich Joe wieder um seinen Job kümmern muss. Die Australien Open stehen an. Joe soll das Finale im fernen Melbourne unbedingt live kommentieren. Die Geduldsfäden von Schwiegermutter Barbara und Freundin Laura sind inzwischen überspannt. Deshalb hat Joe niemand, der noch einmal bereit wäre, für ihn die Aufsicht zu übernehmen. Da bietet Harry an, selber zwei Tage auf Artie aufzupassen. Joe ist nicht ganz wohl dabei. Sie vereinbaren, täglich zu telefonieren. Anfangs läuft es gut. Doch während Joe in Melbourne in eine Kneipenschlägerei verwickelt wird und dabei sein Handy verliert, nimmt Harrys Strandclique bei einer ausufernden Wochenendparty das ganze Haus auseinander. Wieder zurück steht Joe vor den Trümmern seiner Existenz. Nicht nur, dass Haus und Grundstück verwüstet sind, auch seine Dreier-Familie scheint nun endgültig zerbrochen. Artie wird notgedrungen von den Großeltern unter die Fittiche genommen. Harry zieht sich mit dem Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein, nach England zurück.

Joe unternimmt einen verzweifelten Versuch, seine Familie zu kitten und reist Harry hinterher. Mit einer großen Bürde von Fehlern und Versäumnissen im Gepäck wird es nicht leicht für ihn, das Vertrauen seines älteren Sohnes zurückzugewinnen. Beinahe scheint es zu spät, denn Harry verweigert das Gespräch und meidet den Kontakt, bis Arties Charme und Spontaneität das Eis brechen. Am Ende sind wieder alle vereint im sonnigen Süden Australiens. "The Boys are back" – Hoffnung kommt auf und ihre Aussichten zu dritt werden besser.

Verleih: Disney

Kritik

Scott Hicks rahmt die Adaption der autobiografischen Romanvorlage von Simon Carr (The Boys are back in Town) mit zwei Szenen am Strand ein. Zu Beginn zeigt er Joe, wie er mit seinem Geländewagen mit Artie vorn auf der Motorhaube sitzend über den Strand und durch die Brandung rauscht. Der Kleine hat einen Heidenspaß daran, während sich die Strandbesucher über den Leichtsinn aufregen. Am Ende fahren die drei "Boys" in einem Cabrio Richtung Meer, oben offen, damit Katy sie von irgendwo aus dem Himmel besser sehen kann (das war Arties Idee). Ruhe und Harmonie sind eingekehrt in einer Familienkonstellation, die sich kompliziert entwickelt hat und in der sich einige Spannungen entladen mussten.

Regisseur Hicks stilisiert pädagogische Exzentrik nicht zur universellen Heilsmethode. Das persönliche "Nimmerland" der Kleinfamilie ist ein Peter-Pan-Arrangement mit einigen Freiheiten, die unmittelbar Spaß bringen. Spontane Lebensfreude hilft auf jeden Fall sehr, die Trauer zu vergessen und das Verhältnis zwischen Vater und pubertierendem Sohn zu entkrampfen. Doch Joes laissez-faire bleibt nicht ohne Nebenwirkungen. Spätestens das Chaos-Wochenende mit dem Party-Desaster klärt die Fallhöhe, mit der Carr in seiner antiautoritären Attitüde lebt. Ganz ohne elterliche Aufsicht geht es offenbar nicht. Was die Vaterfigur auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, Fehler zu erkennen und daraus zu lernen. Einen bestimmten Fehler will er Joe nie mehr machen: Er will die Bedürfnisse seiner Söhne nicht mit einem "Nein-zu allem" unterdrücken und bleibt sich darin treu. Obwohl die Dramaturgie die Risiken und Konflikte dieses Ansatzes verhandelt, bleiben auch die Autoren dabei, eine Kindheit an der langen Leine als sinnerfüllte Alternative und höhere Form des Verantwortungsbewusstseins erscheinen zu lassen.

Carr interessiert sich wirklich für die inneren seelischen Landkarten von Artie und verzweifelt wenn sich der Junge ihm gegenüber verschließt. In Momenten des totalen Unverständnisses und der Ratlosigkeit erscheint ihm seine verstorbene Frau und weist ihm einen Weg. Diese Szenen symbolisieren die Präsenz, die Katy in Joes Erinnerungen und in seiner Rollenfindung als allein verantwortlicher Vater hat. Scott Hicks lässt darin ganz selbstverständlich und ohne ästhetische Verfremdungen die Realitätsebenen verschwimmen. Handlungen, Geschehnisse und innere Bewegungen fließen ineinander. Die Dialektik von rationaler Struktur und emotionaler Regung greift von der Erzählung über in die Bildinszenierung.

Wie Eltern die Beziehung zu ihren Kindern gestalten und welche Wege sie dabei beschreiten, war selten in so lebensnaher Manier Thema eines Films. Eigentlich erstaunlich, geht es doch bei Erziehung immer um sehr grundlegende Gefühle und um Prägungen, über die es viel zu erzählen gäbe. Wenn Familiensituationen aktuell inszeniert werden, dann geht der Trend dahin, Identitätsmuster, Genderinszenierungen und Lebensstile zu behandeln, wie etwa in The Kids are Allright, Maman und ich oder Beginners. Dezidiert antiautoritäre Ansätze scheinen sich überlebt zu haben. Doch die Frage ist geblieben, wie Erwachsene offener, emphatischer und weniger zweckbestimmt auf die Gefühle und das innere Erleben von Kindern eingehen können. The Boys are Back beschwört kein völlig entgrenztes Hippie-Traumland herauf, auch wenn der Schauplatz in Meeresnähe – das Landhaus, das sich zwischen Hügel und Felder schmiegt – durchaus wie ein Zurück-zur-Natur-Idyll erscheinen mag. Es ist mehr ein Refugium, das zusammen mit dem innigen Verhältnis zu Großeltern, Freunden und Vorgesetzten eine Komfortzone bietet, in der unkonventionelles Verhalten tolerabel ist und in dem die Seele nach einem Schicksalsschlag gesunden kann.

Verleih: Disney

Der Verweis auf Peter Pans Welten bleibt immer leicht ironisch. Die Risiken eines sehr liberalen Elternverhaltens werden seriös und konsequent bis ins Detail behandelt. Das Domizil in Trümmern und eine blutige Nase des Vaters sprechen eine fast zu deutliche Sprache (Erinnerungen an Exzesse in Lord of the Flies werden wach). Doch zwischen der Vision einer "maximale Freiheit für das Kind"-Einstellung und der Broken-Home-Desaster Episode gibt es viel Raum für schwere, mittlere und leichte Irrtümer – aber auch für die Chance zu entlastenden Erkenntnissen, letztlich gar zur Verwirklichung des Glücks in der "Three-Boys-Family".

Clive Owen ist die ideale Verkörperung des verwitweten Vaters, dem die Trauer mit einer tiefen Stirnfalte ins Gesicht geschrieben ist und in dessen Augen man selbst ohne mimische Unterstreichung stets Empathie entdeckt. Er wirkt dabei – äußerlich zumindest – robuster als der sphärisch wehklagende Soundtrack der isländischen Band Sigur Rós, der seine Stimmungen immer wieder mit Trauer grundiert. Owen ist aber auch der Darsteller, dem man abnimmt, dass er den Mut, die Überzeugungskraft und den Humor hat, die Zügel locker zu lassen und dabei nicht den Halt zu verlieren.

Scott Hicks gibt die Perspektive dieses erwachsenen Protagonisten vor, der gleich zu Beginn als Erzähler und Identifikationsfigur eingeführt wird. Doch das schließt das Interesse jüngerer Zuschauergruppen an der Handlung nicht aus, denn speziell die Auseinandersetzungen zwischen Joe und dem 14jährigen Harry werden in einer Form geschildert, die auch für Zuschauer in der Pubertät zugänglich und bereichernd sind. Der für seinen Film Shine oscarnominierte Hicks startete seine Karriere mit dem Kinderfilm Sebastian and the Sparrow, einem Roadmovie über eine Muttersuche. Ein besonderes Gespür für die Erlebnis- und Fantasiewelten Heranwachsender und für pädagogische Beziehungen zieht sich wie ein roter Faden durch das filmische Schaffen des Australiers (Hearts in Atlantis, Schnee der auf Zedern fällt).

Fazit

Auch wenn The Boys are Back nicht als Kinderfilm konzipiert ist (der Titel könnte es suggerieren), so regt er doch zum Dialog zwischen Erwachsenen und Jugendlichen über Freiheit, Verantwortung und Familienglück an und bietet ein tröstliches Muster der Trauerbewältigung. Die Übergänge zwischen dem Erziehungsdrama, der Kindheitserzählung und dem jugendaffinen Stoff sind hier fließend.

Titel: The Boys are Back – Zurück ins Leben
Originaltitel: The Boys are Back
Genre: Drama
Produktionsland: Australien, Großbritannien
Produktionsjahr: 2009
Dauer: 104 Minuten
Altersfreigabe: Ab 6 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 15.04.2010 (direct-to-video)
Verleih: Disney
Einspielergebnis weltweit: unbekannt
Regisseur: Scott Hicks
Drehbuch: Allan Cubitt
Vorlage: Simon Carr, The Boys are Back in Town
Darsteller: Clive Owen (Joe Carr), Emma Booth (Laura), Laura Fraser (Katy), George MacKay (Harry), Nicholas McAnulty (Artie), Julia Blake (Barbara – Schwiegermutter/Großmutter), Chris Haywood (Schwiegervater/Großvater)
Kamera: Greig Fraser
Musik: Hal Lindes
Schnitt: Scott Gray
Produktionsdesign: Melinda Doring
Kostüm: Emily Seresin
Produzent: Greg Brenman, Timothy White/Screen Australia, BBC Films, Hopscotch Productions, Tiger Aspect Pictures, The South Australian Film Corporation

 


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