von Michael Stierstorfer

Der computeranimierte Film von Rob Minkoff, dem Regisseur der beiden bekannten Stuart-Little-Filme (1999-2003), ironisiert einschlägige geschichtliche Ereignisse in postmodernem Duktus und auf mehreren Ebenen.

Inhalt

Das Werk adaptiert Ted Keys Peabody‘s Improbable History, eine sehr erfolgreiche amerikanische Comic-Serie aus den 1960er Jahren. Minkoff erneuert mit seinem Film das Motiv der Zeitreise auf innovative Weise und beweist sich als raffinierter Bricoleur von unterschiedlichen geschichtlichen Versatzstücken: Der geniale Wissenschaftler Mr. Peabody (in der Originalfassung mit der Stimme von Ty Burrell), ein sprachbegabter Hund, lebt mit seinem siebeneinhalbjährigen Adoptivsohn Sherman (in der Originalfassung mit der Stimme von Max Charles) in einem Penthouse in New York. Zusammen unternehmen sie häufig Zeitreisen mithilfe einer von Peabody erschaffenen hypertechnischen Wundermaschine, die bei Sherman historisches Lernen vor Ort initiieren sollen. Als Mr. Peabody seinen Ziehsohn zu Beginn des neuen Schuljahres zur Schule fährt, ist er um seinen Schützling sehr besorgt, da er ihm zu wenig Eigenständigkeit zutraut. An dieser Situation wird bereits ersichtlich, dass der Film mithilfe des von der überfürsorglichen Art seines Vaters genervten Shermans eine Adoleszenzgeschichte symbolisch inszeniert und diese in ein übernatürliches Gewand kleidet.

In seiner neuen Klasse – seinem adoleszenten Machtbereich – glänzt Sherman mit seinem detailgenauen geschichtlichen Wissen, das er sich auf den Zeitreisen mit seinem Vater angeeignet hat. Da jedoch seine neue Klassenkameradin Penny (Originalsprecherin: Ariel Winter) auf Shermans Expertise äußerst neidisch und bösartig reagiert, kommt es in der Mittagspause zu einer Auseinandersetzung, bei der Penny von Sherman gebissen wird, nachdem sie ihn als "Hund" beschimpft hat. Aus diesem Grund möchte Mrs. Grunion (Originalsprecherin: Allison Janney), eine ebenso strenge wie dominante Vertreterin des Jugendamtes, Mr. Peabody das Sorgerecht für Sherman entziehen. Um den Streit zu schlichten, lädt Mr. Peabody Penny mit ihren arroganten Eltern zu einem Versöhnungsessen ein. Im Lauf des Abends zeigt Sherman Penny verbotenerweise den "Zeitomaten", sodass Penny prompt im Alten Ägypten landet.

Mit dieser ersten Katastrophe beginnt eine chaotische Zeitreise in verschiedene Länder und Epochen nach dem Vorbild der Odyssee von Homer, die mit der Rettung der Erde und einem Reifeprozess des kindlichen Protagonisten hin zum Jugendlichen endet.

Kritik

Da der technisch einwandfrei und mit Liebe zum Detail animierte Film diverse Frauenfiguren als handlungsauslösende Momente fokussiert, soll zunächst auf diese eingegangen werden: An den Figurenkonzeptionen der Protagonistin Penny und der Antagonistin Mrs. Grunion zeigt sich nämlich das zum Teil problematische Frauenbild. So existieren in Die Abenteuer von Mr. Peabody & Sherman im Wesentlichen nur zwei Konzeptionen von Weiblichkeit: Auf der einen Seite ist da die gutaussehende jugendliche "femme fatale" Penny, die Sherman manipuliert und zum verbotenen Zeitreisen verführt, ähnlich wie Eva aus dem Alten Testament bereits Adam zum Genuss der verbotenen Frucht verführt hat. Im Rahmen der Abenteuer nimmt Penny dann die Rolle des weiblichen Opfers ein, das hilferufend nicht nur aus dem Alten Ägypten, sondern auch dem Alten Griechenland gerettet werden muss. Auf der anderen Seite steht Mrs. Grunion, eine feiste Matrone im mittleren Alter, die unaufhaltsam und empathielos nach Macht strebt, um ihre eigenen Normen kompromisslos durchzusetzen.

Zunächst landet Penny im Alten Ägypten. Um sie aus dieser historischen Sekundärwelt wieder zu befreien, müssen Mr. Peabody und Sherman selbst dorthin reisen, bevor Pennys Eltern das Verschwinden mitbekommen und Mr. Peabody die Erziehungsberechtigung für seinen Sohn entzogen wird. So können die beiden Abenteurer zwar Penny bald aus den Fängen des heiratswütigen jungen Tutanchamun retten, jedoch gelangt das Trio aufgrund von technischen Komplikationen – wie sollte es auch anders sein? – noch nicht nach Hause. Somit kann das Potenzial des Zeitreisemotivs komplett ausgeschöpft werden: Viele pseudohistorische Settings, wie zum Beispiel Florenz zu Zeiten der Medici oder das Alte Griechenland, lassen sich zur Befriedigung der Neugier des Rezipienten bespielen. So legen die Abenteurer notgedrungen einen Zwischenstopp bei Mr. Peabodys altem Kollegen Leonardo da Vinci ein und landen schließlich nach einem Streit mitten im Trojanischen Krieg, wo Sherman seine Adoleszenz unter Beweis stellen möchte, indem er als mutiger Krieger die Griechen, allen voran den kampflüsternen Agamemnon, bei der Bezwingung Trojas unterstützen will. Jedoch bekommt es Sherman angesichts des wilden Kriegsgeschehens mit der Angst zu tun, sodass ihn sein mit der Hundepfeife herbeigeholter Vater aus dem Kampfgetümmel retten muss. Dadurch wird auf textimmanenter Ebene vermittelt, dass Soldatentum und Krieg als Vehikel zum Erwachsenwerden untauglich sind.

An der Troja-Episode können außerdem die verschiedenen Textebenen verdeutlicht werden. So soll auf einer exoterischen Ebene für junge Rezipienten Humor dadurch evoziert werden, dass der der Oberbefehlshaber Agamemnon den kleinen und schmächtigen Sherman als Krieger "Shermanos" betitelt, der bereit fürs Schlachtfeld sei. Für ältere mythenkundige Rezipienten wird auf komplexere Weise Witz erzeugt: Als Agamemnon erklärt, dass sich Sherman für sein konfliktuöses Verhältnis zu seinem Vater nicht zu schämen braucht, führt er Ödipus als Beispiel an und erklärt, dass es "ne saublöde Idee wäre, am Wochenende bei ihm reinzuplatzen". Diese knappe Aussage spielt natürlich auf Ödipus'  inzestuöses Verhältnis zu seiner Mutter Iokaste an, die nur für die in den kulturellen Kontext eingeweihten Zuschauer verständlich ist.

Schließlich wird auch ein erfolgreicher Emanzipationsprozess des Jungen eingeleitet. Mr. Peabody geht innerhalb der Kriegswirren beim Absturz des Trojanischen Pferdes verloren. In diesem Zusammenhang erweist sich auch als bedenklich, dass Geschichte und Mythos unreflektiert miteinander vermischt werden. Die Eroberung Trojas durch die Kriegslist des Trojanischen Pferdes mit den Königen Agamemnon und Menelaos als Insassen wird unreflektiert neben die Französische Revolution oder die Errungenschaften Leonardo da Vincis gestellt. Somit werden Heranwachsende nicht dafür sensibilisiert, dass ein Unterschied zwischen Historie und Mythos besteht.

Nach der Troja-Eskapade reisen Sherman und Penny in dem Glauben, Mr. Peabody sei bei seinem Absturz im Trojanischen Pferd ums Leben gekommen, in die nahe Vergangenheit, um das Geschehene rückgängig zu machen. Dies ist jedoch aus physikalischen Gründen – so lautet eine Benutzerregel des "Zeitomaten" – strikt untersagt. Zuhause treffen Sherman und Co. nicht nur auf Mr. Peabody, der wohlauf ist, sondern auch auf ihre eigenen Doppelgänger. Dadurch lösen sie ein ungeheures Durcheinander im Raum-Zeit-Kontinuum aus, sodass viele historische Figuren, allen voran die kuchensüchtige und rücksichtslose Marie Antoinette, im New York der Gegenwart landen und ein Verkehrschaos heraufbeschwören.

Hierbei vereint der Regisseur mehrere bedeutende Persönlichkeiten aus unterschiedlichen historischen und pseudohistorischen Kontexten, die den Kindern im Laufe ihrer bisherigen Reise alle schon einmal begegnet sind, und schreibt diese in einen neuen dritten fiktiven Raum ein, in ein Pseudo-New York der Gegenwart, das ein Hybriditätserlebnis ermöglicht, in dessen Rahmen historische und mythologische Versatzstücke auf eklektisch-spielerische Weise miteinander kombiniert werden.

Kurz bevor Mr. Peabody auf Veranlassung von Mrs. Grunion als Verantwortlicher für diese Unruhen verhaftet werden kann, stellt eine riskante Idee Shermans die Weltordnung wieder her: Er reist mit irrwitziger Geschwindigkeit in die nahe Zukunft und lenkt selbst die Zeitmaschine, deren Steuerung ihm sein Vater sogar überlässt. Auf diese Weise gelangt jede Figur wieder in ihr Raum-Zeit-Kontinuum. Aufgrund der Tilgung dieses hybriden Ereignisses wird der vorherige Status quo der Stadt New York wieder hergestellt und damit bestätigt. Durch diese mutige Tat gewinnt Sherman an Reife, sodass sein Vater nun akzeptieren kann, dass sein Adoptivsohn auch in Eigenverantwortung gute Entscheidungen treffen kann.

Am Ende des Films erfolgt eine Umkehrung des Anfangs in einer raffinierten Ringkomposition: Nun gibt der junge Sherman seinem Vater auf dem Schulweg Tipps für den bevorstehenden Elternabend und wechselt so von der Rolle des ständig Belehrten in die des Belehrenden. Dadurch wird angedeutet, dass der Emanzipationsprozess erfolgreich verlaufen ist und Sherman die Position des unmündigen Kindes überwunden hat.

Außerdem wird die herrschsüchtige Mrs. Grunion von König Agamemnon in das antike Griechenland entführt, wo er sie mit ihrem Einverständnis ehelicht und auf diese Weise durch Liebe domestiziert. Auch Penny bekommt zum Schluss liebevolle und empathiefähige Charaktereigenschaften verliehen, sodass sich sowohl die Protagonistin als auch die Antagonistin am Ende des Films als dynamische Figuren erweisen.

Fazit

Die Abenteuer von Mr. Peabody & Sherman führt seine Zuschauer auf eine rasante und intelligent inszenierte Odyssee durch markante (pseudo-)historische Ereignisse und liefert dabei ganz nebenbei auf unterhaltsame Weise diverse Sachinformationen zu den jeweiligen Personen, Settings und Geschehnissen. Zugleich enthält er auf einer komplexeren Ebene durchaus anspruchsvolle, charmante Allusionen an für das Allgemeinwissen relevante Geschehnisse. Deshalb ist Die Abenteuer von Mr. Peabody & Sherman trotz der zumindest anfänglich klischeehaften Frauenkonzeptionen und trotz der Vermischung von Mythos und Historie zu empfehlen. Aufgrund seiner Komplexität ist der Film allerdings wohl erst für Kinder ab sechs Jahren empfehlenswert.


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