von Dr. Philipp Schmerheim

Ein großartig gespieltes Coming-of-Age-Drama der Regisseurin Sally Potter über zwei Teenager-Freundinnen, die im London des Jahres 1962 mit den Problemen des Erwachsenwerdens kämpfen. In der Rolle der Nachwuchsdichterin Ginger brilliert die erst 14-Jährige Hauptdarstellerin Elle Fanning (Somewhere).


Inhalt

Die 17-jährigen Teenager Ginger (Elle Fanning) und Rosa (Alice Englert) sind unzertrennliche Freundinnen und wachsen gemeinsam im Pre-Swinging London auf. Die Beatlemania und die Rockmusik haben ihren Siegeszug noch nicht angetreten, stattdessen hält die Kuba-Krise und damit das Damoklesschwert des drohenden Nuklearkriegs zwischen den USA und der Sowjetunion die Welt in Atem.

Während Rosa und vor allem Ginger sich immer mehr in die Angst vor der Atombombe hineinsteigern, sind ihre Eltern mit sich selbst beschäftigt: Rosas alleinerziehende Mutter (Jodhi May) hält sich als Putzfrau über Wasser, Gingers Mutter Natalie (Christina Hendricks) verzweifelt zunehmend an ihrem eintönigen Hausfrauendasein, den Distanzierungsversuchen ihrer pubertierenden Tochter und den Seitensprüngen ihres Manns Roland (Alessandro Nivola). Dieser frönt als schlecht verdienender Musiklehrer und Autor pazifistischer Pamphlete einem vordergründig freigeistigen Lebensstil. Die Mädchen bewundern ihn, auch weil er ihnen auf Augenhöhe begegnet. Seine Verantwortungsscheu kaschiert Roland, indem er sich als heldenhafter Freigeist inszeniert, der für seine Gesinnung als Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg im Gefängnis gelandet ist. Wirkliche Stabilität vermitteln Ginger nur ihre liebevollen homosexuellen Patenonkel Mark und Mark Two (Timothy Spall und Oliver Platt).

Verleih: Concorde

Ginger, die Dichterin werden will, engagiert sich zunehmend in der Antikriegsbewegung und lauscht geradezu fieberhaft den nuklearen Katastrophenszenarien aus den Radio-Nachrichtensendungen. Rosa hingegen fühlt sich vom Glauben angezogen, stürzt sich aber vor allem in erotische Abenteuer mit Zufallsbekanntschaften. Als Gingers Vater schließlich auszieht, zerbricht das fragile Beziehungsgeflecht: Vor den Augen seiner Tochter beginnt Roland ausgerechnet mit Rosa eine heimliche Affäre. Mit der psychischen Belastung dieser doppelten Ent-Täuschung kommt Ginger nicht klar. Auch, um vor ihren privaten Problemen zu fliehen, steigert sie sich immer besessener in ihre Angst vor der Atombombe hinein.

Verleih: Concorde

Kritik

Sally Potters Drama Ginger & Rosa ist nicht nur eine wunderbare Charakterstudie über das Erwachsenwerden in Zeiten der Atombombe, sondern vor allem großartiges Schauspielerkino: Hauptdarstellerin Elle Fanning, während der Dreharbeiten erst 14 Jahre alt, legt ihre schauspielerische Meisterprüfung ab: Mit einer verblüffenden Leichtigkeit spielt das frühreife Schauspiel-Wunderkind (Somewhere, Super 8, Phoebe in Wonderland) mit allen Facetten des schauspielerischen Repertoires die 17-jährige Ginger, die an der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenendasein hin und her taumelt. Ginger fühlt sich für alle Probleme der Welt und für die Beziehungsprobleme ihrer Eltern verantwortlich und droht vollends zu zerbrechen, als selbst ihre beste Freundin Rosa sich von ihr entfremdet und mit ihrem Vater anbändelt.

Fanning weiß instinktiv, wie sie mit der Kamera umgehen muss, und die Regisseurin Sally Potter inszeniert sie effektiv: Mal ruht die Kamera im Viertelprofil auf Fannings blassen, von feuerroten Haaren umrandeten Gesicht mit halb geschlossenen Augen, als stünde sie Modell für das kontemplative Gemälde eines niederländischen Meisters, mal verwandelt Fanning sich in eine Kindfrau, die mit einem nicht mehr mädchenhaften, aber auch noch nicht fraulichen Lachen nicht nur mit ihrem Vater, sondern auch mit der Kamera spielt. Schauspiel-Debütantin Alice Englert, die Tochter von Das Piano-Regisseurin Jane Campion, liefert mit ihrer Figur der Rosa den Kontrast zu dem energetischen Nervenbündel Fannings: Eher dumpf vor sich hin brütend, mit schwerem, gewollt lasziven Augenaufschlag ist Englert zwar nicht wie Fanning der strahlende Mittelpunkt des Films, spielt jedoch überzeugend die Möchtegern-Lolita aus der Arbeiterklasse. Umwerfend augenzwinkernd geben wiederum Timothy Spall und Oliver Platt das homosexuelle und durch und durch britische Patenonkelpaar Gingers, und Annette Bening stiefelt burschikos als pazifistische Ideologin Belle mit schwarzer Hornbrille und neunmalklugen Sprüchen gegen das Establishment durch das Szenenbild.

Verleih: Concorde

Ginger & Rosa kreist um den Drahtseilakt zwischen jugendlicher Unbekümmertheit und den Herausforderungen des Erwachsenendaseins. Offensichtlich ist dies natürlich bei den beiden Hauptfiguren, die beide auf ihre Weise nach ihrer Identität suchen. Am Anfang des Films frönen die Mädchen noch begeistert ihren Ritualen als unzertrennliche Seelen, die im Partnerlook durch die Gegend laufen, per Anhalter quer durch das Land ziehen und auch mal einen kompletten Tag gemeinsam Kopf an Schulter auf einer Parkbank verbringen. Doch je länger der Film dauert, desto mehr leben sich die beiden auseinander: Während Rosa ihre ersten erotischen Abenteuer genießt, verarbeitet Ginger ihre Gefühle in intellektuell aufgeladenen Gedichten und diskutiert mit Kunststudenten über den Weltfrieden.

Doch auch Gingers Eltern kämpfen mit der Balance zwischen Erwachsensein und jugendlicher Freiheit: Gingers Mutter Natalie, bei der Geburt ihrer Tochter selbst noch ein Teenager, opferte ihre eigene Jugend und künstlerischen Ambitionen, um Ginger aufzuziehen und für ihren freigeistigen Mann den Haushalt zu schmeißen. Roland hingegen wirkt wie ein ewiges, verantwortungsscheues Kind: Selbstgefällig präsentiert er sich als unabhängiger Freigeist, zieht mit seinen Studentinnen um die Häuser und durch die Betten und kann nicht einmal den lolitaesken Avancen der besten Freundin seiner Tochter widerstehen. So verlieren sich beide selbst: Während Natalie daran scheitert, ihre selbstauferlegte Verantwortung bis zur Selbstverleugnung zu schultern, betrügt sich Roland selbst mit seiner libertären Lebenslüge des 'Anything Goes'.

Verleih: Concorde

So verschwimmen die Grenzen zwischen den Jugendlichen und den Erwachsenen: Die Erwachsenen sind nicht willens oder fähig, ihrer Verantwortung gegenüber ihren noch nicht dem Kindesalter entwachsenen Kindern gerecht zu werden, während die Mädchen bei ihren unbeholfenen Versuchen, wie Erwachsene selbstbestimmt zu leben, mehrfach übel auf der Nase landen.

Mit Ginger & Rosa wandelt Sally Potter, die mit der Virginia-Woolf-Adaption Orlando 1992 ihren Durchbruch feierte, in den Spuren des sozialkritischen britischen Kinos. Anders als ihr Kollege Ken Loach durchleuchtet sie hier jedoch nicht die Untiefen der Proletarierklasse, sondern widmet sich den prekären Lebensverhältnissen der Bohème, die die Keimzelle der späteren 68er-Revolution bildet. Potter portraitiert authentisch das von der Nuklearangst gelähmte London und skizziert damit die Folie, auf der die Beatlemania und der Siegeszug der Rock-Musik die Metropole schließlich zum Mittelpunkt der Swingin‘ Sixties machen.

Darin liegt einer der Reize des Films: Die erwachsenen Figuren sind noch gezeichnet von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und geben ihre Existenzangst, ohne es zu merken, an ihre Kinder weiter. Und die Kinder ahnen noch nichts von der nahenden gesellschaftlichen Revolution, wenngleich die Swing- und Rock’n’Roll-Musik von Dave Brubeck, Count Basie, Duke Ellington und Thelonious Monk, die sie immer wieder in der Juke-Box auflegen, dem wissenden Zuschauer als Vorboten des Swingin‘ London erscheinen.

Verleih: Concorde

Fazit

Großartige Schauspielleistungen und eine vielschichtige Handlung machen Ginger & Rosa zu einem sehenswerten Film. Für Kinder und wohl auch Jugendliche dürfte der Stoff zwar eher schwer zugänglich sein, allerdings bietet die intelligente Verknüpfung der Lebensumstände zweier Teenager mit den übergeordneten politischen Lebensverhältnissen Ansatzpunkte, um dem gesellschaftlichen Leben in Zeiten des Kalten Kriegs näher zu kommen. Deshalb lohnt z. B. die gemeinsame Diskussion von Ginger & Rosa im Schulunterricht.

 

Titel: Ginger & Rosa
Originaltitel: Ginger & Rosa
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2012
Dauer: 90 Minuten
Altersfreigabe: Ab 12 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 11.04.2013
Verleih: Concorde
Einspielergebnis: unbekannt
Regisseur: Sally Potter
Drehbuch: Sally Potter
Darsteller: Christina Hendricks (Natalie), Elle Fanning (Ginger), Alice Englert (Rosa), Annette Bening (Belle), Alessandro Nivola (Roland), Timothy Spall (Mark), Oliver Platt (Mark)
Kamera: Robbie Ryan
Musik: Count Basie, Duke Ellington, Chubby Checker, Miles Davis, Django Reinhardt
Schnitt: Anders Refn
Produzent: Andrew Litvin, Reno Antoniades, Christopher Sheppard


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