von Dr. Philipp Schmerheim

Asghar Farhadis oscargekröntes Ehedrama ist zugleich eine kluge Sozialstudie über die Klassengesellschaft in der Islamischen Republik Iran – und skizziert ganz nebenbei auch unterschiedliche Kindheitsentwürfe.


Inhalt

Ein normaler Gerichtstag in Teheran: Die Lehrerin Simin (Leila Hatami) will sich von ihrem Mann Nader (Payman Maadi) scheiden lassen. Während sie ihrer gemeinsamen Tochter Termeh (Sarina Farhadi) im Ausland eine bessere Zukunft bieten möchte, will Nader seinen an Alzheimer leidenden Vater (Ali-Asghar Shahbazi) nicht allein in Teheran zurücklassen. Da der Scheidungsrichter ihren Antrag bis auf weiteres ablehnt, zieht Simin aus der gemeinsamen Wohnung aus, während Termeh vorerst bei ihrem Vater bleibt.

Um weiterhin als Bankangestellter arbeiten zu können, stellt Nader die verarmte Razieh (Sareh Bayat) ein, die sich zusammen mit ihrer kleinen Tochter Somayeh (Kimia Hosseini) vormittags um den dementen Vater kümmern soll. Doch die schwangere, tiefreligiöse Frau ist von der Aufgabe überfordert und hat zudem religiöse Bedenken, einen alten, fremden Mann zu pflegen, der nicht einmal mehr selbständig auf die Toilette gehen kann.

Aus Geldnot kümmert sich Razieh jedoch auch in den folgenden Tagen um Naders Vater – doch aus den darauf folgenden Ereignissen entwickelt sich eine Konfrontation zwischen den Familien Naders und Raziehs: Als Nader seinen Vater ans Bett gefesselt vorfindet, weil Razieh zwischenzeitlich einen Arzt aufsuchen musste, schmeißt er die junge Frau aus der Wohnung – auch, weil er sie verdächtigt, Geld gestohlen zu haben.

Nader und Simin haben Probleme (Verleih: Alamode)

Kurze Zeit später erfährt Nader dass Razieh nach einer Fehlgeburt im Krankenhaus liegt. Als Nader und Simin Razieh im Krankenhaus besuchen, kommt es zur Konfrontation mit ihrem Ehemann Hojjat (Shahab Hosseini), der bisher nichts von dem Nebenjob seiner Frau wusste. Während Hojjat Nader einer außerehelichen Affäre beschuldigt, gibt Razieh diesem die Schuld an der Fehlgeburt: Sie sei von Nader geschubst worden und daraufhin die Treppe hinuntergefallen.

Es kommt zur Gerichtsverhandlung. Während Nader nach entlastenden Beweisen sucht, um einer Verurteilung wegen Totschlags zu entkommen, versucht Simin, eine außergerichtliche Einigung herbeizuführen. Nach und nach stellt sich allerdings heraus, dass die Dinge nicht so klar sind, wie sie zuerst schienen, und dass keine Seite die ganze Wahrheit über die Ereignisse eingestehen will.

Nader verdächtigt Razieh (Verleih: Alamode)

Kritik

Nader und Simin – Eine Trennung ist eines der filmischen Meisterwerke des frühen 21. Jahrhunderts. Asghar Farhadi erweist sich hier als meisterhafter Erzähler, der elegant und geradezu nonchalant mit verschiedensten Themen, Handlungssträngen und Genres jongliert, ohne den Zuschauer auch nur einen Moment mit bedeutungsschwangerem Gehabe zu langweilen. Farhadi huldigt vielmehr dem Gott der kleinen Dinge: Alltägliche Bemerkungen und Handlungen, die man leicht übersieht, entfalten im Laufe des Films eine ungeahnte Wucht. Diese Meisterschaft ist auch den Produktionsbedingungen für iranische Filmemacher geschuldet, die ständig auf der Hut vor den Zensurbehörden des Gottesstaats sein müssen und deshalb eine ganz eigene Filmsprache entwickelt haben.

Nur auf den ersten Blick ist Farhadis Drama eine präzise Studie über die gescheiterte Ehe eines liberalen iranischen Mittelschichts-Ehepaars. So beleuchtet der vor Gericht ausgetragene Konflikt um die angeblich von Naders Verhalten ausgelöste Fehlgeburt Raziehs die Klassenunterschiede in der iranischen Gesellschaft, in der eine liberale und säkularisierte Mittelschicht und die fromm-religiöse Arbeiterklasse aneinander vorbeileben und –reden. Naders Fürsorge für seinen vor sich hin vegetierenden Vater steht in scharfem Kontrast zu Simins Freiheitsdrang, der nur mühsam von ihren Zukunftsängsten über die Aussichten ihrer Tochter in der alles andere als frauenfreundlichen Islamischen Republik kaschiert wird. Doch zugleich wird man das Gefühl nicht los, dass auch Nader weniger aus einem Verantwortungsgefühl heraus agiert, sondern es sich mit seiner Fürsorge einfach auch nur leichter macht als seine Frau. Diese Ambivalenz zwischen Sohnesliebe und Eigeninteresse schimmert in manchen Dialogen durch. So antwortet Nader, als Simin ihm vorwirft, dass sein dementer Vater ihn gar nicht mehr (er)kenne: „Aber ich kenne ihn“.

Nader und sein Vater (Verleih: Alamode)

So ist Nader und Simin letztendlich ein Film darüber, was es heißt, das Kind seiner Eltern zu sein. Während Nader sich so stark als Sohn seines Vaters definiert, dass er seine Ehe aufs Spiel setzt und auch seiner eigenen Vaterrolle nicht gerecht wird, beobachten die eigentlichen Kinder des Films, die zwölfjährige Termeh und die kleine Somayeh, das orientierungslose Treiben ihrer Eltern stumm und mit verletztem Blick. Doch sie sind keineswegs ohnmächtig: So tragen Somayehs Anmerkungen entscheidend zur Klärung des Gerichtfalls bei, und Termeh fungiert für ihren Vater als moralisches Gewissen: Sie überzeugt ihn in einer wichtigen Szene, vor Gericht die Wahrheit über sein Verhalten Razieh gegenüber zu sagen, auf die Gefahr hin, dass er verurteilt werden könnte. Und – so viel sei verraten – am Ende ist es Termeh, die über ihr eigenes Schicksal entscheiden darf.

  

Termeh und Somayeh (Verleih: Alamode)

Eine Rezension kann die Vielschichtigkeit von Nader und Simin  – Eine Trennung nicht einmal ansatzweise andeuten. Wenige Filme der letzten Jahre ziehen den Zuschauer derart intensiv in ihren Bann wie Farhadis Drama, das an keiner Stelle in eine der zahlreichen Bedeutsamkeitsfallen tappt, die sich das sendungsbewusste europäische Arthouse-Kino öfter selbst stellt. So ist es kein Wunder, dass Nader und Simin im Auszeichungszirkus der Filmbranche mächtig abräumte: Als erster iranischer Film gewann er 2012 den Auslands-Oscar und erhielt auch ein Jahr zuvor u.a. den Goldenen Bären bei der Berlinale.

Fazit

Nader und Simin – Eine Trennung ist großes Kino abseits der Hollywood-Trampelpfade. Wer wissen will, wie mit dem Medium des Films meisterhaft erzählt werden kann, kommt an Farhadis Drama nicht vorbei. Bleibt noch eine Frage: Wer hat eigentlich das Geld gestohlen, das die unheilvollen Ereignisse in Gang setzt? Wer beim Zuschauen auf die kleinen, alltäglichen, scheinbar nebensächlichen Dinge achtet, weiß es.

 

 

Titel: Nader und Simin
Originaltitel: جدایی نادر از سیمین
Produktionsland: Iran
Produktionsjahr: 2011
Dauer: 123 Minuten
Altersfreigabe: Ab 12 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 15.02.2011
Verleih: Alamode
Einspielergebnis: unbekannt
Regisseur: Asghar Farhadi
Drehbuch: Asghar Farhadi
Darsteller: Peyman Naadi (Nader), Leila Hatami (Simin), Sarina Farhadi (Termeh), Sareh Bayat (Razieh), Shahab Hosseini (Hojiat), Kimia Hosseini (Somayeh)
Kamera: Mahmood Kalari
Schnitt: Hayedeh Safiyari
Produzent: Asghar Farhadi


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