von Robin Schmerer, M.A.

Keine Schule, keine Arbeit und auch keine Regeln. Wenn jeder Tag wie Sonntag ist, scheint alles möglich. Tatsächlich zeigt Niels Lauperts Drama jedoch eine perspektivlose Jugend, deren zunehmende Gleichgültigkeit sich in Form grausamer Taten kanalisiert.

Inhalt

Für Adam (Ludwig Trepte) und Tommek (Martin Kiefer) ist jeder Tag wie der andere: Die Schulabbrecher treffen sich mit ihrer Clique, ziehen durch die Plattenbausiedlung und betrinken sich. Man klaut Spirituosen oder Zigaretten für die abendliche Party und misst seine Kräfte in ausuferndem Vandalismus. Doch mit der Perspektiv- und Regellosigkeit schleicht sich zunehmend auch Langeweile ein, die immer drastischere Handlungen der Halbstarken provoziert. Als selbst der Überfall auf einen älteren Mann nicht den gewünschten Kick bringt, schließen Adam und Tommek eine verheerende Wette ab: Wer traut sich, einen anderen Menschen umzubringen? Berauscht und getrieben von der Angst, als Schwächling dazustehen, ziehen die beiden Jugendlichen los. Einzig Sara (Jil Funke) scheint zu begreifen, was auf dem Spiel steht und eilt den beiden hinterher.

Verleih: Lighthouse

Kritik

In seinem Abschlussfilm Sieben Tage Sonntag erzählt Niels Laupert von einer tief verankerten Gewaltbereitschaft seiner jugendlichen Protagonisten, die durch das Fehlen jeglicher Autorität ungehindert hervorbricht. Die immer größere Langeweile, die ein Leben ohne Verpflichtungen mit sich bringt, sowie die Perspektivlosigkeit der Schulabbrecher lassen für diese sämtliche Konsequenzen nichtig erscheinen. "Wenn ihr was erreichen wollt, müsst ihr schauen, dass euch die Leute respektieren. Scheißegal was ihr macht, Hauptsache ihr zieht's durch", verkündet Tommek und lässt mit dieser Einstellung auch den anfangs zögerlichen Adam immer skrupelloser werden. Zunächst bauen beide ihre Aggressionen noch durch Vandalismus ab, doch schon bald bringt auch das nicht mehr die gewünschte Abwechslung. Wenn es keine Grenzen gibt, lassen sich diese auch immer schwerer ausloten. Selbst der brutale Überfall auf einen älteren Mann am Bahnsteig ist somit noch nicht das Ende einer Serie von kriminellen Aktionen. Warum nicht einen anderen Menschen töten? Wer sich das traut, hat den Respekt der Clique sicher und bisher sind beide ja auch stets ungestraft davon gekommen.

Was so unglaublich klingt, hat sich Mitte der 90er Jahre tatsächlich in Polen zugetragen. Regisseur Niels Laupert erfuhr durch einen Zeitungsartikel von der Tat und interviewte im Vorfeld der Produktion die beiden noch minderjährigen Täter. Bis heute zeigen sie keinerlei Reue. Ein Umstand, den Laupert auch in seinem Film darstellen wollte. Ebenso bleiben die Gründe für die Tat unklar. Der Film will keine Antworten finden, sondern vielmehr das Bild einer verwahrlosten und vollkommen moralfreien Jugend entwerfen. Mit diesem Ansatz erinnert das Drama an Produktionen der 50er Jahre, wie Rebel Without a Cause oder Die Halbstarken – wenn auch in weitaus drastischerer Form. Schon diese frühen Filme zeugten vor einer gewissen Angst erwachsener Filmemacher vor dem Jugendlichen als unbekanntem Wesen. Nicht zuletzt aufgrund seiner ungeschönten Inszenierung lief Sieben Tage Sonntag mit großem Erfolg auf zahlreichen internationalen Festivals.

Verleih: Lighthouse

Lauperts Film verzichtet auf eine genaue Verortung der Handlung. Die triste Plattenbausiedlung gleicht einem Niemandsland, in dem die Jugendlichen ganz auf sich gestellt scheinen. Wohnungen und Straßen sind menschenleer und Erwachsene sind nur zu sehen, sofern diese für die Handlung wichtig erscheinen. Der spärliche Einsatz von Musik unterstreicht die surreale Atmosphäre noch zusätzlich. Die im Film gezeigten Gewalttaten könnten sich überall zutragen, scheint die unheilvolle Aussage hinter den Bildern zu sein. Hoffnungsträgerin des Dramas ist Sara. Mit ihrer Bereitschaft, einer unterbezahlten Arbeit nachzugehen, erntet sie Unverständnis innerhalb der Clique. Am Ende ist sie jedoch die Schlaue, die ihr Leben in die Hand nimmt. Auch wenn sie Adam und Tommek nicht mehr helfen kann.

Der Hauptdarsteller Ludwig Trepte (Kombat Sechzehn, Ihr könnt euch niemals sicher sein) ist mittlerweile aus dem deutschen Jugendfilm nicht mehr wegzudenken. Bereits vielfach ausgezeichnet verleiht er der Rolle des Adam einen Hauch von Skrupel, den der Zuschauer jedoch (wie bei seinem biblischen Namensvetter) mit wachsender Besorgnis schwinden sieht. Martin Kiefer (Paulas Geheimnis, Prinzessin) spielte drei Jahre später im (thematisch ähnlichen) Gefängnis-Drama Picco (Philip Koch, 2010) einmal mehr einen gewaltbereiten Jugendlichen, der sich der Konsequenzen seiner Taten nicht bewusst ist. Weiter erzählte Birgit Grosskopf bereits 2006 in ihrem Film Prinzessin eine vergleichbare Geschichte am Beispiel einer Mädchen-Gang. Offensichtlich ist die Gewaltbereitschaft Jugendlicher ein Thema, das junge deutsche Filmemacher mehr denn je beschäftigt.

Fazit

Sieben Tage Sonntag ist ein Der Herr der Fliegen in der Plattenbausiedlung. Jenseits aller Regeln und abseits elterlicher Autorität nimmt die Gewaltbereitschaft zweier Jugendlicher erschreckende Formen an. Niels Lauperts Abschlussfilm stützt sich auf einen echten Fall und wurde besonders für seine drastische und schonungslose Inszenierung gelobt. Seine Zuschauer hinterlässt der Film ratlos, schockiert und dennoch fasziniert.

Titel: Sieben Tage Sonntag
Originaltitel: Sieben Tage Sonntag
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2007
Dauer: 80 Minuten
Altersfreigabe: Ab 16 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 05.03.2009
Verleih: Lighthouse Home Entertainment
Einspielergebnis: unbekannt
Regisseur: Niels Laupert
Drehbuch: Niels Laupert
Darsteller: Ludwig Trepte (Adam), Martin Kiefer (Tommek), Jil Funke (Sara), Karin Baal (Großmutter)
Kamera: Christoph Dammast, Anne Bürger
Musik: Michael Heilrath
Schnitt: Hansjörg Weißbrich
Produzent: Thomas Bartl, Alexander Dierbach, Niels Laupert

 


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