von Melanie Schaf

"Musik, Atmo, Geräusche, Sound, Stimmen und Stimmung lassen einen großartigen Zusammenklang entstehen, der den Hörer mit in die phantastische Welt von Mo und Meggie zieht", heißt es in der Jurybegründung zur Nominierung für den Kinderhörspielpreis BEO 2014 über Tintenherz. "Aufwendig produziert, überlegen inszeniert". Ein Hörspiel, von dem sich die Zuhörerinnen und Zuhörer fesseln und verzaubern lassen können.

(Für ein Hörbeispiel klicken Sie bitte auf das Cover)

Inhalt

Die 11-jährige Meggie stellt fest, dass ihr Vater Mortimer Folchart nicht nur ein Buchbinder ist, sondern eine ganz besondere Fähigkeit besitzt: Er kann allein durch Vorlesen "die tausend Türen zu tausend nie geschauten Welten" (Funke 2013 1/III/2:48) öffnen und Figuren aus einer Geschichte herauslesen, weswegen er auch als "Zauberzunge" bezeichnet wird. Was zunächst für Buchliebhaber als die Erfüllung eines Traums erscheint, ist für Mo allerdings ein Albtraum, denn er kann nicht steuern, wen er aus den Büchern herausliest und wer darin verschwindet. Staubfinger und Capricorn beispielsweise hat Mo vor vielen Jahren aus Versehen aus Tintenherz herausgelesenen, und nun beginnt die Jagd um das fiktive Buch des fiktiven Autors Fenoglio.

Cornelia Funke hat mit ihrem Roman Tintenherz eine Hommage an das Vorlesen geschrieben. Die Hörspielversion greift den Zauber des Vorlesens auf und erweitert ihn mit Geräuschen und Musik. Inhaltlich eng am Roman orientiert, wurde erzählstrategisch eine wesentliche Veränderung vorgenommen. Die erste Szene des Hörspiels stellt die Magie der Zauberzunge in den Fokus, lässt sie jedoch zunächst unkommentiert stehen.

Kritik

Wer wünscht sich nicht, einmal selbst in seiner Lieblingsgeschichte mitspielen zu können? Doch niemals hätte die 11-jährige Meggie gedacht, dass dies wirklich passieren wird. Die Möglichkeit, dass Figuren aus Tintenherz in der realen Welt erscheinen können und ebenso real werden, bringt Meggie ins Wanken. Sie bekommt es zunächst nur erzählt, doch schließlich erlebt sie selbst, wie man Buchwelten betreten und aus ihnen herausgelesen werden kann. Doch ist dies nicht jedem möglich, in Tintenherz gibt es nur wenige Zauberzungen, die durch lautes Vorlesen Figuren aus einer Geschichte herauslesen können. Diese Schwellenübergange sind die Stellen im Hörspiel, in der die phantastischen Elemente mit dem innerfiktiven Realitätsverständnis in Konkurrenz treten. Das meint im Konkreten die Stellen, an denen durch das Vorlesen Gegenstände oder Figuren aus einem Buch erscheinen, seien es Capricorn, Staubfinger, Basta oder Farid, aber auch die Goldmünzen aus Stevensons Schatzinsel. Im Hörspiel dient das fiktive Buch Tintenherz als Schwelle bzw. Portal in die fantastische Welt, Tintenherz ist jedoch kein klassisches Zauberbuch:

Es schien nicht besonders alt zu sein. Es hatte einen silbrig grünen Einband aus Leinen. Über den aufgeschlagenen Seiten lag ein schmales rotes Lesebändchen. […] Es gab nicht viele Bilder, doch der Anfangsbuchstabe jedes Kapitels war selbst so etwas wie ein kleines Bild. Auf einigen Buchstaben saßen Tiere, um andere rankten sich Pflanzen, ein B brannte lichterloh. (Funke 2013 1/III/06:28)

Tintenherz ist ein Buch, das in dieser Art auch bei den kindlichen Hörerinnen und Hörern im Schrank stehen könnte. Dem Buch kommt zwar im Hörspiel eine immense Bedeutung zu, denn verschiedene Figuren wollen es besitzen, doch letztendlich ist es ein gewöhnliches Buch. Schnell wird klar, dass eine Zauberzunge aus jedem beliebigen Buch Menschen und Dinge herauslesen kann. Jedoch zu einem hohen Preis, denn für jede herausgelesene Figur aus der sekundären Welt verschwindet eine Person aus der Primärwelt in jenem Buch, aus dem vorgelesen wurde. Es findet folglich ein nicht steuerbarer Austausch statt. Erst im Laufe der Geschichte und ihren Fortsetzungen gesteht Funke ihren Zauberzungen eine gewisse Macht zu, mit der sie ihre Magie besser steuern und gezielt Personen heraus- bzw. hineinlesen können.

Der Schlüssel für das Portal in die andere Welt ist somit nicht das Buch, sondern die Stimme, die daraus vorliest. Die Magie liegt in der Macht des Vorlesens und nicht im Buch selbst, drei Figuren haben diese besondere Fähigkeit: Mo, Darius und später auch Meggie. Darius ist dabei weniger begabt als Mo. Er wird als "furchtbarer Stümper" (Funke 2013 1/IX/01:04) bezeichnet, da seine herausgelesenen Figuren oft Fehlbildungen aufweisen. Cockerell humpelt, Flachnases Gesicht "sah auch schon mal besser aus" (Funke 2013 1/IV/06:44), Resa ist stumm und die gewünschten Goldmünzen aus Die Schatzinsel sind verrostet. Obwohl Darius also ein "Stümper" ist, behält ihn Capricorn als seinen Gefangenen und zwingt ihn immer wieder vorzulesen.

Dies verdeutlicht den Hörerinnen und Hörern, dass die Fähigkeit, etwas aus Büchern herauslesen zu können, eine seltene Gabe ist und, wie der Vergleich von Darius mit Mo zeigt, auch in verschiedenen Qualitäten existiert. Beispielhaft sind dafür die Szenen, in denen jeweils einmal Mo und einmal Darius aus Stevensons Roman vorlesen. Robin Brosch verleiht Mo beim Vorlesen eine volle Stimme. Er liest deutlich und in einem angenehmen ruhigen Tempo. Jeder Buchstabe ist gut zu vernehmen und Sätze werden phrasiert. Frank Jordan als Darius spricht dagegen mit einer eher flachen Stimme und ohne eine angemessene Phrasierung. Damit betont er, dass Darius sich eher widerwillig Wort für Wort über die Lippen quält. Besonders das Hörspiel kann hier die Magie des Vorlesens aufnehmen und verdeutlichen. Es erschafft eine besondere klangliche Atmosphäre und das Publikum kann die verschiedenen Qualitäten des Vorlesens direkt erleben, wie die beiden Vorlese-Szenen von Darius (Anfang des Hörspiels) und Mo (Ende der ersten CD) beweisen. Das ist eine medienspezifische Eigenheit, die das Hörspiel gegenüber dem Roman hat: Es werden fast keine Beschreibungen der Art und Weise des Lesens, des Geschehens und der Atmosphäre benötigt, denn durch das Zusammenspiel von atmosphärischen Klängen, charakterisierender Musik und Geräuschen wird das Vorgelesene unmittelbar lebendig, ohne dass es weiterer Erklärungen bedarf.

Teilweise untermalen die Klänge und Geräusche das Erzählte, teilweise ergänzen sie es, sodass der Klang auch einen erzählenden Charakter aufweist. Der Übertritt wird durch eine symbiotische Verschmelzung der beiden Welten inszeniert. Geräusche und Klänge aus der gelesenen Welt drängen sich zwischen die Geräusche aus der Primärwelt, bis sie sie komplett einnehmen. Die Hörerinnen und Hörer vernehmen beim Vorlesen der Märchen aus 1001 Nacht im Hintergrund Kinderstimmen, knarrendes Holz, rollende Wagen, arabisch sprechende Menschen. Allein dies genügt, um einen orientalischen Basar imaginieren zu können. Zudem hat Jan-Peter Pflug eine orientalische Musik mit für europäische Hörerinnen und Hörer ungewohnten Instrumenten wie z.B. der Sitar und verschiedenen Gongs komponiert. Während des Vorlesens aus Die Schatzinsel ertönen Meeresrauschen, Möwenschreie und das Wehen von Wind und erschaffen eine Atmosphäre am Meer. Dazu kommen noch situative Geräusche wie das Fußpatschen durch Wasser und das Ziehen eines Gegenstandes über Sand.

All dies dient der Unterstützung des Erzählten. Doch in dieser Szene nehmen die Geräusche selbst auch eine erzählende Rolle ein. Sie ergänzen und erweitern das Gesprochene. Auch Mo als Vorleser wird durch den Ich-Erzähler Jim Hawkins aus Die Schatzinsel abgelöst. Zunächst erscheint die Stimme Jims als Echo von Mos Worten, später greift sie dem Gelesenen sogar voraus. Schritt für Schritt wird das durch Zauberzunge Vorgelesene selbstständiger, bis es zum Übertritt kommt und alles plötzlich verstummt. Die kunstvolle Inszenierung einer Verschmelzung zweier Welten, der fantastischen Welt von Tintenherz und der realfiktiven Welt Meggies, bekommt ihren machtvollen Höhepunkt am Ende des Hörspiels: "Und alles wurde endlich gut" (Funke 2/III/04:39).

Fazit

Tintenherz ist ein Hörspiel, das nicht nur Kindern ab 12 Jahren Spaß macht, sondern auch die Sehnsucht von Erwachsenen anspricht, dem Alltag zu entschwinden und eine Buchwelt zu entdecken. Das Hörspiel scheint der Macht des Vorlesens mit seinen auditiven Qualitäten ideal gerecht zu werden. Die ausdrucksstarken Sprecherinnen und Sprecher geben den Zauberzungen ihre Stimmen und der Vorlesecharakter wird dadurch unterstützt. Daneben geben Musik sowie gut ausgewählte Geräusche und Klänge Funkes Roman eine ganz besondere Lebendigkeit. Die Hörerinnen und Hörer können direkt in die Welt von Meggie und Mo eintauchen und erleben den Zauber des Vorlesens so ganz unmittelbar.

 

 

Titel: Tintenherz (Hörspiel)
Autorin: Cornelia Funke
Bearbeitung und Regie: Frank Gustavus
Komposition: Jan-Peter Pflug
Sprecher_innen:
Stephan Schad (Erzähler), Leonie Landa (Meggie), Robin Brosch (Mo), Rainer Strecker (Staubfinger), Peter Kaempfe (Capricorn), Lars Rudolph (Basta), Gerlinde Dillge (Elinor), Peter Weis (Fenoglio), Ugur Tasbilek (Farid), Barbara Nüsse (Mortola), Volker Hanisch (Cockerell), Kai Henrik Möller (Flachnase), Frank Jordan (Darius), Cathlen Gawlich (Resa/Tinkerbell)
Dauer: 160 Minuten
Altersempfehlung: Ab 12 Jahren
Produktionsjahr: 2013
Produktion: Oetinger audio

 

 

Erstveröffentlichung: 10.02.2019


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

September 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
26 27 28 29 30 31 1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30 1 2 3 4 5 6