[28.05.2014]

von Bianca Bösche

Der in München lebende Wilfried Hiller ist einer der meistgespielten deutschen Bühnenkomponisten. Bekannt ist er auch durch seine Zusammenarbeit mit Michael Ende: In den 80er und 90er Jahren haben die beiden Künstler Stücke wie Das Traumfresserchen, Der Goggolori, Tranquilla Trampeltreu und Das Gauklermärchen für die Bühne entwickelt. Unsere Autorin Bianca Bösche hat mit dem Komponisten Wilfried Hiller ein Interview über die Entstehungsgeschichte der Kinderoper Das Traumfresserchen geführt.

In diesem Stück, für das Michael Ende das Libretto schrieb, muss die kleine Prinzessin Schlafittchen das titelgebende Traumfresserchen wieder einfangen, das von ihr aus Unachtsamkeit verjagt wurde. Seitdem werden die Einwohner von Schlummerland, über das Schlafittchens Eltern herrschen, von Albträumen heimgesucht. Einfangen lässt sich das Traumfresserchen jedoch nur durch das richtige Lied. Das Gespräch bietet einen Einblick in die Funktion der Musik in der Kinderoper und das Zusammenspiel zwischen Autoren und Musikern bei der Entwicklung von Stücken für die Theaterbühne.

Quelle: Pressefoto, Klaus Lipa (www.wilfried-hiller.de)

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Bianca Bösche: Haben Sie die Musikstücke der Kinderoper Das Traumfresserchen komponiert, nachdem der Text von Michael Ende schon geschrieben war oder vorher? Wie lange haben sie dafür gebraucht?

Wilfried Hiller: Michael und ich haben die Kinderoper gleichzeitig geschrieben bzw. komponiert und gemeinsam an dieser gearbeitet. Es war ein sogenanntes "work in progress". Wir wohnten beide am Stadtrand in München und waren meistens bei mir, da ich einen Flügel habe und arbeiteten hier zusammen. Insgesamt haben wir zwei Jahre lang für die Kinderoper Das Traumfresserchen gebraucht. Später, erst von Januar bis März 2000, habe ich das zweite Zwischenspiel für die Wiener Staatsoper dazu komponiert, das der Chor singt. Dort wurde extra ein Opernzelt nur für die Kinderoper Das Traumfresserchen gebaut. Das Stück wurde über einhundert Mal dort aufgeführt. Die Uraufführung war jedoch in Bremen am 17.02.1991.

Welche Intentionen haben Sie bei den Musikstücken gehabt?

Ich persönlich finde es wichtig, den Kindern die Angst zu nehmen. Dies wollte ich mit der Musik erreichen. Das Stück hat den Grundton F, weil die meisten deutschsprachigen Schlaflieder in F-Dur stehen. Am Ende des Stückes ist es in der Regel so, dass die Kinder das Traumfresserchen-Lied mitsingen. Ich habe schon von sehr vielen Eltern gehört, dass sie, wenn ihre Kinder nicht einschlafen können, das Traumfresserchen-Lied singen, sodass sie dann keine Angst haben und einschlafen können.

Wie ist in dieser Kinderoper der Zusammenhang zwischen Musik und Theater? Wirkt die Musik eher untermalend oder beeinflussend?

Sprache und Musik wechseln sich in meinen Stücken immer ab. Dinge, die man schlecht in eine Musik verpacken kann, werden dann gesprochen und die Musik wirkt melodramatisch unterlegt. Häufig werden viele Terzen gespielt, welche in den meisten Kinderliedern vorkommen.

Was haben Sie sich bei dem Musikstück "Das Traumfresserchen-Lied" gedacht?

Es ist eine einfache Dreiklang-Harmonie. Ich habe in verschiedenen Büchern gelesen, dass in der Musik von Theaterstücken immer häufiger komplizierte Chromatiken sowie Dissonanzen benutzt werden. Werden in diesen Stücken viele Dissonanzen und Chromatiken benutzt oder eher weniger, und warum?

Der König, die Königin und Schlafittchen sind die wichtigsten Figuren in der Kinderoper Das Traumfresserchen. Ebenso die wichtigste Musik wird gespielt, während die Königsfamilie auftritt. Die Dreiklänge in dem Traumfresserchen-Lied wirken auf die Kinder beruhigend.

Während die Ärzte kommen, gibt es viele Dissonanzen. Ich war als Kind häufig krank, ich hatte Tuberkulose, und es war gefühlt jeden Tag mindestens ein Arzt bei mir. Das war für mich schrecklich. Daher habe ich mit 16 Jahren mein erstes Musikstück über die Ärzte geschrieben und hiervon etwas in die Kinderoper einfließen lassen. Die Ärzte erscheinen in der Kinderoper wie Marionetten mit übergroßen Fieberthermometern sowie sehr vielen Pillen in verschiedenen Farben. Dies ist wie eine Horrorszene, wird aber aufgelöst durch den Vater. Er sagt zu seiner Tochter: "Nimm alle Pillen, irgendeine hilft immer!" Dadurch wird die Szene ironisiert.

Das Interview wurde am 15.03.2014 geführt.

 


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