von Anna Zamolska

Ilon Wikland (*1930) ist eine estnische Illustratorin, die zu einigen ihrer Bilderbücher auch den Text verfasst hat. Bekannt ist sie vor allem als die Astrid Lindgren-Illustratorin, hat sie doch die meisten Werke der bekanntesten schwedischen Kinderbuchautorin bebildert und die Vorstellung von vielen Lindgren-Figuren maßgeblich beeinflusst. Ihr Schaffen umfasst mehr als 200 Titel und viele weitere Autoren wie Hans Peterson, Selma Lagerlöf, Mary Norton, Edith Unnerstad, Elsa Olenius, Marlen Haushofer, Viola Wahlstedt oder Antoinette Baker.

Biographie

Maire-Ilon Pääbo wurde am 5. Februar 1930 in Tartu geboren, ihre Eltern waren Max Pääbo (Bauingenieur) und Vida Pääbo-Juse (Malerin und Textilkünstlerin). Sie verstand schon sehr früh, dass ihre Eltern sie nicht haben wollten (vgl. das Interview http://www.svd.se/jag-forstod-tidigt-att-mina-foraldrar-inte-ville-ha-mig). Sie wuchs zunächst in Tartu bei ihrer Großmutter mütterlicherseits auf, dann kurze Zeit mit ihren Eltern in Tallin, wo sie auch eingeschult wurde. An diese Zeit erinnert sie sich in Mein unglaublicher erster Schultag (schwed. Sammeli, Epp och jag, 1997), einem ihrer drei autobiographischen Bilderbücher. Nach der Trennung der Eltern (die Mutter wanderte nach Italien aus) kam Ilon zu ihren Großeltern väterlicherseits in Haapsalu und ging dort zur Grundschule von 1939 bis 1944.

Quelle: gemeinfrei

"'Die Großeltern waren die wichtigsten Menschen in meinem Leben', sagt Ilon Wikland heute." (Buchmann 2015, S. 23) In der russisch-orthodoxen Kirche von Haapsalu war Ilons Großvater Kantor, leitete den dortigen Chor, spielte Violine und fertigte auch selbst Violinen an. Ihre Großmutter war Lehrerin in der dortigen Grundschule. (vgl. Buchmann 2015, S. 23-31) "Einerseits herrschte im Haus der Großeltern Strenge, wenn es darum ging, dass Ilon lernen und gute Zensuren bekommen sollte, andererseits aber auch Großzügigkeit, wenn Ilon zeichnen wollte oder wenn sie im Ort umherstreifte und spielte." (Buchmann 2015, S. 23) Das Zeichnen wurde Ilon schon früh zur Gewohnheit und Notwendigkeit: "Ich genoss als Kind sehr viel Freiheit und habe früh gelernt, dass ich, wenn ich zeichne, zur Ruhe kommen kann. Dann brauchte ich nicht im Garten zu arbeiten oder Schnee zu schippen. Ich brauchte nichts weiter zu tun als zu zeichnen. Ich darf zeichnen – das habe ich sehr früh gelernt. Meine Mutter und meine Tante waren Künstlerinnen, auch mein Vater war ein kreativer Mensch – es lag einfach in der Familie. Darum durfte ich immer zeichnen." (Interview im Ausstellungskatalog 2015, S. 56)

Neben ihren Großeltern spielt Haapsalu eine große Rolle: Das kleine, idyllische Städtchen mit seinen niedrigen Holzhäusern, der russisch-orthodoxen Kirche und der mittelalterlichen Burg sollte für immer Ilon Wiklands Vorstellung von ruhigen Städtchen prägen und sich in ihre späteren Bilder oft einschleichen. Hier hatte sie viele Spielkameraden und streifte mit ihrem Hund Tito durch die Gegend. Ihre glücklichen Kindheitserinnerungen veranschaulicht Wikland in einem anderen autobiographischen Bilderbuch, in I min farmors hus (2005; bislang nicht ins Deutsche übersetzt – wörtlich: Im Haus meiner Großmutter). "Doppelseitige Bilder zeigen das Mädchen mit dem Hund in den Himbeeren sowie badende, im Garten Erdbeeren essende, auf Eisschollen herumhüpfende oder vor der nächtlichen Burg spielende Kinder." (Buchmann 2015, S. 27) Mit den glücklichen mischen sich in diesem Bilderbuch jedoch auch traumatische Erinnerungen an den Terror der sowjetischen und deutschen Besatzungsmächte, die Estland abwechselnd von 1940 bis 1944 besetzten. "Hausdurchsuchungen und Deportationen waren an der Tagesordnung – und Ilons treuer Begleiter, ihr Hund Tito, wurde erschossen. Ende September 1944 wurde Ilon von ihrer Großmutter, die sie danach nie wiedersah und auch keinen Kontakt mehr zu ihr hatte, auf ein Schiff gebracht, das mit 200 Flüchtlingen an Bord nach einer dreitägigen Fahrt am 25. September in Schweden anlangte." (Buchmann 2015, S. 24) Die Reise nach Schweden und ihren dortigen Neuanfang verarbeitete Wikland in ihrem dritten autobiographischen Bilderbuch Die lange, lange Reise (dt. 1999, schwed. Den långa, långa resan, 1999). "An die Überfahrt selbst erinnert sie sich nicht. Sie entkam mit einem der letzten Fluchtschiffe." (von Born 1990, S. 184) Dieses Bilderbuch entstand auf eine besondere Weise: "Sie schuf aus ihren Erinnerungen an die Zeit in Haapsalu eine Bildfolge. Der Text kam später hinzu, als Ilon Rose Lagercrantz die Bilder zeigte und mit ihr über das Erlebte sprach." (Buchmann 2015, S. 25f.)

In Schweden wohnte sie bei ihrer Tante Valentina Laroche in Stockholm, die wie Ilons Mutter Künstlerin war. Nach ihrer Ankunft erkrankte Ilon an Gelbsucht und zeichnete während ihres langen Krankenhausaufenthaltes mehr denn je. Ihre Tante zeigte die Bilder dem schwedischen Maler Akke Kumlien – er war beeindruckt und veranlasste, dass Ilon in der "Schule für Buch- und Werbekunst" aufgenommen wurde, in der er lehrte. Ilon lebte weiterhin bei ihrer Tante, die Ilon unterstützte und sie in der Bibliothek anmeldete, damit Ilon Schwedisch lernte. Sie las sehr viel und besah sich vor allem die zahlreichen Kunstbände der Bibliothek. Nach der Schule für Buch- und Werbekunst vervollständigte Ilon Wikland ihre Kenntnisse an Schwedens größter Kunst- und Designschule, der Konstfack, und in London und Paris. Sie arbeitete zunächst in einer Buchbinderei, um alles über die verschiedenen Entstehungsphasen des Buches zu lernen, dann als Grafikerin und Layouterin bei einer Modezeitschrift. (vgl. Buchmann 2015, S. 24)

1951 heiratete Ilon den Marineoffizier Stig Wikland. Als sie die erste ihrer vier Töchter bekam, beschloss Ilon Wikland von zuhause aus zu arbeiten. 1953 nahm sie ihre Entwürfe zum "Hässlichen Entlein", die sie in der Kunstschule angefertigt hatte, und ihre kleine Tochter mit und ging zum Verlag Rabén & Sjögren, um sich dort vorzustellen. (vgl. Westin 2002, S. 96) Dort traf sie auf Astrid Lindgren, die bereits seit einigen Jahren die Kinderbuchabteilung leitete. Lindgren war gerade auf der Suche nach einem Illustrator für Mio, mein Mio: "Ich begriff sofort, dass ich gefunden hatte, was ich suchte – jemanden, der Märchen so illustrieren konnte, dass es märchenhaft aussah.", schrieb Astrid Lindgren in ihrem vielfach zitierten Dankesbrief an Ilon Wikland.

Mit Mio, mein Mio (1955, schwed. Mio, min Mio, 1954) begann Astrid Lindgrens lebenslängliche Zusammenarbeit mit Ilon Wikland, die die Märchen, Erzählungen, Weihnachtsgeschichten, die Bullerbü- und Karlsson vom Dach-Trilogie, Die Kinder aus der Krachmacherstraße, Madita und Madita und Pims, Ferien auf Saltkrokan, Die Brüder Löwenherz und Ronja Räubertochter bebildert hat. Zu zahlreichen einzelnen Märchen und Erzählungen oder Episoden aus den längeren Erzählwerken hat Wikland gesonderte Bilderbücher geschaffen – hier leben die einzelnen Geschichten in großartigen Aquarellen auf. Einige Werke von Astrid Lindgren hat Ilon Wikland sogar (meistens auf Wunsch des Oetinger-Verlags) wiederholt illustriert, nämlich die Bullerbü- und Karlsson-Bücher und Die Kinder aus der Krachmacherstraße.

1989 reiste Ilon Wikland zum ersten Mal wieder nach Estland – im Rahmen des Estland-Besuchs Astrid Lindgrens hatte das Estnische Kunstmuseum eine Ausstellung zu Wiklands Schaffen veranstaltet. (vgl. Liivrand 2015, S. 10) Dass Ilon Wikland erst 1989 in ihr Heimatland reisen durfte, hat geschichtliche und politische Gründe: "Obwohl die Bücher von Astrid Lindgren bereits in Sowjetestland in den 1960er Jahren übersetzt und veröffentlicht wurden, durfte nirgends erwähnt werden, dass die Illustratorin dieser Bücher eine Estin ist. Es handelte sich ja um eine Emigrantin, die vor der sowjetischen Okkupationsarmee aus Estland im Jahre 1944 nach Schweden geflüchtet war und die sich als kreative Person automatisch in die Kategorie der verdächtigen Exil-Esten qualifizierte. Darüber hinaus hatte Ilon Wikland das mit einer blau-schwarz-weißen Trikolore geschmückte Handbuch für Lehrer und Jugendbetreuer der estnischen Schulen gestaltet, das im Jahre 1973 in Stockholm erschien [diese Trikolore war im okkupierten Estland als Symbol der Unabhängigkeit natürlich verboten]." (Liivrand 2015, S. 10)

Covermotiv zum Handbuch für Lehrer und Jugendbetreuer der estnischen Schulen (mit Genehmigung von LesArt)

Ilon Wikland schreckt auch nicht davor zurück, die Verantwortlichen für ihre traumatischen Kindheitserlebnisse in ihren Bilderbüchern zu zeigen: In ihrem Bilderbuch I min farmors hus (2005) sind im Rauch der Lokomotive eines Güterzugs die Gesichter Lenins und Stalins zu erkennen: ein Hinweis darauf, welches Schicksal eine befreundete Familie – und damit symbolisch einen großen Teil der estnischen Bevölkerung – ereilt hat. Auch in ihrem letzten Bilderbuch Peter und der Wolf (2016; schwed. Peter och vargen, 2014) weist einer der Jäger auffallende Ähnlichkeit mit Putin auf – hier schlich sich dieser Hinweis laut Wikland automatisch während der Krim-Krise ein.

2004 schenkte Ilon Wikland ihre ca. 800 Originale dem estnischen Staat. Diese Originale sind im iLON-Museum, oder Ilon Wiklands Wunderland, zu sehen, das in Haapsalu in einem der dortigen alten Holzhäuser 2009 eröffnet wurde. (www.ilon.se) Das Museum ist Ausstellung und Themenpark für Kinder in einem. Neben den Bildern sind auch Tonfiguren von Wikland zu sehen. Im obersten Stock ist eine Karlsson-vom-Dach-Ausstellung, die vorher im Millesgården (Stockholm) zu sehen war. Auf der Internetseite des Museums berichtet Ilon Wikland laufend über aktuelle Ausstellungen und andere ihrem Werk gewidmete Veranstaltungen. Das Bilderbuch Potatisbarnen (2007) von Ilon Wikland und Barbro Lindgren dient als Einführung für Kinder in Ilon Wiklands Wunderland. Ilon Wikland lebt heute weiterhin in Stockholm.

Werk

Ilon Wikland kam aus Estland und hatte keine Kindheitserinnerungen an schwedische Kinderbücher, ihre Wurzeln waren in der estnischen Bildtradition. Auch ihre Vorbilder waren sehr unterschiedliche Illustratoren und Künstler wie Sam Shepard, Birger Lundquist und Katsushika Hokusai. Sie schuf einen neuen, einmaligen Zeichenstil und ein neues Bildideal, indem sie die klassische Ausdrucksweise mit dem optimistischen, modernen Zeitgeist der Fünfziger verband. (vgl. Westin 2002, S. 97) Als ein weiteres Vorbild nennt Wikland außerdem Josabeth Sjöberg, von der sie sich die Rund-Perspektive abschaute: "Von ihr lernte Ilon Wikland, eine Situation auszuschmücken und so zu gestalten, daß die Bilder ihre Arme öffnen und die Kinder einladen. Es kommt darauf an, daß die Kinder sich willkommen geheißen fühlen, in ein Bild hineingelockt werden. 'Kindern soll es auf meinen Wiesen gefallen. Die Kinder, die ich zeichne, sollen dort zu Hause sein, die Kinder, die sie sehen, sollen sich wünschen, über die Wiese zu laufen', sagt Ilon Wikland." (von Born 1990, S. 191)

Ihre Bilder sind sehr emotional, da ihr wichtig ist, "das Kind in sich lebendig zu erhalten. Indem sie sich ständig in die Lage der Kinder versetzt, gelingt es ihr, die Ängste und Grübeleien des Kindes nachzufühlen, sich an seinen Freuden und seinem Erfindungsvermögen zu wärmen. Der Zeichner muß den Augenblick einfangen können, die Sekunde, in der der Drache sein giftiges Feuer versprüht, und auch den, in dem der ersehnte Tannenbaum nach Hause getragen wird oder als Lotta zum erstenmal auf ihrem neuen Fahrrad fährt. Die goldenen Augenblicke findet Ilon Wikland in den Texten von Astrid Lindgren. […] Dort hat sie eine Mischung aus Magie und Wirklichkeit gefunden, aus Phantasie und Wahrheit, die die Farben ihrer Palette geworden sind." (von Born 1990, S. 191) Ihre märchenhaften Bilder erklären sich vermutlich auch zum Teil daraus, dass Wiklands Lieblingslektüre in ihren Kindertagen die Märchen der Brüder Grimm und von Hans Christian Andersen, insbesondere Das hässliche Entlein, waren. (vgl. Interview im Ausstellungskatalog, S. 56)

Der Tisch und die Küche spielen in Wiklands Bildern eine besondere Rolle: Am Küchen- oder Esstisch ist die Familie zusammen vereint, der Tisch wird zum Symbol für den Zusammenhalt der Familie. Wenn ein Kind allein an einem großen Tisch ist, drückt das Bild große Einsamkeit und Traurigkeit aus. Ebenso wie in Astrid Lindgrens Schaffen ist die Natur in ihren Bildern wichtig, die zum Spielraum der Kinder wird: "In den Kindern aus der Krachmacherstraße und Lotta berauscht sie sich am Lieblingsplatz der schwedischen Familie, der Küche. Da schaukelt die karierte Lampe über der schwedischen Fleischwurst, da gibt es das freundliche Sofa mit seinem geblümten Bezug, dort sind die Fensterscheiben dunkel, eine Mauer der Geborgenheit. Während Ilon Wikland ihr heimisches schwedisches Milieu entwickelt, erhält sie sich die ganze Zeit die Nähe zur Natur. Die Kinder in Astrid Lindgrens Texten und auf den Bildern von Ilon Wikland leben nahe der Natur. Ihre besonderen Freunde sind die Bäume, die sie trösten und beruhigen, sie in ihren weiten Armen aufnehmen. Die Umgebung ist freundlich und weich in ihren Linien, die Häuser an der Straße lehnen sich gegeneinander wie schmunzelnde alte Frauen, der kleine Marktplatz lacht mit seinem bunten Verkaufsstand, und die Kirche erhebt einen väterlichen, feierlichen Zeigefinger in den Himmel." (von Born 1990, S. 189)

Die meisten Illustrationen hat Ilon Wikland für die Werke Astrid Lindgrens geschaffen und hat das Aussehen der meisten Lindgren-Figuren maßgeblich bestimmt mit zwei großen Ausnahmen: Pippi Langstrumpf wurde von Ingrid Vang Nyman illustriert und wie Michel aus Lönneberga aussieht, hat Björn Berg bestimmt. Dennoch hatte Ilon Wikland auch Gelegenheit, ihr eigenes Pippi-Bild zu entwerfen: In der Geschichtensammlung Pelle zieht aus und andere Weihnachtsgeschichten hat sie die Kurzgeschichte Pippi plündert den Weihnachtsbaum (Pippi Långstrump har julgransplundring, 1979) illustriert. Dreimal hat Wikland Astrid Lindgren in ihre Bilderbücher "geschmuggelt": Der Schornsteinfeger in Na klar, Lotta kann Rad fahren und die Nachbarin mit der Zauberbrille in Nein, ich will noch nicht ins Bett! sehen Lindgren ähnlich und in Im Wald sind keine Räuber hat der Räuber Fiolito eine Liebeserklärung an Astrid auf seinen Arm tätowiert.

Ilon Wikland betont oft, dass sie für ihre Bilder lebendige Modelle und reale Orte braucht und sucht. Bekannt sind die Anekdoten um die Vorbilder von Karlsson, den Räubern aus Ronja Räubertochter und Lotta: Karlsson war zunächst ein buckliger Kerl mit Glasauge, Glatze und weißem Haar. (vgl. Buchmann 2015, S. 33) Da Astrid Lindgren nicht fand, dass dies ihr Karlsson war, sah Wikland sich weiter nach einem passenden Vorbild um – in den Markthallen von Paris erblickte sie "einen Mann mit kariertem Hemd, Zimmermannshosen und zu Berge stehenden Haaren" (Buchmann 2015, S. 33), der Karlsson wurde. Die Räuber aus Ronja fand Ilon Wikland im "Systembolaget" (staatliches Unternehmen für alkoholische Getränke), und Lotta war ihre jüngste Tochter Anna. Bevor Wikland Ronja Räubertochter illustrierte, bereiste sie die Schweiz und besah sich Burgen, um die Mattisburg zu schaffen. Über ihr Verhältnis als Illustratorin zu Lindgrens Büchern sagte sie einmal: "Astrid schreibt so, dass man – jedenfalls ich – ununterbrochen Bilder vor sich sieht. Es ist eine ungeheure Hilfe für einen Illustrator, solche Texte zu erhalten." (Carlén 1987, S. 3)

Als gelernte Grafikerin hat Wikland zunächst nur Schwarzweiß-Zeichnungen geschaffen. Später wünschten sich die Verlage zunehmend farbige Bilder: Hier ging Wikland lange Zeit so vor: "Sie schuf eigentlich zwei Originale, die erst im Druck zu einem Bild werden: einerseits ein Aquarell, in dem sie Gesichtsausdrücke und Strukturen nur andeutet und andererseits eine Schwarzweiß-Tuschezeichnung, die Konturen und Strukturen schafft." (Buchmann 2015, S. 44) Zu den Federzeichnungen und Aquarellen kommen später farblich kräftige Tusche-Gouache-Bilder und Pastellzeichnungen hinzu, wie in Im Wald sind keine Räuber (2010), Rupp Rüpel, das grausigste Gespenst aus Småland (1987) und Peter und der Wolf (2016). "Ich habe viel mit Farben ausprobiert. Mein Stil, meine Figuren sind lebendiger, lebhafter geworden. Ich glaube, man kann den frühen Bildern ansehen, dass ich noch keine eigenen Kinder hatte. Ich übe eigentlich ständig, gehe zum Modell- und Aktzeichnen, auch meine Reisetagebücher sind gezeichnet." (Interview im Ausstellungskatalog, S. 56)

"Dem genauen Beobachter wird sich eröffnen, dass Ilon Wikland nicht auf die Darstellung stupsnasiger, pausbäckiger Kinder zu reduzieren ist, sondern mit großem Können, enormer Akkuratesse und Kunstfertigkeit jeder Geschichte einen eigenen Ausdruck gegeben hat. Wer sich die verschiedenen Vogelperspektiven auf die Krachmacherstraße in Na klar, Lotta kann Rad fahren (1971), Lotta zieht um (1977) und Natürlich ist Lotta ein fröhliches Kind (1990) ansieht, dem offenbaren sich solche stilistischen Unterschiede. Ob sie nun mit Feder, Pinsel, Kreise oder Kohle arbeitete, mit Perspektive, Farben und Gestalt der Figuren experimentierte oder auf Folie gebrachte Schwarzweißzeichnungen über Aquarelle legte – Ilon fordert(e) sich stets selbstkritisch heraus, um ein Höchstmaß an Ausdruckskraft und Qualität zu erreichen." (Buchmann 2015, S. 45) Manchmal wurde Ilon Wikland mit der Kritik konfrontiert, dass sie zu niedliche Kinder zeichne. Ihre Antwort darauf lautet, dass Kinder nun mal niedlich seien und dass Astrid Lindgren gewollt habe, dass sie süß und niedlich aussehen. (vgl. Westin 2002, S. 102)

Ilon Wikland hat auch eigene Bilderbücher veröffentlicht, wie beispielsweise die Sammeli-Reihe Wo ist Sammeli? (schwed. Var är Sammeli?, 1995), Sammeli, kom! (2000), Sammeli, bada! (2001). Weitere Bilderbücher von Wikland sind Vad jag kan (1969), Djur (1970), Jag kan hjälpa till (1970), Hej, titta här (1975) und Sotis, en alldeles sann historia (2012). Ihre Kindheit in Estland verarbeitete sie in drei autobiographischen Bilderbüchern: Die lange, lange Reise (schwed. Den långa, långa resan, 1995, Text von Rose Lagercrantz), Mein unglaublicher erster Schultag (schwed. Sammeli, Epp och jag, 1997) und I min farmors hus (2005, Text von Barbro Lindgren).

Ilon Wiklands jüngste Publikation ist Peter und der Wolf (2016, schwed. Peter och vargen, 2014) – es handelt sich um ein Bilderbuch mit CD, auf der Mark Levengood den Erzähler in dem berühmten musikalischen Märchen spricht. "Das sind fast 70 Jahre kreativer, künstlerischer Arbeit, in denen Ilon Wikland ihren Stil entwickelt und verändert hat. Ilons Anspruch an sich war und ist hoch, wirklich zufrieden ist sie selten. 'Die sind ganz gut geworden ...', so Ilon über die filigran ausgearbeiteten, stimmungsvollen Zeichnungen zu Mio, mein Mio oder Ronja Räubertochter." (Buchmann 2015, S. 13)

Übrigens hat Ilon Wikland auch ein Schiff bemalt, das sie 2004 getauft hat: Die Margerite auf der Victoria 1, einem der Schiffe der estnischen Kreuzfahrt-und Fähren-Gesellschaft Tallink, stammt aus ihrer Feder. Die Wände des Spielzimmers auf dem Schiff wurden ebenfalls von ihr bemalt. In den 70er Jahren wurde von der Firma Arla auch Milch mit Wiklands Illustrationen auf der Verpackung verkauft.

Quelle: gemeinfrei

Für ihr Schaffen wurde Ilon Wikland mit mehreren Preisen geehrt: 1969 wurde ihr die Elsa-Beskow-Plakette für ihr Gesamtwerk verliehen, 1986 der schwedische Kinder- und Jugendpreis Expressens Heffaklump für Rupp Rüpel, das grausigste Gespenst von Småland, 2001 der Orden des weißen Sterns, 2002 die Goldmedaille Illis Quorum.

Populärrezeption

Obwohl die meisten auf Anhieb mit dem Namen Ilon Wiklands nicht viel anfangen können, sind ihre Bilder sehr bekannt, wenn nicht gar berühmt und unzertrennlich mit den Lindgrenschen Geschichten verbunden. Ihre Bilder und ihr Zeichenstil sind unverwechselbar: Jeder erkennt gleich das typische Wikland-Gesicht der Kinderfiguren, Karlsson vom Dach, die Rumpelwichte und andere Lindgren-Gestalten sind in unserer Vorstellung von ihren Illustrationen geprägt. Allerdings sind es vorrangig auch nur Astrid Lindgren und Hans Peterson, die in Deutschland mit Ilon Wikland verbunden werden: Dies liegt vermutlich einerseits daran, dass die Werke dieser beiden Autoren immer wieder neu aufgelegt werden, während andere von Wikland illustrierte Bücher nicht mehr verlegt werden, wie beispielsweise Das Kirschenfest (1970) und Pitje reitet (1975) von Edith Unnerstad oder die Anna und Susanna-Bücher von Viola Wahlstedt. Andererseits wurden viele in Schweden von Wikland illustrierte Werke wie z. B. die Borger-Geschichten von Mary Norton oder die Bücher Antoinette Bakers in Deutschland von anderen Künstlern bebildert. Eine Ausnahme bilden die Bücher Brav sein ist schwer! (1965) und Schlimm sein ist auch kein Vergnügen (1970) von Marlen Haushofer, die 2013 und 2014 neu aufgelegt wurden.

Einen ersten großen Überblick über Ilon Wiklands weiteres Schaffen lieferte 2015 erstmalig in Deutschland die Ausstellung "Über Tisch und Bänke. Die einzigartige Bilderwelt der Ilon Wikland" des Berliner Zentrums für Kinder- und Jugendliteratur LesArt: Hier wurde neben der Zusammenarbeit mit Lindgren auch den autobiographischen Bilderbüchern Wiklands, ihren zeichnerischen Anfängen und ihrem internationalen Schaffen, das vor allem in Schweden viele weitere internationale Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur umfasst, Platz gewidmet.

Wissenschaftliche Rezeption

Ilon Wiklands bisheriges Schaffen, das über 200 Buchtitel umfasst, ist bisher nur in einzelnen Artikeln näher beleuchtet worden, eine eingehendere Studie steht bis heute aus. (Es liegt auch keine vollständige Bibliographie der von ihr illustrierten Werke vor.) Erste Ansätze liefern der estnische Bildband von Enno Tammer zu Wiklands breitgefächertem Werk Ilon Wiklandi – Maailm von 2007 (bisher in keine andere Sprache übersetzt) und die kürzlich (Februar-Juni 2015) in Berlin gezeigte Ausstellung "Über Tisch und Bänke. Die einzigartige Bilderwelt der Ilon Wikland", zu der ein sehr ausführlicher Begleitkatalog erschienen ist, der Wiklands unterschiedliche Zeichenstile veranschaulicht und unbekannte Seiten der talentierten Illustratorin zutage fördert.


Literatur

  • "Autor und Illustrator: ein besonderes Verhältnis. 'So eine Zusammenarbeit ist schon ein Glück'. Astrid Lindgren und Ilon Wikland." In: Oetinger Lesebuch. Jubiläumsausgabe zum 50jährigen Bestehen des Verlages 1996. Hamburg: Oetinger, 1996. S. 91-93.
  • Allrakäraste Astrid. En vänbok till Astrid Lindgren. Stockholm: Rabén & Sjögren, 2002.
  • Bialek, Manuela und Weyershausen, Karsten: Das Astrid Lindgren Lexikon. Alles über die beliebteste Kinderbuchautorin der Welt. Berlin: Scharzkopf & Schwarzkopf, 2004.
  • Buchmann, Katrin: Über Tisch und Bänke – die einzigartige Bilderwelt der Ilon Wikland. In: Über Tisch und Bänke. Die einzigartige Bilderwelt der Ilon Wikland. Eine LesArt- Ausstellung mit über 150 Originalen. Ausstellungskatalog. Berlin: LesArt, 2015. S. 13-55.
  • Carlén, Staffan: "Einleitung." In: Ilon Wikland. Illustrationen zu den Büchern Astrid Lindgrens. Eine Ausstellung des Millesgården, Stockholm in Zusammenarbeit mit dem Schwedischen Institut. Begleitheft. Stockholm:Millesgården Museum, 1987. S. 2-3.
  • Isaksson, Curt: Ilon Wikland – tillbaka till Bullerbyn. In: Barn & kultur 51 (2005). S. 39-43.
  • Ilon Wikland. Illustrationen zu den Büchern Astrid Lindgrens. Eine Ausstellung des Millesgården, Stockholm in Zusammenarbeit mit dem Schwedischen Institut. Begleitheft. Stockholm:Millesgården Museum, 1987.
  • Liivrand, Harry: Über Ilon Wiklands Kunst und deren Hintergrund. In: Über Tisch und Bänke. Die einzigartige Bilderwelt der Ilon Wikland. Eine LesArt- Ausstellung mit über 150 Originalen. Ausstellungskatalog. Berlin: LesArt, 2015. S. 9-12.
  • Tammer, Enno: Ilon Wiklandi – Maailm. Tallinn: Tammerraamat, 2007.
  • Über Tisch und Bänke. Die einzigartige Bilderwelt der Ilon Wikland. Eine LesArt- Ausstellung mit über 150 Originalen. Ausstellungskatalog. Berlin: LesArt, 2015.
  • von Born, Heidi: Ilon Wikland zum 60. Geburtstag: Das Land, das die Sehnsucht zeichnet. In: Oetinger Lesebuch, Almanach 1990/91. Hamburg: Oetinger, 1990. S. 184-191.
  • Westin, Birgitta: Ilon Wikland – flickan som kunde rita sagor. In: Allrakäraste Astrid. En vänbok till Astrid Lindgren. Stockholm: Rabén & Sjögren, 2002. S. 96-113.

Internetquellen

Erstveröffentlichung: 15.10.2015

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