von Anna Zamolska

Lewis Carroll (1832-1898) war ein britischer Schriftsteller, der mit Alice in Wonderland (1865) eines der berühmtesten Kinderbücher der Welt geschaffen hat. Dieses wichtige Werk der Nonsense-Literatur gehört heute zu den Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur. 

Biographie

Charles Lutwidge Dodgson wurde am 27. Januar 1832 in Daresbury, Cheshire, geboren. Er war das älteste Kind und hatte zehn Geschwister, drei Brüder und sieben Schwestern. Die Familie lebte lange Jahre in der Abgeschiedenheit des ländlichen Pfarrhauses in Daresbury. Charles unterhielt seine Geschwister mit vielen selbst erfundenen Geschichten und Gedichten, Spielen und Puppentheater – er schrieb selbst eine kleine Zeitung für die Familie, in der sein Gespür für Worte und sein abstrakter Humor bereits zu erkennen waren. Die Geschichten und Gedichte waren "geistreich, paradox und unsinnig bereits wie das, was ihn später berühmt gemacht hat", wie Klaus Reichert in seinem Nachwort zur Korrespondenz Carrolls mit kleinen Mädchen schreibt (Carroll 1994, S. 200f). Viele Ideen griff er in Alice im Wunderland (1865) wieder auf. Während seiner Schulzeit fiel sein mathematisches Talent und seine Wissbegier auf, die ihn nie verließ.

Er besuchte die Grammar School in Richmond und danach die Public School in Rugby, die er beide mit sehr gutem Erfolg abschloss. 1851 nahm er das Studium in Oxford am Christ Church College mit 19 Jahren auf, wo er sich für Mathematik, Theologie und klassische Literatur einschrieb. Nach dem Abschluss blieb er als Tutor für Mathematik am College, was seinen weiteren Lebenslauf bestimmen sollte, denn als Lehrender war er dazu verpflichtet, die Priesterweihe anzustreben und niemals zu heiraten. Gleichzeitig bekam er ein jährliches Einkommen und durfte im College wohnen. Carroll wurde jedoch nie Priester – sein Stottern und seine Menschenscheu hielten ihn davon ab – er ließ sich aber 1861 zum Diakon weihen. Weder in die Rolle des Dozenten noch in die des Diakons konnte Carroll sich jemals einfinden und verzeichnete keine Erfolge bei seinen Schülern oder Erwachsenen.

In Christ Church verbrachte er mit Unterbrechungen für Reisen den Rest seines Lebens, also 47 Jahre. 

Quelle: gemeinfrei

Seit 1845 veröffentlichte Charles Dodgson erste Prosawerke und Gedichte in Zeitschriften. Ab 1856 verwendete er den Namen Lewis Carroll für seine nicht-akademischen und seinen richtigen Namen nur noch für akademische Publikationen. Außerdem wollte er diese beiden Identitäten streng getrennt wissen: "Reverend Charles Lutwidge Dodgson, Mathematik-Dozent, Linkshänder, Stotterer, Menschenfeind; und Lewis Carroll, Unsinndichter und Kinderfreund." (Carroll 1994, S. 203)

Carroll war ein hagerer und sehr schüchterner Mann. Nur wenn er mit Kindern zusammen war, fühlte er sich wohl, verlor sein Stottern und tauchte in seine eigene poetische und fantastische Welt ein, die für ihn viel realer war als die eigentliche Wirklichkeit.

Seine zweite Leidenschaft neben dem Schreiben galt der Photographie, die seit 1851 sehr verbreitet war. Carroll fotografierte überwiegend Prominente und seine kleinen kindlichen Freunde in verschiedenen Kostümen  – er wurde sogar als der beste Photograph von Kindern des neunzehnten Jahrhunderts bezeichnet (vgl. Pudney 1976, S. 54). In den Briefen an kleine Mädchen wurden viele Photographien mit eingebunden, sodass man einen Eindruck von Carrolls Talent als Photograph bekommen kann.

Für sein Alterswerk Sylvie und Bruno (1889) hat Carroll laut seinen eigenen Worten 10 Jahre gebraucht, um "in diese Fetzen und Einfälle eine Ordnung zu bringen, um zu sehen, auf was für eine Art von Geschichte sie hinausliefen; denn die Geschichte mußte aus den Einfällen erwachsen, und nicht die Einfälle aus der Geschichte." (Carroll 1994, S. 209) Dieser phantastische Roman verzeichnete nicht mehr den Erfolg von Alice und wurde von den Kritikern als schwach empfunden.

Er schrieb sehr gern Briefe, wie er selbst sagte: "I have to write about 2000 letters a year" (vgl. Pudney 1976, S. 14), sodass uns heute eine Fülle an Briefen vorliegt – eine Auswahl seiner Briefe an seine kleinen Freundinnen findet sich in der Inselausgabe Briefe an kleine Mädchen.

Lewis Carroll starb am 14. Januar 1898 im Alter von 66 Jahren.

Werk

Die Idee zu Alice im Wunderland kam Carroll während eines Bootsausflugs am 4. Juli 1862 mit den drei Liddell-Mädchen Alice, Lorina und Edith – den Töchtern von Dean Dr. Liddell, Carrolls Vorgesetztem.  Diesem Ausflug widmete er das Gedicht, das dem ersten Kapitel vorangestellt ist. Carroll war besonders von Alice angetan  – mit ihr konnte er stundenlang Gespräche führen und dabei Wortwitze schaffen, weil sie so viel fragte und eine scharfe Beobachtungsgabe hatte. Daher ist sie auch die Heldin der Abenteuer des kleinen Mädchens, die Carroll niederschrieb und ihr zu Weihnachten 1864 unter dem Titel Alice's Adventures Under Ground schenkte. Aber nicht nur Alice wurde in die Geschichte eingebunden, viele Figuren waren weiteren Bekannten nachempfunden: den beiden Schwestern von Alice, ihrer Gouvernante (als rote Königin), vielen Dozenten in Christ Church, und zuletzt Carroll selbst, der sich in Dodo und dem weißen Ritter verewigte. Viele der Figuren sind den nursery rhymes entnommen oder stammen aus englischen Redewendungen (to grin like a Cheshire Cat, mad as a March Hare, mad as a hatter), die wörtlich genommen und lebendig werden. (vgl. O'Sullivan 2000, S. 300f)

Zu dem Manuskript hatte Carroll selbst erste Skizzen und Tusch-Zeichnungen geschaffen und es wurde von seinem Bekanntenkreis begeistert aufgenommen, unter anderen von Henry Kingsley (dem Bruder von Charles Kingsley – dem Autor der Water Babies) und George Macdonald. Carroll entschloss sich, Alice zu publizieren, und suchte nach einem professionellen Illustrator – schließlich bat er John Tenniel, diese Aufgabe zu übernehmen. Dieser hatte schon eine Reihe anderer Kinderbücher illustriert und sich mit Zeichnungen für die berühmte Zeitschrift Punch einen Namen geschaffen. Die Abenteuer von Alice wurden 1865 unter dem Titel Alice's Adventures in Wonderland veröffentlicht. Carroll und Tenniel arbeiteten auch an dem zweiten Teil der Abenteuer von Alice zusammen, obwohl sich die Zusammenarbeit schwierig gestaltete, weil Carroll mit Tenniels Zeichnungen nicht zufrieden war (genauer nachzulesen in The Illustrators of Alice in Wonderland and Through the Looking Glass). Der zweite Band Through the Looking-Glass and What Alice Found There wurde 1872 veröffentlicht.

Quelle: Alice in Wonderland, John Tenniel, 1865 (gemeinfrei)

Die Werke Alice's Adventures in Wonderland und Through the Looking-Glass and What Alice Found There wurden bis heute von über hundert Künstlern illustriert. Bereits zu Carrolls Lebzeiten versuchten sich weitere Illustratoren im Bebildern der Alice-Bücher und nach seinem Tod kam eine ganze Welle von neu illustrierten Ausgaben heraus (vgl. Ovenden 1979, S. 9f). Neben Tenniel sind Peter Newell, Arthur Rackham, Charles Robinson, Salvador Dali, Robert Högfeldt, Mervyn Peake und Graham Ovenden weitere nennenswerte Künstler, die von Tenniels klassischen Illustrationen Abstand gewinnen konnten und eigene, überzeugende Bilder geschaffen haben.

Das sprachliche Verwirrspiel, das sich durch Carrolls Werke zieht, ist das Ergebnis einer beständigen Suche nach Identität und einem Spiel mit der Logik: "Identität, die eigene und die der Dinge oder Begriffe, ist für Charles L. Dodgson von früh an fragwürdig gewesen. […] Personen, Dinge und Wörter werden mindestens gespiegelt oder in ihre Bestandteile zerlegt und dann anders zusammengesetzt. Das repräsentiert immerhin eine auch denkbare Identität. […] Die Suche nach der Identität – das ist der geheime Motor jeder Zeile, die Carroll geschrieben hat." (Carroll 1994, S. 201f) Man kann sie jedoch auch als Vorführung von logischem Denken für Kinder sehen: "Lewis Carrolls Kinderbücher sind poetische Logikbücher" (Carroll 1998, S. 115). Zusammen mit Edward Lear gilt Lewis Carroll als eigentlicher Begründer des literarischen Nonsense. (vgl. O'Sullivan 2000, S. 298)

Ähnlich wie Winnie-the-Pooh ist Alice in Wonderland mehrfach adressiert, d.h. es richtete sich von Anfang sowohl an kindliche wie erwachsene Leser. Die ersten Übersetzungen ins Deutsche bewegten sich ausschließlich auf der Ebene des kindlichen Lesers und schlossen die erwachsene Lesart zunächst aus. Diese Entwicklung setzte jedoch erst nach der ersten deutschen Übersetzung von Antonie Zimmermann aus dem Jahr 1869 unter dem Titel Alice's Abenteuer im Wunderland ein. Diese ist bereits als durchaus gelungene, treue und vollständige Fassung zu werten, die mit vielen der späteren Übersetzungen mühelos konkurrieren kann. (vgl. O'Sullivan 2000, S. 312ff)

1912 erschien eine weitere Übersetzung (von Helene Scheu-Riesz) unter dem Titel Liese im Wunderland - auf Basis dieser Übersetzung entwickelte sich in Deutschland eine Übersetzungstradition von Alice in Wonderland, die weitere 31 Übersetzungen hervorbringen sollte. (vgl. O'Sulllivan 2000, S. 316). Diese griffen sehr stark in den Original-Text ein.

1963 übertrug Christian Enzensberger die beiden Alice-Bände ins Deutsche (Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln) und wahrte im Gegensatz zu allen vorherigen Übersetzern die Vielschichtigkeit des Textes - seine Übersetzung richtet sich jedoch eher an ein erwachsenes Publikum. (vgl. O'Sullivan 2000, S. 338)

Übersetzungen, die sowohl Kinder als auch Erwachsene ansprechen und entsprechend kreativen, anspruchsvollen Umgang mit dem Original aufweisen, sind Siv Bublitz (Alice im Wunderland, 1993) und Barbara Teutsch (Alice im Wunderland, 1989) gelungen. (vgl. O'Sulllivan 2000, S. 377) Zur Problematik der Übersetzung von Alice siehe auch Inka Frieses Aufsatz "Alice im Wörterwald - Lewis Carrolls 'Alice im Wunderland' und die Probleme der Übersetzung" (1995).

Alice inspirierte zahlreiche Autoren, unter anderen Michael Ende – in Anlehnung an Carrolls Jabberwocky schrieb er Die Jagd nach dem Schlarg: Variationen zu Lewis Carrolls gleichnamigen Nonsensgedicht (1988).

Bisher sind in Deutschland außer den Alice-Büchern folgende Werke Carrolls erschienen: 1980 Sylvie und Bruno in zwei Bänden (engl. Sylvie and Bruno, 1889; Sylvie and Bruno Concluded, 1893), 2003 Der Brabbelback (engl. Jabberwocky - das berühmte Gedicht aus dem zweiten Alice-Band, 1872), 1994 Briefe an kleine Mädchen (engl. The Letters of Lewis Carroll, 1979), 1982 Der Pfarrhausschirm (engl. The Rectory Umbrella and Mischmasch, 1932), 1982 Der Wesperich mit der Perücke (engl. The Wasp in a Wig aus The Annotated Alice, 1960), 1968 Die Jagd nach dem Schnark (engl. The Hunting of the Snark, 1876), 1980 Phantasmagorie (engl. Phantasmagoria and Other Poems, 1869), 1978 Geschichten mit Knoten (engl. A Tangled Tale, 1885), 1976 Die Geschichte vom Schwein (Gedicht/ Episode aus Sylvie and Bruno Concluded, 1893), 1998 Das Spiel der Logik (engl. The Game of Logic, 1886).

Rezeption

Die Abenteuer des kleinen Mädchens verzeichneten nach ihrer Veröffentlichung 1865 stetig wachsenden Erfolg und wurden nach den ersten Übersetzungen in andere Sprachen auch international begeistert aufgenommen.

Virginia Woolf schrieb über Carroll, dass er als einziger fähig war, die Welt der Kindheit wieder zu betreten und es Erwachsenen ermöglicht hat, in seinen Alice-Büchern wieder zu Kindern zu werden (vgl. Pudney 1976, S. 20). Somit ist Alice im Wunderland nicht nur als Kinderbuch zu sehen, sondern wurde längst auch als Literatur für Erwachsene entdeckt – als Aufzeichnungen des Unterbewusstseins und von Träumen.

Die "unterschiedlichen Ebenen und Dimensionen – die Sprache, der Nonsense und die Rätsel, die Identitätskrise und das Selbstbild, schließlich das Verhältnis von Wirklichkeit und Phantasie –, all das hat seit Erscheinen des Buches eine Fülle von Interpretationen ausgelöst. Die Erzählung wird als reine Nonsense-Geschichte für Kinder verstanden und dabei häufig auch verkitscht, als sprachphilosophisches Verwirrspiel gesehen oder als Verarbeitung  von Dodgsons/Carrolls eigener gespaltener Realität begriffen." (Kleinspehn 1997, S. 56) "Über kein zweites Kinderbuch ist so viel geschrieben worden, Interpretationsversuche wurden und werden immer wieder neu geliefert." (O'Sullivan 2000, S. 299)

Die beiden Werke über die Abenteuer von Alice gehören heute zu den bekanntesten Kinderbüchern der Welt und sind wie Winnie the Pooh englisches Kulturgut: "Bis heute wird das Buch […] in der gesamten angelsächsischen Welt zitiert, sei es in Parlamentsdebatten, Werbespots oder den Büchern zeitgenössischer Autoren." (Gaschke 2002, S. 260)


Literatur

  • Batey, Mavis: The world of Alice. Andover: Pitkin Guides, 2011.
  • Carpenter, Humphrey: Secret Gardens. A Study of the Golden Age of Children's Literature. London: George Allen & Unwin, 1985.
  • Carroll, Lewis: Briefe an kleine Mädchen. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag, 1994.
  • Carroll, Lewis: Spiel der Logik. Köln: Tropen Verlag, 1998.
  • Commins, Kathleen M.: Children's Books: A Hundred Years Since Alice. In: ARTS. The Proceedings of the Sydney University Arts Association. Vol. 3, No. 1 (1966), S. 5-17.
  • Dahl, Erhard: Die Entstehung der Phantastischen Kinder- und Jugenderzählung in England. Paderborn: Schöningh, 1986.
  • Douglas-Fairhurst, Robert: The Story of Alice. Lewis Carroll and the Secret History of Wonderland. London: Harvill Secker, 2015.
  • Friese, Inka: Alice im Wörterwald - Lewis Carrolls 'Alice im Wunderland' und die Probleme bei der Übersetzung. In: Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. von Bettina Hurrelmann. Frankfurt: Fischer, 1995. S. 107-130.
  • Gaschke, Susanne: Hexen, Hobbits und Piraten. Die besten Bücher für Kinder. München: DVA, 2002.
  • Hunt, Peter: Children's literature. Oxford: Blackwell Publishers, 2001.
  • Kleinspehn,Thomas: Lewis Carroll. Hamburg: Rowohlt, 1997.
  • Kullmann, Thomas: Englische Kinder- und Jugendliteratur. Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2008.
  • Neuhaus, Stefan: Märchen. Tübingen: Francke-Verlag, 2005.
  • O'Sullivan, Emer: Transfer über Sprach- und Kulturgrenzen: die Übersetzungsgeschichte von Alice in Wonderland ins Deutsche. In: Emer O'Sullivan: Kinderliterarische Komparatistik. Heidelberg: Winter, 2000. S. 296-378.
  • Pattison, Robert: The Child Figure in English Literature. Athens: The University of Georgia Press, 1978.
  • Pudney John: Lewis Carroll and his world. London: Thames and Hudson, 1976.
  • Sale, Roger: Fairy Tales and After. From Snow White to E.B. White. London: Harvard University Press, 1978.
  • Schikorsky, Isa: Kinder- und Jugendliteratur. Köln: DuMont, 2003.
  • Sutherland, Robert D.: Language and Lewis Carroll. Paris: Mouton, 1970.
  • The illustrators of Alice in wonderland and through the looking glass. Hrsg. von Graham Ovenden. London: Academy Editions, 1979.
  • The Lewis Carroll handbook. Hrsg. von Sidney Herbert Williams und Falconer Madan. Kent: Dawson, 1979.
  • Zwierlein, Anne-Julia: "Written entirely for your amusement": Deklamation und fingierter Dialog in Lewis Carrolls Alice's Adventures in Wonderland und Through the Looking-Glass. In: "Klassiker" der internationalen Jugendliteratur. Kulturelle und epochenspezifische Diskurse aus Sicht der Fachdisziplinen. Hrsg. von Anita Schilcher und Claudia Maria Pecher. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2013. S. 217-240.

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Lexikonbeiträge

Carroll, Lewis: Alice im Wunderland

Erstveröffentlichung: 23.04.2013; letzte Aktualisierung: 07.05.2015


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