Unzuverlässiges Erzählen: Ein Sonderfall des Erzählens, bei welchem dem Lesenden Gründe geliefert werden, dem Erzählenden und dem Erzählten zu misstrauen (vgl. Bode 2011, S. 261).

Explikat 

Eng verknüpft ist das Konzept des unzuverlässigen Erzählens, das seit seiner Einführung durch Wayne C. Booth 1961 eine wichtige Kategorie innerhalb der Literaturwissenschaft darstellt (vgl. Nünning 1998, S. 3), mit zwei Grundannahmen über die logische Struktur fiktionaler Texte: Zum einen mit der Annahme, dass fiktionale Texte keinerlei Anspruch auf Referenz in der extradiegetischen Welt haben und zum anderen mit dem Verständnis, dass die Behauptungen der erzählenden Instanz innerhalb der Diegese durchaus Anspruch auf Wahrheit und Richtigkeit besitzen (vgl. Martínez und Scheffel 2012, S. 90). 

Die Bedeutung dieser beiden Grundannahmen führt auch Gmork gegenüber Atréju aus, wenn er ihm seinen eigenen fiktiven Status innerhalb der unendlichen Geschichte innerhalb der Unendlichen Geschichte vorführt:

"Weißt du, wie man euch dort nennt?" "Nein", flüsterte Atréju. "Lügen!" bellte Gmork. [...] Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: "Was du dort bist, fragst du mich? Aber was bist du denn hier? Was seid ihr denn, ihr Wesen Phantásien? Traumbilder seid ihr, Erfindungen im Reich der Poesie, Figuren in einer unendlichen Geschichte! Hältst du dich selbst für Wirklichkeit, Söhnchen? Nun gut, hier in deiner Welt bist du's. Aber wenn du durch das Nichts gehst, dann bist du's nicht mehr. Dann bist du unkenntlich geworden. Dann bist du in einer anderen Welt. Dort habt ihr keine Ähnlichkeit mehr mit euch selbst." (Ende 1979, S. 142)

Das Konzept des unzuverlässigen Erzählens rüttelt an der zweiten der genannten Grundannahmen, indem von Seiten des Lesenden berechtigte Zweifel an den Behauptungen der erzählenden Instanz, bei der es sich häufig um einen homo- oder sogar autodiegetischen Erzähler handelt (vgl. Nünning 1998, S. 3), gezogen werden können (vgl. Bode 2011, S. 261). Der unterstellte privilegierte Status des Erzählers als die Instanz, die Glaubwürdigkeit in Bezug auf das Erzählte besitzt (vgl. Martínez und Scheffel 2012, S. 100), wird demzufolge in Abrede gestellt. Als Indizien für eine solche Form des Erzählens können konkrete Widersprüche und Unstimmigkeiten innerhalb der Handlungen oder auch Aussagen des Erzählenden gelten (vgl. Nünning 1998, S. 27). Auf sprachlicher Ebene sind diese Unstimmigkeiten häufig durch apostrophische Hinwendungen an den Lesenden, die als Steuerungsmittel zur Kontrolle der Rezeption genutzt werden, oder auch durch Ellipsen, Ausrufe und Wiederholungen gekennzeichnet (vgl. ebd.). 

Als textinterne Motivation oder eher Grundannahmen für das unzuverlässige Erzählen lassen sich zudem zwei verschiedene Aspekte benennen, die in der Frage kulminieren, ob die Darstellung in Retrospektive und aus der zeitlichen Distanz heraus verzerrt wurde oder ob es die Wahrnehmung der erzählenden Instanz selbst ist, die zum Zeitpunkt des Erlebens verzerrt ist (vgl. Busch 1998, S. 47). 

Bei der ersten Variante hat die erzählende Instanz einen Grund die Geschehnisse anders zu erzählen, als sie sich zugetragen haben (vgl. Bode 2011, S. 269). Ein Beispiel für ein solches Erzählen findet sich in dem unzuverlässigen, intradiegetischen Erzähler Tom Riddle in Harry Potter und die Kammer des Schreckens. Dieser wendet sich in Form seines magischen Tagebuchs apostrophisch an den intradiegetischen Lesenden Harry Potter, um ihm von den vergangenen Ereignissen um die Kammer des Schreckens zu berichten und seinen eigenen Anteil an diesen zu verschleiern:

"Hallo, Harry Potter. Mein Name ist Tom Riddle." […] "Du brauchst meinen Worten nicht zu glauben." (Rowling 1999, S. 250-251)

Insbesondere die apostrophische Beteuerung, dass Harry den geschriebenen Worten Riddles nicht zu glauben brauche (vgl. ebd. S. 250), kann als Versuch gewertet werden, Harrys und auch die Rezeption des Lesenden zu steuern und ihn von der Wahrhaftigkeit der Äußerungen zu überzeugen. Dies ist zunächst auch von Erfolg gekrönt, so kehrt Harry aus seinem Ausflug in die erzählte Welt von Riddles Gedächtnis mit den folgenden Worten zurück: "Es war Hagrid, Ron. Hagrid hat die Kammer des Schreckens vor fünfzig Jahren geöffnet." (ebd. S. 257)

Erst in der Kammer des Schreckens selbst beginnt Harry aufgrund des Verhaltens des nun mehr oder minder leibhaftig vor ihm stehenden Erzählers Tom Riddle an ihm und an seiner Schilderung der Ereignisse zu zweifeln: "Harry starrte ihn an. Etwas sehr Merkwürdiges ging hier vor …" (ebd. S. 318). Schließlich konfrontiert er ihn mit eben dieser Unglaubwürdigkeit:

"Hagrid ist mein Freund", sagte Harry, und seine Stimme zitterte jetzt. "Und du hast ihn reingelegt oder? Ich dachte, du hättest einen Fehler gemacht, aber […]" (ebd. S. 323).

Dieser Form des bewussten Täuschungsversuchs und der bewussten Verzerrung der zu erzählenden Ereignisse steht ein unzuverlässiges Erzählen gegenüber, bei dem der Erzähler aus diversen Gründen mental nicht fähig ist, zuverlässig zu erzählen (vgl. Bode 2011, S. 270). Ein solches Erzählen kennzeichnet nach Andreas Wicke Andreas Steinhöfels Rico, Oskar und die Tieferschatten. So ist Rico, der autodiegetische Erzähler, aufgrund seiner "Tiefbegabung" nicht in der Lage, die Geschehnisse und die Welt um ihn herum zuverlässig zu erzählen (vgl. Wicke 2012, S. 46). Eine Unzuverlässigkeit, die Rico im Rahmen seines Ferientagebuchs selbst einräumt: 

Außerdem kann ich mich nicht immer gut konzentrieren, wenn ich etwas erzähle. Meistens verliere ich dann den roten Faden, jedenfalls glaube ich, dass er rot ist, er könnte aber auch grün oder blau sein, und genau das ist das Problem. (Steinhöfel 2011, S. 11)

Neben diesen textinternen Signalen, die auf Ricos Unzuverlässigkeit als Erzähler verweisen, benennt Wicke zudem Hinweise, die eher eine textexterne Referenz besitzen und damit auf die Diskrepanz zwischen Aussagen Ricos und dem Wissen des Lesenden verweisen (vgl. Wicke 2012, S. 46). Wicke benennt in diesem Zusammenhang besonders Ricos Versuche, sich ihm unbekannte Begriffe zu erklären und dabei jedoch durchaus richtige neben unwahre Äußerungen zu stellen (vgl. ebd.). Ein solches Beispiel, das zudem ebenso wie die anderen Rico-Lexikonartikel typographisch vom restlichen Text abgesetzt ist und so erhöhte Aufmerksamkeit einfordert, kennzeichnet bspw. Ricos Erläuterungen von den für eine Detektivgeschichte durchaus wichtigen Begriffen 'illegal' und 'legal': 

ILLLEGAL: Wenn man etwas nicht tun darf, weil es verboten ist. LEGAL heißt, es ist erlaubt, und EGAL bedeutet, dass man nur so tut, als etwas Verbotenes erlaubt. Dafür, dass man man so tut, als wäre was Erlaubtes verboten, gibt es kein ähnliches Wort. REGAL ist ja schon besetzt. (Steinhöfel 2011, S. 109) 

Neben dem "tiefbegabten" Rico findet sich auch in Do van Ransts Dünn eine unzuverlässige Erzählerin. Fees Wahrnehmung der Ereignisse ist durch ihre psychische Störung, die als weiteres Kriterium unzuverlässigen Erzählens gelten kann (vgl. Allrath 1998, S. 64), verzerrt. Unzuverlässig ist Fees Schilderung der Ereignisse nicht nur in Bezug auf sich und ihren Körper, sondern vor allen Dingen in Bezug auf den Tod ihrer Mutter, für den sie den Schlankheitswahn ihres Vaters verantwortlich macht: 

"Und ob das stimmt. Du willst, dass alle dünn sind. Sieh dir Mama nur an. Früher war sie mollig und hübsch, aber du wolltest, dass sie dünn wurde […] Aber Mama wurde so mager, dass sie starb, damit du mit deiner Lin-Jun-Chan-Bohnenstange rummachen konntest." (van Ranst 2014, S. 178-179)

Tatsächlich bestimmt Fees Wahrnehmung der Ereignisse – also die Annahme, dass ihre Mutter buchstäblich verhungerte und sich ihr Vater sofort im Anschluss daran eine neue Freundin suchte (vgl. ebd. S. 91) – den gesamten Text. Erst am Ende wird durch die Aussagen ihres Vaters und ihrer Freunde ersichtlich, dass es sich bei Fees Erzählen nicht um eine zuverlässige Schilderung handelt:

"Jetzt fang nicht schon wieder an, Fee!", flüsterte er. "Mama ist schon acht Jahre tot. […] Sie ist an Lungenkrebs gestorben. […] 'Sieben Jahre bin ich allein geblieben", sagte er. (ebd. S. 179)

Fees Handlungen, ihr Essverhalten, ihre Gespräche mit einer Katze, aber vor allen Dingen auch ihr durchaus selbstgefährdendes Verhalten liefern im Verlauf des Textes erste Hinweise für den Lesenden, Fee und ihrer Erzählung zu misstrauen. 


Bibliografie

Primärliteratur 

  • Ende, Michael: Die Unendliche Geschichte. Stuttgart/Wien: Thienemann, 1979. 
  • Rowling, J.K.: Harry Potter und die Kammer des Schreckens. Hamburg: Carlsen, 1999.
  • Steinhöfel, Andreas: Rico, Oskar und die Tieferschatten. Hamburg: Carlsen, 2011. 
  • van Ranst, Do: Dünn. Hamburg: Carlsen, 2014.

Sekundärliteratur 

  • Allrath, Gaby: "But why will you say that I am mad?" Textuelle Signale für die Ermittlung von unreliable narration. In: Unreliable Narration: Studien zur Theorie und Praxis unglaubwürdigen Erzählens in der englischsprachigen Erzählliteratur. Hrsg. von Ansgar Nünning. Trier: WTV, 1998. S. 59-81.
  • Bode, Christoph: Der Roman. Eine Einführung.  2. erweiterte Auflage. Tübingen/Basel: Francke, 2011.
  • Busch, Dagmar: Unreliable Narration aus narratologischer Sicht: Bausteine für ein erzähl- theoretisches Analyseraster. In: Unreliable Narration: Studien zur Theorie und Praxis unglaubwürdigen Erzählens in der englischsprachigen Erzählliteratur. Hrsg. von Ansgar Nünning. Trier: WTV, 1998. S. 41-58.
  • Martínez, Matías und Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 9. erweiterte und aktualisierte Auflage. München: Beck, 2012.
  • Nünning, Ansgar: Unreliable Narration zur Einführung: Grundzüge einer kognitiv-narratologischen Theorie und Analyse unglaubwürdigen Erzählens. In: Unreliable Narration: Studien zur Theorie und Praxis unglaubwürdigen Erzählens in der englischsprachigen Erzählliteratur. Hrsg. von Ansgar Nünning. Trier: WTV, 1998. S. 3-40.
  • Wicke, Andreas: "Zeiten ändern sich, Menschen ändern sich, Meinungen ändern sich". Familie in Andreas Steinhöfels Rico, Oskar ...-Trilogie. In: interjuli 4 (2012) 2. S. 39-58.

 Erstveröffentlichung: 13.10.2016


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