von Mirijam Steinhauser

Materialismuskritik in Sprechblasen – Heinrich Bölls bekannte Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral wird von Émile Bravo im Bilderbuchformat mit Mitteln des Comics erzählt. Eine gute Idee mit kleineren Unwägbarkeiten.

Böll, Heinrich (Text); Bravo, Émile (Bild): Der kluge Fischer.
München, Hanser, 2014.
40 S., 14,90 €
ISBN 978-3-446-24298-2

Inhalt 

Der Inhalt der Böll'schen Anekdote dürfte bekannt sein: Ein Tourist trifft am Hafen auf einen friedlich dösenden Fischer und weckt ihn durch das Klicken seiner Kamera. Der Fremde möchte den Fischer davon überzeugen, noch einmal zum Fischen zu fahren, da das Wetter einen guten Fang verheiße. Voller Begeisterung malt er ihm aus, wie dieser durch etwas mehr Anstrengung zu Reichtum kommen könnte, mit dem Ziel, schließlich ein Leben in rechtschaffener Ruhe zu führen. "Aber das tu ich ja schon jetzt, ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur ihr Klicken hat mich dabei gestört", lautet die Pointe aus dem Mund des Fischers, die die absurde Lebensauffassung des Gegenübers entlarvt.


Kritik

Dass Klassiker der Erwachsenenliteratur ins Bilderbuch übertragen werden, ist keine Seltenheit mehr. Überraschend ist aber neben den zahlreichen Balladen-, Dramen- und Lyrikbilderbüchern die Auswahl von Heinrich Bölls materialismuskritischer Kurzgeschichte von 1963 für ein solches Projekt.

Der Hanser Verlag hat dieses mithilfe des bekannten französischen Comiczeichners Émile Bravo realisiert. Bravo, der 2010 für seine Graphic Novel Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen gemeinsam mit Jean Regnaud den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Kinderbuch erhielt, erzählt Bölls Geschichte mit den Mitteln des Comics. Für diese narrative Form eignet sich die Erzählung erstaunlich gut, unter anderem aufgrund der Häufung von wörtlicher Rede, die in Sprechblasen wiedergegeben und der mit der raschen Abfolge kleiner Panels entsprochen wird. Als ergiebig zeigt sich auch die bildliche Umsetzung der Vorstellungen, die der Tourist für das weitere Leben des Fischers entwirft. Hierfür werden zumeist ganzseitige Bilder gewählt, die mit lustigen Details die materialistische Imagination veranschaulichen. Insgesamt ist Bravos Stil durch eine heitere, kindlich harmlose Figurenauffassung gekennzeichnet, die er, wie er schon in Meine Mutter ist in Amerika… bewies, durchaus passend auch für ernste Stoffe einzusetzen weiß.

Um die Möglichkeiten des Mediums Comic noch besser auszuschöpfen, hätte an einigen Stellen der Text ruhig noch etwas gekürzt werden dürfen. Mehr Mühe hätte sich der Verlag auch mit der typografischen Gestaltung (handgeletterte Sprechblasentexte und Wahl der Schriftart für die Erzähleräußerungen) geben können. Etwas heiter stimmt, dass die an verschiedenen Stellen des Böll'schen Textes erwähnte Tätigkeit des Zigarettenrauchens im Bilderbuch getilgt wurde. Stattdessen zeigen einzelne Bilder den Fischer mit qualmender Pfeife. Hieran wie an der Wahl eines anderen als des Originaltitels zeigt sich aber auch die Problematik der vorliegenden Adaption: Der Böll'sche Text ist kein Text für Kinder, auch kann Bravos niedlicher Fischer den sperrigen Inhalt kaum angemessen repräsentieren.

Als humorvoll ist die paratextuelle Gestaltung des Buches zu bezeichnen: Der Umschlag erinnert an eine Sardinenbüchse, wie sie in der bildlichen Darstellung der Touristenrede gezeigt wird, und das vordere Vorsatz offenbart das entsprechende Fischgetümmel aus deren Innerem.


Fazit

Wie bei vielen Klassikeradaptionen, ob als Graphic Novel oder Bilderbuch, lässt sich darüber streiten, wer die Zielgruppe dieser Werke ist und inwiefern sie dem Originaltext gerecht werden. In diesem Fall ist zu begrüßen, dass Bravo und der Hanser Verlag es ermöglichen, sich Bölls Geschichte als Erwachsene neu, als Kinder hingegen erstmals zu nähern. Insgesamt handelt es sich bei Der kluge Fischer um ein gelungenes und überraschendes Bilderbuch, das Erwachsene und Kinder erfreuen und zum Nachdenken anregen dürfte - darüber, was sie mit ihrer Zeit anfangen wollen, wie wichtig ihnen materieller Reichtum ist und wie frei sie sich in ihren Entscheidungen fühlen. Damit werden Fragen angesprochen, die heute genauso aktuell sind wie vor fünfzig Jahren.

 

 

 


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