Cohen-Janca, Irène/Quarello, Maurizio: Die letzte Reise. Janusz Korczak und seine Kinder

von Mirijam Steinhauser

Ein langer Zug von Kindern, der in den Tod führt. Inmitten der Kinder ein Mann, der sie auch auf dieser letzten Reise nicht alleine lässt, der ihnen beisteht, wie all die gemeinsamen Jahre davor. Das ist das traurige Ende des Arztes, Pädagogen, Kinderbuchautors und Waisenhausleiters Janusz Korczak und seiner Kinder. Irène Cohen-Janca und Maurizio A. C. Quarello tragen mit berührenden Texten und Bildern dazu bei, dass deren Leben und Sterben nicht in Vergessenheit geraten.


Inhalt

Cohen-Janca, Irène (Text); Quarello, Maurizio (Bild):         Die letzte Reise. Janusz Korczak und seine Kinder.                    A. d. Französischen von Edmund Jacoby.
Jacoby & Stuart, Berlin 2015.
72 S., 16,95 €
ISBN 978-3-942-787-55-0

Von Anfang an ist in dieser Geschichte die Bedrohung spürbar: "Doktor Korczak ist verhaftet worden!", lauten die ersten Worte des Buches, an dessen Ende der Tod Korczaks und seiner Kinder, aber auch das Fortleben seiner Ideen bis in die heutige Zeit stehen. In der Zwischenzeit erzählt der Waisenjunge Simon, dem die Geschichte in den Mund gelegt wird, davon, wie die Bewohner des Warschauer Waisenhauses ins Ghetto umgesiedelt werden, auf "die andere Seite", in das "Gefängnisland"; davon, wie Korczak verhaftet wird und – versehrt, aber nicht gebrochen – wieder zu den Kindern zurückkommt. Erzählt wird von einem weiteren Umzug innerhalb des Ghettos, von dem zunehmenden Leid der Bewohner, Hunger, Krankheit und Tod. Der Leser erfährt aber auch von den pädagogischen Prinzipien des Doktors, von der Kinderrepublik, den Geschichten und Radioansprachen, die er verfasste, von seinen Spielen und Ideen, von seiner Zärtlichkeit und seinem Mut. Bis zum Schluss wird im Waisenhaus musiziert, gelernt und Theater gespielt, werden Hoffnung und Lebensmut aufrechterhalten. Und so steht auch am Ende des Buches nicht der Tod, sondern das Vermächtnis Korczaks und seiner Kinder: "Wir waren wie kleine Bäumchen, die man gewaltsam aus der Erde gerissen hat. Wir sind nie Bäume geworden, und wir durften nie die Früchte tragen, die wir hätten tragen sollen. Doch indem er unser Leben mit liebevollem Blick betrachtet hat und indem er fand, dass wir Respekt und manchmal sogar Bewunderung verdienten, hat der alte Doktor Korczak die Sache der Kinder vorangebracht. Die Rechte der Kinder, die heute in der ganzen Welt anerkannt sind, sind die Versprechen, die wir nicht mehr halten konnten, die Früchte, die wir nicht mehr getragen haben." (Cohen-Janca/Quarello 2015, o. S.)

Kritik

Die letzte Reise gibt ein beeindruckendes Zeugnis von Janusz Korczaks pädagogischem Wirken. Fokussiert wird darin die letzte Zeit seines Lebens, aber im Rückblick wird auch deutlich, dass er selbst ohne die Begleitung seiner Kinder in den Tod ein bedeutender Mann war, der die Rechte der Kinder stärkte und eine moderne, kindorientierte Pädagogik entwickelte und lebte.

Der Text des Bandes ist aus einer kindlichen Perspektive geschrieben und für Kinder ab dem späten Grundschulalter gut zu verstehen. Zugleich ist er poetisch und behilft sich und dem Leser mit Hoffnung und Fantasie, die dem beschriebenen Grauen entgegenstehen. Besonders eindrücklich sind die Zeichnungen, die viel Raum innerhalb des Buches einnehmen. Bereits zwischen Schmutz- und Innentitel ist eine illustrierte Doppelseite eingeschoben, die in skizzenhafter Nahaufnahme Janusz Korczak zeigt, wie er schützend seine Arme um einige Kinder legt. Der Betrachter sieht in die Augen der Kinder und wird damit gleich emotional in Beschlag genommen. Querellos Zeichnungen orientieren sich an zeitgenössischen Fotografien, beinhalten aber auch symbolische Elemente (Fußspuren im Schnee, welke Blätter und tote Stubenfliegen) und solche, die die Fantasie der Kinder darstellen (der gestiefelte Kater, der einen Stacheldrahtzaun überspringt). Damit eröffnen die Bilder eine zweite Ebene gegenüber dem Text und weisen auf das Nicht-Darstellbare hin. Am Ende des Buches steht eine ausklappbare Doppelseite, die den langen Zug der Kinder und ihrer erwachsenen Begleiter zum Umschlagplatz und damit in Richtung Treblinka und der tödlichen Gaskammern zeigt. Insgesamt nimmt der Illustrator gekonnt die Ikonografie des Holocausts (Stacheldraht, Menschenzüge) und der Geschichte Korczaks (Verwendung bekannter Fotografien und Motive, die auch für Denkmäler und andere Bilderbücher zu dessen Leben verwendet wurden) auf und fügt sie für den kindlichen Betrachter neu zusammen.

Damit schließt sich dieses Bilderbuch einer Reihe von Holocaust-Bilderbüchern an, die zwar noch immer selten, mittlerweile aber doch in zunehmender Menge vorliegen. Häufig sind sie – wie das vorliegende Beispiel – an der Grenze zwischen Bilderbuch und Graphic-Novel zu verorten, was auch mit dem Alter der Zielgruppe zusammenhängt. Allein das Leben Janusz Korczaks wurde in den letzten Jahren mehrfach zum Stoff für solche bildgewaltigen Erzählwerke: Mit Blumkas Tagebuch (2011) und Fräulein Esthers letzte Vorstellung (2013) legte unter anderem der Gimpel Verlag zwei solche Bücher vor, die unterschiedliche erzählerische und künstlerische Schwerpunkte setzen. Korczaks Geschichte scheint sich für solche Versuche anzubieten, weil hier die Möglichkeit besteht, trotz allen Grauens auch positive, hoffnungsfrohe Aspekte in den Blick zu nehmen. Zu einer ähnlichen Thematik, dem Leben der Anne Frank, haben Cohen-Janca und Quarello bereits ein weiteres Bilderbuch geschaffen: Annes Baum (Gerstenberg, 2011) erzählt mit vergleichbar skizzenhaften Bildern vom Leben im Hinterhaus, aus der ungewöhnlichen Perspektive des Kastanienbaums, der in Annes Tagebuch vorkommt.

Fazit

Die letzte Reise. Janusz Korczak und seine Kinder eignet sich gut dafür, mit älteren Kindern ab etwa zehn Jahren ins Gespräch über den Holocaust zu kommen, ihr diesbezügliches Vorwissen aufzunehmen und es mit den persönlichen Schicksalen der Waisenkinder und Janusz Korczaks zu verknüpfen. Es braucht viel Zeit, Behutsamkeit und Ruhe, um sich dieses Themas anzunehmen. Das hier beschriebene Bilderbuch bietet aber zumindest die Möglichkeit, nicht nur den Schrecken des Todes und das Leid zu sehen, sondern auch die Besonderheiten der Menschen, die all dem zum Opfer fielen und die Früchte, die ihr Leben trotz allem trug.

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