von Anna Zamolska

Der Weihnachtsklassiker Tomte und der Fuchs handelt wie sein Vorgänger Tomte Tummetott von der schwedischen Adventszeit auf dem Land, die vom Weihnachtswichtel Tomte begleitet wird. Mit den neuen Illustrationen von Eva Eriksson präsentiert sich das Bilderbuch in überzeugendem Gewand und bleibt gleichzeitig der traditionellen skandinavischen Weihnacht verbunden.

 
Lindgren, Astrid (Text/Bearbeitung); Eriksson, Eva (Bild): Tomte und der Fuchs.                                                                                                A. d. Schwedischen von Silke von Hacht.
Oetinger, Hamburg, 2017.
29 Seiten, 12,99 €
ISBN 978-3-7891-0854-9.
Empfohlen ab 5 Jahren.
 
Inhalt
 
An Heiligabend schleicht der Fuchs Mikkel um ein schwedisches Gehöft und möchte seinen Hunger stillen. Da er die Menschen mit ihrem Fest beschäftigt weiß, hofft er, unbemerkt in den Hühnerstall einbrechen zu können. Dort ertappt ihn Tomte, der Hoftroll, der nachts über den Hof wacht. Tomte kennt die Not eines hungrigen Fuchses und bietet ihm statt der Hühner Grütze an, die allabendlich von den Kindern für Tomte auf den Hof gestellt wird. Der Fuchs nimmt die Einladung des Tomte an, sich jeden Abend an der Grütze satt zu fressen und dafür keine Hühner zu reißen.

Kritik
 
Wie auch das 1960 in Schweden erschienene Bilderbuch Tomten (dt. Tomte Tummetott) stellt auch das 1965 veröffentlichte Bilderbuch Räven och tomten (dt. Tomte und der Fuchs) für einen deutschen Literaturwissenschaftler ein Problem dar, das in der Publikationsgeschichte beider Erzählungen seinen Ursprung findet.
Die schwedische Ausgabe vom Tomte ist ein Abdruck von Viktor Rydbergs Gedicht (das 1881 in der Ny Illustrerad Tidning veröffentlicht wurde) mit Bildern von Harald Wiberg. Das zweite Bilderbuch zum Tomte Räven och tomten vereint einen Text von Karl-Erik Forsslund und wiederholt Illustrationen von Harald Wiberg. Nun stellt sich die Frage, wie die ausländischen Verlage auf die Idee gekommen sind, Astrid Lindgren hätte das Gedicht bzw. den Text bearbeitet oder gar selbst geschrieben.
Die Vermutung liegt nahe, dass Lindgren als Lektorin bei Rabén & Sjögren Rydbergs Gedicht vorgeschlagen und vielleicht der Gegenwartssprache etwas angepasst hat. Wenn sie eine gänzlich neue Fassung geschrieben hätte, wäre das in der schwedischen Ausgabe sicherlich vermerkt worden. Laut der schwedischen Bibliographie von Lindgrens gesammelten Schriften (vgl. Bengtsson 2012, S. 361 und 365f.) dürfte Lindgren jedoch keinesfalls als Autorin der beiden Erzählungen gelten – der Autor der Bibliographie bezeichnet diese Vorgehensweise der ausländischen Verlage als geschickt eingesetzte Marketingstrategie, die nicht ganz der Wahrheit entspricht.
Darauf folgt die Frage nach der Übersetzung: beide Bilderbücher sind in Deutschland von Silke von Hacht übersetzt worden, Tomte Tummetott keinesfalls als Gedicht, sondern ebenso wie sein Nachfolger Tomte und der Fuchs als Erzählung. Die Rezensentin nimmt an, dass Astrid Lindgren ihre Finger beim Lektorat des alten Textes stark im Spiel hatte und daher von den ausländischen Verlagen gewürdigt wird – zumal ein gewisser Lindgren-Duktus durchaus spürbar ist. Auch hier wird beispielsweise die Hauptfigur – der Fuchs – direkt angesprochen, wie in so vielen Lindgren-Märchen (beispielsweise in Junker Nils von Eka), was eine ganz besondere Spannung erzeugt und eines der Lieblingsstilmittel Lindgrens ist. Für einen Eingriff der Autorin sprechen zudem der gesamte unprätentiöse Sprachgebrauch und die Satzmelodie. 
Eingebettet ist die Geschichte in die schwedische Weihnachtsfeier, die bestimmte Bräuche mit sich bringt, unter anderem, dem Weihnachtswichtel in der Weihnachtszeit abends einen Teller Grütze vor die Tür zu stellen. Beziehungsweise liegt uns hier ein Märchen unter vielen vor, die vielleicht diese Sitte hervorgebracht haben. Die Bilder von Eva Eriksson transportieren die Geschichte in die Gegenwart: der Hof ist mit elektrischen Lichterketten geschmückt, Tomte und der Fuchs verstecken sich zwischen den Rädern eines Traktors, die Kinder spielen in einer modernen Stube und packen moderne Spielsachen aus. Unter anderem Kostüme – eines davon ist ein Pippi Langstrumpf-Kostüm; so zitiert Eriksson Lindgrens berühmte Kinderfigur. Ähnliche intermediale Anspielungen sind bereits bei Ilon Wiklands Illustrationen zu Lindgren-Büchern zu entdecken.
Harald Wiberg hatte sich in seinen großformatigen Bildern sehr auf das schwedische Gehöft und seine Umgebung konzentriert – nicht nur das Haus wird gezeigt, sondern vorrangig die Nebengebäude und kleinen Schuppen, die so bezeichnend für einen richtigen Hof sind. Die Schlichtheit und Ärmlichkeit der dargestellten Wirklichkeit lässt die Geschichte in Wibergs Bildern somit eher um die Jahrhundertwende verorten, die Lindgren auch so oft in ihren Büchern lebendig werden ließ. Die immer wiederkehrenden Farben Weiß, Blau sowie rötliche Töne transportieren diese Einfachheit.
Eriksson grenzt sich mit ihren Bildern nicht von ihrem Vorgänger Harald Wiberg ab, sondern ergänzt dessen ähnliche Interpretation des Weihnachtsmärchens um heutige Lebensbedingungen, bleibt aber gleichzeitig der verklärt dargestellten schwedischen Natur treu: dies geschieht vor allem in den Illustrationen, die den Fuchs durch den Wald begleiten. Ihre feinen detaillierten Darstellungen des Fuchses erlauben eine ganze Charakterstudie des Waldtieres. Seine Augen und die spitze Schnauze verraten fortwährend seine Gedanken beziehungsweise sein Vorhaben und lassen den Leser mit ihm Hunger und Kälte fühlen. Auch die Perspektive bleibt oft ähnlich, wenn der Fuchs beispielsweise in den Hühnerstall lugt. Eriksson interpretiert somit ebenfalls den Text als zeitloses Märchen, das man sich in jeder Epoche vorstellen kann.
Wie hier die Autorschaft auch ausfallen mag – mit Tomte und der Fuchs liegt dem heutigen Leser ein Bilderbuch vor, das bereits zu den Klassikern der Weihnachtsliteratur gehört und mit Erikssons neuen einfühlsamen Illustrationen eine gelungene Neuausgabe darstellt. Behutsam verlegt sie das Geschehen ins Heute, wenn sie den Hof und die Räume der feiernden Familie zeigt – ähnlich wie Wikland stellt sie das Geschehen häufig aus der Aufsicht dar, um möglichst viele Details aufzunehmen und ein "Umherschauen" im Zimmer zu ermöglichen. Die schwedischen Kerzenreihen auf den Fensterbänken, eine Elchuhr, schwedische Puppenhäuser und der schwedische Tannenbaumschmuck entsprechen den nostalgischen Vorstellungen von schwedischer Weihnacht und gleichzeitig vielen anderen Lindgren-Bilderbüchern. Damit gelingt Eriksson der Spagat zwischen einem typischen Lindgren'schen Bilderbuch à la Ilon Wikland und einer originellen Neubebilderung, die ihre eigenen Charakteristika und Ideen einbringt.
 
Fazit
 
Eva Erikssons Debüt als Lindgren-Illustratorin überzeugt durch die einfühlsame Verbindung von typischen Lindgren-Sinnbildern, schwedischen Wintermotiven und modernen Zeitverweisen. Trotz umstrittener Publikationsgeschichte, die eine genaue Zuordnung des Textes zu Lindgrens Werken nicht erlaubt, ist dieses schwedische Weihnachtsmärchen eines der wichtigsten in der Folklore des Landes und liest sich zugleich wie ein Märchen, das durchaus der unprätentiösen und dadurch so genialen Feder Astrid Lindgrens entsprungen sein könnte. Empfehlenswert für Kinder ab fünf Jahren, die wie die Kinder im Bilderbuch mit den weihnachtlichen Traditionen aufwachsen und neue kennenlernen möchten.
 
Literatur
  • Bengtsson, Lars: Bildbibliografi. Astrid Lindgrens skrifter 1921-2010. Stockholm: Salikon förlag, 2012.
 
Dieses Bilderbuch können Sie im Rahmen unserer Adventskalender-Aktion bei einer Verlosung gewinnen. Schreiben Sie uns hierzu eine eMail mit Ihrem Namen, Ihrer Adresse und dem Titel des Buches am 23.12. an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

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