von Paul Bräutigam

Wie man mit dem Fund von drei Dollar reich werden und dabei auch noch ein großes Abenteuer erleben kann, davon lässt Davide Morosinotto die vier Mitglieder der Mississippi-Bande im gleichnamigen Hörbuch erzählen. Bereits diese Kurzbeschreibung verspricht eine spannende und unterhaltsame Handlung, die Hörbuch-Version schafft es darüber hinaus, einer der Stärken der Romanvorlage noch einmal eine besondere Bühne zu bieten: dem multiperspektivischen Erzählen. Nacheinander schildern Te Trois, Eddie, Julie und Tit ihre Erlebnisse der Reise quer durch die Vereinigten Staaten des Jahres 1904. Gespickt ist der Weg zum Reichtum natürlich mit allerlei Hindernissen, fast hinter jeder Flussbiegung wartet eine neue Herausforderung auf die vier Kinder.

Inhalt

Eigentlich wollte die Mississippi-Bande, bestehend aus Te Trois, Eddie, Julie und Tit, nur ihren Einbaum fertigstellen, um damit endlich zum Angeln auf den Fluss fahren zu können. Doch gleich der erste Fang der vier Kinder hat es in sich: Sie fischen drei Dollar aus dem trüben Wasser und beschließen, sich damit einen Revolver beim renommierten Versandhaus Walker and Dawn aus Chicago zu bestellen. Tatsächlich bekommt die Mississippi-Bande eine defekte Taschenuhr geliefert. Die anfängliche Enttäuschung weicht jedoch großer Aufregung, als sich herausstellt, dass die Uhr für den Besitzer des Versandhauses offenbar enorm wertvoll ist und er alles daransetzt, die Uhr zurückzubekommen. Angestachelt von ihrer Neugier macht sich die Mississippi-Bande auf den Weg nach Chicago, nicht ahnend, welche Abenteuer sie auf ihrer Reise erwarten.

 

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Kritik

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Im Falle von Te Trois, Eddie, Julie und Tit haben sogar gleich vier Figuren etwas zu erzählen, nämlich die Geschichte davon, wie sie durch den Fund von drei Dollar in den Sümpfen der amerikanischen Südstaaten zu großem Reichtum gelangen. Dass die eingangs erwähnte Redewendung hier besonders gut passt, liegt auch an einer narratologischen Besonderheit der Erzählung, sie wird nämlich jeweils abwechselnd aus den verschiedenen Ich-Perspektiven erzählt. Den Sprecherinnen und Sprechern gelingt es hierbei ausgesprochen gut, die einzelnen Wesensmerkmale ihrer Charaktere herauszuarbeiten.

Den Anfang macht Te Trois, der selbsternannte Anführer der Gruppe. Wobei selbsternannt in diesem Kontext vielleicht nicht vollumfänglich zutreffend ist, denn bereits sehr früh wird man darüber informiert, dass es eine Prügelei gegeben habe, aus der Te Trois siegreich hervorgegangen sei, weswegen er sich seitdem als Anführer der Gruppe begreife. Diese Anekdote steht bereits stellvertretend für den Charakter des ersten Mitglieds der Mississippi-Bande: Er ist der typische männliche Held und Abenteurer, der immer vorneweg schreitet und für jede noch so knifflige Situation eine Lösung parat hat. Nicht selten beinhaltet diese den Einsatz von Gewalt. Das gehört in einer Abenteuergeschichte natürlich auch immer noch zum guten Ton, führt jedoch während der fortlaufenden Erzählung dazu, dass man irgendwann nicht umhinkommt, ein wenig genervt von Te Trois zu sein. Insbesondere auch deshalb, weil ihm alles gelingt und er über die gesamte Erzählung hinweg keine einzige echte Schwäche offenbart. Das ist schade, denn eigentlich ist Te Trois der ideale Erzähler für den Beginn der Geschichte, deren Spannungsbogen sich eher gemächlich aufbaut. Gerade hier kann das Hörbuch seine Stärken voll ausspielen, denn Marcus Eßer erzählt den Anfang des Abenteuers so lebendig, dass man selbst dann gebannt zuhört, wenn die Eigenheiten der Sumpflandschaften von Louisiana beschrieben werden. Eßer schafft es vorzüglich, die kindliche Begeisterung eines Jungen für seine Umwelt und die in ihr wartenden Herausforderungen zu vermitteln. Auch kleinere Episoden wie der Weg durch den Sumpf oder die nächtliche Flucht aus dem Elternhaus werden derart nachdrücklich und begeistert erzählt, dass man gerne bereit ist, über die schleppend anlaufende Handlung hinwegzusehen.

Eddie, der Schamane, übernimmt die Erzählung in der Folge von Te Trois und beweist umgehend, warum der Perspektivwechsel ein echter Gewinn ist. Während Te Trois' Beschreibung von Eddie und seinem Werdegang als Schamane recht ironisch ausfällt, klingt dies aus dem Mund des Betroffenen nachvollziehbarerweise deutlich anders. So verkündet Te Trois den Hörerinnen und Hörern gleich zu Beginn: "Eddie ging es ständig schlecht, er hatte immer Fieber und er erzählte immer, er könne im Fieber die Stimmen des Sumpfes hören und er verstünde auch die geheime Sprache der Tiere, was er sich offensichtlich nur zusammengesponnen hatte" (I/00:06:23). Wenn Eddie jedoch später in dem aus seiner Perspektive geschilderten Teil sein Schamanentum selbstbewusst verteidigt, dann wandelt sich das eigene Bild dieser Figur innerhalb weniger Sekunden ganz deutlich: "Te Trois vertraute mir. Ich irre mich nie, denn ich bin ein Schamane. Ein Schamane des Sumpfes" (I/01:57:22). Seine Stärken spielt das Konzept entsprechend immer dann voll aus, wenn die Hörerinnen und Hörer denselben Sachverhalt multiperspektivisch erzählt bekommen. Ansonsten ist Eddies Charakter im Vergleich zu Te Trois deutlich vielschichtiger, er weiß um seine Stärken, doch genauso oft hadert er und zweifelt an sich. Er liest gerne Bücher, liebt die Natur und denkt viel nach. All dies verblasst jedoch leider zu häufig auf Grund der angesprochenen Unfehlbarkeit des Gruppenanführers. Symptomatisch dafür steht eine Szene, in der die vier Freunde von mehreren üblen Gestalten umzingelt sind, die ihnen ihre Wertsachen abnehmen wollen.

Während Eddie sich den Kopf zermartert, um eine Lösung für die Situation zu finden, sich jedoch auf Grund seines angstbedingten Zitterns nicht richtig konzentrieren kann, löst Te Trois die Situation kurzerhand auf, indem er den Angreifern Sand in die Augen wirft, einen von ihnen aus dem Weg räumt und dem Vierergespann somit zur Flucht verhilft. Eddie bleibt in einem anschließenden kurzen inneren Monolog nur die Feststellung, dass er offenbar ein Angsthase sei und auch immer bleiben werde. Spätestens an diesem Punkt bekommt man leider das Gefühl, dass die männlichen Rollen etwas zu klischeehaft angelegt sind. Letztlich siegt hier ein Männlichkeitsbild, in dem Schwäche keinen Platz hat und in dem einen der Versuch, eine gewaltfreie Lösung für eine – zugegebenermaßen bedrohliche – Situation zu finden, zum Angsthasen macht. In den fesselndsten Momenten des Hörbuchs vergeht die Zeit beim Zuhören wie im Flug, in Momenten wie diesen fühlt man sich unweigerlich an eine Folge TKKG erinnert.

Auch abseits dieser Thematik erzählt Eddie, der von Patrick Mölleken gesprochen wird, den vielleicht schwächsten Teil der Geschichte. Das liegt unter anderem daran, dass gleich mehrere Figuren auftreten, die Davide Morosinotto hinsichtlich ihrer Artikulationsfähigkeit mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen ausgestattet hat. So hat Sven, der Matrose, so gut wie keine Zähne mehr und Alex, der Landstreicher, redet als "hätte er Kartoffeln im Mund" (I/03:49:15). Mölleken versucht, diese Einschränkungen möglichst authentisch zu vermitteln. Dies gelingt ihm zwar, ein unbedingter Gewinn für das Hörbuch ist es dennoch nicht. Gerade der Matrose Sven hat zwischendurch einen recht hohen Redeanteil, unter dem der Hörgenuss aufgrund der angesprochenen Problematik leidet. Hier wäre es unter Umständen angebracht gewesen, die Ausspracheschwierigkeiten der beiden Figuren lediglich anzudeuten.

Auf den schwächsten folgt der überzeugendste Teil. Julie, gesprochen von Mia Diekow und bis zu diesem Punkt bereits viel zu oft mit dem Satz "Sie war halt ein Mädchen" in den Hintergrund gedrängt, ist gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder der eigentliche Star der Handlung. Während sie versucht, nach außen hin möglichst unverwundbar zu wirken, bekommt man hier auf der anderen Seite durch innere Monologe sehr schön die Kehrseite dieser Fassade nähergebracht, hinter der sich in Wirklichkeit eine Vielzahl von Gefühlen versteckt. Dieser Umstand erleichtert es ungemein, mit Julie mitzufiebern und ihr stets nur das Beste zu wünschen. Julie kombiniert Te Trois' Heldenmut mit Eddies Gedankenleistung und bleibt dabei doch stets nahbar und verletzlich. Sicherlich profitiert der von Mia Diekow gelesene Part von der in diesem Teil des Hörbuchs deutlich gestiegenen Spannung, doch auch losgelöst davon war die Entscheidung, Julies Erzählung den meisten Raum zu geben, goldrichtig.

Die Handlung nimmt ab der Hälfte deutlich an Fahrt auf, verknüpft im weiteren Verlauf die einzelnen Fäden geschickt zu einem Ganzen und ist gerade in den letzten beiden Stunden unheimlich spannend sowie voller Wendungen. Auch der Abschluss des Abenteuers wird durch einen kleinen Trick noch einmal zu einem eigenen kleinen Highlight. Geschildert wird dieses letzte Kapitel aus der Perspektive von Julies kleinem Bruder Tit, der bis zu diesem Zeitpunkt stumm geblieben ist. An der Figur des Tit lässt sich jedoch zunächst ein weiterer Kritikpunkt verdeutlichen. Tit ist genau genommen Julies Halbbruder, da er einen anderen Vater hat als seine Schwester. Dieser war schwarz, weshalb auch Tit eine dunklere Hautfarbe hat, was die Gruppe im Amerika des Jahres 1904 insbesondere bei einer Fahrt durch die Südstaaten immer wieder vor das Problem stellt, rassistischen Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Die Erzählung betont im Allgemeinen recht viele historische Details und somit ist es nur folgerichtig, dass sie sich auch der Thematik des Rassismus und der Rassentrennung in den USA zu dieser Zeit annimmt. Die Art und Weise, wie sie es tut, wirkt jedoch ungeschickt. So weigert sich ein Ladenbesitzer in Memphis aufgrund von Tits Hautfarbe, ihnen Limonade zu verkaufen, was Te Trois damit kommentiert, dass er dem Wirt vor die Füße spuckt, woraufhin die Gruppe aus dem Laden flüchtet. Nachdem Julie nun sichtlich geschockt wirkt, kontert Eddie: "Das war doch jetzt nicht so wichtig" (I/02:57:29). Auch wenn es hier zumindest noch Widerspruch von Te Trois gibt, bleibt die Szene insgesamt ohne Funktion und Reflexion. Das liegt – wie bei allen weiteren verwandten Szenen auch – vor allen Dingen daran, dass das Opfer der Anfeindungen stumm bleibt. Der junge Tit hat während des gesamten Abenteuers bis auf eine winzige Ausnahme keine Redeanteile. Während der Rassismus dieser Zeit in einigen Szenen offen zu Tage tritt, bleiben dessen verheerende Wirkung und die ihm innewohnende Abscheulichkeit zu oft unerwähnt. Die gleiche Szene aus der Perspektive des kleinen Jungen Tit zu schildern und mit einer deutlich entschlosseneren Reaktion der Gruppe zu verbinden, wäre hier wohl die bessere Entscheidung gewesen.

Der Abschluss der Handlung wird, wie bereits erwähnt, schließlich doch noch von Tit selbst erzählt. Allerdings handelt es sich nicht mehr um den Jungen aus dem Jahr 1904, sondern um einen alten Mann, der 65 Jahre später auf die Ereignisse zurückblickt. Auch jetzt spricht Julies kleiner Bruder noch kein Wort, doch Reinhard Kuhnert präsentiert die Gedankenwelt des in die Jahre gekommenen Abenteurers derart lebhaft und humorvoll, dass man ihm gerne noch ein wenig länger zugehört hätte. Insgesamt eine sehr schöne Idee, welche die Handlung gelungen abrundet.

Fazit

"Vier Geschwister, vier Perspektiven derselben Geschichte – und vier Stimmen in Hochform", attestiert die Jury des BEO 2017 in ihrer Nominierungsbegründung der Mississippi-Bande und liefert damit eine sehr treffende Zusammenfassung des Hörbuchs. Insgesamt sieben Stunden muss man investieren, um die gekürzte Lesung einmal komplett anzuhören. Sie weckt allerdings den Anschein, als sei sie deutlich kürzer. Hat man das Gefühl, dass sich die Handlung gerade etwas zieht, ist der nächste Perspektivwechsel nicht weit und sorgt für Abwechslung. Gerade im Hörbuch kommt dieses Stilmittel besonders gut zur Geltung. Die Geschichte ist mit viel Liebe zum Detail erzählt und baut dabei behutsam einen Spannungsbogen auf, der einen speziell zum Ende hin an die Erzählung fesselt. Die Sprecherinnen und Sprecher hauchen den einzelnen Bandenmitgliedern viel Leben ein und haben somit einen großen Anteil daran, dass man gerne bereit ist, über kleinere Kritikpunkte hinwegzusehen. Die Altersempfehlung ab 10 Jahren erscheint angemessen, ein wenig Vorwissen im Hinblick auf die Geschichte der USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist für (junge) Hörerinnen und Hörer dennoch von Vorteil. Lediglich der auf die Romanvorlage zurückzuführende wenig reflektierte Umgang mit dem Thema Rassismus und Rassentrennung in den Südstaaten um 1900 sowie das beinahe archaisch wirkende Männlichkeitsbild trüben das ansonsten stimmige Gesamtbild ein wenig.

 

Titel: Die Mississippi-Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden (Hörbuch)
Autor: Davide Morosinotto
Sprecherinnen und Sprecher: Mia Diekow, Patrick Mölleken, Marco Eßer und Reinhard Kuhnert
Dauer: 428 Minuten
Altersempfehlung: Ab 10 Jahren
Produktionsjahr: 2017
Produktion: Random House

 

Erstveröffentlichung: 9.12.2018

 


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