von Dr. Simone Anna Stefan

Eine Bande, eine gefährliche Mutprobe, zahlreiche Einbrüche und verdächtige Motorräder: Was zunächst nach einem Detektivroman klingt, entpuppt sich als ein vor 30 Jahren entstandener Klassiker der Kinderliteratur, der sich den aktuellen Diversitätsbereichen und fortdauernden gesellschaftlichen Themen wie Behinderung, Emanzipation, Fremdenfeindlichkeit und Familie widmet.

 

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Inhalt

Das Hörpublikum wird wie in der literarischen Vorlage direkt in die Geschichte geworfen. Hannes steigt unter anfeuernden Zurufen der Krokodiler auf ein altes Dach, droht abzustürzen und wird nicht von seinen neuen Bandenmitgliedern, sondern von der Feuerwehr gerettet. Daheim verdonnert ihn sein Vater zu Hausarrest. Eine glückliche Bestrafung, wie sich noch herausstellen soll, sonst hätte Hannes Kurt nicht kennengelernt. Kurt, der im Rollstuhl sitzt, erweckt Hannes' Interesse, als er ihn auf der Straße sieht – der Beginn einer Freundschaft. Hannes stellt Kurt den Krokodilern vor, die sich aber zunächst gegen eine Aufnahme Kurts sträuben. Der Rollstuhl dient hier als Hauptargument, nur Maria, das einzige weibliche Mitglied und Schwester des Anführers Olaf, zeigt sich etwas offener. Sie enthält sich bei der Abstimmung.

Nachdem die Hütte der Krokodiler im Wald zerstört wurde, schlägt Kurt – wohl absichtlich – die alte Ziegelei als neuen Stützpunkt vor. Hannes und Maria nehmen Kurt heimlich mit und bald sind sowohl das Gebäude als auch Kurt für alle Krokodiler sehr interessant, finden sie doch ein Warenlager, das offensichtlich das Diebesgut zahlreicher Einbrüche, die in der letzten Zeit in der Wohngegend (Dortmund/Ruhrgebiet) der Kinder geschehen sind, versteckt.

Auf einmal ist Kurt sehr wichtig, hat er doch ein Fernglas, Zeit, Geduld und die Kombinationsgabe, um den Dieben auf die Spur zu kommen. Doch dabei stoßen sie auf einen schweren Verdacht. Egon, der Bruder des Bandenmitgliedes Frank, scheint einer der Diebe zu sein.

Im Finale, bei dem die Krokodiler die Diebe stellen, bestätigt sich dieser Verdacht. Kurt wird sogar zunächst von einem der Diebe und ein paar Tage später von Egon verletzt. Alle sind fassungslos und wütend. Daraufhin melden die Krokodiler ihre Ermittlungsergebnisse der Polizei. Die dafür erhaltene Belohnung investieren die Freunde, v.a. auf Anregung von Frank und seinem Vater, in ein Spezialfahrrad für Kurt – alle Krokodiler haben nämlich tolle Räder.

Kritik

Die Vorstadtkrokodile ist ein weiteres Beispiel für Medienverbünde in der Kinder- und Jugendliteratur. Nach dem 1976 erschienenen Kinderroman folgt bereits 1978 eine erfolgreiche Verfilmung fürs Fernsehen, im Jahre 2000 erscheint eine vereinfachte Form des Textes in der Reihe Einfach lesen! Leseförderung: Für Lesefortgeschrittene im Cornelsen Verlag, zusätzlich finden sich auch diverse Materialsammlungen für den Unterricht. 2009 folgt eine wiederum erfolgreiche Neuverfilmung mit zwei Fortsetzungen und seit 2006 gibt es das Hörbuch – gelesen von Richy Müller, dem erwachsenen Hörpublikum bekannt aus dem Tatort. Richy Müller führt gekonnt und unaufgeregt, mit einer eher sonoren Stimme, durch die Handlung des Textes, der sich durch eine direkte Sprache mit umgangssprachlichen Ausdrücken und einem überregional verständlichen Jugendjargon auszeichnet. Bei den zahlreichen wörtlichen Reden variiert Müller zwar Stimme und Lautstärke, unterstreicht, aber überzeichnet die Charaktere nicht: schön – in unserer von Effekten überladenen Zeit. Für bild- und musikaffine jugendliche Zuhörerinnen und Zuhörer dürfte das aber manchmal bei einer 190-minütigen Lesezeit eine Herausforderung darstellen.

Das Thema Behinderung spielt neben anderen eine wichtige, aber nicht die herausragende Rolle, was begrüßenswert ist. Kurt besucht eine Spezialschule, weshalb die Skepsis der Krokodiler zunächst verständlich ist. Doch in kurzer Zeit wird der Umgang mit Kurt zur Selbstverständlichkeit. "Jetzt hatte er keine Angst mehr, etwas zu essen oder zu trinken, denn die Krokodiler hatten schon Übung darin, ihm zu helfen, wenn er mal musste. Alles war im Laufe der Wochen selbstverständlicher geworden" (3/II/02:53). In einer Schlüsselszene, in der der Besitzer eines Minigolfplatzes Kurt vom Gelände verweist, da die Reifen angeblich seinen Rasen zerstören, nehmen die Krokodiler gemeinsam Rache. Zusammenhalt wird in der Gruppe groß geschrieben, nicht nur, wenn es um Kurt geht.

Doch nicht nur Kurt wird als Charakter ausführlich beschrieben, sondern auch Maria. Die Krokodiler weisen zwar zu Beginn darauf hin, dass sie nur dabei sein dürfe, weil sie Olafs Schwester ist, Maria wird aber sonst als starker Charakter gezeichnet: Empathiefähigkeit, ein kritisches und schnelles Denkvermögen und Mut zeichnen sie aus. Im Gegensatz dazu befördern die Mütter ein recht traditionelles Rollenbild, was einen deutlichen Kontrast zur jungen, weiblichen Generation, deren Repräsentantin Maria ist, darstellt.

Fremdenfeindlichkeit, im Ruhrgebiet damals ausgelöst durch die Migration aus Italien, wird auch immer wieder thematisiert. Es wird gut aufgezeigt, wie Vorurteile innerhalb mancher Familien weitergegeben werden, es aber einigen Jugendlichen bereits gelingt, diese kritisch zu hinterfragen. "Als Olaf einmal beim Abendessen sagte, dass es auch Deutsche sein könnten, bekam er von seinem Vater eine Ohrfeige und wurde angeschrien: 'Wenn ich sage, dass es Ausländer sind, dann sind es Ausländer. Basta.' 'Und wenn draußen die Sonne scheint und du sagst, dass es regnet, dann regnet es noch lange nicht', erwiderte Maria und lief sofort aus dem Zimmer" (1/IV/05:56).

Arbeitslosigkeit bzw. die Angst der Väter davor kommt immer wieder zur Sprache. Max von der Grün (1926-2005) arbeitete selbst als Bergmann und Lokführer im Ruhrgebiet, bevor er sich dem Schreiben widmete und damit große Erfolge erzielen konnte. Auch das Wort 'Bier' kommt häufig vor, was als Andeutung auf eine weit verbreitete Alkoholproblematik verstanden werden könnte. Die Themen Behinderung, Fremdenfeindlichkeit und Emanzipation scheinen heute aktueller denn je. Die Motive Freundschaft und Zusammenhalt spielen in der Kinder- und Jugendliteratur ja durchgehend eine tragende Rolle und sind zeitlos.

Fazit

Der literarische Stoff scheint ungebrochen beliebt bei jugendlichen Leserinnen und Lesern zu sein. Die Vorstadtkrokodile eigenen sich hervorragend als Klassenlektüre, v.a. da das Thema Schule eigentlich ausgespart bleibt und Differenzierungen durch die Medienverbünde gut möglich sind. Literarische Gespräche lassen sich sehr gut initiieren, da verschiede Interessensgebiete weitläufig abgedeckt werden.

Der Verlag spricht eine Altersempfehlung ab 9 Jahren aus. Aus eigener Erfahrung begeistert das Hörbuch aber bereits jüngere Kinder, die vor allem von der Mutprobe und den detektivischen Ermittlungsabenteuern angesprochen werden. Literaturaffine Kinder können – mit Unterbrechungen – bereits in der 1. Klasse der Handlung – geführt von Richy Müller – durchaus folgen.

 

Titel: Die Vorstadtkrokodile. Eine Geschichte vom Aufpassen (Hörbuch)
Autor: Max von der Grün
Sprecher: Richy Müller
Dauer: 190 Minuten
Altersempfehlung: Ab 9 Jahren
Produktionsjahr: 2006
Produktion: Cbj audio

 

Erstveröffentlichung: 10.02.2019


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